Kommentar

kontertext: Zukunft träumen (Teil 2)

Silvia Henke ©

Silvia Henke /  Ob das Träumen eine von den Maschinen unbeherrschbare Domäne sei, scheint umstritten. Warum darauf insistieren – auch in Zukunft?

Im ersten Teil von «Zukunft träumen» ging es mir um die unverwechselbare Signatur des Träumens, die durch kein algorithmisches Verfahren substituiert werden kann. Das Träumen markiert als unwillkürliche Bewusstseinsaktivität die prinzipielle Differenz von Mensch und Maschine.

Es gab einiges Nachhaken in den Kommentaren und Zuschriften: Dass Träume auch den Untergang enthalten. Dass es Todesträume gibt. Dass die Träume der Tech-Magas darin bestehen, andere für sich arbeiten zu lassen und unermesslich reich zu werden. Dass technologische Entwicklungen vom männlichen Traum einer Substituierung weiblicher Kreativität gespiesen sind. Dass man auch zu viel träumen kann. Dem möchte ich hier weiter nachgehen.

Maschinen träumen nicht

Immer schon wurden menschliche Leistungen mit jenen der neuen Technologien gemessen. Immer wieder waren die Maschinen besser, schneller, stärker, präziser als der Mensch. Sie übersteigen alle menschlichen Leistungen um so viel, dass die Fantasie, Maschinen könnten die Menschen ganz ablösen und künstliche Menschen würden künftig die Geschicke auf Erden bestimmen, bereits in der Bewegung des Futurismus am Anfang des 20. Jahrhunderts ausformuliert wurde.

Was zurzeit aber zur Disposition steht mit den Entwicklungen, ist nicht, was Maschinen anders und besser können im Sinne von Leistungen, sondern ob sie nicht einfach alles haben können, was Menschen sind. Dass sie fühlende, denkende und kreative Wesen sind. Kreativ insofern, als sie laufend dazulernen können. Insofern stellen sie wie die Sphinx über Theben die Frage nach dem Menschlichen. Das heisst: Sie regen die Diskussion an, was denn das Wesen des Menschen sei.

Wenn ich in meinem ersten Teil mit Ursula Le Guin bestätige, dass die menschliche Spezies aus dem Wasser und aus dem Wald kommt – und damit aus dem Reich der Träume, dann meine ich damit nicht, dass Träume die Menschen zu höheren Wesen machen. Sie träumen ja auch von Unsinn und Gewalt. Es geht nicht darum, wovon Menschen träumen, sondern um die Fähigkeit des Träumens selber als Ausdruck der geheimnisvollsten Kreativität unseres Bewusstseins.

Ein gutes Beispiel sind die in der Grenzregion zum Wachbewusstsein angesiedelten Tagträume. Es sind die männlichen wie weiblichen Erfinder und Künstler und vor allem die Schriftsteller, die diese Wahrheit des Traums ergründet haben, nicht die Neurologen. Freud war in seiner Zeit noch ein Pionier zwischen den Disziplinen, als er versuchte, den Sinn der Träume in Bezug auf unsere geheimen Wünsche zu ergründen.

Die Wahrheit des Traums ist nicht zu haben

Im dritten Teil der Journale des Schriftstellers Paul Nizon findet sich eine Passage, in welcher er zu sich selbst spricht, eine Passage zum existentiellen Wesen der Träume, die über alle Traumtheorien hinausgeht:

«Der Traum ist der verrückte Mund der Wahrheit, deiner Wahrheit, aber diese ist nicht einfach zu haben, wie über den Ladentisch gereicht. Auch wenn sie sich noch so inständig an dich richtet, sie ist nicht zu haben, weil sie dich verschlingt, du hängst an ihren Lippen und Bildern, die betörend sind wie Sirenenmusik und erschreckend wie das Haupt der Gorgo, keiner Geschichte warst du so atemlos hingegeben wie derjenigen, die dir dein Traum erfindet, keiner so nah, es ist die Einkehr beim Allerheiligsten und Allerschrecklichsten, wie du weisst, die ursprünglichste Form des Fabulierens, Geburt der Poesie aus deinem tiefsten Bade …»

Nizon folgt in dieser poetischen Meditation exakt der Bedeutung des Traums, die Ludwig Binswanger entworfen hat und die Michel Foucault in seiner berühmten Einleitung zu Ludwig Binswangers Text «Traum und Existenz» herausarbeitet: dass nur der Traum etwas zur Anthropologie des Imaginären beitragen kann. Der Traum, so Foucault, ist die Möglichkeitsbedingung des Imaginären.

