Paraquat: Über 70 Länder haben es verboten, nun auch die USA?
Der Agrarkonzern Syngenta hat der US-Umweltbehörde EPA Daten zu möglichen Gesundheitsschäden seines Herbizids Paraquat vorenthalten. Das geht aus internen Dokumenten hervor, die dem «Guardian» und «The New Lede» vorliegen.
Nach US-Recht müssen Hersteller «unzumutbare schädliche Auswirkungen» (unreasonable adverse effects) ihrer Produkte melden, damit die US-Behörden diese prüfen können. Paraquat ist in rund 70 Ländern verboten, zum Teil seit vielen Jahren. Nun erwägen die ersten US-Bundesstaaten ein Verbot.
Was die EPA nicht erfuhr
Zu den nicht gemeldeten Daten gehören
- Analysen dazu, wie schnell Paraquat Kleidung durchdringt,
- Analysen dazu, wie schnell der Wirkstoff in die Haut und ins Blut gelangt,
- Analysen dazu, wie sich diese Geschwindigkeit ändert, wenn das hochgiftige Pestizid mit Tensiden gemischt wird.
- Sowie Hinweise auf schwere Risiken für das Gehirn.
Der 3700 Seiten starke Datensatz wurde bei einem Gericht des Bundesstaates Pennsylvania eingereicht, bei dem hunderte Klagen von Parkinsonkranken vehandelt werden. In den USA sind landesweit dazu über 10’000 Klagen offen. 2021 zahlte Syngenta in einem solchen Verfahren bereits wenigstens 187 Millionen Dollar.
Die Recherchepartner hatten bereits 2022 und 2023 interne Dokumente erhalten, die PR-Massnahmen des Unternehmens zugunsten von Paraquat belegen. Die neuen Dokumente zeigen, wie Syngenta mit Bedenken zu Paraquat umging. Sie enthalten zahlreiche Beispiele für Informationen, die nicht bei der EPA ankamen.
Gefährlicher mit Tensid-Beimischung – Syngenta will davon nichts gewusst haben
Besonders brisant ist die Frage, ob Paraquat in Kombination mit Tensiden gefährlicher wird. Pestizide in Spritzmitteln mit Tensiden zu mischen, ist weit verbreitet, weil sie die Wirksamkeit erhöhen: Tenside senken die Oberflächenspannung einer Flüssigkeit, das Mittel verteilt sich besser, haftet besser an der Pflanze und dringt besser ein.
Syngenta forschte bis in die Nullerjahre an den Auswirkungen von Tensidmischungen mit Paraquat. Zumindest einen Teil der Erkenntnisse teilte der Konzern der EPA nicht mit, das geht aus eidesstattlichen Erklärungen hervor.
Spätestens in den 1970er-Jahren lagen dem Unternehmen laut den Unterlagen Informationen zur Giftigkeit der Mischungen vor. Damals erwog Syngenta sogar, Paraquat mit zugesetzten Tensiden zu verkaufen. «Wegen der höheren Toxizität» sei das wenig ratsam, schrieb ein Syngenta-Forscher 1975 intern.

Interne Studien aus dieser Zeit zeigten, dass der Tensidzusatz bei Hunden zu einer höheren Aufnahme von Paraquat über den Darm führte. In den Gerichtsunterlagen bestreitet Syngenta dennoch, dass «Tenside die Absorption von Paraquat erhöhen und damit auch seine Toxizität».
Die Gefährdungsanalyse machte Syngenta gleich selbst
In einem Prozess in Philadelphia erklärte Syngenta zu den vorenthaltenen Daten, keine der Angaben sei «relevant für den US-Markt oder die Aufsicht der EPA». Man habe weder der US-Behörde noch anderen Behörden weltweit absichtlich Informationen vorenthalten und sich gesetzeskonform verhalten.
Das ist bemerkenswert. Syngenta nahm für sich in Anspruch, selbst zu beurteilen, ob seine Daten auf ein Gesundheitsrisiko hindeuten, und reichte sie dann gar nicht erst zur Prüfung ein. Zu seiner Verteidigung verwies das Unternehmen in einem Gerichtsdokument darauf, dass die EPA es «niemals wegen Nichteinhaltung» seiner Offenlegungspflichten bei Paraquat «gerügt oder sanktioniert» habe.
Wendy Wagner, Rechtsprofessorin an der University of Texas, sieht das als Schwäche des US-Systems: Die EPA verlasse sich zu stark darauf, dass Hersteller sicherheitsrelevante Informationen von sich aus liefern.
Schutzkleidung ohne Schutz
Weitere Daten aus den 1980er-Jahren zeigen laut den Recherchepartnern, dass das Paraquat-Produkt Gramoxone sowohl Baumwollkleidung als auch Schutzanzüge aus Tyvek (ein Material aus Polyethylen) quasi sofort durchdringt. Auf der Verpackung von Gramoxone empfiehlt Syngenta als geeignete Schutzmassnahme noch immer «langärmlige Kleidung und lange Hosen». Andere Daten belegen, dass Paraquat in den Urin und ins Blutplasma von Anwenderinnen und Anwendern gelangt. «Das sind schlechte Nachrichten, egal wie man es dreht», schrieb ein Syngenta-Wissenschaftler 2007.
