Uiguren Propaganda 2

Propaganda-Videos der chinesischen Regierung: Uiguren beteuern, sie seien keinerlei Zwang ausgesetzt. © nyt

«Ich bin Uigure, lebe frei und bin glücklich»

Urs P. Gasche /  Propaganda-Aktion Chinas: Über 2000 Uiguren und Chinesen beteuern auf Twitter und YouTube, dass in Xinjiang alles normal sei.

«Es handelt sich um eine der ausgeklügeltsten Bemühungen, um die weltweite öffentliche Meinung zu beeinflussen», schrieb die New York Times. Zusammen mit ProPublica hat die NYT einen ganzen Monat über 3000 Videos analysiert und ist zum Schluss gekommen, dass es sich um eine orchestrierte Kampagne der chinesischen Regierung handeln müsse.

Einen ersten Schub von Videos platzierten die Propaganda-Leute auf YouTube und Twitter, nachdem der damalige US-Aussenminister Mike Pompeo am 19. Januar, seinem letzten Amtstag unter Präsident Trump, der chinesischen Regierung «Völkermord» an den Uiguren in Xinjiang vorgeworfen hatte. In mehr als 2000 Videos erklärten über 600 Chinesen und Uiguren übereinstimmend, Pompeo rede «totalen Unsinn». Mindestens 280 dieser persönlichen Statements begannen mit dem gleichen Satz «Ich bin in Xinjiang geboren und aufgewachsen».

Einer der Sprecher, der im Video sagte «Pompeo, halt s’Maul», konnte die NYT als Händler von Gebrauchtwagen in Xinjiang identifizieren. Auf Anfrage soll er gesagt haben, die lokale Informations-Behörde habe die Clips produziert. Für nähere Angaben solle sich die NYT an den Chef der Behörde, einen Herrn He wenden. Dieser antwortete auf Anfrage nicht.

Weder das chinesische Aussenministerium noch die Zentrale der Kommunistischen Partei in Xinjiang hätten auf Fax-Anfragen geantwortet, schreibt die NYT.

Ein zweiter Schub von Videos wurde zwei Monate später in Umlauf gebracht, nachdem H&M sowie andere Textil- und Kleiderkonzerne eine mögliche Zwangsarbeit von Baumwoll- und Textilarbeiterinnen und -arbeitern thematisiert hatten. In einem der Videos sitzt eine Uigurin mit ihrem Mann und ihrem Sohn auf einem Sofa. Der Sohn fragt «Mutter, wer ist H&M?». Die Mutter antwortet: «Das ist ein ausländischer Konzern, der Baumwolle aus Xinjiang verarbeitet und Xinjiang schlechtmacht. Was meinst du, ist H&M böse?» Der Sohn: «Sehr böse!»
Dieser Clip wurde auf Twitter und YouTube verbreitet.

Etliche der Videos seien zuerst auf der regionalen Nachrichten-App der kommunistischen Partei verbreitet worden. Später erschienen sie mit englischen Untertiteln auf Twitter und YouTube.

Die NYT und ProPublica weisen auf das pikante Detail hin, dass Chinas Regierung die Social Media Twitter und YouTube in China gesperrt hat. Und vor allem weisen sie darauf hin, dass Journalistinnen und Journalisten und Diplomaten in Xinjiang nur ausgewählte Orte besuchen dürfen und Gespräche mit lokalen Leuten nur unter Aufsicht möglich seien. Einen Zugang zu frei gewählten «Umerziehungslagern», wo Hunderttausende Uiguren festgehalten würden, lasse Chinas Regierung nicht zu. Mit einem solchen Zugang könnte China schwere Vorwürfe von Misshandlungen und Zwangsarbeit entkräften.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

Flagge_China

Chinas Innenpolitik

Hohe Wachstumszahlen; riesige Devisenreserven; sozialer Konfliktstoff; Umweltzerstörung; Herrschaft einer Partei

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9 Meinungen

  • am 17.07.2021 um 13:33 Uhr
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    Mindest drei ? ? ? stehen nun in meinem Oberstübchen:

    China ist weit, weit weg.
    Was Genaues weiss keiner hier.
    Dies-bezügliche Glaubwürdigkeit der NYT ist fraglich.

