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Die digitale Überwachung nimmt zu © ZDNet

«Chinas Sozialkredit-System kommt schleichend auch bei uns»

Urs P. Gasche /  Die Überwachung sei in China offizielle Politik. Bei uns würde sie unbemerkt eingeführt und schlafwandelnd akzeptiert.

Das sagt Professor Gerd Gigerenzer in seinem neuen Buch «Klick»* mit dem Untertitel «Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen.» Das Gottlieb Duttweiler Institut bezeichnete Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt.

Gerd Gigerenzer zeigt das Problem anschaulich: Man solle sich einmal vorstellen, die Post würde keine Tarife mehr erheben, sondern die Briefe gratis befördern. Im Gegenzug würde die Post, um Geld zu verdienen, alle Briefe offen oder insgeheim lesen und die Inhalte an interessierte Dritte verkaufen.

Was für die Post nicht in Frage komme, sei auch bei den Plattformen der Social Media zu unterbinden, erklärt Gigerenzer. 

Denn wenn wir weiterhin zuschauen, wie Konzerne und Regierungen unsere persönlichen Daten, Vorlieben und Tätigkeiten erfassen und auswerten, könnten wir unsere persönlichen Freiheiten bald an den Nagel hängen. Was China «zum Wohle aller» offiziell und transparent tue, entwickle sich bei uns schleichend, warnt Gerd Gigerenzer. 

Den einzigen Ausweg sieht er darin, dass wir Online-Informationen nicht mehr mit unseren Daten erkaufen, sondern mit Geld. Die Entschädigung könnte ein Betrag pro Monat sein oder einer, der nach dem benutzten Datenvolumen abgestuft ist. Dann allerdings müssten Google, Facebook und andere Social Media für das Speichern persönlicher Daten bestraft werden. 

Gigerenzers sieht in seinem Vorschlag zudem den Vorteil, dass die Social Media nicht mehr den Werbetreibenden zudienen müssen wie heute, sondern den Nutzern. Auf die Angebote würde sich dies entscheidend auswirken.

Ein Punktesystem erfasst nicht mehr nur die Kreditwürdigkeit, sondern das ganze soziale Verhalten

An «Kreditwürdigkeitspunkte» («Kredit-Scores») haben wir uns gewöhnt. Banken, Telefongesellschaften und Arbeitgeber entscheiden aufgrund einer Bonitätsprüfung, ob jemand einen Kredit, einen Telefonvertrag, eine Anstellung oder einen Mietvertrag erhält. Gigerenzer: «Wenn Sie bei einem Online-Shop etwas bestellen, merken Sie vermutlich gar nicht, dass Ihr Kredit-Score abgefragt wird, noch während Sie den Kauf mit einigen Klicks abschliessen.» Das Ergebnis kann beispielsweise dazu führen, dass einige Zahlungsoptionen nicht angeboten werden.

Deutlich weiter gehen Punktesysteme zum sozialen Verhalten. Die sogenannten «Sozialkredit-Scores» sammeln alle persönlichen Daten, die erhältlich sind. Zum gesamten digitalen Fussabdruck gehören besuchte Webseiten, Online-Einkäufe und Ferienbuchungen oder politische Äusserungen in Social Media. In China kann Strafpunkte kassieren, wer bei Rot über die Strasse geht, zu schnell fährt oder seine Eltern nie besucht. Punkte gewinnen kann, wer nicht zu viel Zeit mit Videospielen verbringt oder Fremdsprachen lernt oder mit Freunden und Freundinnen verkehrt, die ihrerseits eine hohe Punktezahl haben. 

Neben der öffentlichen Blossstellung gebe es auch Anreize und Strafen, schreibt Gigerenzer. Personen mit vielen Punkten erhielten Privilegien wie günstigere Kredite oder kostenlose Gesundheitschecks. Eine niedrige Punktezahl erschwere den Zugang zu Flugzeugen oder Hochgeschwindigkeitszügen. In einer Online-Erhebung hätten 94 Prozent der befragten Chinesen angegeben, sie hätten ihr Verhalten geändert, um Punkte für ihre «Sozialkredit-Scores» zu sammeln.

