Hörsaal

Zwei Bildungsexperten wollen Studierenden verstärkt ans Portemonnaie. © nikolayhg / www.pixabay.com

Sozialpolitisch getarnter Bildungs-Neoliberalismus

Jürg Müller-Muralt /  Studierende sollen sich stärker an ihren Ausbildungskosten beteiligen: ein heikler neoliberaler Vorschlag zur Bildungsfinanzierung.

Der Anteil der Erwerbstätigen mit einer Fachhochschul-, Hochschul- oder Universitätsausbildung steigt. Die immer höheren Anforderungen an Fachkräfte und die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes treiben auch die Kosten im Bildungswesen in die Höhe. Dass man sich Fragen zur Finanzierung und zur Finanzierbarkeit stellt, ist richtig und notwendig. Nun liegt allerdings ein radikal neues, dem neoliberalen Gedankengut verpflichtetes Konzept zur Finanzierung der tertiären Bildung vor. Es wurde in einer «NZZ»-Verlagsbeilage veröffentlicht und stammt von Stefan C. Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) in Aarau und Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern, sowie von Conny Wunsch, Professorin für Arbeitsmarktökonomie an der Universität Basel.

Studierende sollen mehr bezahlen

Hauptstossrichtung des Dokuments: Wer ein Studium absolviert, soll für die verursachten Kosten stärker als bisher selbst aufkommen. Zudem soll die Studienwahl besser auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausgerichtet werden. Wolter/Wunsch argumentieren in ihrem Beitrag vermeintlich sozialpolitisch: Sie befürchten in Zukunft eine Umverteilung von unten nach oben, weil die Bildungskosten für die Tertiärausbildung zunehmend von jenen getragen werden müssten, die nicht in den Genuss zum Beispiel eines Universitätsstudiums kommen. Dies deshalb, weil die bis anhin gültige gesellschaftliche Erwartung nicht mehr eingehalten werde, «dass jene, die von einer höheren Bildung profitieren, die Kosten später im Erwerbsleben über höhere Steuerbeträge zurückzahlen».

«Gesellschaftsvertrag im Wanken»

Dieser Mechanismus funktioniere nämlich immer schlechter, finden die Autorin und der Autor des Beitrags. Es zeige sich, «dass die sich immer stärker ausbreitende Teilzeitarbeit und die längeren Erwerbsunterbrüche bei sehr gut ausgebildeten Fachkräften diesen Gesellschaftsvertrag ins Wanken bringen». Schon bei Teilzeitpensen von unter 70 Prozent bezahlten tertiär gebildete Personen «trotz höherer Löhne im Vergleich zu Personen ohne tertiäre Ausbildung nicht mehr genug zusätzliche Steuern, um die von der Gesellschaft vorgeschossenen Ausbildungskosten zu decken».

«Nachgelagerte Studiengebühren»

Zur Behebung dieses behaupteten, aber nicht belegten Ungleichgewichts schlagen Wolter/Wunsch die Einführung so genannter «nachgelagerter Studiengebühren» vor, die nur dann zum Tragen kämen, «wenn man nicht schon allein durch sein hohes Erwerbseinkommen die Rückzahlung garantiert». Wie dies berechnet und wie die Rückzahlmodalitäten geregelt werden sollen, ist komplex; wir verweisen Interessierte auf den «NZZ»-Artikel. Nur so viel: Es riecht nach erheblicher Steuerbürokratie. Jedenfalls erwarten Wolter/Wunsch eine Lenkungswirkung: «Durch die möglichen finanziellen Konsequenzen werden Anreize gesetzt, die Wahl des Ausbildungsgangs, das Studienverhalten, die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und das eigene Erwerbsverhalten stärker zu reflektieren.» Die Studierenden würden sich also nicht nur mehr Gedanken machen, «wie sie die Kosten tief halten, sondern auch, wie sie ein zukünftiges Einkommen durch ihre Studienwahl positiv beeinflussen». Die implizite Unterstellung, dass heute ein signifikanter Teil der Studierenden dies nicht tut und darum später nicht in dem durch ihr Studium vorgezeichneten Feld arbeitet, wird nicht belegt.

