Arzt Check

Die Patienten wissen nicht, welche Firmen im Hintergrund Einblick in ihre Daten erhalten. © aoo8449 / Depositphotos

Grosse Techfirmen wollen unsere Gesundheitsdaten

Martina Frei /  Bigtech erhält «privilegierten Zugriff» auf sensible Daten. Patienten wissen nicht, wer mitliest, mithört und was daraus wird.

Die Weihnachtsausgabe des «British Medical Journal» ist normalerweise eine Nummer zum Lachen mit kuriosen Studien. Die letzte Ausgabe jedoch war ernster als gewohnt. Dazu trug auch ein Artikel bei, der in den Medien bisher nicht aufgegriffen wurde. Die Autoren beklagen dort die Industrialisierung der Medizin. Ärzte würden inzwischen eher für ihre Schnelligkeit, fürs Datensammeln und fürs Dokumentieren belohnt, als dafür, dass sie sich der Kranken annehmen.

Das Gesundheitswesen werde entmenschlicht, so der Vorwurf. Dazu trage Bigtech bei. Das Geschäftsmodell der Firmen erfordere es, möglichst alle Daten von Menschen zu erfassen: solche aus Online-Interaktionen aller Nutzer, aus deren Alltag, von Mobiltelefonen, ‹intelligenten› Haushaltsgeräten, Gesichtserkennungskameras, Sensoren und weiteren Gadgets. «Überwachungskapitalismus», nennen es die drei Autoren im «British Medical Journal» (BMJ).

Vertrauen ins Gesundheitswesen wird erschüttert

Neben Cloud-Hosting, Cybersicherheit und Suchfunktionen hätten grosse Technologiekonzerne auch Tools entwickelt, um den Verwaltungsaufwand in der Patientenversorgung zu reduzieren und Muster in vorhandenen Daten aufzudecken. Sie würden zudem automatisierte Dokumentation anbieten, Transkriptionen, prädiktive Analysen und klinische Bots. So «haben sie privilegierten Zugriff auf sensible Gesundheitsdaten und Patientengespräche erhalten». Für die Patienten sei es unmöglich zu wissen, wer bei ihren ärztlichen Konsultationen «mithört» und «mitliest» und wer ihre Daten benützt. Das untergrabe das Vertrauen ins Gesundheitssystem.

Dasselbe befürchten Ärzteverbände in den USA und Grossbritannien. In den USA hilft eine von der Firma Palantir entwickelte App den Beamten der Einwanderungsbehörde ICE, Personen festzunehmen. Die App greift auf Gesundheitsdaten von 79 Millionen Medicaid-Versicherten zu. In Grossbritannien soll Palantir künftig im staatlichen Gesundheitssystem NHS den Datenaustausch von Patientendaten ermöglichen (Infosperber berichtete).

Palantir ist allerdings nicht die einzige Firma, die Gesundheitsdaten bekommt. Auch die grossen Techgiganten Google (Alphabet), Amazon, Facebook (Meta), Apple und Microsoft schielen auf solche sensiblen Informationen. 

Erst Dienste anbieten, dann die Kontakte nützen

Ein Artikel in «California Management Review» zeichnete 2022 die Entwicklung nach. Im Gesundheitsbereich würden diese Firmen typischerweise so beginnen, dass sie Spitälern und medizinischen Zentren (sowie auch Schulen) Dienste anbieten, um diesen bei der Datenverwaltung zu helfen. «In der zweiten Phase nutzen die grossen Technologiekonzerne dann ihre bestehenden Beziehungen sowie ihre Datenanalysefähigkeiten, um Zugang zu den Daten zu erhalten.» 

Diese Daten würden die Firmen schliesslich kombinieren mit den von ihnen selbst erhobenen Daten, beispielsweise via Applewatch oder Google Tablet. Am Ende könne es darauf hinauslaufen, dass die Techkonzerne ihre früheren Kunden konkurrieren würden. Die Autoren des Artikels sprechen von «digitaler Kolonisierung». Am weitesten vorangeschritten sei diese Entwicklung in den USA und Grossbritannien.

Google als «zentraler Akteur»

Google habe etwa Spitälern und Apotheken zunächst angeboten, Gesundheitsdaten zu sammeln, zu standardisieren und zu analysieren. Ab 2013 habe die Firma eine Reihe von Übernahmen in diesem Sektor getätigt. Die Tochtergesellschaften hätten in medizinischen Bereichen wie Diabetes, Herzkrankheiten oder Krebs Produkte entwickelt sowie Dienstleistungen erbracht. 