Verschiedene Staaten in Asien, Südamerika und Afrika seien daran, dem Beispiel Chinas zu folgen, namentlich Thailand, Myanmar, Vietnam, Venezuela und Tansania. 

Regierungen würden sich mit dem Argument rechtfertigen, dass solche Systeme die Bürgerinnen und Bürger vor egoistischen Trittbrettfahrern, Straftätern und Terroristen schützen.

Westliche Unternehmen verwenden die gleiche Technologie wie China

Der weltweit tätige US-Konzern Acxiom beispielsweise betreibt mit vielen Tochtergesellschaften «kundenorientiertes Marketing» und ist spezialisiert in Adresshandel, Soziodemografie, Kaufkraft, Verbrauchertypologien und Branchen-Scores. Zu den Kunden gehören Kreditkartenfirmen, Autokonzerne oder Warenhäuser. Auf Wikipedia ist zu erfahren: «Im Zuge des Facebook-Datenskandals rund um Cambridge Analytica gab Facebook bekannt, die Zusammenarbeit mit Acxiom aufzukündigen. Der Börsenwert von Acxiom gab daraufhin im März 2018 um über 30 Prozent nach.» Das zeigt, wie viel diese personenbezogenen Daten wert sind.

Unternehmen wie Acxiom würden die gleiche Technologie verwenden, die Chinas Sozialkredit-System möglich macht, schreibt Gigerenzer: «Doch sie sammeln die Daten so verstohlen wie möglich, während China wenigstens kein Geheimnis daraus macht. Ob offen oder versteckt, Tech-Unternehmen und staatliche Organisationen bauen gemeinsam an einer Welt der totalen Überwachung.»

Gigerenzer sieht nur einen Ausweg: «Bürger, Gesetzgeber und Gerichte greifen ein, um dem Scoring der Bevölkerung Einhalt zu gebieten.»

Das «Privatsphären-Paradox»

Wir seien zwar entrüstet, wenn wir vom Sozialpunktesystem in anderen Ländern hören. «Doch die gleichen Leute sind oft bereit», schreibt Gigerenzer, «ihre persönlichen Daten ohne Wimpernzucken allen möglichen Wirtschaftsunternehmen zu überlassen: was sie kaufen, wo und mit wem sie ihre Tage verbringen, welche Webseiten sie besuchen, ob sie ihre Rechnungen rechtzeitig bezahlen und wann und zu welchem Zweck sie einen Arzt aufsuchen».

Diesen Widerspruch nennt Gigerenzer das «Privatsphären-Paradox»: Dieselbe Person, die behauptet, sich um die Privatsphäre zu sorgen, sei nicht bereit, einen Cent für sie zu zahlen. Stattdessen würden sie ihre privaten Daten auf Social Media und anderen Plattformen preisgeben, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. In einer repräsentativen Umfrage hätten 75 Prozent von 3200 befragten Deutschen erklärt, sie seien nicht bereit, auch nur einen Cent zu zahlen, damit die Social Media wie Facebook, WhatsApp, Instagram und all die anderen damit aufhören, persönliche Daten zu sammeln und weiterzugeben. Als Begründung werde oft angegeben «Ich habe nichts zu verbergen».

Warum sie sich denn überhaupt um die Privatsphäre sorgten, fragt Gigerenzer. Wären sie denn etwa bereit, ihr Smartphone einem Wildfremden auf der Strasse zu überlassen, damit dieser dessen Inhalte, einschliesslich der Fotos und Videos herunterladen könnte? Das sei im Grunde genau das, was Google, Facebook und andere tun würden, ohne uns zu fragen.