Auch als eine mexikanische Behörde den Fall eines an Parkinson erkrankten Syngenta-Werksleiters prüfte und einen «umfassenden Zusammenhang» mit Paraquat feststellte, informierte Syngenta die US-Behörde nicht. Dasselbe gilt für interne Studien aus den Nullerjahren: Eine Wissenschaftlerin fand heraus, dass Paraquat bis zu 15 Jahre lang zum Verlust von Gehirnzellen führt. Auch diese Ergebnisse gelangten nicht zur EPA. Ein Konzernsprecher erklärte, Syngenta habe den Aufsichtsbehörden nie wissentlich relevante und erforderliche Informationen vorenthalten. Man nehme die Sicherheit seiner Produkte sehr ernst.
«Wenn die Pestizidhersteller aus ihren eigenen Studien wissen, dass ihre Pestizide schädlich sind, dies aber weder der Öffentlichkeit noch den Aufsichtsbehörden mitteilen, tragen sie wissentlich dazu bei, dass Menschen erkranken und sterben», sagte die bekannte Epidemiologin und ehemalige EPA-Wissenschaftlerin Tracey Woodruff gegenüber den Recherchepartnern.
Keine «schriftlichen Diskussionen» und bezahlte «unabhängige» Forschung
In mehreren Ländern ist der Zusammenhang zwischen Pestizidexposition und Parkinson als Berufskrankheit anerkannt. Syngenta warnte laut den Unterlagen nicht nur seine Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen davor, Studien zum Zusammenhang von Parkinson und Paraquat schriftlich zu diskutieren:

Das Unternehmen unterstützte auch Forschung, die die Sicherheit von Paraquat belegen sollte. In E-Mails besprachen Syngenta-Angestellte Änderungen an einer Studie, die unter dem Namen eines unabhängigen Wissenschaftlers erscheinen sollte. Die Kommunikation mit ihm solle «im Idealfall mündlich stattfinden», damit «wir nicht den Anschein erwecken, als wollten wir Einfluss nehmen».
Der Autor, Jack Mandel, veröffentlichte nach den Unterlagen mehrere «unabhängige» Studien für Syngenta, die einen Zusammenhang zwischen Parkinson und Paraquat in Abrede stellen. Mindestens eine wurde von der US-Regierung mitfinanziert. Ein leitender Syngenta-Wissenschaftler bestätigte in einer eidesstattlichen Aussage einen Vertrag über 160’000 Dollar mit Mandel für eine Studie.
Andere Länder handelten früher
Die US-Behörde EPA verweist auf eine laufende Überprüfung des Pestizids und will keine «spekulativen Aussagen» machen. Andere Länder haben längst unabhängige Studien erstellt.
Schweden verbot Paraquat bereits 1983 und trug wesentlich dazu bei, dass das Pestizid 2007 in der EU verboten wurde. Selbst China, wo die Eigentümerschaft des Konzerns liegt, liess unabhängig forschen und verbot Paraquat 2017 endgültig. Verboten ist Paraquat auch in der Schweiz (seit 1989), in Grossbritannien (2007 mit der EU), Brasilien (2020), Kanada (2023), Thailand (2019), Vietnam (2017), Malaysia (2017), Südkorea, Taiwan, Kuwait, Syrien und El Salvador. Vor wenigen Tagen kam Indien hinzu, ein ausgeprägter Agrar- und Flächenstaat.
Produziert wurde Paraquat aber weiterhin, etwa in China und Grossbritannien. In rund 100 Ländern wird es noch eingesetzt, darunter Australien, Indonesien, Japan, Mexiko, Neuseeland, in mehreren afrikanischen Ländern und eben in den USA.
Einige US-Bundesstaaten sind von der Unschädlichkeit des Pestizids aber nicht mehr überzeugt. Im US-Staat Vermont ist Paraquat ab Ende 2026 verboten, in elf weiteren Staaten sind Verbote geplant.
Syngenta kündigte Anfang März an, die Produktion von Paraquat im Juni weltweit einzustellen. Andere Hersteller dürfen Paraquat aber weiter verkaufen. Einen Zusammenhang mit Parkinson bestreitet der Konzern weiterhin.
Paraquat
Paraquat ist eine quartäre Ammoniumverbindung. Das Herbizid bildet in der Pflanze freie Radikale, die die Zellmembran zerstören; die Pflanze vertrocknet innert Stunden. Für Menschen endet eine Vergiftung mit grösseren Mengen Paraquat oft tödlich, ein Gegenmittel gibt es nicht. Deshalb wird Paraquat häufig bei Suizidversuchen geschluckt, ein gewichtiger Grund für Verbote in vielen Ländern. Nicht tödliche Vergiftungen schädigen vor allem Nieren und Lunge.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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