Covid-19 Impfung Spritze aufziehen

Die materiellen Interessen der Pharmafirmen seien unverändert, sagt der Pharmakologe und Pharmakritiker Peter Schönhöfer. © Tim Reckmann / pixelio.de

«Meine Enkelin hat bereits ihre erste Covid-Impfung erhalten»

Martina Frei /  Der bekannte Pharmakritiker Peter Schönhöfer hält die dritte Impfung für Erwachsene und das Impfen von Jugendlichen für sinnvoll.

Herr Professor Schönhöfer, Sie sind Co-Autor eines kritischen Artikels, der sich mit den «Nachbetrachtungen zur Schweinegrippe-Pandemie» befasst hat und gestern auf Infosperber erschienen ist. Wie beurteilen Sie die jetzige Situation?

Im Gegensatz zur Schweinegrippe damals ist Covid-19 jetzt unzweifelhaft eine pandemische und zugleich lebensbedrohliche Erkrankung, insbesondere für alte Menschen. Das Virus ist mutiert zu hochansteckenden Varianten und verbreitet sich zunehmend. Es gefährdet vor allem die über 70-jährigen Senioren existenziell. 

Das war damals bei der Schweinegrippe anders, denn diese hatte eine geringe Sterblichkeit. Die Pharmaindustrie betrieb damals Angstmache, auf englisch «fear mongering» genannt, um die Vermarktung von Gegenmitteln mit umstrittener Wirksamkeit zu fördern, zum Beispiel für Neuraminidasehemmer wie Oseltamivir (Tamiflu). Die staatlichen Gesundheitsbehörden sollten durch öffentlichen Druck gezwungen werden, grosse Mengen des Produkts zu kaufen und einzulagern. So wurden in der Tat Steuergelder in Millionenhöhe für Produkte mit umstrittenem Nutzen verbrannt. Bei Covid-19 ist das anders, es gibt wirksame Vektor- und mRNA-Impfstoffe.     

Haben die Verantwortlichen Ihrer Ansicht nach aus den früheren Fehlern gelernt?

Ich meine schon. Die Schweinegrippe-Pandemie war eine Kette von Fehlentscheidungen. Damals waren pharmahörige Bürokraten bei der WHO und in den Behörden am Werk, die oft nicht wussten, was sie taten. Das ist jetzt nicht mehr ganz so. Virologen und Epidemiologen haben die Behörden nun oft richtig beraten, aber sich dabei auch geltungsbedürftig kleinkarierte Streitereien geleistet, die zu unerträglichem und oft verwirrendem Geschwätz führten. 

In Israel und andernorts nehmen die Infektionen trotz vollständiger Impfung zu. Macht Sie das misstrauisch den Impfstoffherstellern gegenüber?

Die materiellen Interessen der Pharmafirmen sind unverändert. Trotzdem hege ich keinen Zweifel, dass eine dritte Impfdosis richtig ist. Die Antikörper gegen das Virus, die der Körper nach der Impfung produziert, sind nach rund sechs Wochen zur Hälfte abgebaut. Das bedeutet, dass die Infektion nach 18 bis 24 Wochen wieder «angehen» kann. Aber der Krankheitsverlauf wird nicht so schwer werden wie ohne Impfung. Sars-CoV-2 wird mit der Impfung nicht auszurotten sein, aber die Impfung hilft, dass wir Senioren nicht daran sterben werden. Wir müssen umfangreich impfen, denn das verleiht den Schutz vor schwerwiegenden Verläufen, nicht aber vollständig vor Reinfektionen. Das ist übrigens nichts Neues. Ich habe das anfangs der 1960er-Jahre als junger Arzt in der Kinderklinik während der letzten Kinderlähmungsepidemie erlebt. Wir waren gerade geimpft, wurden aber von den infizierten Kindern reinfiziert. Wir erkrankten an einer grippeähnlichen Atemwegserkrankung, aber nicht mehr an Lähmungen.

Zur Person

Peter Schönhöfer (85) ist Arzt und emeritierter Professor für Pharmakologie. Er hat 25 Jahre lang für das unabhängige «arznei-telegramm» geschrieben und war bis Herbst 2010 Mitherausgeber dieser Fachzeitschrift. Seit 2001 ist Schönhöfer Mitglied bei «Transparency International». Er war u.a. Leiter der Abteilung Arzneimittelverkehr (heute Pharmakovigilanz) im deutschen Bundesgesundheitsministerium und Senatsdirektor beim Senator für Gesundheit des Landes Bremen. 

