aa_Sprachlust_Daniel_4c

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Tempo Twitter ist gefährlich wie Tempo Teufel

Daniel Goldstein /  Mediale Empörung ist ein schlechtes Umfeld für besonnene amtliche Stellungnahmen. Das EDA bekam’s zu spüren.


«Diese Geschehnisse sowie alle anderen mutmasslichen Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht bedürfen dringlich einer unabhängigen internationalen Untersuchung.» Das war der Kernsatz auf dem Zettel des Aussendepartements EDA. Am letzten Sonntag, nachdem brutale Bilder die Gräueltaten im ukrainischen Butscha aufgezeigt hatten, hängte es ihn ans Anschlagbrett – nicht an eines vor dem Bundeshaus, sondern an jenes namens Twitter, das jeden Bildschirm mit Internetanschluss erreichen kann. Die Zettel heissen dort Tweets, und jener des EDA erntete viel Kritik in den Medien, ob «soziale» wie Twitter oder «richtige». Im Vergleich zu Verlautbarungen anderer Regierungen zu langsam, zu lau, lautete der Tenor: Russland hätte als Täter genannt werden müssen, gar mit dem Soforturteil «Völkermord».

Tags darauf wurde Bundesrat Cassis im Tamedia-Interview deutlicher, wenn auch immer noch in wohlbemessenen Worten: «Alles deutet im Moment» auf russische Täterschaft, und wie die «krasse Verletzung des humanitären Völkerrechts» einzustufen sei, müssten «die Gerichte klären. Ich als Politiker rede von mutmasslichen Kriegsverbrechen.» Die Schweiz habe als eines der ersten Länder eine unabhängige Untersuchung gefordert. Der Aussenminister räumte ein: «Der Tweet war wohl zu fest in Verwaltungssprache verfasst. So funktioniert aber die Diplomatie. Sie ist vorsichtig. Vergessen wir nicht: Wir sind auch inmitten eines Informationskriegs.»

Schnellschüsse im Informationskrieg

Aus meiner Sicht hätte sich Cassis die Stilkritik an seinen Beamten sparen können: Das Hauptproblem ist nicht, wie der Tweet abgefasst war, und nicht einmal, was drinstand. Das Hauptproblem ist, dass sich Behörden überhaupt auf Twitter oder andern derartigen Plattformen äussern. Denn die sind mit der eingebauten Klickbewirtschaftung darauf angelegt, dass sich Wellen der Empörung hochschaukeln. So berechtigt die Empörung gerade im Fall Butscha ist: Sie ist die Summe persönlicher Reaktionen von Individuen, womöglich verstärkt durch Automaten, die sich als Individuen ausgeben – sie sind Waffen im Informationskrieg. Es ziemt sich nicht, bewusst altmodisch gesagt, dass Amtsstellen zivilisierter Staaten daran teilnehmen. Wenn sie solche Anschlagbretter benutzen, um «bei den Leuten» zu sein, verleihen sie Twitter und Co. unverdientes Ansehen.

Das Tempo, das in Netzmedien möglich und wegen der Konkurrenz schier unvermeidlich ist, verleitet auch zu Schnellschüssen, bewusst kriegsrhetorisch gesagt. Die ziemen sich weder für Ämter noch für etablierte Medien, werden aber durch deren Auftritte «online first» begünstigt. Sie können auch hinten hinaus gehen, wenn sich jemand lang genug daran erinnert. So titelten die – gedruckten! – Tamedia-Blätter am dritten Kriegstag: «Der Fall der Hauptstadt ist eine Frage von Tagen». Dies notabene über einer Nachrichtenübersicht, die eigentlich Fakten bieten sollte. Die «Süddeutsche Zeitung», von welcher der Text stammte, setzte den Titel halbwegs vorsichtiger: «Umzingelt». Den Fall Kiews innert Tagen verschob sie in den Untertitel, als Befürchtung von Militärexperten. Im Text waren diese Experten dann «die US-Geheimdienste». Informationskrieg oder nur schlampiger Instant-Journalismus?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