2015 habe Google begonnen, Medizinprodukte zu entwickeln, unter anderem Blutzuckersensoren, die mit der Cloud verbunden sind, sowie Operationsroboter. Ab 2016 sei der Tech-Gigant mit grossen Pharmafirmen Partnerschaften bei der Forschung eingegangen. 2019 habe Google diverse Partnerschaften, zum Beispiel mit der Mayo Clinic, angekündigt. Dabei würden Patientendaten in der Google-Cloud gespeichert. 

Dazu kamen KI-unterstützte Projekte wie das «Google Health Care Studio, das zum Ziel hatte, komplexe Gesundheitsinformationen so zu organisieren, dass Ärzte Patientendaten einfacher und effizienter suchen, ordnen und navigieren konnten».

«Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Googles Rolle von 2008 bis 2020 von einem peripheren IT-Dienstleister für etablierte Unternehmen im Gesundheitswesen zu einem zunehmend präsenten und zentralen Akteur der Branche entwickelt hat. Dieser Einstieg ermöglichte es Google […], zu einem unverzichtbaren Partner für Infrastrukturprojekte von Regierungsbehörden und staatlichen Institutionen zu werden und die Branche in den Bereichen Diagnostik, elektronische Patientenakten, Verbesserung bestehender Geräte und Behandlungen sowie Entwicklung neuer Geräte und Behandlungen im Gesundheitswesen zu dominieren.»

Amazon verkauft auch rezeptpflichtige Medikamente

Microsoft, Apple, Amazon und Facebook dringen ebenfalls in den Bereich sensibler Daten vor: 

  • Facebooks Gesundheits-Vorsorge-Programm etwa benütze Social-Media-Daten, um Nutzern Früherkennungstests oder nahe gelegene Therapeuten vorzuschlagen. Facebooks KI werte auch Hinweise aus Posts aus, um drohende Suizide zu erkennen. Dies teilweise wohl auch, um das Live-Streaming von Suiziden auf Facebook zu verhindern.
  • Amazon verkauft über seine Online-Apotheke «Pillpack» rezeptpflichtige Medikamente. 
  • Alphabet-Google hat eine Partnerschaft mit dem staatlichen britischen Gesundheitssystem NHS, um Daten auszutauschen und um KI-gestützte Dienstleistungen im Gesundheitsbereich zu entwickeln. 
  • Apple erfasst nicht nur massenweise Fitness-Daten der Nutzer, sondern lancierte beispielsweise auch «Research Kit», eine Plattform, mit deren Hilfe Wissenschaftler Studienteilnehmer rekrutieren können. 

Corona-Pandemie als zusätzlicher Treiber der Entwicklung

Ein «Booster zur noch detaillierteren Erfassung des individuellen Verhaltens von Individuen bzw. Gruppen und deren individuellen Gesundheitsdaten» sei die Corona-Krise gewesen, schrieb der Medizinprofessor Matthias Schrappe kürzlich im «Cicero» und wies auf die «Kapitalisierung von Informationen» hin. «Ähnlich wie die Pest der Verbreitung der ersten persönlichen Ausweispapiere diente, wurde während Corona der Versuch gestartet, über die Gesundheitsdaten zu einem Mikrotargeting der Bürger, ihres Verhaltens und des Verhaltens von Bevölkerungsgruppen zu kommen.»

Während der Corona-Pandemie hätten sich zum Beispiel Google und Apple an der Kontaktnachverfolgung beteiligt, Amazon offerierte Spitälern und Forschungsinstituten die «Amazon Web Services» und Google Education expandierte in den Fernunterricht übers Internet. Das sind nur einige Beispiele, welche die Autoren des Artikels in «California Management Review» nennen.

«Das Zeitfenster zum Handeln schliesst sich rasch»

Die drei Wissenschaftler warnen im «BMJ»: «Allwissenheit und Macht der grossen Technologiekonzerne könnten zu gross sein, um sie zu regulieren, insbesondere da diese Konzerne mit politischen Systemen verschmelzen, die immer weniger auf die Bedürfnisse der Öffentlichkeit eingehen.» Sie fordern: Gesundheitsdaten müssen untrennbar zur Person gehören, gesetzlich geschützt sein und dürfen weder besessen noch verkauft werden. «Das Zeitfenster zum Handeln schliesst sich rasch.»


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