Sprachlust: Die «Übergreisung» fehlt uns noch!

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Niemand will mehr greis sein, dabei gab's einst den «edlen Greis». Wer aber meint, «Überalterung» sei ein harmloses Wort, der irrt.

«Ich bin nicht greis. Man sollte dir die Zunge stutzen.» So wehrt sich in Thomas Manns Roman «Königliche Hoheit» ein Vater gegen den Spott seiner Tochter. Weniger rabiat, aber ebenso entschieden trat kürzlich ein 73-jähriger Leserbriefschreiber dem Wort entgegen: Er «empfindet es als Affront gegenüber älteren Mitmenschen – in welchem Alter auch immer – von Greisen zu sprechen». Die Zeitung hatte unter dem Titel «Greiser Mann verletzt Tochter mit Küchenmesser» über die Tat eines ebenfalls 73-Jährigen berichtet.
Es kann hier dahingestellt bleiben, ob der Täter der Duden-Definition entsprach: «alter oder alt wirkender (körperlich hinfälliger) Mann». Immerhin deuten die im Wörterbuch angeführten Beispiele darauf hin, dass der Ausdruck nicht immer despektierlich ist: «ein rüstiger, würdiger Greis; Kinder, Frauen und Greise». Häufig wird aber heute tatsächlich abschätzig von «Greisen» geredet – nur würde es nichts bringen, stattdessen etwa «Hochbetagte» für korrekt zu erklären: Bald bekämen sie auch unter diesem Namen Geringschätzung zu spüren, und man müsste einen neuen Ausdruck erfinden.
Als die Greise edel waren
Das Problem liegt nicht beim Wort «Greis», das schlicht von «grau» kommt, sondern darin, dass in unserer Gesellschaft alte Menschen häufig vor allem als Problem, als Belastung wahrgenommen werden. In älteren Zeiten und in älteren Texten waren dagegen oft «edle Greise» anzutreffen. Im alten Rom, das damals noch nicht das alte war, stand der «senex», eben der Greis, gar dem Senat zu Gevatter. Und auf Suaheli werden alte Männer als «Mzee» angeredet, was sie sogleich als ehrwürdig kennzeichnet. In ostasiatischen Sprachen dürfte es ähnliche Anreden geben, dem alten Konfuzius sei Dank.
Wer alten Männern und Frauen sprachlich respektvoll begegnen will, kann das auch tun, ohne die Greisin und den Greis aus seinem Wortschatz zu verbannen. Wichtiger ist, welche Botschaften man an und über Betagte verbreitet. Sicher nicht die Behauptung, unsere Gesellschaft sei «überaltert». Just am Tag nach dem Protest-Leserbrief war an gleicher Stelle von «einer überalternden – und leider nicht immer solidarischen – Gesellschaft» zu lesen – ausgerechnet in einem Beitrag, der zum verständnisvollen Umgang mit Alzheimerkranken aufrief.
Wie viele Alte dürfen’s sein?
Nun bedeutet «überaltert» laut Digitalem Wörterbuch der deutschen Sprache einfach «einen relativ hohen, sehr hohen Anteil alter Menschen aufweisend». Das klingt wertfrei, aber in der Vorsilbe «über-» steckt doch der deutliche Hinweis, dass hier ein Mass überschritten werde – etwa das richtige oder das gesunde oder das normale. Wie auch immer dieses Mass definiert wird, und darum drückt man sich fast stets: Eine überalterte Gesellschaft wäre demnach besser dran, wenn es in ihr weniger alte Leute gäbe. Wer das sagen will, soll und darf es sagen, aber bitte nicht versteckt in der Vorsilbe «über-». Und wer es nicht sagen will, kann von einer alternden oder gealterten Gesellschaft reden und damit ohne Wertung auf die unbestrittene Tatsache hinweisen, dass das Durchschnitts­alter und damit der Anteil von Menschen über einem bestimmten Alter steigt.
Es mag paradox erscheinen, die eben erst für «Greis» abgelehnte Wortpolizei nun auf «überaltert» anzusetzen. Aber ich sehe einen Unterschied darin, ob der vermutete negative Beigeschmack vom vorherrschenden Sprachgebrauch herrührt, der sich auch wieder ändern kann, oder ob im Wort selber ein abwertender Sinn steckt. Ob jemand «Greise» für voll nimmt oder nicht, merkt man aus dem Ton und dem Zusammenhang; dass jemand «Überalterung» gut oder auch bloss akzeptabel finden könnte, ist eine gewagte Unschuldsvermutung. Wird die Vorsilbe «über-» genug oft gedankenlos gebraucht, so verliert sie vielleicht dereinst die Bedeutung «über einem bestimmten Mass liegend» – aber Greise werden sich immer noch daran erinnern.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Autor einer regelmässigen Sprachlupe in der Zeitung «Der Bund» und ab 2012 Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel».

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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Eine Meinung zu

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    am 15.11.2011 um 17:56 Uhr
    Permalink

    lieber daniel goldstein
    im artikel über den angeblichen «greis» war zu lesen, warum der mann seine tochter mit dem messer angegriffen hatte: er meinte, gesellschaftlich geächtet zu werden, wenn er ihr nicht «den meister» zeige. das zeugt weniger von greisentum denn von machismo, völlig egal, ob der mann 73 war oder 83 oder erst 23.
    übrigens brachte es dieselbe zeitung ein paar wochen zuvor fertig, über einen kurzen 1-spalter folgenden titel zu setzen: «Rentner sollen Blut spenden». äääh, dabei ging es um die meldung des srk-blutspendedienstes, dass jetzt endlich die völlig willkürliche alters-guillotine abgeschafft, bzw. um zehn jahre hinausgezögert wird, künftig also auch über 65-jährige noch blut spenden DÜRFEN, immer vorausgesetzt, sie seien gesund.
    bref: ich vermute symptome von frühvergreisung bei gewissen produktionsmenschen besagter zeitung. es könnte sich aber auch schlicht um diskriminierung von leuten handeln, die an jahren etwas älter sind als die am berner nordring gerade aktiven. auch nicht unbedingt beruhigend.
    mit kollegialen grüssen, rosalie roggen

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