D.G. war Redaktor am «Bund» (heute Tamedia).
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

10 Meinungen

  • am 9.04.2022 um 13:02 Uhr
    Permalink

    Ich habe eine sehr gute und ausgewogene Rede von Sarah Wagenknecht zu diesem Konflikt gehört. Selbst wenn das alles sich so zugetragen haben soll, darf die Nato sich nicht einmischen, sonst haben wir den 3. Weltkrieg. Sie beschreibt verschiedene Szenarien den Krieg zu beenden. Der Krieg kann auch nicht mit Waffenlieferungen beendet werden, sondern mit Verhandlungen, Untersuchungen und Kapitulation. Ich bin nicht sicher, ob diese Medialen-Bilder überhaupt stimmen: Wagenknecht macht auch darauf aufmerksam, dass der grösste Profiteur USA ist. Aus anderen Quellen las ich, USA kauft fleissig weiter Gas und Öl aus Russland. Wir müssen aufpassen uns gegen die Medien zu schützen: Kriegspropaganda will immer nur eines: Kriege anzetteln. USA hat in den letzten Jahren immer Staaten zu Terroristen gestempelt und angegriffen, wenn sich ein Land gegen die Hegemonie USAs wehrte. Wir brauchen mehr Infos zu den dreckigen Kriegen Amerikas und deren Verwicklungen. Bitte dahingehend aufklären. Danke.

    0
  • am 9.04.2022 um 13:59 Uhr
    Permalink

    Schön ist doch, aus Schweizer Sicht, zu wissen, dass der Bundesrat die Antworten kennt, bevor die Fragen gestellt werden.

    Das sind ja schon bald Nato-ähnliche Verhältnisse. Tell hätte wohl Gessler noch vor dem Apfelschuss getroffen …

    0
  • am 9.04.2022 um 14:15 Uhr
    Permalink

    Es ist selten nur Empörung in den sozialen Medien. Nach den heutigen Maßstäben und Kenntnissen ist Twitter und andere ähnliche Plattformen ein Ort verbaler Gewalt und der Propaganda. (Siehe Gewalt-Definition des Psychologen und Bestseller Autors Marshall Rosenberg) Gewaltfrei kommunizierte persönliche Ansichten werden je nach Thema zensuriert, aber Hater, Hetzer, Verunglimpfer und Kritiker oft nicht. Solange sich die verbale Gewalt gegen die gewünschten Ziele richtet, wird sie oft unangetastet bleiben. Das größte Hinderniss für konstruktive Lösungen ist jede Form von Gewalt welche sich jenseits von gewaltminimierender Notwehr befindet. Meistens verbunden mit dem Verstecken der eigenen wahren Interessen gibt es offenbar mächtige Interessengruppen, welche Gewalt fördern, da sie davon emotional und/oder finanziell profitieren. Die Unfähigkeit, die wahren Bedürfnisse von Gewalttäter/innen zu erkennen, öffnett dann jeder Eskalation den Weg vor.

    0
  • am 9.04.2022 um 16:09 Uhr
    Permalink

    Herr Goldstein, ihre Aussage bezüglich einer Plattform wie Twitter – «Es ziemt sich nicht, bewusst altmodisch gesagt, dass Amtsstellen zivilisierter Staaten daran teilnehmen» – sollte ganz dringend jedem Politiker und Beamten nahegelegt werden. Sie sprechen mir aus dem Herzen!

