China hat das Bevölkerungswachstum im Griff: Jetzt 1,41 Mrd.

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

Urs P. Gasche /  In zehn Jahren nahm Chinas Bevölkerung noch um 5 Prozent zu, die Bevölkerung in Indien um 12 Prozent.

In China lebten Ende 2020 1,41 Milliarden Menschen. Das sind 5 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Das meldet das National Bureau of Statistics (NBS). Indien kam Ende 2020 auf 1,38 Milliarden Einwohner (plus 12 Prozent in zehn Jahren) und wird China demnächst als bevölkerungsreichstes Land ablösen. Die Bevölkerung in Indien nimmt mehr als doppelt so schnell zu wie diejenige in China.

Die Überzahl der männlichen Einwohner ging laut NBS zurück. Auf 100 Frauen kamen Ende 2020 105 Männer, während es vor zehn Jahren noch 111 waren. Als ethnische Gruppe dominieren die Han weiterhin mit 91 Prozent, obwohl die Bevölkerung der insgesamt 56 ethnischen Minderheiten in den letzten zehn Jahren doppelt so stark zunahm. Dies hat vor allem zwei Gründe: Die Einkindpolitik galt früher nur für die Han-Chinesen. Obwohl die Einkindpolitik aufgehoben ist, bleibt die Geburtenrate der wohlhabenderen Han-Chinesen tiefer.

Rasche Verbreitung von Alters- und Pflegeheimen

China Altersheim.CD
Unterhaltung in einem chinesischen Altersheim der Provinz Henan

18,7 Prozent der Bevölkerung waren älter als 60 Jahre alt. Heute werden Männer in China immer noch im Alter von 60 Jahren pensioniert, Frauen sogar im Alter von 55 Jahren. Traditionellerweise sorgten Kinder und Verwandte für die älteste Generation. Doch mit der rasanten Verstädterung hat sich dies verändert. Deshalb öffnen immer mehr private und staatliche Alters- und Pflegeheime. Unterdessen sind es in Peking 400 und in ganz China 38’000, berichtete der staatliche Nachrichtensender CGTN. Im Verhältnis zur Zahl der Einwohner sind dies noch wenige. Dieser bisher unregulierte Geschäftszweig brauche «Aufsicht und Regulierung» erklärte eine Ökonomin im CGTN. Ein Problem seien Betagte mit niedrigem Einkommen, welche sich einen Aufenthalt in einem der Alters- uns Pflegeheime nicht leisten können.

Die Überalterung der chinesischen Bevölkerungspyramide wird sich nach rund dreissig Jahren normalisieren, ohne dass Geburten gefördert werden müssten.

SRF-Tagesschau verbreitet verlangsamtes Bevölkerungswachstum als Hiobsbotschaft

Die jüngste Entwicklung der Bevölkerung bezeichnete Tagesschau-Moderatorin Cornelia Boesch in der Hauptausgabe der Tagesschau als eine «demografische Zeitbombe», denn ein zu wenig starkes Bevölkerungswachstum «bedroht mittelfristig auch das Wirtschaftswachstum». China-Korrespondentin Claudia Stahel doppelte nach: «Diese Entwicklung bedroht das Wirtschaftswachstum». China müsse seine «Familienpolitik überdenken», doch lasse sich diese «nicht so einfach von oben verordnen», meinte sie etwas hämisch.

Diese kommentierende Darstellung der geringen Bevölkerungszunahme in China ist in mehrfacher Hinsicht fragwürdig:

  • Das Wachstum des gesamten Bruttoinlandprodukts ist für die Lebensqualität wenig relevant. Es kommt auf das BIP pro Kopf an. Wenn die Wirtschaft um zehn Prozent wächst, gleichzeitig aber auch die Bevölkerung um zehn Prozent zunimmt, dann wird der Wirtschaftskuchen pro Person nicht grösser.
  • Die Menschen auf unserem Planeten verbrauchen bereits heute so viel endliche Ressourcen, wie wenn wir anderthalb bis zwei solche Planeten zur Verfügung hätten. Dazu kommt eine teilweise irreversible Belastung der Böden, Gewässer und Meere. Eine vernünftige Politik setzt Anreize für ein möglichst geringes Bevölkerungswachstum.
  • Weitere Aspekte dazu im Infosperber-Dossier «Pro und Contra Bevölkerungswachstum».

