Kommentar

kontertext: Dichtestress – Karriere eines üblen Begriffs

Felix Schneider © zvg

Felix Schneider /  «Dichtestress» mag es bei Ratten geben. Für menschliche Verhältnisse ist das Wort so unpassend wie ungebührlich.

Angeblich leiden wir nun alle in diesem Lande wieder an Dichtestress. Die Debatten um die 10-Milionen-Initiative haben begonnen. Oh du lieber Dichtestress, alles ist hin! Wenn Züge, Autobahnen oder Migros-Filialen überfüllt sind, entsteht, so hören wir, als Folge Dichtestress. Wenn die Mieten steigen und die Umweltbelastung zunimmt, so muss Dichtestress als Ursache hinhalten. Der Begriff ist eine Allzweckwaffe, und er ist mächtig. Er mobilisiert heftige, negative Gefühle. Wir wissen sofort: Gefahr droht uns. Und schon glauben wir: Dichte führt zu Stress! Die Sprache suggeriert eine natürliche kausale Verbindung zwischen den beiden. Der Begriff ist auch eine Nebelgranate. Er verdichtet Unzusammenhängendes und Kompliziertes zu einem diffusen Gefühl. Und weil im Nebel niemand klar sieht, kann die SVP für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme die Ausländer, Immigranten und Flüchtlinge als Sündenböcke anbieten. Getrübte Sicht herrscht allerdings auch bei vielen Gegnern der Initiative. Sie kontern mit der alternativen Nebelgranate «Chaosinitiative», statt stärker als derzeit politische und wirtschaftliche Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme wie z.B. überfüllte Züge, hohe Mieten oder Fachkräftemangel zu propagieren und dadurch etwas Licht ins Halbdunkel zu bringen. Man könnte zusammenfassend sagen: Die Verwendung des berauschenden Wortes Dichtestress macht dicht, hackedicht. 

Vorgeschichte

Recht eigentlich zum Zeitgefühl eines jeden Einzelnen sei der Dichtestress durch die Covid-Pandemie geworden, vermutet der Historiker Jakob Odenwald in einem lesenswerten Essay. Haben wir damals nicht alle gelernt, dass körperliche Nähe gefährlich sein kann?

Indes ist der Begriff älter und die dahinterstehende Idee noch älter. Bereits im 18. Jahrhundert warnte der britische Ökonom Thomas Malthus davor, dass das Bevölkerungswachstum irgendwann an die natürlichen Grenzen endlicher Ressourcen stosse. Ihm entgegnete schon Karl Marx, Armut und Arbeitslosigkeit entstünden nicht durch die naturgegebene Begrenztheit der Ressourcen, sondern durch den Kapitalismus, der eine relative Überbevölkerung produziere. Ganz der Meinung von Marx ist der «Adjunct Fellow» der marktliberalen und konzernnahen Denkfabrik Avenir Suisse, Marco Salvi: Die Thesen von Malthus hätten den Markttest nicht bestanden. Die Ressourcen seien eine gesellschaftliche und somit veränderbare Grösse. Wir hätten es eher mit «Dichte ohne Stress» zu tun, so der Titel seines Blogeintrags aus dem Jahre 2014. 

Von Ratten und Menschen

Der US-Verhaltensforscher John B. Calhoun hatte an Ratten beobachtet, dass bei anwachsender Population in gegebenem Raum ab einem bestimmten Punkt die soziale Ordnung zusammenbricht. Die Tiere werden aggressiv, Weibchen wollen Weibchen begatten, Eltern fressen ihre Kinder. Seine Beobachtungen wurden vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz aufgegriffen und gingen in die Populärkultur ein. «Die Bevölkerungsbombe» hiess das berühmt gewordene Buch, das der Biologe Paul Ehrlich 1968 veröffentlichte. 

In den 70er Jahren kam das Wort Stress dazu. Der deutsche Verhaltensforscher Dietrich von Holst hatte mit Tupajas Versuche zum sozialen Stress durchgeführt. Diese Baumspitzhörnchen sind ausgesprochen ungesellige und unsoziale Eigenbrötler, die Menschen dagegen sind soziale Wesen. Trotzdem wurden, einer konservativen und reaktionären Zeitströmung folgend, die Beobachtungen der Verhaltensforscher schnell aus der Biologie auf Menschen übertragen. Der Begriff Dichtestress erlebte eine erste Hochkonjunktur. 1976 rief der Spiegel den Stress zur «Krankheit des Jahrhunderts» aus. Der Biokybernetiker Frederic Vester gestaltete ein TV-Serie und publizierte das erfolgreiche Sachbuch «Phänomen Stress». 