Gigerenzer erinnert daran, dass die preisgegebenen Daten von grossem Interesse sein können für Unternehmen, Krankenversicherer, politische Parteien, Privatdetektive, Arbeitgeber und viele andere. Er erwähnt ein Beispiel: Mit Hilfe von Apps würde Facebook Daten sammeln über Herzfrequenz und Eisprung, oder versuche aus Posts zu schliessen, ob sich jüngere Leute gestresst, abgelehnt, überfordert, ängstlich, nutzlos oder als Versager fühlen. Facebook wolle damit seinen Werbekunden ermöglichen, die Nutzer mit gezielten Anzeigen im richtigen Augenblick zu beeinflussen.

«Überwachungskapitalismus»

Das neue Geschäftsmodell, für Dienstleistungen mit persönlichen Daten zu zahlen, nennt Gigerenzer einen «Überwachungskapitalismus», der von Google perfektioniert wurde und von Facebook und anderen nachgeahmt werde.

Die neue smarte Welt käme auch ohne dieses neue Geschäftsmodell aus. Es sei nur von Menschen erfunden worden, um Profit zu machen. Symbol des eingeführten Überwachungskapitalismus seien die «Cookies». Nicht ohne Grund habe der US-Kongress im Jahr 2001 über ein Gesetz beraten, das Cookies regulieren sollte. Doch nach 9/11 seien alle Datenschutzbedenken den Sicherheitsbedürfnissen geopfert worden: «Plötzlich entwickelten Regierungen grosses Interesse an der digitalen Überwachungstechnologie. Der bis heute gültige «Patriot Act» habe die Bürgerrechte eingeschränkt: «Das Programm ‹Total Information Awareness› (Totale Informationskenntnis) und nachfolgende Programme erlaubten es den US-Internetunternehmen, die Daten ihrer Nutzer mit wenigen Einschränkungen zu sammeln, und verpflichtete sie im Gegenzug, die Daten auf Verlangen an die Regierung weiterzuleiten.»

Die Angst vor Terrorismus habe zu einer nie dagewesenen Zusammenarbeit zwischen Google und den US-Geheimdiensten geführt, vor allem der NSA.

Wenn man im Westen von staatlicher Überwachung höre, denke man automatisch an China: «Doch in den USA kommen rund 15 Videoüberwachungskameras auf 100 Einwohner. Das sind sogar etwas mehr als in China und rund doppelt so viele wie in europäischen Ländern», schreibt Gigerenzer. Als bekannt wurde, dass die NSA heimlich Telefongespräche von Millionen Amerikanern – nebst ihren persönlichen Daten von Facebook, Google und anderen Hightech-Firmen – gesammelt hatte, habe die Regierung dies mit dem Schutz vor Terroristen begründet.

Es gebe jedoch keinen Beweis dafür, dass die Massenüberwachung tatsächlich mehr Terrorangriffe vereitelte als die traditionelle Terrorabwehr in der Zeit davor.

Die direkten Anweisungen von Regierungen an Tech-Unternehmen würden vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. In Grossbritannien beispielsweise habe der britische Geheimdienst «Government Communications Headquarter» GCHQ unter dem Namen «KARMA» ein ähnliches Programm zur Massenüberwachung entwickelt, das sämtliche Online-Aktivitäten der Bürger erfasst – Instant Messaging, E-Mails, Skype-Anrufe, Telefongespräche, Besuche auf Pornoseiten, Social Media, Chat-Foren und so fort. GCHQ habe auch Computernetze europäischer Unternehmen und des weltgrössten SIM-Karten-Herstellers Gemalto gehackt, indem er heimlich die Entschlüsselungscodes stahl, welche die Privatsphäre der Mobilfunkkommunikation schützen.

Edward Snowden habe vergeblich enthüllt, dass die US-Regierung heimlich mit Apple, Facebook, Google, Microsoft und anderen Internet-Unternehmen nationale und globale Überwachungsprogramme betreibt. 