Studienwahl nach ökonomischen Kriterien

Mit anderen Worten und zugespitzt formuliert: Die Studienwilligen sind aufgefordert, ihre Studienwahl in hohem Masse an ökonomischen Kriterien auszurichten – an den Bedürfnissen der Wirtschaft einerseits, an der individuellen Profitmaximierung anderseits. Dass die Studierenden ihre Entscheidung stark davon abhängig machen sollen, wie in Zukunft die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in ihren anvisierten Berufen sein werden, ist eine glatte fachliche Überforderung – aber der Ideologie des Neoliberalismus geschuldet, wonach jeder allein seines Glückes Schmid sein soll. Die rasante Technik- und Wirtschaftsentwicklung der vergangenen 20 Jahre hat gezeigt, dass das selbst für Fachleute schwierig einzuschätzen ist. Die Digitalisierung beispielsweise revolutioniert ganze Berufsfelder in zuvor nicht gekanntem Ausmass; hier nur schon für einige Jahre zuverlässige Prognosen über künftige Berufsbilder, Anforderungen und Einkommensentwicklung zu stellen, ist äusserst anspruchsvoll, geschweige denn für die kommenden 20 Jahre. Zudem verändern sich die meisten Berufe so rasch, dass das in einer Ausbildung erworbene Wissen und Können im Verlauf der Berufstätigkeit auf immer neue Anforderungen ausgerichtet werden und häufig auch in andere Tätigkeiten transferierbar sein muss. In wenigen Jahren werden nicht-lineare Karrieren der Normalfall sein.

Nebenwirkungen ausgeblendet

Der Vorschlag der beiden Bildungsexperten enthält weitere, gravierende Mängel. Weshalb soll die Schweiz ihr äusserst erfolgreiches tertiäres Bildungssystem derart radikal umstellen und mit möglichen Nebenwirkungen gefährden? Zu Nebenwirkungen oder gar Kollateralschäden findet sich im Artikel kein Wort. Auch die weiteren möglichen bildungspolitischen Folgen werden nicht beleuchtet. Der Artikel zeigt zudem keine empirische Evidenz auf, dass die vorgeschlagenen finanziellen Anreize überhaupt zu den erwünschten Lenkungseffekten führen.

Teilzeitarbeit wird erschwert

Zu den Nebenwirkungen gehört unter anderem der Druck, der auf den Studienabgängerinnen und -abgängern lastet, wenn Ausbildungskosten zurückbezahlt werden müssen. So wird beispielsweise Teilzeitarbeit erschwert, etwa um familiäre Verpflichtungen gleichmässig auf Mann und Frau zu verteilen (Kinder, Care-Arbeit, ehrenamtliche Verpflichtungen etc.). Auch künftig nötigen Weiterbildungen (Stichwort «lebenslanges Lernen») werden Hürden in den Weg gelegt. Benachteiligt werden auch Leute, die besonders lange und besonders spezialisierte Ausbildungsgänge und Weiterbildungen durchlaufen, die zu gesellschaftlich nötigen, aber finanziell weniger einträglichen Tätigkeiten führen (Grundlagenforschung, Innovation, Start-ups, künstlerische Berufe).

Chancengerechtigkeit? Fehlanzeige

Der Begriff «Chancengerechtigkeit» kommt im ganzen Artikel typischerweise kein einziges Mal vor. Der vorgeschlagene Systemwechsel würde die Ausschöpfung der Begabtenreserven in den sozial schwachen Schichten erschweren. Studierende müssen schon heute erhebliche Kosten selbst berappen, da in der Schweiz das Stipendienwesen schlecht ausgebaut ist. Ein Studienjahr führt in der Regel zu realen Lebenshaltungskosten von 20’000 bis 30’000 Franken, das die Studierenden und ihre Familien tragen müssen. Bereits jetzt führen diese Kosten zu sozialer Benachteiligung, weshalb Studierende aus wirtschaftlich schwächeren Kreisen nicht selten auf Ausbildungen ausweichen, die kürzer sind und rascher ein sicheres Einkommen garantieren. Oder aber sie verlängern ihre Studienzeit, weil sie auch noch in Teilzeit arbeiten müssen, um ihre Lebenskosten mitzufinanzieren. Eine Studie des Bundesamtes für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2021 weist nach, dass die Studierenden heute durchschnittlich zehn Stunden pro Woche arbeiten um 40 Prozent ihrer Lebenshaltungskosten selber zu verdienen. Die Folge des Vorschlags von Wolter/Wunsch wäre, dass deren Schuldenkonto wegen ihrer Teilzeitarbeit weiter ansteigen würde.

