FrancisPicabiaKunsthausZrich

Ausstellung vom 3. Juni bis 25. September 2016 © Kunsthaus Zürich

Dem Zeitgeist stets voraus

Aurel Schmidt /  Francis Picabia im Kunsthaus Zürich – der französische Künstler, der sich immer gegen Routine und Konventionen in der Kunst wehrte.

Der Franzose Francis Picabia (1879-1953) zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts, auch wenn er in der Öffentlichkeit nicht zu den bekanntesten gehört. Die Ausstellung über ihn, die das Kunsthaus Zürich zur Zeit zeigt, nimmt einen weiteren Anlauf, um ihm zu breiterer Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Ob es gelingen wird, ist eine andere Sache, denn Picabia macht es niemandem leicht. Wenn man den grossen, kubistisch eingerichteten Ausstellungssaal betritt, stellt sich ein verwirrender Eindruck ein, der kaum beabsichtigt gewesen sein dürfte, aber sofort die Vielschichtigkeit seines Werks erkennen lässt.

Eine klare Entwicklungslinie ist nicht zu entdecken. Es gibt nichts, das Picabia charakterisieren würde, und genau das ist es, was ihn auszeichnet. Er war ein singulärer Anreger, Neuerer, Rebell, der unentwegt nach neuen Ausdrucksformen suchte, aber sich sofort distanzierte, wenn er sie gefunden hatte und vor allem sein Publikum meinte, ihm auf die Schliche gekommen zu sein. Auf keinen Fall wollte er sich festlegen oder von anderen festgelegt werden. Nichts verachtete er mehr als Konventionen und Routine, und so muss sein Werk gelesen werden: im Widerstand gegen die künstlerischen Stilepochen des 20. Jahrhunderts. Das ist die erste Voraussetzung zum Verständnis.

Dem Zeitgeist voraus

Gewissermassen war das Kunstwerk für Picabia also er selbst. Dazu kommen konnte es nur durch eine extreme, radikale Technik der Selbstnegation, durch die er den Künstler durch das Werk substituierte. «Ich möchte erfinden, mir Dinge ausdenken, aus mir in jedem Moment einen neuen Menschen machen und ihn dann vergessen, alles vergessen»: so stellte er sich dar. Vielleicht war er genau aus diesem Grund dem mondänen Leben an der Côte d’Azur ebenso wie dem ländlichen Leben in der Nähe von Lausanne keineswegs abgeneigt.

Stets war er dem Zeitgeist ein Stück weit voraus. Wenn seine Künstlerkollegen dann auch soweit waren, war Picabia schon wieder ganz woanders. Als er nach 1900 seine Laufbahn begann, malte er im impressionistischen Stil, aber so dilettantisch, dass man beinahe den röhrenden Hirsch auf den Werken der Zeit vermisst. Da hatte er bereits seine Kunst selbst unterlaufen und widerlegt.

Der Dada-Bewegung, die 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich ihren Anfang nahm, schloss er sich sofort an. Aber schon nach kurzer Zeit brach er den Kontakt zu den Dadaisten ab, als er fand, dass sie sich zu sehr mit der Kunst und dem Dadageist arrangiert sowie den fröhlichen Aufstand gegen Kunst, Gesellschaft und Moral verraten hatten.

Die Täuschung des Sehens

Für Dada und in den Jahren nach der Zusammenarbeit mit der Bewegung verfasste er zahlreiche Manifeste und realisierte er verschiedene Zeitschriften. Auf den Titelseiten der Zeitschriften «291», «391», «Cannibale» und anderen verfolgte er einen von Vorbildern der Mechanik angeregten «mecanomorphen» Zeichnungsstil. Unter die genau ausgeführte Zeichnung einer Zündkerze setzte er den irreführenden und deshalb für sein Denken passenden Titel «Portrait d’une jeune fille americaine dans l’état de nudité». Als hätte er sagen wollen: Glaubt nur ja nicht, durchschaut zu haben, was ihr seht.

Guillaume Apollinaire, 1918 © Kunsthaus Zürich/ProLitteris

In der Zeit, in der der Kubismus die Epoche beherrschte, schloss auch Picabia sich an, aber wieder unterlief er mit seinem «kaleidoskopischen» Kubismus die Stilrichtung. Als in der Nachfolge von Dada der Surrealismus an Einfluss gewann, versuchte André Breton Picabia für die neue Kunstrichtung zu gewinnen, und wieder entzog er sich.