Gigerenzer zitiert den früheren CEO von Google, Erich Schmidt: «Wenn es etwas gibt, von dem Sie wünschen, dass niemand es weiss, sollten Sie es lieber gar nicht erst tun.» Dieser Ratschlag hätte auch von Chinas Regierung oder von anderen autoritären Regimes kommen können.

Professor Gerd Gigerenzer

Der 1947 geborene Gerd Gigerenzer ist einer der bekanntesten Psychologen. Nach Lehrtätigkeiten in Konstanz, Salzburg und Chicago ist er heute Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Folgende mehrfach ausgezeichneten Sachbücher wurden in 21 Sprachen übersetzt. Bücher auf englisch hier.
«Das Einmaleins der Skepsis» (CHF 15.10Euro 12.00);
 «Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten» (CHF 18.90; Euro 10.00);
«Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft» (CHF 17.20Euro 14.00

«Abhilfe bringt nur ein radikaler Schnitt»

Die Entwicklung zu einem totalen Übewachungsstaat könne nur mit einem «radikalen Schnitt» verhindert werden, glaubt Gigerenzer: «Das Geschäftsmodell der Überwachung kann nur beendet werden, wenn die Tech-Unternehmen eine Gebühr für ihre Dienste erheben. Das wäre der Schlüssel, um die Privatsphäre zu retten und einer Zukunft mit kommerzieller Überwachung zu entgehen, die leicht in eine staatliche Überwachung abgleiten könnte.»

Die Möglichkeit, Cookies abzulehnen reiche bei weitem nicht aus, weil viele Unternehmen eine Ablehnung bewusst zur zeitraubenden Prozedur machen würden, um die Nutzer zu nerven.

Social-Media-Unternehmen müssten vom jetzigen Geschäftsmodell Abschied nehmen und für ihre Dienste Geld verlangen. Im Gegenzug müssten die Social-Media-Plattformen verpflichtet werden, überprüfbar zu gewährleisten, dass deren Nutzung nicht nachverfolgt wird. Um dies zu erreichen, bedürfe es «einer strengen Gesetzgebung, die den Überwachungskapitalismus zügelt», sowie die Bereitschaft der Nutzer, eine kleine Gebühr zu zahlen. Zwei Dollar pro Monat könnten die Werbeeinnahmen von Facebook ersetzen, rechnet Gigerenzer in einer Überschlagsrechnung aus.

Allerdings, so Gigerenzer, müssten Parlamente und Regierungen bereit sein, sich den Lobbyisten der Social-Media-Unternehmen und ihren Kunden zu widersetzen und gegen die Datenschutzpraktiken und Geschäftsmodelle der Internetbranche entschlossen vorgehen.

Schliesslich warnt Gerd Gigerenzer vor dem gegenwärtigen Schlafwandeln: «In die Überwachung schlafwandeln bedeutet, dass wir uns mit offenen Augen aus Freiheit und Privatsphäre entfernen und beim Aufwachen nicht fassen können, wie wir dorthin gelangt sind.»

Cover Klick.C.Bertelsmann

*Gerd Gigerenzer: «Klick»

Verlag C. Bertelsmann, 2021, CHF 27.90, Euro 24.00.
Aus dem Buchumschlag: «Sollten wir einer Person vertrauen, die wir nur durch Online-Dating kennengelernt haben? Sollen wir einem geheimen Algorithmus vertrauen, der ausrechnet, wer für eine Stelle, ein Darlehen oder Sozialhilfe in Frage kommt? Wie viele Fünf-Sterne-Beurteilungen eines Produktes, für das wir uns interessieren, sind echt, und wie viele sind gekauft?
Können wir Social-Media-Plattformen trauen, wenn es deren Geschäftsmodell ist, unsere Aufmerksamkeit und Zeit für Werbekunden zu verkaufen? Und was ist mit Staaten? Nach den Ergebnissen eines Forschungsteams an der University of Oxford haben rund siebzig Staaten weltweit auf Social Media spezialisierte Desinformationsteams entwickelt, um Lügen zu verbreiten und Wahrheiten zu verschleiern. Sollen wir uns angesichts dessen damit begnügen, achselzuckend durch den Newsfeed zu scrollen, um einen weiteren Schub Dopamin zu bekommen?
Wir können unsere Augen schliessen, als selige Konsumenten weiterleben und einfach auf das Beste hoffen.
Die Alternative ist, digital kompetente Bürger zu werden. Wenn Häuser, Fabriken und Städte smart werden, warum dann nicht auch die Menschen?»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
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Zum Infosperber-Dossier:

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Wenn Milliarden-Unternehmen und Milliardäre Nationalstaaten aushebeln und demokratische Rechte zur Makulatur machen.

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Die Angst vor terroristischen Anschlägen wird als Grund genannt für weitreichende Privatsphäre-Eingriffe.

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14 Meinungen

  • am 12.12.2021 um 11:40 Uhr
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    Vielen Dank für das Bekanntermachen von Gerd Gigerenzer und seinen Publikationen. Er ist auch beteiligt an ‹Unstatistik des Monats› https://www.rwi-essen.de/unstatistik/
    Aus den von Urs P. Gasche beschriebenen Gründen verzichte ich auf die (a)sozialen Medien wie ‹Wart’s ab›, ‹Fakebook›, ‹Spitter›, etc. Für meine Daten habe ich mithilfe eines NAS eine eigene Cloud. Wann immer möglich bezahle ich mit Bargeld.

  • am 12.12.2021 um 16:03 Uhr
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    Bemerkenswert ist, dass gerade «Enthüllungs»-Plattformen wie uncutnews oder tpb (um nur zwei von vielen zu nennen) sich nicht um Datenschutz scheren. Was heißt dass sie nicht nur kein Opt-In Verfahren für Cookies anbieten, sondern noch nicht mal ein Opt-Out ermöglichen.
    Offenbar betreibt da jemand ein einträgliches Geschäft mit Verschwörungsgeschichten…

  • am 12.12.2021 um 17:56 Uhr
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    Gigerenzer’s Vorschlag, wir müssten die Internetplattformbetreiber nur zwingen, von den Nutzern eine Gebühr von 2 € erheben und dafür auf die Nutzung der persönlichen Daten zu verzichten und schwupps ist der Überwachungskapitalismus gebannt, ist wohl das Naivste, was man sich vorstellen kann und es zeugt vom grundlegenden Unwissen des Autors über die fundamentale Gesetzmässigkeit der Netzwerkökonomie im digitalen Raum, die zu natürlichen Monopolen werden (müssen). Shoshana Zuboff hat das in ihrem fundamentalen Werk «das Zeitalters des Überwachungskapitalismus» (Campus) schon 2018 detailliert analysiert. Wie bei anderen natürlichen Monopolen in der Netzwerkökonomie gilt auch hier; nur gesellschaftliche Kontrolle der (natürlichen) Monopole kann der Weg sein, sicherzustellen, dass diese Monopole dem Grundsatz «don’t be evil» oder «do the right things» auch wirklich nachleben. Dass das kapitalistische Ordnungsprinzip, dass Monopole zerschlagen werden müssen, sich hier nicht anwenden lässt, hat die EU langsam begriffen – (noch) nicht aber die USA. Die Idee, den Monopolplattformen ihnen das Geschäftsmodell vorschreiben zu wollen lenkt nur ab von der eigentlichen Frage: wie kontrollieren wir, die Gesellschaft, diese natürlichen Monopole – endlich?

