«Fett-weg»-Spritzen verhelfen einer Stiftung zu geballter Macht
Neunzig Jahre lang spielte die Novo Nordisk Stiftung ausserhalb Dänemarks keine grosse Rolle. Dann kamen die Abnehmspritzen und -tabletten auf den Markt. Jetzt schwimmt die Stiftung im Geld – und steuert damit Politik und Forschung in ihrem Sinn. Innert weniger Jahre stieg die Novo Nordisk Stiftung zur weltweit drittgrössten philantropischen Forschungsförderin auf (nach der Gates Stiftung und dem Wellcome Trust). Von 2020 bis 2024 verdoppelte sie ihr Sponsoring auf 1,4 Milliarden Dollar. Eine Recherche des dänischen Wissenschaftlers Adam Moe Fejerskov vom dänischen Institut für Internationale Studien nennt es «massiven Einfluss auf die Forschungsförderung und bei der Besetzung von Stellen».
Stiftung muss im Interesse der Pharmafirma handeln
Der plötzliche Reichtum der Stiftung beruht vor allem auf den Verkäufen von Medikamenten gegen Diabetes und Übergewicht durch die Pharmafirma Novo Nordisk. Die Novo Nordisk Stiftung ist Miteigentümerin von Novo Nordisk.
Novo Nordisk machte letztes Jahr einen Umsatz von über 46 Milliarden Dollar. Der Kassenschlager Semaglutid — vielen als «Fett-weg»-Spritze geläufig – zählt in der Schweiz zu den zehn kostenintensivsten Wirkstoffen. Die Pharmafirma wurde 2023 zum wertvollsten Konzern in Europa. Ihr geschätzter Marktwert übersteigt das dänische Bruttosozialprodukt, ihre Umsatzsteigerungen in den letzten Jahren waren schwindelerregend. Fast 20 Prozent aller Firmensteuern in Dänemark stammten 2023 von Novo Nordisk.
Das Spezielle an der 1922 gegründeten Novo Nordisk Stiftung: Sie ist kommerziell. Ihr Hauptzweck ist, als «engagierte Eigentümerin» von Novo Nordisk zu agieren. Sie vertritt also die Interessen des Pharmaherstellers, an dessen Tropf sie hängt und dessen Kurs sie bestimmt, weil sie fast 80 Prozent der Aktienstimmen hält. Wo die Grenze zwischen den kommerziellen und den philantropischen Interessen der Stiftung verlaufe, sei nicht immer klar, so Fejerskov.
Soziale Anliegen stehen nicht mehr zuvorderst
Ausserdem soll die Novo Nordisk Stiftung «attraktive Renditen auf das Stiftungsvermögen erzielen» und Investitionen tätigen, die ihre Strategie unterstützen. Über ihre Tochtergesellschaft Novo Holdings hat sie in rund 150 Life-Science- und mehr als 200 andere Unternehmen investiert. Auch die mit mehreren Dutzend Millionen Dollar ausgestattete «World Diabetes Foundation» gehört zur Novo Nordisk Stiftung.
Bestand der Zweck der Stiftung 1950 noch darin, «soziale, humanitäre oder wissenschaftliche Anliegen zu unterstützen», steht inzwischen die naturwissenschaftliche Forschung an erster Stelle. Die Stiftung sei technologiegetrieben und -gläubig, so Fejerskov. In der Studie, die er für das «International Institute for Global Health» der Universität der Vereinten Nationen verfasste, sind die Förderprojekte der letzten Jahren gelistet. Zum Beispiel über 140 Millionen Dollar für Gen- und Stammzellforschung, 210 Millionen für die Entwicklung eines Quantencomputers, aber auch 28 Millionen Dollar für syrische Flüchtlinge.
Zehn Prozent der Arbeitsstellen an der Universität gesponsert
An der Universität von Kopenhagen verdankte 2023 jeder zehnte Angestellte seinen Lohn ganz oder teilweise der Novo Nordisk Stiftung. «Eine enorme Machtkonzentration in Wissenschaft und Forschung», findet Fejerskov. Allein die Medizinische Fakultät habe 2023 von der Stiftung 112 Millionen Dollar erhalten, die dort etwa 1050 Stellen finanziert. 264 Millionen seien in eine an der Universität angegliederte Initiative für Impfstoffe und Immunität geflossen. Der Rektor der Universität sah in dieser Forschungsförderung «kein Problem». Zum Vergleich: Die Fakultät für Sozialwissenschaften habe im gleichen Zeitraum nur rund 400’000 Dollar bekommen.