Würden Sie jetzt auch Ihre Enkelkinder gegen Covid-19 impfen lassen?

Das Risiko von Nebenwirkungen halte ich auch bei ihnen für kleiner und erträglicher als das einer schweren Covid-Erkrankung. Meine über 12-jährige Enkelin hat bereits ihre erste Covid-Impfung erhalten. Bei den jüngeren Enkelkindern werde ich das auch empfehlen, wenn eine amtliche Zulassung für die Impfstoffe erteilt ist. Eine Off-Label-Anwendung (also ohne dass der Impfstoff für diese Personengruppe zugelassen ist – Anm. d. Red.) halte ich nicht für notwendig, da bei Kindern unter 12 Jahren schwere Verläufe extrem selten sind. 

In verschiedenen Ländern wird das Impfen von Kindern unterschiedlich gehandhabt. Die deutsche Impfkommission STIKO beispielsweise hat die Covid-Impfung bis vor Kurzem nicht allen Teenagern und Jugendlichen empfohlen**. 

Bei Schutzimpfungen gibt es zwei Schutzkategorien, einmal den Schutz für das Individuum, zum anderen den Schutz der Gemeinschaft. Die Aufgabe der STIKO ist es, den individuellen Nutzen zu beurteilen. Deshalb war sie vorsichtig und hat gesagt: «Wir haben noch nicht genug Daten.» Sie hat da sehr genau unterschieden zwischen der Entscheidung für das Individuum und derjenigen für die gesamte Gesellschaft. Wenn das Ziel die Gewährleistung der Sicherheit der sozialen Gemeinschaft ist, also eine staatlich/politische Handlung, dann ist der individuelle Nutzen nicht prioritär, sondern eine Frage der ethischen Gewichtung.

In Ihren «Nachbetrachtungen zur Schweinegrippe-Pandemie«, erwähnen Sie das «fear mongering», also die Angstmache. Spielt sie nun auch eine Rolle, zum Beispiel bei der Diskussion um Long Covid?

Dass Angstgefühle beim Menschen auch in körperliche Symptome umgesetzt werden können, ist eine allgemeine Erfahrung. Verbreitete gemeinschaftliche Unsicherheiten und Ängste können so einen modisch neuen körperlichen Symptomkomplex, also eine neue modische Erkrankung auslösen. Als junger Arzt diagnostizierte ich so die damals verbreitete «vegetative Dystonie», die inzwischen kaum noch beobachtet wird. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Long-Covid-Symptome in diese Kategorie gehören. 

Aber es gibt auch ernsthafte Long-Covid Erkrankungen als Folge der viralen Schädigungen an Zellen und Organen oder der autoimmunen Abwehr. Auch das kann man bei Patienten beobachten, die in den 1950er-Jahren an der Kinderlähmung erkrankt waren und selten auch Jahrzehnte später am Post-Polio-Syndrom erkranken, also am erneuten Untergang von Nervenzellen mit Lähmungen. Der Verursachungsmechanismus ist noch weitgehend unklar, auch eine autoimmune Schädigung ehemals befallener Nervenzellen erscheint als Ursache möglich. Insgesamt ist dieses Post-Polio-Syndrom aber sehr selten. Solche Phänomene könnten auch bei Long Covid eine Rolle spielen, wie zum Beispiel eine autoimmune fortschreitende Schädigung der Lungen. Aber zur korrekten Einschätzung dieser Phänomene fehlen derzeit noch belastbare Daten.

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** In einer früheren Version stand, die STIKO habe bis vor Kurzem noch davon abgeraten, Teenager gegen Covid-19 zu impfenDas stimmt nicht. Die Autorin bedauert diesen Fehler. Die STIKO hatte die Impfung zunächst nicht allgemein für Kinder ab 12 Jahren empfohlen, sondern nur für Kinder ab 12 Jahren mit gewissen Vorerkrankungen. Der Vorsitzende der STIKO, Thomas Mertens, erklärte damals in einer TV-Sendung: «Nein, gesunde Kinder würde ich jetzt im Augenblick nicht impfen lassen.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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11 Meinungen

  • am 1.09.2021 um 10:59 Uhr
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    Ich werde aus den Schlussfolgerungen, die Herr Schönhöfer aus seinen Überlegungen zieht, nicht ganz schlau. Er anerkennt ja, dass Corona für Junge nicht gefährlich ist. Er anerkennt auch, dass Impfen das Virus nicht ausrotten wird. Warum denn trotzdem alles durchimpfen, was sich bewegt?