    • am 14.12.2021 um 16:03 Uhr
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      Shoshana Zuboffs Werk «das Zeitalters des Überwachungskapitalismus» sollte zur Pflichtlektüre an unseren Schulen werden. Denn für uns Anwender bedeutet der inhärente Totalitätsanspruch des Überwachungskapitalismus, dass proprietäre Datenbanken uns besser kennen als wir uns selbst. Unsere Zukunft wird bestimmt werden von einer KI die, in kürze auch noch von Quantencomputern gestützt, zusammen mit der 5/6 G-Technologie und dem IOT, erschreckende Abgründe öffnet, die von Zuboff wie folgt beschrieben werden :
      «… die jahrzehntelange Umsetzung des neoliberalen Paradigmas, seine politische Ökonomie hat eine umwälzende Wirkung auf die Gesellschaft; das gilt insbesondere für sein Ziel, den Drang des Einzelnen nach psychologischer Selbstbestimmung und moralischem Handeln umzukehren, zu hemmen, ja zu ersticken …»

  • am 12.12.2021 um 18:22 Uhr
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    Ich empfehle 1984 von Georg Orwell. Da steht der Plan der Machthabenden, verpackt in einem Roman, deutlich erkennbar für jedermann/frau seit 74 Jahren. Das Volk wird erfolgreich dumm gehalten, gespalten und mit Terror und Krieg eingeschüchtert. Teile und Herrsche, das haben bereits die Römer praktiziert, die Methoden sind heute jedoch um einiges subtiler. Die Unbelehrbaren glauben bei uns sei es besser als im Osten und merken dabei nicht, wie sie in die gewünschte Richtung manipuliert werden.

  • am 12.12.2021 um 22:16 Uhr
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    Die Frage ist, ob die Datensammelei in den zwangsweise gebührenpflichtig gemachten Diensten nicht trotzdem stattfinden würde. Alle technischen Einrichtungen hierfür sind ja vorhanden und schon Betrieb!

  • am 13.12.2021 um 09:48 Uhr
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    Das ist ja schön und gut, dass hier darüber geschrieben wird und auch Gigerenzer darüber schreibt. Währenddem hier etwa 19 Tracker durch den Adblocker blockiert werden, oben auf der Webseite Facebook und Twitterbuttons eingeblendet werden und mit all dem auch schön daten gesammelt werden, wohlverstanden: nicht Anonym!
    Wie ernst kann ich denn sowas, resp. dieses Medium nehmen? Mm. gar nicht. Wasser predigen, Wein saufen… Macht alles e chli auf empörte Wutbürger hier, aber dann gehts halt doch im Galopp weiter zum nächsten Thema oder der nächsten Sau, die man durchs Dorf treiben kann für Hits und Clicks.

    • am 19.12.2021 um 09:51 Uhr
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      Sehe ich i.A. zwar auch so, Herr Schneck, aber ist Ihnen aufgefallen, dass Infosperber seit einiger Zeit werbefrei ist, auch ohne Adblocker? Grosses Kompliment! Und die Site funktioniert auch wunderbar mit eingeschaltetem Noscript oder ähnlichem, und setzt (glaube ich) keine Cookies. Der Anteil Wein im Infosperber-Wasser ist zumindest recht klein.

  • am 13.12.2021 um 10:12 Uhr
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    Der Unterschied zwischen China und EU ist extrem groß: China schaut auf ihre eigene Bevölkerung. Und eine Fremdsprache zu lernen oder sich um die eigenen Eltern zu kümmern ist ja wohl gar nichts Negatives (Abschieben ins Altersheime ist selbstverständlich wesentlich bequemer!). Keine fremde Macht/Land ist dabei beteiligt.
    Die EU ist anscheinend schwach und erlaubt alles, was aus den USA kommt. Angefangen, dass Google alles fotografieren durfte und dies eindeutig unter NASA (US Militär und mitfinanziert wird vom US Steuerzahlern !!)) bis weiter zu sämtlichen Massenmedien. Alle Daten werden sozusagen von einer nichteuropäischen Macht/Land gespeichert und das über EU Bürger. Dass der USA eine erfolgreiche EU nicht angenehm ist, weil vielleicht ‹zu erfolgreich›, ist ganz klar seit spätestens dem Fall der UdSSR auch ersichtlich. Dass wir so traurig dastehen (inklusive, dass die meisten Massen/Sozialmedien (sogenannte!) Geschäfte in der EU machen und keine Steuern dafür bezahlen, kommt noch hinzu. Dasselbe gilt auch für einige Großkonzerne US Origin. Kein Wunder auch, dass ein anderes System zum «Schäumen» der USA beiträgt – denn das können sie ja nicht so leicht «kontrollieren und abspeichern».
    Eigentlich ein sehr, sehr trauriger Status einer EU die zu einem eindeutigen zahlenden Schuhputzer der USA geworden ist. In allzu vielen Bereichen. Und es geht immer nur um noch mehr Geld und noch mehr Macht.