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Flagge_China

Chinas Innenpolitik

Hohe Wachstumszahlen; riesige Devisenreserven; sozialer Konfliktstoff; Umweltzerstörung; Herrschaft einer Partei

Bevlkerung_Erde

Pro und Contra Bevölkerungszunahme

Die Bevölkerung auf unserem Planeten hat in den letzten 200 Jahren enorm zugenommen.

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7 Meinungen

  • am 12.05.2021 um 12:34 Uhr
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    Herzlichen Dank für diesen Artikel. Vor über 10 Jahren haben der damalige Geschäftsführer von Pro Natura Aargau und ich als Präsident des WWF Aargau das Thema Überbevölkerung thematisiert. Wir haben es bis ins alle Tageszeitungen und ins Fernsehen geschaft, mit unserem Artikel. Nur in der NZZ und in einer Satire Sendung von SRF 2 wurden wir verstanden. Die übrigen Tageszeitungen machten aus dem Thema: «Kinder machen Dräck. WWF und pro Natura fordern weniger Kinder.» Dem Geschäftsführer von Pro Natura Aargau hat es fast die Stelle gekostet und ich wurde gezwungen das Präsidium abzugeben. Das immer mehr Menschen immer mehr Ressourcen brauchen scheint mir rein logisch. Heute schon benötigt die Menschheit für ihr Überleben mehr al 1.5 Erden, wir Schweizer mehr als 3 Erden. Wir werden uns wohl oder übel die Frage stellen müssen, wie können wir die Zahl der Menschen auf dieser Erde human reduzieren und wie können wir allen Menschen auf dieser Erde für ein gutes Leben ausreichend Ressourcen zur Verfügung stellen. Es gibt keine funktionierende Wirtschaft ohne soziale Gerechtigkeit. Es braucht aber auch keine soziale Gerechtigkeit, wenn uns dafür ausreichend natürlichen Ressourcen fehlen.

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  • am 12.05.2021 um 18:45 Uhr
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    Ein grosses Kompliment für diesen Artikel. Die globalen Probleme können nicht gelöst werden, wenn immer mehr Menschen geboren werden. Das Ergebnis sehen wir bereits heute in Indien, wo die Kombination von persönlichem Machtwahn, Überbevölkerung und Pademie verheerende Auswirkungen hat. Wo bleibt die Verantwortung, ohne die Freiheit, Gleichheit und Solidarität bedeutungslos sind?

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  • am 13.05.2021 um 00:17 Uhr
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    Die Geschlechterverteilung von 105 (Männer pro 100 Frauen) gilt für die gesamte Bevölkerung und ist klar zu hoch, da kulturell beeinflusst (CH und andere europäische Staaten: deutlich unter 100). Vor zehn Jahren (2009) lag die Geschlechterverteilung für die Gesamtbevölkerung gemäss NBS übrigens bei 103. Die Situation ist also insgesamt schlechter geworden.
    Ein Blick auf die Geschlechterverteilung der 0-4 Jährigen zeigt das deutlich, dort liegt sie nämlich bei 113. Normal (= aus biologischer Sicht zu erwarten) wären etwa 105. Der grosse Überschuss an männlichen Geburten lässt sich leider nur durch gezielte Eingriffe (Abtreibung von weiblichen Föten, Umbringene von Mädchen direkt nach der Geburt) erklären. Die sogenannte «male preference» die Bevorzung männlicher Nachkommen ist im ländlichen China – genauso wie in Indien – immer noch weit verbreitet.
    Die Folgen des Männerüberschusses bzw. Frauenmangels sind ebenfalls bekannt: Mädchen werden entführt und an zahlungswillige Männer verkauft, da diese sonst keine Frauen finden. Mittlerweile suchen chinesische Menschenhändler auch im benachbarten Vietnam oder Myanmar nach Frauen für den «chinesischen Markt».
    Das ist zwar kein ausschliesslich chinesisches Problem, aber es existiert auch in China und eine Besserung ist momentan nicht in Sicht.