Ja also, mag man in den KI-Stuben sagen, warum sollten Maschinen da nicht hinkommen? Man kann auch anders fragen: Warum sollten sie da hinkommen? Warum sollten sie die Traumlogik der wilden Assoziation und Selbstverdoppelung adaptieren – sie haben doch andere Interessen!

Ein praktisches Beispiel

Täglich erleben viele von uns, wie tückisch sich die KI mit unseren Träumen verhakt. Die Mail einer Agentin landete kürzlich in meiner Post. Die Agentin beschrieb eines meiner Bücher und setzte hinzu, sie könne und wolle das Buch neu lancieren, denn es verdiene eine breitere Aufmerksamkeit. Sie sprach also den «Traum» einer Schreibenden an, die ihren Publikationen eine möglichst grosse Leserschaft wünscht. Die Scheinagentin unterbreitete mir einen knallbunten Flyer, der das Buch mit einem grossen Bild von mir anpries. Das Bild stimmte nicht (meine Stirn- und Mundpartie wurden geglättet), der Klappentext war einfach kopiert, die mechanisch zusammengefügten Wendungen, mit einem grossen Sprachmodell aus dem Open Access des Buchs erstellt, waren nur redundant. Aus der Traum. Niemand hat mein Buch gelesen. Die Fortsetzung der Promotion würde bei 800 Euro Kosten beginnen.

Damit lassen sich die Träume von den Wünschen abgrenzen. Wir wünschen uns alle sehr viel, aber unsere Wünsche sind manipulierbar – oder eben: «über den Ladentisch zu haben.» Das versteht die KI, dafür braucht sie keinen Sinn und keinen Geschmack, Wünsche bleiben immer im statistisch Berechenbaren.

Natürlich lehne ich das «grosszügige Angebot» ab. Allein einen solch synthetischen Flyer zu versenden, würde die Kluft zwischen geschmackloser Werbeästhetik und wissenschaftlicher Selbstbeschreibung entblössen. (Und dies ausgerechnet bei einem Buch, das «Praktiken ästhetischen Denkens» heisst). KI kann nicht ästhetisch denken, gibt man ihr komplizierte Aufgaben, wird sie kindlich. Die Passage aus Nizons Text visuell zu übersetzen, löst sie so:

traum_mund_der_wahrheit

Die Erklärung der KI: «Die Bildidee folgt der Bewegung der Passage. Ein schlafendes Gesicht taucht aus nächtlichem Wasser auf, dem ‹tiefsten Bade›. Aus seinem geöffneten Mund dreht sich eine goldene Spirale. Das ist der Traum, der erzählt, und zugleich der Strudel, der verschlingt. Die obere Hälfte der Spirale trägt die betörenden Sirenenwellen, die untere die Schlangen der Gorgo. Allerheiligstes und Allerschrecklichstes gehören so zur selben Drehung. Aus dem Wasser steigen Blasen auf und werden zu Buchstaben: die Geburt der Poesie.»

«Maschinen können nicht beten»

Träume haben immer einen oder mehrere Widerstände eingebaut, das macht sie so bunt, so wirr und kompliziert, sie schaffen viel logische Lücken und viel Unmögliches, das sich auch visuell kaum festhalten lässt. Dafür hat die KI (bisher) keinen Sinn und keinen Geschmack. Sie kann metaphorische Ebenen nicht von realen unterscheiden; das uneigentliche Sprechen ist ihr fremd. Und weil sie nicht träumen kann, peilt sie unsere Wünsche an. Je einfacher diese sind, desto besser.

Schneller schreiben, Texte glätten, Wege finden, Feinde aus dem Weg räumen, auf alle Fragen Antworten erhalten, reich werden, die Welt beherrschen. Maschinen sind traumlose Wunscherfüllungsmaschinen. Sie können nicht selbstständig denken, sondern – als Antwort auf unsere Prompts – Denken nur simulieren.  Oder wie der junge italienische Cantautore Anastasio in seinem jüngst erschienen Album singt: Maschinen können nicht beten. «Le macchine non possono pregare.» Warum nicht? Wohl weil Gebete in der Regel aus symbolischer Sprache bestehen und sich an einen Gott wenden, der bis anhin und wohl auch in Zukunft nicht berechenbar ist.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...