    0
  • am 9.04.2022 um 16:11 Uhr
    Permalink

    Ich habe den Zweiten Weltkrieg erlebt und in der Ukraine und in Russland gearbeitet. Basierend auf dem, was ich erlebt habe, ist die Situation für mich sehr klar und basiert auf grundlegenden Prinzipien.Die Biden-Administration, Demokrat, will die Kontrolle über die Welt nicht verlieren. Sie kontrolliert die NATO, die de facto eine offensive Organisation ist. Die Situation in der Ukraine wurde von langer Hand vorbereitet, auch mit Hilfe der britischen Spionagedienste. Alles wird provoziert, um einen allgemeinen Krieg in Europa zu erzeugen und es zu schwächen. Die staatlichen und privaten Medien übertragen diese Manipulation. Die Zensur ist verbreitet und legalisiert. Europa ist keine Demokratie mehr. Die Amerikaner und Briten sind auf ihren Inseln gut geschützt, es sei denn, es kommen Atomwaffen ins Spiel. Die Schweiz war seit 1815 neutral. Sie hat diesen Status verloren. Es ist an der Zeit, dass die Schweizer aufstehen, um den Ausverkauf unserer historischen Traditionen zu stoppen.

    2
  • am 9.04.2022 um 17:24 Uhr
    Permalink

    Ganz genau. Ich habe noch nie verstanden, warum Verwaltungen überhaupt Tweets absetzen, statt Medienmitteilungen verschicken. Wohl Trump-Nachhahmung und «Modern-Sein-Wollen» -hm? Nur: Medienmitteilungen sind meistens nicht mit einem Satz erledigt – und womöglich sollte noch jemand da sein, der Nachfragen beantwortet. Darum wohl ist Twitter so beliebt geworden bei Verwaltungen.

    0
  • am 9.04.2022 um 22:33 Uhr
    Permalink

    Lieber Herr Goldstein
    «Es ziemt sich nicht, bewusst altmodisch gesagt, dass Amtsstellen zivilisierter Staaten daran teilnehmen. Wenn sie solche Anschlagbretter benutzen, um «bei den Leuten» zu sein, verleihen sie Twitter und Co. unverdientes Ansehen.»
    Damit sprechen Sie ein grosses Wort gelassen aus, das ich aus vollem Herzen unterstütze. Auf welch abgrundtiefes Niveau hat doch beispielsweise das Getwittere eines Donald Trump die Social Media gebracht. Ihr Satz: «es ziemt sich nicht..», gehört ins Stammbuch eines jeden seriösen Politikers, einer jeden seriösen Amtsstelle.

    0
  • am 10.04.2022 um 10:20 Uhr
    Permalink

    Es ist schon traurig, dass heute Medien und Politiker sofort die Schuldigen kennen – ohne Anklage, Zeugen, Beweise und Verurteilung.
    Heute, am Palmsonntag, wenige Tage vor Ostern, kommt mir die Leidensgeschichte, die Verurteilung und das ans Kreuz nageln von Jesu in den Sinn. Pontius Pilatus konnte keine Schuld von Jesu feststellen, das Volk aber schrie:» Ans Kreuz mit ihm». Und kurz vor seinem Tod sagte Jesu: «Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun».
    Wissen wir eigentlich, was wir tun? Wissen wir eigentlich, was wirklich passiert? Wie können wir es wissen, wenn alle Mainstream- und soziale Medien gleichgeschaltet sind. Und wenn mal ein Reporter nur sagt: «Alles deutet darauf hin» schon diffamiert wird, dann haben wir den Höhepunkt unserer Demokratie schon überschritten.

    1
  • am 10.04.2022 um 21:50 Uhr
    Permalink

    Ja, Daniel Golstein hat recht, es ziemt sich nicht … Nur, von einer Verwaltung, welche die Bürger zu rechtlosen «Kunden» degradiert hat, zu erwarten, dass sie ein von Respekt geprägtes Menschenbild hat, ist sinnlos.

    0
  • am 11.04.2022 um 19:57 Uhr
    Permalink

    Ich finde Regierungsstellen, Verwaltunge usw. sollten nicht über Twitter und schon gar nicht über andere privaten Platformen wie Facebook usw. kommunizieren.

    0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...