Professor David Graeber: «Die USA werden ihre Schulden nie zurückzahlen» © ARD

«Kapitalismus überlebt noch 1 bis 2 Generationen»

Red. / 07. Jul 2014 - Mehr Geld aus dem Nichts zu schaffen, führe zum Kollaps. Nur ein globaler Erlass der Schulden würde helfen, sagt Professor Graeber.

upg. Seit der Schuldenkrise von 2008 versuchen die Industrieländer, mit noch mehr Schulden die Wirtschaften anzukurbeln. Diese Schulden kann man und muss man nicht zurückzahlen, sagt Professor David Graeber von der «London School of Economics and Political Science». Er plädiert für einen möglichst raschen, geordneten und globalen Schuldenschnitt. Auch deshalb hat der Ethnologe den Ruf eines Anarchisten. Er war Mit-Initiator von «Occupy Wallstreet». Folgende Zitate sind zusammengestellt aus seinem Buch Schulden: Die ersten 5000 Jahre.*

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Die fragwürdige Moral der Schulden

«Schulden muss man zurückzahlen»: Dieser Satz ist ein moralisches Dogma, dem sich offenbar jeder anständige Mensch anzuschliessen hat. Aber warum eigentlich? Geht nicht Jeder, der Geld verleiht, ein gewisses Risiko ein?

Ist es moralisch vertretbar, wenn afrikanische Kinder an Malaria sterben, weil der Staat Kredite zurückzahlen muss, die ein längst gestürzter Diktator Jahrzehnte zuvor aufgenommen hat, und die er, statt das Geld in sein Land zu investieren, auf sein Schweizer Bankkonto transferierte?

Der Satz «Man muss seine Schulden doch zurückzahlen» hat keine moralische Relevanz, denn er wird immer nur von den Mächtigen an die Machtlosen gerichtet, während die Mächtigen selbst ihre Schulden gerade nicht zurückzahlen. Das zeigt das Beispiel der USA.

Die USA werden ihre Zahlungsversprechen nicht einhalten

Das vermutlich letzte Kapitel in der Geschichte des Kapitalismus begann 1971 mit dem Ausstieg der USA aus dem System der festen Wechselkurse. Damit beseitigte US-Präsident Richard Nixon die letzten Reste des internationalen Goldstandards und machte den Dollar zum Geld, dessen Wert angeblich durch das Vertrauen in die US-Regierung gerechtfertigt wird.

Der Status des Dollars als globale Leitwährung hatte zur Folge, dass ausländische Zentralbanken mit ihren Dollars hauptsächlich amerikanische Staatsanleihen kauften: Eine Schuld, die niemals zurückgezahlt, sondern unbegrenzt erneuert wird und damit eine neue Form des Tributs darstellt.

Unterdessen sind die amerikanischen Staatsschulden ein Versprechen nicht nur gegenüber dem eigenen Volk, sondern gegenüber den Völkern der Welt. Wie jeder weiss, werden die Vereinigten Staaten diese Versprechen nicht einhalten.

Unendliches Wachstum weder materiell noch finanziell möglich

Für die Annahme, dass der Kapitalismus in ein oder zwei Generationen nicht mehr existieren wird, sprechen etliche gute Gründe – vor allem die Tatsache, dass unendliches Wachstum auf unserem Planeten mit begrenzten Ressourcen unmöglich ist, wie uns die Ökologie bewiesen hat.

Die heutige Schuldenpolitik führt dazu, dass wir stets nur überlegen, wie sich Umwelt und Beziehungsgeflechte zu Geld machen lassen. Diese erbarmungslose Maschinerie ist weder ökologisch noch ökonomisch tragfähig. Doch diese Maschinerie läuft stockend und spuckend weiter. Denn der Gedanke an Alternativen versetzt uns in eine Angststarre. Es wäre höchste Zeit, mit einem generellen, globalen und organisierten Schuldenerlass den Stecker zu ziehen.

