Wenn Venus einen Pullover trägt – Däninnen bestricken Statuen
Statuen zeigen Staatslenker, Gründer oder andere historisch bedeutende Persönlichkeiten. Meist tragen sie männliche Züge. Frauen kommen deutlich seltener vor, und wenn doch, sind sie oft namenlos und spärlich bekleidet.
In Dänemark hat diese Schieflage zu einer kuschligen Protestform geführt: Seit einigen Wochen tragen immer mehr weibliche Statuen flauschige Pullover, gestrickte Kleider, Bikinis oder Schals. Die Bilder verbreiten sich auf Social Media, mehrere Medien berichteten darüber.
Die bekleidete Venus im Park
Hinter der Strick-Welle steckt eine ebenso einfache wie wirksame Idee. Begonnen hat sie bei der Dänin Louise Moerup. Moerup geht jeden Morgen mit ihrem zehnjährigen Sohn durch den Enghavepark in Kopenhagen. Dort steht eine Statue der nackten Göttin Venus, erklärte Moerup der «New York Times».
Mutter und Sohn hätten oft darüber gesprochen, warum es so wenige Statuen von «richtigen» Frauen gebe – also von Frauen, die wegen ihrer Leistungen geehrt werden. Tatsächlich sind weibliche Figuren im öffentlichen Raum oft allegorisch oder mythologisch – Göttinnen, Musen oder Akte.
Über Weihnachten griff Moerup schliesslich zu den Nadeln und strickte der Venus ein Kleid. Das Kind, das die Göttin hochhält, bekam eine grüne Mütze. Die Aktion war als humorvoller feministischer Kommentar gedacht. «Die Nacktheit stört mich nicht», sagte Moerup. Was sie störe, sei «die Abwesenheit von Frauen, die für ihr Werk erinnert werden».
Nackt und namenlos
Unterstützung erhielt sie von der Autorin Maren Uthaug, die Bilder der bekleideten Venus auf Instagram veröffentlichte. Die Idee verbreitete sich rasch. Statuen in ganz Dänemark bekamen Westen, Pullover, Kleider und Capes. Die Comiczeichnerin erhält weiterhin Bilder von «eingestrickten» weiblichen Statuen – mittlerweile auch aus dem Ausland.
Weibliche Nacktheit ist in der Kunst ein wiederkehrendes Konfliktthema. Aus politischen, religiösen, gesellschaftlichen oder auch kommerziellen Gründen haben Frauenbildnisse dabei stets zu viel oder zu wenig an. 1989 fragte eine Künstlerinnengruppe beispielsweise öffentlich: «Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?». Die Stadt Rom andererseits verhüllte 2016 bei einem Besuch des damaligen iranischen Präsidenten Hassan Rohani nackte weibliche Statuen.
Moerups Aktion knüpft an Strick-Graffiti oder «Yarn Bombing» an, eine Form feministischer Street Art, bei der Laternenmasten, Bäume oder Geländer mit gestrickten Hüllen versehen werden – eine weiblich konnotierte Handarbeit als künstlerischer Kommentar im öffentlichen Raum. Beides zusammenzubringen, sei eine «brillante Idee», fand Uthaug.
Nur 43 bedeutende Frauen – aber 120 Akte
Von 1538 Denkmälern in Dänemark zeigen 484 historisch bedeutende Männer, aber nur 43 bedeutende Frauen, bestätigte eine Anfang Februar veröffentlichte Erhebung über Kunst im öffentlichen Raum. Rund 120 Skulpturen stellen weibliche Akte dar. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war Zufall, die Guerilla-Strickerinnen bekamen dadurch jedoch nochmals Rückenwind.
Ganz ohne Kritik blieb die Aktion nicht. Uthaug bekam tausende Kommentare, die den Strickerinnen Zensur oder Puritanismus vorwarfen. Ein Nutzer schrieb: «Schämen Sie sich, einen schönen Frauenkörper zu verhüllen.» Eine dänische Abgeordnete sprach von Vandalismus.
Der dänische Kulturminister Jakob Engel-Schmidt reagierte gelassen. Für ihn sei die Aktion eine «sehr einzigartige Art, die Gegenwart zu kritisieren, um eine gleichberechtigtere Zukunft zu schaffen». Es sei «offen gesagt absurd», dass es deutlich mehr Statuen halbnackter Frauen gebe als Denkmäler für Frauen, die die Geschichte des Landes geprägt hätten.
Kleid soll künftig Repräsentation im öffentlichen Raum dokumentieren
Die eingepackten Statuen jedenfalls hatten Erfolg in der Öffentlichkeit. Dänemark will bedeutende Frauen nun sichtbarer machen. Die Regierung kündigte an, rund 1,3 Millionen Euro für neue Kunstwerke bereitzustellen, die an historisch bedeutende Frauen erinnern sollen. Jakob Engel-Schmidt betont, die Entscheidung stehe nicht in direktem Zusammenhang mit der Strick-Kampagne.
Die bestrickte Venus im Enghavepark ist inzwischen wieder leichter bekleidet. Moerups Kleid hat dennoch Geschichte geschrieben. Ein Museum in Kopenhagen hat sie gebeten, es seiner Sammlung zu stiften – als Dokument der Debatte, wer und was im öffentlichen Raum sichtbar ist. Oder eben nicht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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