In Kalundborg, rund eine Stunde von Kopenhagen entfernt, baut die Firma Novo Nordisk ihre grösste Produktionsanlage. Die Stiftung ihrerseits investiere zehnstellige Millionbeträge, um Kalundborg in eine weltweit führende «Biotech-City» zu verwandeln.
Politische Einflussnahme
Ein von der Stiftung gefördertes Bildungszentrum bietet Schulen in Dänemark für die nächsten zehn Jahre kostenlos naturwissenschaftlichen Unterricht an. Fast 237 Millionen Dollar will die Stiftung dafür ausgeben – ein Klacks, verglichen mit den 1,4 Milliarden, mit der sie zehn Jahre lang ein Regierungsprojekt unterstützt.
Dieses soll die Biodiversität auf land- und forstwirtschaftlich genützten Flächen fördern. Gegenüber dem dänischen Finanzminister habe die Stiftung darauf bestanden, dass in der Vereinbarung bestimmte Formulierungen stehen, etwa der Fokus auf «moderne Landwirtschaft». Über die Empfänger des Geldes entscheide die Stiftung, so Fejerskov.
Ausbildung von Pflegefachkräften
Bis 2020 gingen 91 Prozent der Fördergelder an dänische Institutionen. Seither sinkt dieser Anteil, denn mehr und mehr wirkt die Stiftung global.
Der kommerziellen Stiftung stehen dabei mehr Türen offen als dem Unternehmen, dem sie ihren Reichtum verdankt. «Wenn ich als Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Pharmaunternehmens zum Weltwirtschaftsforum oder zu anderen Veranstaltungen ging, traf ich nur einen sehr begrenzten Kreis von Menschen», sagte der CEO der Stiftung, Mads Krogsgaard Thomsen, der früher in verschiedenen Positionen für Novo Nordisk arbeitete. Man werde als Vertreter der Industrie wahrgenommen, «als gewinnorientiertes Unternehmen, das Geld verdienen will. Wenn man aber eine grosse internationale Stiftung leitet, trifft man alle möglichen Leute – Minister nicht nur aus Dänemark, sondern auch aus anderen Ländern –, und diese sind oft in höheren Positionen, weil sie im philanthropischen Bereich tätig sein wollen.»
2023 lancierte die Novo Nordisk Stiftung zum Beispiel die 140-Millionen-Dollar-Kampagne «Partnerschaft für Ausbildung von Gesundheitsfachleuten». Zielgruppe sind Pflegefachpersonen in Indien und Ostafrika. Sie sollen mehr über Diabetes und Herzgefässkrankheiten lernen. Rund 80 Prozent der Menschen mit Diabetes leben in Ländern mit geringen oder mittleren Einkommen.
Das Treffen mit Bill Gates: Ein «Augenöffner»
Ein Treffen mit Bill Gates am WEF sei für den Stiftungs-CEO Mads Krogsgaard Thomsen ein «Augenöffner» gewesen. Dabei habe er verstanden, wie eine Stiftung arbeiten und welchen Einfluss sie haben könne. Die Novo Nordisk Stiftung bewundere die Gates Stiftung sehr, folge deren Prinzipien und setze die gleichen strategischen Schwerpunkte, so Fejerskov. Im Fokus der Novo Nordisk Stiftung steht nun menschliche und planetare Gesundheit.
2024 spannte sie mit der Gates Stiftung und dem Wellcome Trust zusammen. Alle drei gaben je 100 Millionen Dollar für Forschungsvorhaben, welche die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels, Infektionskrankheiten, Antibiotikaresistenzen oder ein besseres Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Immunität, Krankheit und Entwicklung erforschen.
Gemeinsam mit der Gates Stiftung und der vom Facebook-Mitbegründer Dustin Moskovitz ins Leben gerufenen Förderorganisation «Coefficient Giving» (früher «Open Philantropy») lancierte die Novo Nordisk Stiftung die Initiative «Pandemische Antivirale Entdeckung».
Bis 2030, so eine Schätzung, sollen weltweit 643 Millionen Menschen an Diabetes leiden und über 1,2 Milliarden übergewichtig sein. Das sind schlechte Aussichten für die Betroffenen. Aber gute für Novo Nordisk und die Stiftung.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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