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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: So werden schlimme Statistiken noch schlimmer

Daniel Goldstein /  Ob häusliche Gewalt oder Drogenkonsum Jugendlicher: Der Umgang mit Zahlen kann ein übertriebenes, ja falsches Bild zeichnen.

Warum bloss haben Simonetta Sommarugas warnende Worte keine massenhafte Hausflucht ausgelöst? «Der gefährlichste Ort für Frauen sind die eigenen vier Wände.» Dieses Zitat setzten die Tamedia-Blätter im Januar als Titel über ein Interview. Darin sagte die alt Bundesrätin zweimal, ihre Aussage entspreche einer Tatsache: Die grösste Gefahr für Frauen sei die häusliche und «nicht, wie gerne suggeriert, der Ausländer, der ihnen in einer schlecht beleuchteten Strassenunterführung oder auf dem Heimweg spätabends abpasst».

Der «gefährlichste Ort» ergab einen knackigen Titel anstelle des Faktenchecks, der hier angebracht gewesen wäre. Zwar stimmt es, dass die meisten Gewalttaten, die Frauen im Zusammenhang mit ihrem Geschlecht erleiden, im häuslichen Umfeld verübt werden. Nur in einem Zehntel der Fälle habe der Täter das Opfer überhaupt nicht gekannt, stand in einer späteren Zeitungsausgabe, gestützt auf eine «Dunkelfeldstudie» (bei Tamedia unerklärt, bedeutet eine wissenschaftlich abgestützte Schätzung).

Meistens ist die «Gefahrenzone» sicher

Im Gespräch, wie es das Interview eines ist, mag man solche Befunde so veranschaulichen, dass die eigenen vier Wände der gefährlichste Ort seien. Aber dabei bleibt unberücksichtigt, dass die meisten Frauen sehr viel mehr Zeit genau dort verbringen und nicht an schummrigen Stellen des öffentlichen Raums. Frauen könnten sich daher viel länger zuhause aufhalten als an Dunkelstellen, bevor ihnen im statistischen Durchschnitt eine Gewalttat widerführe. Aber Zahlen dazu lassen sich kaum ermitteln.

Ähnlich verhält es sich mit den Todesfällen insgesamt: «Die meisten Leute sterben im Bett», sagt der Volksmund und hat wahrscheinlich recht. Und doch hat die greisenhafte Bettflucht, wo sie auftritt, kaum etwas mit der Angst vor dem Tod zu tun. Ebenso wird kaum eine Frau ins Frauenhaus flüchten, nur weil sie Sommarugas Warnung gelesen hat – aber wenn sie ohnehin Gründe hat, vom (Ex-)Partner Schlimmes zu befürchten, ist es gut, wenn ihr das Interview Mut zur Flucht macht.

Da ist einmal nicht keinmal, sondern immer

«Jeder zehnte 11-Jährige trinkt Alkohol» – mit diesem Titel auf der ersten Seite schreckten dieselben Blätter 2018 die halbe Deutschschweiz auf. Der Text schwächte dann gleich ab: Mit «trinken» war mindestens einmal Alkohol im bisherigen Leben gemeint, gemäss einer Befragung in Zürich. Im Blattinnern erfuhr man zudem, dass das Maskulinum «jeder zehnte …» biologisch gemeint war: Nur Buben erwähnte der Artikel, Angaben für Mädchen fehlten. In einer Publikation von 2017 aus derselben Langzeitbeobachtung (Z-proso) steht über Elfjährige, 4 Prozent der Buben und 2 Prozent der Mädchen hätten laut eigenen Angaben in den letzten zwölf Monaten Alkohol konsumiert. Da die Erhebung alle vier Jahre stattfindet, dürfte es sich um die Resultate von 2014 handeln.

Es wurden von jedem Geschlecht etwa gleich viele Kinder befragt. Wenn es dabei blieb, dass Mädchen etwa halb so häufig schon Alkohol getrunken hatten wie Buben, wären es nach den Angaben von 2018 unter den elfjährigen Kindern insgesamt 7,5 Prozent gewesen. Um Gleichbehandlung bemüht, hätte die Zeitung also «mehr als jedes 14. Elfjährige» schreiben können. Oder mit der heute gängigen Doppelnennung «jede und jeder 14. Elfjährige» – was falsch gewesen wäre, weil ja eben die Geschlechter ungleich betroffen waren. Das wird bei solchen Formulierungen leicht übersehen. Beim Alkoholkonsum Jugendlicher zeigte freilich die Übersicht von 2017, dass der Unterschied mit zunehmendem Alter beinahe verschwand.

Früher war’s besser, noch früher viel schlimmer

Eine andere Zahlenreihe bestätigte 2022 die zunehmende Geschlechtergleichheit bei Suchtmitteln: Weibliche wie männliche 15-Jährige gaben zu 25 beziehungsweise 25,1 Prozent an, in den vergangenen 30 Tagen Tabakprodukte konsumiert zu haben. «Mehr als jeder vierte Jugendliche raucht – fast jeder zweite trinkt», titelten die Tamedia-Druckausgaben (online ohne Abo). Demnach gaben 43 Prozent der Befragten an, sie hätten mindestens einmal in den letzten 30 Tagen Alkohol getrunken, ohne Unterschied der Geschlechter. Bei der Quelle, Sucht Schweiz, findet man für häufigeres Trinken Prozentzahlen; sie lagen für Mädchen etwa um einen Viertel niedriger als für Burschen.

Da der Zeitungsartikel nur auf die Grobangabe abstellte, spielte es anders als 2018 keine Rolle, ob der Titel geschlechtsübergreifend verstanden wurde: Er war zwar etwas übertrieben, traf aber auf die 15-jährigen Befragten insgesamt ebenso zu wie auf die männlichen allein. Allerdings gibt es ein besseres Kriterium dafür, ob jemand «trinkt», als den im Artikel verwendeten einmaligen Konsum: die Regelmässigkeit.

Auch darüber gibt es eine Zahlenreihe. Sie ist in einer Grafik ab 1994 verfügbar, ebenfalls für 15-Jährige. Da zeigt sich eine Spitze 2002, als im Vergleich mit 2022 rund dreimal so viele Jugendliche angaben, jede Woche mindestens einmal Alkohol zu trinken (männlich: 33 Prozent; weiblich: 22 Prozent). Nach dem Tiefstand der Zehnerjahre stieg der Konsum männlicher Jugendlicher nur leicht wieder an, bei weiblichen etwas stärker. Ein ähnlicher Verlauf zeigte sich etwas später beim Tabak. Die langfristige Betrachtung fand allerdings auf der ganzen Zeitungsseite keinen Platz. Sie hätte ja auch nicht ins Bild der suchtbefallenen heutigen Jugend gepasst.

Auf den im Text verlinkten Originalgrafiken bei Sucht Schweiz kann man die einzelnen Werte ab­rufen, indem man mit dem Mauszeiger den Kurven folgt.

Weiterführende Informationen

  • «Wenn Zahlen beim Lesen Qualen bereiten» (Artikel des Autors im «Sprachspiegel» 6/2010)
  • Indexeintrag «Zahlen» in den «Sprachlupen»-Sammlungen: tiny.cc/lupen1 bzw. /lupen2, /lupen3. In den Bänden 1 und 2 (Nationalbibliothek) funktionieren Stichwort­suche und Links nur im herun­tergeladenen PDF.
  • Quelldatei für RSS-Gratisabo «Sprachlupe»: sprachlust.ch/rss.xml; Anleitung: sprachlust.ch/RSS.html

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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