Stress war für Vester zwar durchaus ambivalent, aber er scheute sich nicht vor Verallgemeinerungen und verlangte politische Massnahmen zur Stressminimierung. Er zitierte zustimmend einen Kollegen mit der Aussage: «Irgendwann gibt es für jede Gattung eine Grenze der Dichte» und erzählte dem staunenden Publikum:

«Zu manchen Aspekten des Verkehrsgewühls in unseren Grossstädten zeigt die wimmelnde Ansammlung einer überbevölkerten Mäusepopulation erschreckende Parallelen (…). Automatisch entstehen bei dieser Verkehrsdichte Gruppen von sich beissenden, verknäuelten Tieren, verendende Tiere, struppige, ungepflegte Untergebene und demgegenüber einige wenige vollgefressene der oberen Hierarchie mit glänzendem sauberem Fell.» 

Der struppige Untertan gegen den dickbäuchigen Bonzen mit glänzendem Fell – das ist ein starkes, gesellschaftliche Erfahrungen nachhaltig modellierendes Bild. Gelegentlich haben Vesters Erzählungen auch ein Geschmäckle:  

«In einigen afrikanischen Nationalparks hatten sich die geschützten Elefantenherden so vermehrt, dass sie drohten, ihr Revier völlig kahl zu fressen und zu verhungern. Die Behörden sahen keine andere Möglichkeit mehr, als selbst die Funktion des fehlenden Dichtestresses zu übernehmen. Sie erlaubten, den Elefantenbestand um die Hälfte zu dezimieren, damit wenigstens der Rest gesunden und überleben konnte.»

Da ist die Schweiz mal Avantgarde

Nach Vester verschwindet der Begriff Dichtestress aus der breiteren Öffentlichkeit, überlebt aber in Traktätchen am rechten Rand des Meinungsspektrums, wo die Vorliebe für biologistische Argumentationen auch hingehört. Ab den 90er Jahren jedoch kommt er mit Macht zurück, und zwar vor allem in der Deutschschweiz. Hier ist das Land mal Avantgarde und leistet Neues: Der Begriff wird mit den «Fremden», den «Ausländerinnen» verbunden und angeschlossen an die Tradition des Überfremdungsdiskurses, die über Schwarzenbach bis in die 30er Jahre zurückreicht. Den Stress verursacht nicht mehr die Vermehrung der eigenen Population, sondern der Import von Menschen. Das Resultat: Fremdenhass. 

Als im Jahre 2014 zwei untereinander verwandte Volksinitiativen, die Masseneinwanderungsinitiative (Kontingente für Einwanderung) und die ECOPOP-Initiative «Stopp der Überbevölkerung» (Begrenzung der Zuwanderung auf 0,2% jährlich) zur Abstimmung kommen, steigt die Verbreitung des Wortes massiv an. Es wird auch zum Unwort des Jahres gewählt. Und der Filmer und Publizist Thomas Haemmerli publiziert im Kein&Aber-Verlag das handliche Sammelbänchen: «Der Zug ist voll. Die Schweiz im Dichtestress». Es enthält viele der hier verwendeten Zitate und einige der hier vorgetragenen Überlegungen. Es ist heute noch lesenswert. 

Wieder und wieder und wieder

Genauer: es ist heute erst recht wieder lesenswert, denn die SVP lässt ja nicht locker. Sie legte über die Jahre eine einwanderungs- und flüchtlingsfeindliche Initiative nach der anderen vor. Derzeit steht ihre Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» zur Abstimmung an. Sie löst Diskussionen aus, die auch das trübe Wort vom Dichtestress wieder in die Öffentlichkeit spülen, sogar im Infosperber (siehe hier und hier). Nun ist es natürlich richtig, über die – durchaus lösbaren! – gesellschaftlichen Probleme zu diskutieren, die zu den Gefühlen und Einstellungen führen, welche die SVP mit dem Begriff «Dichtestress» synthetisiert und verfälscht. Niemand muss sich mit der dünnen Kampagne der SP zufriedengeben. Aber de Begriff selbst mit seinem biologistischen und rassistischen Erbe taugt nicht. Die Übertragung populationsbiologischer Erkenntnisse auf die menschliche Soziologie ist falsch und wissenschaftlich widerlegt.


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