    Für die Angehörigen einer Risikogruppe ist die Impfung zweifellos ein Segen. Aber es kann nach wie vor niemand plausibel erklären, was denn mit einer Impfung der Kinder erreicht werden soll. Der Hinweis auf Kinderlähmung ist eine reine Nebelpetarde. Kinderlähmung ist unbestritten extrem gefährlich. Corona ist für Kinder unbestritten harmlos.

    Auch kann niemand plausibel erklären, welche Gründe es geben könnte, Leute gegen ihren Willen zum Impfen zu zwingen. Die Anzeichen mehren sich, dass natürlich immunisierte Menschen eine stärkere Immunität aufweisen als geimpfte. Stattdessen behaupten Befürworter des Coronazertifikates lieber mit einer schwer zu überbietender Wurstigkeit, es gehe ja nur um einen «Pieks».

    5
  • am 1.09.2021 um 11:19 Uhr
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    Wer’s noch etwas kritischer wissen will, dem empfehle ich dringend die Lektüre des Buches von Reiss-Bhakdi («Corona unmasked»)

    5
  • am 1.09.2021 um 12:10 Uhr
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    Wieder mal ein Interview, das informiert auf Grund der Wissenschaftlichkeit. Und nicht Invermectin zum Frühstück empfiehlt oder Ähnliches. Dachte schon fast Infosperber wird zum Schrägdenker.

    14
    • am 1.09.2021 um 14:55 Uhr
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      Interessantes Interview – ob seine Aussagen alle wirklich wissenschaftlich belegt werden können, ist eine andere Frage und ich bezweifle es. Auch er setzt Meinungen in den Raum. Das schätze ich an IP, dass verschiedene Meinungen Platz haben.

      1
  • am 1.09.2021 um 15:29 Uhr
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    Der Entscheid der Ständigen Impfkommission, die Impfung nun auch für Kinder ab zwölf Jahren zuzulassen, ist politisch motiviert (in Deutschland ist Wahljahr!). Die wissenschaftliche Studie, auf die sich die STIKO unter anderem beruft, ist qualitativ ein Rohrkrepierer (höre dazu auch das Interview auf MDR.DE mit Kekulés vom 24. August und frühere, auch die dritte Dosis sieht Kekulés sehr kritisch). Bald wird ein neuer Impfstoff auf den Markt kommen, wobei es sich nicht um einen mRNA-Versuch handeln wird – von Novavax (evtl. auch von Stöcker).

    1
  • am 1.09.2021 um 16:31 Uhr
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    Hat Herr Schönhöfer sich die Begründung für die Zulassung der Kinderimpfung durch gelesen?

    Die Stiko hat die Impfung jetzt empfohlen, nicht um die Kinder vor den Folgen einer Infektion zu schützen, sondern vor Mobbing und sozialen Folgen. Außerdem wurde eine windige Modellrechnung herangezogen, die einen eventuell schlimmeren Verlauf auch für Kinder ergeben hat.

    Ich schlage der Stiko vor anstelle solcher recht aufwendigen und teuren Modelle, doch lieber gleich ein paar Würfel zu nehmen. Die sind ähnlich genau in ihren Vorhersagen, kosten aber deutlich weniger und sind viel schneller.

    Und wieso sollen sich Kinder impfen um andere zu schützen, wenn diese nach kurzer Zeit wieder ansteckend sind? Sollen jetzt Kinder allen ernstes, vom 12ten bis zum 18ten Lebensjahr, zweimal pro Jahr geimpft werden, ohne eigenen Nutzen aber 14 mal mit dem Risiko von Nebenwirkungen? Bei einem experimentellen Impfstoff, mit ca. 12.000 Toten im VAERSytem und einer bisher noch nie da gewesenen Fülle an Nebenwirkungen, Thrombosen, Embolien, Tinitus, Herzinfarkt, Myocarditis gerade auch bei jungen Menschen?

    Die Welt ist verrückt geworden. Um die über 70 Jährigen zu schützen werfen wir die Kinder unter den Bus!

