Dr. Kurios: Vier kleine Wunden – und eine bleibende Behinderung
Die 35-jährige Frau hatte erst kürzlich ein Studium abgeschlossen. Sie war geistig topfit – bis sie an einem spirituellen Retreat in Kolumbien teilnahm.
Danach konnte sie ihre Gedanken nicht mehr geradlinig zu Ende führen, sondern sprang gedanklich hierhin und dorthin, blieb an gewissen Wörtern «hängen», war unaufmerksam, unkonzentriert und auch enthemmt. Zudem fielen ihre stereotypen Bewegungen auf. So rieb sie sich beispielsweise immer wieder ihre Arme oder tätschelte ihren Rücken.
Die Frau war nicht mehr in der Lage, übliche tägliche Abläufe und Aufgaben zu erledigen. Hilfesuchend hatten Verwandte sie aus Kolumbien zurückgeholt und auf eine Notfallstation in New York gebracht.
Oberhalb ihrer Knöchel hatte die 35-Jährige mehrere punktförmige, dunkel verfärbte und in einer Linie angeordnete Wunden. Dieses charakteristische Merkmal, das bei Männern typischerweise an der Brust oder an den Armen zu finden ist, kann Ärzten auf die Spur helfen – falls sie wissen, was sich dahinter verbirgt.
Es handelt sich dabei um kleine Verbrennungen, die sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer sogenannter Kambô-Rituale freiwillig zufügen und anschliessend aufkratzen liessen. Auf diese Wunden wird dann Gift des Riesenmakifroschs gestrichen.

«Abwehrkräfte stärken»
Kambô ist eine der vielen Bezeichnungen für diese Laubfroschart, die im Amazonas-Regenwald lebt. Um sich vor Fressfeinden zu schützen, produzieren die Riesenmakifrösche in ihren Hautdrüsen giftige Peptide. In eine Wunde gebracht, wirken diese Peptide typischerweise innerhalb von zehn Minuten. Im Fall der 35-Jährigen war der Effekt verheerend.
Die Schamanen der Matsés-Indianer im peruanischen und brasilianischen Amazonasgebiet benützen Kambô seit Jahrhunderten. Das Froschgift soll Jägern zu mehr Jagdglück verhelfen, Unglück abwenden oder die Abwehrkräfte stärken. In einem Artikel in «Toxicology Research and Application» wird gezeigt, wie das Sekret des Riesenmakifroschs gewonnen wird: Das arme Tier wird wie ein Leintuch an den Vorder- und Hintergliedmassen aufgespannt. Dieser Stress bewirkt, dass es reichlich Sekret produziert.

Unbewiesene Heilsversprechen
Vom Amazonas-Regenwald aus verbreitete sich die Kambô-Anwendung zuerst innerhalb Südamerikas und ab 1986 weiter in westliche Länder, hier oft in Form eines Rituals, begleitet von Musik, Gesang, Gebeten und Weihrauch. Vor wenigen Wochen warnte das «British Medical Journal» eindringlich vor Kambô-Do-it-yourself-Sets, die übers Internet verkauft werden, das Päckchen für umgerechnet rund 75 Franken. Im Mai sei ein 40-jähriger Wellness-Coach und ehemaliger Krebspatient in Grossbritannien nach einer Kambô-Zeremonie gestorben, berichtete das Journal weiter. Seine Mutter wirke nun auf ein Kambô-Verbot hin. In Australien ist dies bereits in Kraft, Chile verbietet den Import und Brasilien die kommerzielle Anwendung sowie Werbung dafür.
Beworben wird Kambô im Westen mit unbewiesenen Behauptungen: Es soll spirituell «reinigend» wirken, Schmerzen, Depressionen, Ängste, Autoimmunerkrankungen, Borreliose und anderes mehr heilen oder das Wohlbefinden fördern. Falls dieser «Lieblingstrend gestresster Grossstädter» – so nannte die «Süddeutsche Zeitung» das Ritual 2019 – jedoch schiefgeht, kann es tödlich enden. Oder mit anhaltender geistiger Behinderung wie bei der 35-jährigen Frau.
Zur Vorbereitung auf die Kambô-Zeremonie hatte sie sich eine Woche lang ausschliesslich von Wasser und Sellerie ernährt. Warum gerade Sellerie, ist schleierhaft. Ihre Erinnerung an das Kambô-Ritual in Kolumbien und was danach passierte, blieb ausgelöscht.
Zum reichlichen Trinken von Wasser hingegen raten Kambô-Coachs häufiger. Zwei bis vier Liter Wasser, vor dem Ritual getrunken, sollen angeblich die reinigende Wirkung verstärken. Ein lebensgefährlicher Rat.
Tod einer Mutter
Denn kaum auf die Hautwunde gebracht, führt das Sekret des Riesenmakifroschs zu Übelkeit, heftigem Erbrechen, Durchfall und Schwitzen. Das bringt die Konzentration an Mineralstoffen im Blut, die durch das unmässige Wassertrinken bereits gestört sein kann, weiter durcheinander. In der Folge kann es zu Muskelkrämpfen kommen. Und das ist noch vergleichsweise harmlos.
In den USA fiel die Mutter eines sechs Monate alten Babys mehrere Stunden nach einem Kambô-Ritual ins Koma und starb.
Der Grund: Sinkt der Natriumgehalt im Blut zu tief, strömt Wasser in die Körperzellen ein und sie schwellen an. Im Gehirn ist ein solches Ödem besonders riskant, weil dieses Organ im Schädelknochen eingeschlossen ist und nur nach unten Richtung Wirbelkanal ausweichen kann. Die Öffnung an der Schädelbasis ist dafür aber viel zu eng. Infolgedessen klemmt das Gehirn dort ein und wird nur noch schlecht oder schliesslich – wie bei der 35-jährigen Mutter – gar nicht mehr durchblutet. Im Fachblatt «Cureus» berichteten Ärzte von diesem tragischen Todesfall.
Kolumne «Dr. Kurios»