    Also:
    Herzlichen Dank für den interessanten Artikel.
    Gut geschrieben – auf Basis wackliger Recherchen.
    Und ich hoffe nun weiter auf «Erleuchtung».

    Wolf Gerlach, Ingenieur

    2
  • am 17.07.2021 um 20:25 Uhr
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    Im April gab‘s den gut recherchierten Artikel «Der Konflikt in Xinjiang und seine Entstehung» von Helmut Scheben, der darin die gezielte US-Propaganda gegen China mit dem Ziel der Destabilisierung/Regime Change thematisierte und auch auf die differenzierte Einschätzung von China-Kennern wie Wolfram Elsner von der Uni Bremen («Das chinesische Jahrhundert» hingewiesen hatte.
    Deshalb kann man davon ausgehen, dass es sich bei den nun veröffentlichten Videos um keine „Propaganda-Aktion Chinas“ handelt, wie die NYT vermutet, sondern ganz einfach darum, dass „über 2000 Uiguren und Chinesen die ständigen Lügenmärchen des „Werte-Westens“ einfach satthaben – eben weil in „Xinjiang alles normal“ ist.
    Auch sollte es doch jedem zu denken geben, dass «Felix Lee von der Berliner «taz»(…) von den «Umerziehungslagern» keines finden» konnte, was Amnesty International offensichtlich dazu veranlasste, seinen Bericht mit: «Im Land der unsichtbaren Lager» zu betiteln. Tja: Wo keine Lager sind, kann man auch keine sehen, oder?
    Erhellend ist auch die Lektüre des ausgezeichneten Artikels «Xinjang – Chinas Schwachstelle?» des Chinaspezialisten Wilhelm Reichmann aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «INTERNATIONAL -Die Zeitschrift für internationale Politik», und lohnend ist auch das Interview mit einem Mitglied der Grünen, der in China lebt. Wie schon in Grayzone aufgedeckt, geht es allein um bösartige anti-chinesische Propaganda des «Werte Westens».

    3
  • am 18.07.2021 um 13:33 Uhr
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    Ja in Zeiten von Fake-News und permanenter Probaganda im Sekundentakt, kriegt man langsam Probleme, was man den nun glauben/denken soll. Selbst wenn diese Videos chinesische Probaganda sein sollten, wäre es doch nur eine mögliche Antwort auf die Unwertewestlichen PR’s gegen China. Vermutlich jedoch liegt @Claudia Karas mit ihrer Vermutung, dass es sich um Uiguren und Chinesen handelt, die ständigen Lügenmärchen des „Werte-Westens“ einfach satthaben, nicht weit daneben.

    3
  • am 18.07.2021 um 14:00 Uhr
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    Natürlich betreibt die USA Propaganda gegen China. So wie auch China gegen die USA Propaganda betreibt.

    Nur begehen Frau Karas und andere Personen, die die Umerziehungslager in Abrede stellen, einen Logik-Fehler: Dass die USA Propaganda betreibt, heisst noch lange nicht, dass es die Lager nicht gibt oder dass diese nicht schlimm sind. Aber wenn man sich auf Verschwörungs-Ideologien eingeschossen hat, nimmt man es mit der Logik anscheinend nicht mehr so genau.

    Warum lässt denn die chinesische Regierung den Zugang zu den Lagern nicht zu? Wie im Artikel richtig geschrieben wurde, könnte sie dadurch die Vorwürfe entkräften – falls diese falsch sind.

    5
  • am 19.07.2021 um 02:44 Uhr
    Permalink

    Sehr geehrter Herr Neuenschwander.

    wenn es aber nun tatsächlich keine Lager «geben würde»
    könnte man ja auch keinen «Zugang» bekommen ?!

    Was also nun Denken unsererseits ?!

    Guter Rat diesbezüglich ist UN-möglich !

    Ich nehme daher an, dass Ihre «klare Position» so gut/wie schlecht nachvollziehbar ist, wie ein Zufalls-Treffer bei einem Glücks-Spiel ?!