Nun malte alle Welt abstrakt, und Picabia? Er schlug den Weg zurück zur gegenständlichen Malerei ein. Die alte Ölmalerei hatte er schon lange aufgegeben, dafür verwendete er jetzt zum Malen Ripolin, eine industrielle Emailfarbe.

Realismus ohne Illusionen

Um den Kunstbetrieb zu widerlegen, übernahm er aus erotischen Zeitschriften, Werbung und populären Massenpublikationen Vorlagen und setzte sie malerisch um. Die «Nudes» und Pin-up-Girls entstanden, alle unter dem Begriff Realismus beziehungsweise im Sinn einer «menschlichen, allzu menschlichen» Malerei frei nach Nietzsche und ohne dem Willen zum Illusionismus zu verfallen. Immer das Gleiche, aber nie dasselbe. Lebenslang stand Picabia im Widerspruch zu seiner Zeit.

Wenn das Betrachten der Werke ein Anfang ist, dann muss sich eine Vertiefung in das Werk anschliessen. Der ausserordentlich informative Katalog hilft dabei. In Anbetracht von dessen Massen ist zum Lesen ein grosser Tisch erforderlich und für Brillenträger am besten eine Gleitsichtbrille. Im Vergleich zum unteren Bildrand ist am oberen die Schrift in weite Ferne gerückt. Aber das ist ein Thema, das nicht hierher gehört.

Übrigens war Picabia, wie es sein Status erwarten lassen kann, auch Schriftsteller, der aberwitzige, manchmal beissende, manchmal surrealistische Texte schrieb. Seine «Gesammelten Schriften» sind soeben im Verlag Nautilus erschienen. Wegen ihrer umstandslosen, querliegenden Komik und ihrer Aufsässigkeit sind seine Aphorismen lesenswert. Der Satz «Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann» ist einer der bekanntesten darunter und hat der Ausstellung das Motto gegeben.

Picabia und Satie auf der Leinwand

Gezeigt wird in Zürich auch der Film «Entr’acte» von René Clair, zu dem Picabia das Szenario und Erik Satie die tickende Musik geschrieben hat. Der Film wurde in der Pause der Vorstellung der Ballettproduktion «Relâche» (aus dem gleichen Jahr wie der Film, 1924, wie dieser wieder mit Picabia und Satie) vorgeführt. Der französische Ausdruck heisst eigentlich «vorführungsfreier Tag», aber auch «Pause», womit Picabia nach eigenem Bekunden «eine Pause im Denken des Kaufmannsgeistes» verstanden wissen wollte.

Zu sehen ist ein Wirbelwind von Bildern, als sei soeben das Kino erfunden worden. Man erkennt Marcel Duchamp und Man Ray beim Schachspielen, sieht einen Leichenwagen, der von einem Dromedar gezogen und von einer Trauergesellschaft im Galopp begleitet wird sowie, nicht zuletzt, Picabia und Satie selbst beim Ausführen ungelenker Luftsprünge. Was der Film kommunizieren will? Na ja, das sollte man allmählich verstanden haben. Selber denken, aber nach vorne denken, nicht nachdenken. Oder einfach: Macht damit, was ihr wollt. Machen wir. Danke, Picabia.

Die Ausstellung wurde von Cathérine Hug vom Kunsthaus in Zusammenarbeit mit Anne Umland vom Museum of Modern Art in New York, das die Schau Ende Jahr übernimmt, kuratiert. Mit der Vernissage wurden zugleich die Zürcher Festspiele im Zeichen von Dada eröffnet.

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Eine Meinung zu

  • am 10.06.2016 um 12:40 Uhr
    Permalink

    Erfreulich, mit Alt BaZ-Kulturchef Aurel Schmidt und Buchautor einen bedeutenden Humanisten, einen der unverwüstlichen «Alt-Intellektuellen» der Schweizer Publizistenszene hier lesen zu dürfen, wiewohl das Junggebliebensein zu einem Gelehrten gehört, der bei aller Neugier von langfristigen Orientierungen getragen ist. In seinem Beitrag vernimmt man den Namen René Clair, einen der Altmeister der französischen Filmszene, der auf seine Weise auch zu den Grossen der französischen Weltliteratur gehört.

    0

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