Die Zuckersteuer wirkt vor allem dort, wo es am wichtigsten ist
Deutschland diskutiert dieser Tage wieder einmal die Einführung einer Zuckersteuer, wie es sie in mehreren Ländern bereits gibt. Anlass sind unter anderem ein parteiintern abgelehnter Vorschlag des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) und eine jüngst veröffentlichte Literaturstudie des Verbands der privaten Krankenversicherungen (WIP).
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine solche Steuer in Höhe von 20 Prozent auf zuckerhaltige Getränke weltweit, denn der Zuckerkonsum ist fast überall zu hoch. Den WHO-Höchstwert von 50 Gramm freiem Zucker pro Tag überschreiten sowohl die Frauen (61 Gramm) wie auch die Männer (78 Gramm) in Deutschland, die WHO-Empfehlung von 25 Gramm (etwa 6 Teelöffel) erst recht.
Als Grund sieht die WIP-Studie vor allem stark gesüsste Getränke an. Die deutsche «Tageschau» und der «Bayerische Rundfunk» haben den aktuellen Stand der Wissenschaft zusammengetragen. Wirksam ist eine Zuckersteuer demnach dort, wo es sich am meisten lohnt: bei Kindern, Jugendlichen und weniger Wohlhabenden. Dafür sei es aber wichtig, wie sie ausgestaltet werde.
Zucker, das unwiderstehliche Gift
Grundsätzlich: Unsere Beziehung zu Zucker ist eine zweischneidige. Zu viel Zucker ist gesundheitsschädlich, das ist unbestritten. Der in allen westlichen Ländern zu hohe Zuckerkonsum muss sinken, das könnte viel Leid und hohe Kosten verhindern. Andererseits behandelt der Körper Zucker wie eine Droge. Ob man danach süchtig sein kann, darüber ist sich die Wissenschaft nicht einig. Unsere Reaktion darauf kommt dem aber sehr nahe.
Konzentrierter Zucker kommt in der Natur kaum vor. Lebensmittel, die viel davon enthalten, sind sehr selten. Andererseits enthält er sehr viel schnell verfügbare Energie. In einer von Knappheit geprägten Welt, für die unser biologisches System programmiert ist, ist das ein Überlebensvorteil.
Der Stoffwechsel quittiert Zuckergenuss daher mit dem Belohnungshormon Dopamin. Und zwar schon in Erwartung eines süssen Lebensmittels. Dagegen willentlich anzugehen ist schwer. Beim Kampf Kopf gegen Bauch gewinnt häufig der Bauch. Essen ist dazu oft ein impulsiver Vorgang. Die Lebensmittelindustrie nutzt das aus und setzt sehr vielen Lebensmitteln Zucker zu. Auch solchen, bei denen man es zunächst nicht erwartet.
Wissen allein ist kein wirksames Gegengift
Aber ist eine Zucker- oder Soft-Drink-Steuer das richtige Mittel dagegen? Sie hätte mindestens gute Chancen. Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt: Aufklärung sei wichtig, Wissen allein reiche jedoch nicht aus, um Verhalten zu verändern, sagt die Versorgungsforscherin Monique Bialojan von der Hochschule Anhalt gegenüber dem «Bayerischen Rundfunk». Das sei aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig.
In Ländern, in denen es eine Zuckersteuer gibt, bezieht sie sich hauptsächlich auf Zucker in Süssgetränken. Deren Konsum sei tatsächlich zurückgegangen, sagt Frank Wild, Studienleiter der WIP-Studie. Die Hersteller hätten ihre Rezepturen geändert und an die Steuer angepasst.
Zwischen Theorie und Praxis klaffe aber eine deutliche Lücke: Simulationsstudien gäben regelmässig gute Erfolge einer Steuer aus, Beobachtungsstudien allerdings zeigten kaum gesundheitliche Effekte. Der Zuckerkonsum bleibe hoch, weil der fehlende Zucker mit anderen Lebensmitteln kompensiert werde.
Zuckersteuer wirkt auf die am meisten Gefährdeten
Mit einigen wichtigen Ausnahmen: Positive Effekte zeigt die Zuckersteuer bei Kindern, Jugendlichen und sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Letztere reagierten auf die gestiegenen Preise. Gleichzeitig sind sozial Benachteiligte die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Krankheitslast.
Weniger Zucker zu konsumieren, ist für sie also besonders lohnend. Das führt eine Studie der Universität Bremen als starken Grund für eine Zuckersteuer an. In Mexiko habe die Steuer dazu geführt, das sozial benachteiligte Haushalte weniger Süssgetränke konsumierten. Allerdings müsse eine Steuer so angelegt werden, dass sie soziale Ungleichheiten nicht verschärfe, warnen die Forschenden.
In Grossbritannien ging nach Einführung der «Soft Drinks Levy» die Fettleibigkeit bei Mädchen um acht Prozent zurück, vor allem in den sozial benachteiligten Quartieren. Bei Knaben zeigten sich keine grossen Unterschiede. Die Zahngesundheit von Kindern verbesserte sich. («Infosperber» berichtete darüber). Laut der WIP-Studie ist auch die Anzahl der Spitalaufnahmen von Kindern wegen Asthma zurückgegangen.
Womöglich prägt die britische Zuckersteuer damit kommende Generationen. Es spricht vieles dafür, dass eine Vorliebe für Süsses sich im Kindesalter ausprägt und damit weitreichende Folgen hat. Das legen Studien über den Zweiten Weltkrieg nahe, während dem es in Grossbritannien kaum Zucker gab («Infosperber» berichtete). Kinder, die in dieser Zeit aufwuchsen, sind bis heute gesünder.
«Konkrete Ausgestaltung spielt grosse Rolle»
Die Wirksamkeit einer Zuckersteuer hänge aber sehr von der konkreten Ausgestaltung ab, resümiert das Wissenschaftliche Institut der privaten Krankenversicherungen. Für am wirksamsten hält Wild eine gestaffelte Steuer nach britischem Vorbild. Diese steigt mit dem Zuckergehalt von Getränken und könne so die Hersteller animieren, den Zuckergehalt zu senken.
Bialojan spricht sich gegen eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie aus: «Gesetzliche Regelungen sind deutlich wirksamer. Sie schaffen gleiche Bedingungen für alle Marktteilnehmer und führen schneller zu messbaren Veränderungen auf Bevölkerungsebene.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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