Choleraausbruch mitten in Paris, Explosion des Patienten bei der Darmspiegelung, Halluzinationen durch Hirsebällchen – in der Medizin passieren unglaubliche Dinge. Glücklicherweise aber nur sehr selten. Seit über 20 Jahren sammelt die Autorin – sie ist Ärztin und Journalistin – solche höchst ungewöhnlichen Krankengeschichten. Ihre Kolumnen sind bisher in zwei Büchern erschienen: «Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen» und «Der Junge, der immer in Ohnmacht fiel».
Geschwollene Lippen, Klossgefühl im Hals
Das Hautsekret des Froschs enthält über 100 verschiedene Peptide, darunter das sogenannte Sauvagin. Es sorgt dafür, dass die Nieren weniger Wasser ausscheiden. Das Sauvagin verstärkt die Wasservergiftung so noch und bringt den Mineralstoffhaushalt zusätzlich durcheinander.
Die diversen Peptide wirken unter anderem auf den Verdauungstrakt, auf das Hormonsystem, auf das Herz und auf das Gehirn: Das Phyllokinin im Sekret zum Beispiel bewirkt, dass sich die Muskeln in den Eingeweiden zusammenziehen. Deltorphin ist chemisch dem Morphin verwandt, wirkt angeblich aber etwa 30- bis 40-mal stärker. Phyllomedusin weitet die Blutgefässe, wodurch es zum Blutdruckabfall kommt, berichtete das «Canadian Journal of Emergency Medicine».
Der Artikel in «Toxicology Research and Application» beschrieb die Wirkung von Kambô so: «Plötzliche Wärmegefühle, Herzklopfen, schneller Puls, Hautrötung oder Blässe, das Gefühl eines Klosses im Hals oder Schluckbeschwerden, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, laufende Nase und Tränenfluss, geschwollene Lippen, Augenlider oder ein geschwollenes Gesicht sowie gelegentlich eine geschwollene Zunge oder Schwellungen im Rachen.»
Gerissene Speiseröhre
Normalerweise ist dieser Spuk nach etwa 30 Minuten vorüber. Manche Retreat-Teilnehmer aber haben Stunden später noch schwerste Kopfschmerzen und sind zunehmend verwirrt. Bei anderen, die Kambô versuchten, kam es zu Halluzinationen. Oder ihre Speiseröhre riss wegen des heftigen Erbrechens – eine lebensgefährliche Verletzung, die sofort behandelt werden muss.
Die 35-Jährige, die in Kolumbien an dem spirituellen Retreat teilgenommen hatte, erlitt mehrere schwere Krampfanfälle, sehr wahrscheinlich ebenfalls aufgrund des viel zu niedrigen Natriumwerts im Blut. Dieser wurde schliesslich in einem örtlichen Spital mit Infusionen normalisiert.
Im Verlauf von zwei Monaten besserte sich ihr geistiger Zustand zwar, ihr früheres hohes Niveau erreichte die Frau jedoch nicht mehr, berichteten ihre Ärzte in «Jama». Auch ein Jahr später hatte sie noch Probleme mit ihrem Kurzzeitgedächtnis, ihre Wortfindungsstörung bestand fort, und ihre Ängste sowie die Unaufmerksamkeit hatten sich sogar noch verschlimmert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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