    Dabei sinkt auch bei den Älteren der IFR immer weiter.
    https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.07.08.21260210v1

    3
  • am 1.09.2021 um 19:01 Uhr
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    Im Spektrum von vielen möglichen Meinungen finde ich dies ein durchaus interessantes Interview: mehr nicht. Gestolpert bin ich über den Satz «Das ist jetzt nicht mehr ganz so.» auf die Frage, wie es heute im Vergleich zu früher ist, wo «pharmahörige Bürokraten bei der WHO und in den Behörden am Werk» waren.

    0
  • am 1.09.2021 um 20:54 Uhr
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    «Es gefährdet vor allem die über 70-jährigen Senioren existenziell.» Je näher wir der durchschnittlichen Lebenserwartung kommen, desto höher das «existentielle Risiko», das war schon vor Corona so. –
    Die verschiedenen Meinungen und Ansichten über den medizinischen Nutzen dieser Impfung wird um so nebensächlicher als die allgemeine 1G Regel zur Bedingung für die Teilnahme am öffentlichen Leben erhoben wird. – Wenn die Schweiz mit Deutschland und Österreich nachzieht, muss die Diskussion auf der politischen Ebene weitergeführt werden. Wenn wir ein politisch unabhängiges Militär hätten, stünde noch eine letzte Option zur Verfügung um die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen.

    2
  • am 1.09.2021 um 22:38 Uhr
    Permalink

    Damit auch nur ja kein Kind «entwischt», wird man immer erfinderischer, Eltern gegeneinander auszutricksen. Die Risse, die durch Familien gehen werden, sind jetzt schon abzusehen.
    24.08.2021
    «OLG: Wer entscheidet über Covid-Impfung des Kindes? (lto.de)
    Die Entscheidung über die Durchführung einer Covid19-Impfung bei einem Kind liegt bei dem Elternteil, der sich an den aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) orientiert. Das hat das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Main im Fall eines 16-Jährigen entschieden und klargestellt, dass auch ein Kind in diesem Alter noch auf die Einwilligung der Eltern angewiesen ist (Beschl. v. 17.08.2021, Az. 6 UF 120/21)»
    Eine weitere Anordnung, die bestens geeignet ist, Konflikte in Familien zu tragen. So ist es möglich, dass einem Elternteil vollständig verborgen bleibt, dass ihr/sein Kind ge»impft» ist.
    30.08.2021
    „Bei 12 bis 15-Jährigen muss nur noch ein Elternteil eine Einverständniserklärung unterschreiben. Diese gibt es zum Download auf der Seite des Kreises. Zur Impfung selbst müssen die Mädchen und Jungen von einem Elternteil begleitet werden. Neben dem Impfpass benötigen alle Impflinge auch ein Ausweisdokument.“
    gelesen in: Corona im Rhein-Sieg-Kreis und Bonn: Inzidenz im Kreis weiter über Hundert | Kölnische Rundschau (rundschau-online.de)

    0
  • am 2.09.2021 um 09:36 Uhr
    Permalink

    Zitat aus dem Interview:
    «Bei den jüngeren Enkelkindern werde ich das auch empfehlen (gemeint ist die C-Impfung), wenn eine amtliche Zulassung für die Impfstoffe erteilt ist. Eine Off-Label-Anwendung halte ich nicht für notwendig, da bei Kindern unter 12 Jahren schwere Verläufe extrem selten sind.»

    Inwieweit verändert sich bei einer Zulassung das Risikoprofil von Corona für jüngere Menschen? Wieso wird aus einer Impfung ohne Nutzen, für junge Menschen, bei einer offiziellen Zulassung eine Impfung mit Nutzen?

    Beim Lesen von diesem Interview hatte ich den Eindruck, dass die eigene Angst vor einem möglichen, schweren Verlauf oder Tod durch Corona, die Sichtweise stark beeinflusste und weniger die Wissenschaftlichkeit.

    1
  • am 2.09.2021 um 20:11 Uhr
    Permalink

    Spannendes Interview, aber meine Vorredner haben es schon ausgeführt: Der Professor verstrickt sich in diverse Widersprüche (zB zu den Kindern). Natürlich stimmt es, dass Covid viel gefährlich ist als damals die Schweinegrippe. Aber die Panikmaschine läuft trotzdem seit 1 1/2 Jahre heiss. Und die zum Teil schlimmen Nebenwirkungen der Impfstoffe scheint der Professor etwas zu unterschätzen. Wenn seine Nichte nach der zweiten Impfung eine Hirnblutung einfährt, sieht er das vielleicht anders.

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