    Freundliche Grüsse !
    Wolf Gerlach, Ingenieur

    2
  • am 20.07.2021 um 12:55 Uhr
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    Das ist eine interessante Situation. Im Westen ist es nicht vorstellbar, dass gewöhnliche Bürger und Bürgerinnen mit staatlichen Organen zusammenarbeiten würden, um ihre Sicht der Dinge gegen ausländische Falschinformationen rüberzubringen. Die müssen ja total hirngewaschen sein! (Wie die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung, die ihrer Regierung vertrauen, wie amerikanische Meinungsforscher feststellen mussten.) Wir kennen das hier von der westlichen Berichterstattung über Hong Kong vor zwei Jahren, die sich auch auf sehr selektiv als «authentisch» erkannte Stimmen verliess. Andere Stimmen wurden ignoriert oder als regimetreu abgeschrieben. Zu Xinjiang gibt es zu viele unabhängige Berichte sowohl von Einheimischen als auch von ausländischen Besuchern, die der westlichen Propaganda widersprechen, als dass man sie ignorieren könnte. Wenn man sich wirklich über die Auswirkungen der amerikanischen (und z.T. europäischen) Sanktionen gegen Xinjiang informieren wollte, könnte man vielleicht damit beginnen, sich über die Natur und die Grösse der lokalen Landwirtschaftsbetriebe zu informieren, welche hauptsächlich Familienbetriebe sind und mit amerikanischen Agro-Unternehmen nicht vergleichbar. Darum geht es.

    2
  • am 20.07.2021 um 22:04 Uhr
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    @Wolfgang Gerlach:

    Danke für die Erleuchtung. Dass ich darauf nicht selbst gekommen bin, so einfach wie die Sache ist:

    China verweigert also den Zugang zu den «Lagern», weil es keine gibt. China verweigert auch den Zugang zu den «Berufs- und Ausbildungscamps» – wie sie China nennt – weil es die gar nicht gibt! Und China verweigert den Zugang zum Gelände, auf dem die Camps stehen. Warum? Ganz einfach: Weil es das Gelände nicht gibt!

    1
  • am 21.07.2021 um 16:49 Uhr
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    @Thomas Neuenschwander
    Köstlich! Wie dumm wir im Westen doch sind. Und China verweigert seinen Bürgern auch den Zugriff auf Facebook und Youtube, weil es diese Plattformen ja gar nicht gibt.

    1
  • am 25.07.2021 um 16:31 Uhr
    Permalink

    Leider erschien mein obiger Kommentar ohne die links zu den aktuellen Berichten von China-Experten, die Land und Leute kennen, wie zB zu dem sehr informativen Bericht von Wilhelm Reichmann: „Ein Lokalaugenschein vor Ort sowie auch eine Analyse historischer Hintergründe relativieren diese Kampagne und stellen sie in erster Linie als gezielte Kampagne gegen einen unliebsamen Konkurrenten dar.“ Auch der Bericht von Jürgen Kurz über „Meine Xinjiang-Reise im Mai 2021“ ist lesenswert, wenn man sich vorurteilsfrei informieren will.
    Nun wissen wir ja um die aggressive US-amerikanische Regime-Change-Politik und vergegenwärtigen uns dazu Pompeos feixendes Bekenntnis: „Wir lügen, wir betrügen, wir stehlen“. Deshalb kann man davon ausgehen, dass die „chinesischen Lager“ genauso „existieren“ wie die gesuchten und nie gefundenen Saddam-„Massenvernichtungswaffen“, die der US/BND-Agent „Curveball“ erstunken und erlogen hat als Vorwand, den Irak völkerrechtswidrig zu bombardieren und zu massenmorden. Auch in der Causa „chinesische Lager“ ist der Lügen-Agent wieder mal ein deutscher Staatsbürger: der rechtsextreme evangelikale „wiedergeborene“ Christ Adrian Zenz, der für den US-Thinktank »Victims of Communism Memorial Foundation« mit engen Verbindungen fur CIA arbeitet. Und warum wundert es keinen, dass es außer den westlichen anti-chinesischen Menschenrechtsgroupies keinen Aufschrei in der muslimischen Welt gibt?!

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