  • am 13.12.2021 um 11:40 Uhr
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    «Chinesische Verhältnisse» befürchten ? Ein Witzlein! Denn DAS hat bei uns auch -und schon vor Jahrzehnten- begonnen ! Bei uns ist nur die «Einzeldosis» kleiner, so dass ES oft nicht bemerkt wird – das (später kommende) Endziel bezüglich Überwachung dürfte mit «dem Chinesischen» ziemlich gleich sein. Beispiele für den Beginn vor Jahrzehnten:

    1. Computer hatten von Anfang an einen «geheimen, fast nicht löschbaren» Speicher, auf den aber die deutsche Justiz zugreifen konnte. Beweis sind Gerichtsprozesse ab etwa 1990, wo das Gericht «scheinbar» gelöschte Daten wiederherstellen konnte – was zur Verurteilung führte
    2. handys: Zu Anfang «hörten wir», handys seien sicherer als Festnetz-Telefone. Worauf mancher «geflohene Straftäter» hereinfiel
    3. Navigationsgeräte: speichern ALLES – und der «grosse Bruder» kanns beliebig wieder sichtbar machen
    4. Auch ging mal, vor etwa 10 Jahren das Gerücht um, in Opel-Autos wäre «ein Spion» installiert.
    5, Ebenso klar: (fast?) jede kostenlose Software stiehlt Daten.
    ?Wie? viele der Bezahl-Software DAS auch tut, wer weiss das schon ?

    Gut wäre, wenn es endlich «richtige Software-Kaufhäuser» –etwa vergleichbar mit Versicherungs-Maklern– geben würde, bei denen man «in einem Rutsch» alle Bezahl-Software -und auch Spenden- bündeln und bezahlen könnte ! Eine meinerseits -gern- geschenkte Geschäfts-Idee.

    Wolf Gerlach
    scheinbar.org.

    • am 19.12.2021 um 10:03 Uhr
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      Sie übertreiben bei Ihren Punkten, Herr Gerlach, wenn auch das generelle Problem sehr schlimm ist und unsere Behörden samt Bevölkerung sehenden Auges da reinschlitteln.

      Navigationsgeräte sind nichts anderes als kleine Computer, welche das Signal von Navigationssatellieten empfangen können, aber nicht am Internet hängen müssen und nichts aufzeichnen müssen. Zudem sind viel davon Linux-basiert, also der Quellcode der meisten Bereiche zumindest theoretisch überprüfbar.

      Die meiste kostenlose Software ist freie open source software (FOSS) und gerade diese ist überprüfbar. Sie verwechseln wohl diese free software mit freeware. Das letztere sind kostenlose aber proprietäre Programme, die nicht überprüfbar sind.

