Sprachlupe: Ätsch pätsch, wo hast du deinen Bätsch?
«Ein Mitarbeiter der Reinigung putzt den Boden, nasse Streifen entstehen. ‹Alle zwei Meter musst du den Mob auswechseln›, sagt er. So viel Dreck komme zusammen.» Der Zeitungsbericht aus dem nächtlichen Bahnhof Bern wirft geradezu existenzielle Fragen auf. Hat die Menschenmenge im Bahnhof wirklich die Bezeichnung Mob verdient (Duden-Definition: «Pöbel, randalierender Haufen»)? Etwa nur schon deswegen, weil offenbar viele dazugehören, die Dreck hinterlassen? Treiben die auch nachts ihr Unwesen? Und warum braucht der Putzmann alle zwei Meter einen neuen Mob? Damit er auch ja genug Dreck zum Wegfegen hat?
Mit eingestreuten englischen Wörtern macht mir mein Leibblatt schon lange nur noch dann Freude, wenn es danebengreift – wie mit Mob im Eingangssatz. Wie Sie sicher gleich bemerkt haben, hatte der fleissige Arbeiter Mopp gesagt («Staubbesen mit langen Fransen»). Das englische mop ist schon so gut eingedeutscht, dass es wie Stopp ein zweites p bekommen hat. Zur Ehre der Zeitung sei gesagt, dass sie im Internet den Fehler korrigiert hat. Das hatte sie einige Tage zuvor schon in einem anderen Fall getan: Da hatte sich im Original ein Journalist «über ein offenstehendes Fenster Zugang zum Medienzentrum verschafft, weil er seinen Batch zu Hause vergessen hatte».
Falsche Aussprache begünstigt Verwechslung
Auch da haben Sie gewiss bemerkt, dass Batch anstelle von Badge stand. Die Verwechslung geschieht nicht ganz selten, wohl auch deshalb, weil die weiche englische Aussprache vielen schwerfällt, wenn sie «[elektronischer] Ausweis oder Erkennungsmarke zur Zugangskontrolle» kurz sagen wollen. Die eben zitierte Definition steht beim Duden erst online, doch könnte Badge sehr wohl in der nächsten gedruckten Auflage als neues deutsches Wort auftauchen.
Möglicherweise kommt auch Batch zu dieser zweifelhaften Ehre; einstweilen verzeichnet es duden.de erst in Kombination mit Datei oder Processing und ordnet es jenem Fachbereich zu, der auf dieser Website derzeit noch nicht IT heisst, sondern EDV. Batch wird als «stapelweise Verarbeitung von Daten» umschrieben. Nebenbei: Da verwendet die Dudenredaktion das Adverb stapelweise als Adjektiv, statt stilistisch besser von Daten zu reden, die stapelweise verarbeitet werden.
Von batch zu Brätsch, ohne Verwandtschaft
Im Englischen wird batch bei Weitem nicht nur für Daten verwendet, sondern für alles Mögliche, es muss nicht einmal stapelbar sein, nur gleichartig. Wiktionary nennt als Beispiele Biscuits oder Eiswürfel. Besonders hübsch ist die Verwechslung mit Badge in diesem Zeitungssatz, vor einigen Jahren auch online erhalten geblieben: «Die neuen Automaten können mit einem Batch oder einer Bezahlkarte geöffnet werden.» Da ging es um Verkaufskästen, in denen – englisch gesagt – «batches of snacks» angeboten wurden.
Für die Reihen von Leckerbissen in Schubladen wäre Stapel kaum passend, wohl aber schweizerdeutsch Schübel – umso mehr, als beim Kauf ein Stück hinausgeschoben wird. Käme gar die ganze Reihe aufs Mal, so passte Brätsch. Dieses Wort hat ebenfalls nichts mit Batch zu tun: Das Schweizerische Idiotikon nennt als eine Bedeutung von vielen Steingeröll, Schuttmasse, was ans italienische Synonym breccia erinnere. Das wiederum kann auch für Bresche stehen, mit gemeinsamer Herkunft aus dem Französischen.
Zum Glück noch kein «Batch Kinder»
Wie aber soll man Schübel hochdeutsch wiedergeben? Das Schweizerische verwendet für die hier gemeinte Bedeutung dieses vielseitigen Mundartworts die Übersetzung Schock. Der Duden nennt das Schock «veraltet» für eine Menge von 60 Stück, und online bezeichnet er das Wort zudem als «umgangssprachlich» für einen unbestimmten Haufen, mit dem Beispiel «sie hat ein ganzes Schock Kinder». Just so ein Beispiel zitiert das Idiotikon für Schübel. Auf Hochdeutsch wäre mir jedenfalls ein Schock Kinder viel lieber als ein Batch Kinder. Das englische Wort soll zur deutschen Verwendung ruhig in der EDV bleiben. Kinder aufgepasst: EDV bedeutet «elektronische Datenverarbeitung».
Sogar innerhalb der Computerei wird Batch zuweilen mit Patch verwechselt, einem Flickstück für Programme. Nur dafür steht das Wort mit P im Duden, online zudem für ein derartiges Stück in der Medizin, etwa für Haut. Die geläufigste Verwendung von Patch aber, für ein Stoffstück zum Aufnähen, überlässt der Duden (noch) dem Digitalen Wörterbuch (dwds.de) und führt selber erst das Verb patchen, nicht zu verwechseln mit das Patchen («familiär für Patenkind»). Kurz danach folgt der Eintrag Patchwork, wo endlich auch das Synonym Flicken für die stoffigen Bestandteile auftaucht. Und ja, die übertragene Bedeutung kennt der Duden auch, allerdings nur in Zusammensetzung mit -familie oder -biografie.
Es muss nicht immer Englisch sein
Zum Verwechseln eignen sich Fremdwörter nicht nur dann, wenn sie beide aus dem Englischen kommen. Das zeigt ein Satz, der bei Publikationen in Deutschland und der Schweiz ebenfalls ohne Korrektur geblieben ist; da hatte «Italiens Premierministerin Giorgia Meloni ihren migrationspolitischen Scoop gelandet». Für Presseleute ist es durchaus ein Coup, wenn ihnen ein Scoop gelingt, sie also als Erste über etwas Wichtiges berichten können; hierzulande nennt man das eher Primeur.
Aber Meloni hatte sich weder als Journalistin betätigt noch als Erste die Idee gehabt, Migranten in ein ausländisches Lager zu verfrachten. Dass sie dazu Albanien ins Visier nahm, mag man als Coup bezeichnen, Duden-Definition: «<französisch> (Schlag; [Hand]streich)». Ein Scoop dagegen ist fürs Rechtschreibe-Wörterbuch einfach ein «sensationeller [Presse]bericht». Dass man damit der Konkurrenz zuvorkommt, erklärt nur die Online-Ausgabe, dazu noch: «englisch scoop, auch: Gewinn, eigentlich = Schöpfkelle». Da soll noch jemand sagen, der Import von Fremdwörtern sei nicht schöpferisch. Sogar wer nur im Englischen schöpfen mag, kann in dieser Sprache das passende Wort für Melonis Aktion finden: coup (made in France).
Weiterführende Informationen
- Indexeinträge «Anglizismen» und «Fremdwörter» in den «Sprachlupen»-Sammlungen: tiny.cc/lupen1 bzw. /lupen2, /lupen3. In den Bänden 1 und 2 (Nationalbibliothek) funktionieren Stichwortsuche und Links nur im heruntergeladenen PDF.
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