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  • am 13.05.2021 um 00:40 Uhr
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    @Urs Anton Löpfe, Sie haben natürlich recht, dass wir den Ressourcenverbrauch reduzieren müssen, aber eine Reduktion der Weltbevölkerung ist schlicht nicht möglich. Gegen Ende Jahrhundert werden etwa 11 Mia. Menschen auf dem Planeten Erde leben. Die Fertilitätsrate liegt heute bei 2.47 (1950: 4.97) und wird bis 2060 auf 2.1 weiter sinken. Das entspricht der «klassischen Familie» mit Vater, Mutter und zwei Kindern – langfristig ist das ein stabiles Modell.
    In Afrika sind heute rund 60% der Bevölkerung unter 25 Jahre alt (41% unter 15) – das sind die zukünftigen Eltern und niemand kann diesen Menschen verbieten, Kinder zu haben. Die einzige Möglichkeit besteht darin, ihnen Entwicklungsmöglichkeiten zu geben und zu hoffen, dass sie sich für ein Leben in einer Kleinfamilie entscheiden.
    Den Ressourcenverbrauch können WIR trotzdem reduzieren, indem nämlich WIR und unsere europäischen und transatlantischen Nachbarn den Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren. Stichworte sind Mobilitätsverhalten, Ernährungsgewohnheiten, allgemeines Konsumverhalten…

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  • am 13.05.2021 um 03:35 Uhr
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    Danke, ein treffender Beitrag. Ich erinnere mich noch an die Propaganda vom bösen China mit der Ein-Kind-Politik, welche vor Jahren durch die Mainstreampresse geisterte. Damit die Leser/innen etwas hatten um sich daran zu empören. Ich kenne 2 Personen aus China und habe die Bücher gelesen von Haro von Sänger über die chinesische Kultur und die chinesischen Strategeme, um Konflikte gewaltarm lösen zu können. Nicht alles gefällt mir, was in China geschieht, aber in einigen Dingen können wir immer von allen lernen, auch von China, auch wenn wir in anderen Bereichen eine andere, eine demokratische Kultur sind. Es war keine Ein-Kind Politik wurde mir erklärt. Es ist ein System. Wenn beide Elternteile keine Geschwister hatten, sind 3 Kinder erlaubt. Hatte ein Elternteil ein Geschwister, sind 2 Kinder erlaubt, usw. Wer nur 1 Kind haben darf, kann aber zusätzlich ein Waisenkind aufnehmen. Wer nun die Wahrheit sagt? Unsere Presse oder die Chin. Lehrerin von der Uni und die Kunstrestauratorin? Ich weiss es nicht. Aber warum können wir Demokraten nicht, was eine Ein-Parteien-Diktatur kann? Vielleicht sollten wir mal die richtigen Fragen stellen. Denn dann zeigen sich die Antworten oft von selbst, auch wenn sie nicht immer angenehm sind.

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  • am 13.05.2021 um 03:35 Uhr
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    Bravo. So gut auf den Punkt gebracht. Nur ein U.P. Gasche ist eben so smart und zeigt noch ein neckisches Foto, das eben auch die prinzipielle Gebärfähigkeit Chinas zeigt.
    Schon lange zweifle ich an der grundsätzlichen Fähigkeit unserer Presse, Länder wie USA, China oder Russland in deren ganzen Dimension ersfassen zu können. Ganz zu schweigen von Ländern in Afrika, Lateinamerika oder Asien. Ein trauriger Niedergang. Berichte wie von Scholl-Latour oder Arnold Hottinger, die in der Lage waren in die Lebenswelt der entsprechenden Länder einzutauchen gibt es nicht mehr. Die Globalisierung macht uns immer mehr zu kompletten Dorfidioten, die keine Ahnung mehr haben, was ausserhalb ihrer Blase wirklich abgeht.

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  • am 13.05.2021 um 18:21 Uhr
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    Interessante Geschichte – und wichtig. Demografisch noch vorbildlicher ist Japan: Dort nimmt die Bevölkerungszahl seit 10 Jahren konstant ab. Letztes Jahr um mehr als 400 000 Personen. In diesem Land leben jetzt noch etwas über 125 Millionen Menschen (es waren auch schon mal gut 128 Millionen) – ein grosser Teil davon im Grossraum Tokio. Im vergangenen Jahr verzeichnete Japan erstmals weniger als 1 Million Geburten. Jedes Jahr müssen mehrere 100 Kindergärten wegen fehlender «Kundschaft» geschlossen werden. Trotzdem ist Japan mit 341 Personen pro km2 immer noch eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. N.Ramseyer, BERN

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