  • am 14.12.2021 um 15:49 Uhr
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    Bevor man das chinesische Sozialkreditsystem (SKS) mit den halbstaatlichen US-Überwachern (alle von denen sind mit den Geheimdiensten engstens verbandelt, s. In-Q-Tel) vergleicht, sollte man sich vielleicht erst einmal über China, sein (im Aufbau und in ständiger Veränderung befindliches!) SKS, das AUCH die Verwaltungsorgane durch die Bürger bewerten läss(!), sowie vor allem auch das Wahlsystem grundlegend informieren. Die deutsche, private (!) Schufa ist z.B. viel gefährlicher! Zum SKS gab es im Juni 2020 zwei sehr erhellende Artikel von Marc Püschel in der «jungen Welt». Es dient vor allem der Kontrolle von Firmen, die im Westen zwar «juristische Personen» sind, aber deren (Un)Verantwortliche i.d.R. kaum belangt werden. Reisen werden bspw. nur rechtskräftig Verurteilten erschwert, die sich an Gerichtsauflagen nicht gehalten haben. Deshalb findet das ständig modifizierte = verbesserte System auch breite Zustimmung.
    Zum Wahlsystem: Die Delegierten auf allen Ebenen von den Wählern ausgewählt (nicht Parteigremien!) und müssen diesen auch regelmässig (meist jedes Jahr) Rede und Antwort stehen für die Politik, die sie eingeleitet, unterstützt oder abgelehnt haben. So kommt es, dass ca. 1/3 der Abgeordneten im «Volkskongress» bpsw. NICHT der Kommunistischen Partei angehört, was in Westmedien immer verschwiegen wird. Zusammen mit dem dort festgeschriebenen Anteil der Vertreter ethnischer Minderheiten erscheint dieses System also als deutlich heterogener als im Westen behauptet.

  • am 16.12.2021 um 12:27 Uhr
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    Es gibt eine viel einfachere Möglichkeit also diese: «Das Geschäftsmodell der Überwachung kann nur beendet werden, wenn die Tech-Unternehmen eine Gebühr für ihre Dienste erheben. Das wäre der Schlüssel, um die Privatsphäre zu retten und einer Zukunft mit kommerzieller Überwachung zu entgehen, die leicht in eine staatliche Überwachung abgleiten könnte.»

    Die Tech-Giganten werden sicher nicht ruhen, sie verdienen an der Überwachung Unmengen Geld.

    Was zu tun ist: das Volk muss alles und jedes Unternehmen meiden, was/welches die Überwachung fördert. Aber dazu ist ein Grossteil nicht einsichtig – viel zu bequem, etc.

  • am 21.12.2021 um 08:13 Uhr
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    Danke für den sehr differenzierten und umfassenden Beitrag, wieder mal vom Infosperber. Hier wird ein heisses Eisen angefasst, worüber andere Medien wieder mal nicht schreiben, es sei denn, man kann Propaganda damit machen. Wenn man die Statistiken von Chinas Webseiten ansieht, dann wundert man sich, das bei 1.25 Milliarden Menschen so wenig Gewaltdelikte und andere Verbrechen stattfinden. Ja auch in China gibt es Online Zeitungen, mit und ohne Werbeeinblendungen. Mann sollte diese Seiten aber nicht mit Google suchen (Chin. Webportale enden meistens am Schluss in der Internetadresse mit .cn) sondern mit der Suchmaschine z.B. DuckDuckToGo, denn diese blockiert nicht Besuche in China und meldet es auch nicht weiter. (Das kann jeder IT-Erfahrene mit dem Datenpacket-Sniffer überprüfen, um zu sehen was der eigene Pc wohin sendet, wenn er ein Programm benützt) Überwachung stört mich nur dann, wenn der Zweck der Überwachung nicht der Sicherheit aller dient und heimlich geschieht. Wenn die Personen welche hinter den Monitoren sitzen, die notwendige Beobachtungskompetenz haben, und einen Lippenstift nicht mit einer Waffe verwechseln oder Handlungen fehlinterpretieren, dann kann aus Überwachung das Konzept der «Schützenden Macht» werden (Siehe Marshall Rosenberg). Das Sozialpunktesystem in China bestraft nicht nur (Busse für Regelverstöße, so wie bei uns) sondern es belohnt auch vorbildliches Verhalten. Bei uns wird nur bestraft, und nicht belohnt. Das gibt ja auch zu Denken.

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