Schuldenberge und Fehlanreize

Würden nun auch noch nachgelagerte Studiengebühren einkassiert, könnte das zu beträchtlichen Schuldenbergen und damit zu grösseren sozialen Folgeproblemen führen. Solche unsozialen Abschreckungseffekte torpedieren wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele. Wer bei der Studienwahl zu stark auf Kosten-Schulden-Minimierungskriterien und vermeintlich hohe Einkommensaussichten schielt, statt Eignung, Neigung und grosses Interesse an der Sache in den Vordergrund zu stellen, macht einiges falsch. Es sind häufig die intrinsisch Motivierten, die ihre persönlichen Ziele in Ausbildung und Beruf mit grossem innerem Engagement vorantreiben, die überdurchschnittlich erfolgreich sind und zu Treibern von Innovationen werden. Es gibt genügend Beispiele von Leuten, die trotz allgemein als «brotlos» geltenden Studien äusserst erfolgreiche Karrieren machten.

Kurzsichtig, einäugig, gefährlich

Diese Ökonomisierungstendenz der Bildung, wie sie dem Vorschlag von Wolter/Wunsch zugrunde liegt, ist alles andere als ökonomisch sinnvoll, sie ist schlicht kurzsichtig und einäugig. Dieses neoliberale Konzept ist zudem gefährlich, weil es geschickt getarnt als Abbau bildungspolitischer Umverteilung von unten nach oben und damit als Beitrag zu mehr sozialpolitischer Gerechtigkeit daherkommt – aber im Endeffekt genau das Gegenteil erreichen würde.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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3 Meinungen

  • am 12.01.2022 um 17:12 Uhr
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    Die Ökonomisierungstendenz der Bildung ist ein Kind der Zeit. Bin ich froh, dass ich zu einer Zeit studieren konnte, wo 20 Semester Germanistik kombiniert mit servieren im Blutigen Daumen niemanden störte. Ausser vielleicht den Regierungsrat Gilgen und sein Landesring. Den Cincera interessierte anderes. Bologna gab es nicht und Excel auch nicht. Deshalb weniger Zahlentabellen für besuchtes Hören im Hörsaal zum Abhaken. Und Seminararbeiten mit Anzahl Wörtern. Dafür genügend Ruhe zum Lesen und Diskutieren. Und Platz in der Zentralbibliothek war auch. Zum Schäkern. Und Sex in der WG.

    0
  • am 12.01.2022 um 18:54 Uhr
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    (Vorsicht! Sarkamus!) Nach dem von den Bildungsökonomen vorgeschlagenen Modell dürften junge Menschen in der Schweiz (und Europa), die hier auch weiterhin leben und ihren Lebensunterhalt verdienen wollen, eigentlich nur noch Kunstgeschichte/Archäologie/Technikgeschichte im Hauptfach sowie Tourismus und Chinesisch/Indonesisch etc. in den Nebenfächern studieren.
    Denn andere Berufsgruppen als Reiseführer (sowie natürlich studienfreie Berufe wie Reinigungs- und Hotelpersonal) werden in 20 Jahren im «Museum Europa» für unsere asiatischen Gäste dann nicht mehr benötigt…
    Das sage ich schon seit Jahren … aber auf mich hört ja keiner.
    😉

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  • am 12.01.2022 um 21:59 Uhr
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    Danke für die präzise Durchleuchtung und Zusammenfassung der wichtigen Folgen und Hintergründe dieses eigenartigen, offensichtlich wenig durchdachten und begründeten Vorschlag des führenden Bildungsforschungsexperten Prof. Wolters. Eigentlich hätten wir ihm einen solchen verspäteten neoliberalen Aufrufs wirklich nicht zu getraut – weder in der Richtung noch in der (bescheidenen) Qualität. Was mag ihn wohl angetrieben haben? Und die Bonny-Stiftung, die am 24.12.21 (Datum et Omen?) 6 Beiträge unter dem Slogan «Erfolgreich und liberal – Reformideen für die Schweiz» in der NZZ veröffentlichen liess? Könnte es sein, dass die neuerlichen breiten Einsichten in die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Solidarität, die die Pandemie uns gelernt hat, die alten Neoliberalen zu einer Rundum-Initiative (mit 6 Vorschläge für die Bereiche Wirtschaft, Altersfinanzierung, Bildung, Gesundheit, Aussenwirtschaft und Ressourcen-Kosten-Wahrheit) angestachelt hat? Aber warum Prof. Stefan Wolters dabei mitwirken wollte? Vielleicht erklärt er uns demnächst seinen «ideologischen Wertewandel»?

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