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  • Buch bestellen: Schulden: Die letzten 5000 Jahre», 20.90 CHF

    Siehe auch

  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Keine. Professor David Graeber ist US-Amerikaner und lehrt an der «London School of Economics and Political Science». Graeber war Mit-Initiator von «Occupy Wallstreet».

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    12 Meinungen

    Klar, dass nur Dumme Schulden zurückzahlen, bloss Steuern dürfen nicht hinterzogen werden, will man in den Himmel kommen; aber glücklicherweise ist man jetzt als Dienstverweigerer kein Landesverräter mehr. Hingegen gehörte Zins nehmen noch im Mittelalter wie Homosexualität, Mord und Meineid nach der Lehre nicht bloss der katholischen Kirche zu den himmelschreienden Sünden.

    Nach all diesem Moralwandel wird sich der sogenannte Kapitalismus, ohnehin nur ein Schimpfwort aus marxistischer Küche, immer wieder neu konstutuieren, eignet sich dank seinem Abstraktionsgrad hochgradig als beliebig zu verwendendes Feindbild, vgl. das nationalsozialistische Parteiprogramm betr. «Brechung der Zinsknechtschafft". Die Frage ist aber, wenn es ums Geld geht, wer zuletzt der Dumme ist. In diesem Sinn werden sich diejenigen, die noch etwas selber verdient haben oder selber besitzen oder ererbt, auf lange Sicht vernünftig zu verhalten verstehen. Oekonomieprofessoren bewegen sich auf erkenntnistheoretischem Gebiet auf ähnlich unsicherem Gelände wie Theologen, sind letztlich auch Theologen. Das eindrücklichste Dogma stammt von John Maynard Keynes, als Homosexueller und moderner Kapitalist gleichzeitig auf mehreren Sektoren der himmelschreienden Sünden aktiv. «In the long run we all are dead.» Keynes, Situationsethiker, ist an der Dogmatisierung des Keynsianismus weniger schuld als Marx und Engels an der Dogmatisierung des Marxismus. «Kapitalismus» geht wie Schlange Hydra mutmasslich nie zugrunde.
    Pirmin Meier, am 07. Juli 2014 um 11:57 Uhr
    "Der Westen", «Die Finanzelite", warum nicht gleich sagen: «Der böse Teil der Menschheit?» Post hoc, ergo propter hoc. Herrhausen wurde getötet und hatte das und das gesagt und vorgeschlagen, also wurde er deshalb getötet. Gute Beispiele für den Logikunterricht. Formal nähert sich die Beweiskraft dem Grenzwert Null.
    Pirmin Meier, am 07. Juli 2014 um 14:34 Uhr
    David Graeber's Buch kann man nur weiterempfehlen. Der Typ, seit einiger Zeit bekannt als anarchistischer Anthropologe (2004, 2006) Fragments of an Anarchist Anthropology), schreibt auch noch beneidenswert flüssig.

    Zum Ende des Kapitalismus empfehle ich das Gemeinschaftswerk einiger der Top-Experten:

    B00G6INH00
    Does Capitalism Have a Future?
    Wallerstein, Immanuel
    Collins, Randall
    Mann, Michael
    Derluguian, Georgi
    Calhoun, Craig
    Oxford University Press, USA
    2013-10-21T00:00:00

    Nicht so leseleicht, aber das gescheiteste auf diesem Gebiet.
    Werner Meyer, am 07. Juli 2014 um 16:45 Uhr
    @Olivier Bregy

    Immerhin ist David Graeber ein Exponent der wissenschaftlichen wie poitischen Opposition zum Imperium. Nicht der Prototyp eines «Amerikaners", von dem ich mir die Welt auch nicht gerne erklären lasse.....
    "Sternstunden» ist ein Platz, wo sich SFR abwechslungsweise Alternativen-offen kapriziert.
    Werner Meyer, am 07. Juli 2014 um 17:21 Uhr
    @Olivier Bregy
    Ich denke, David Graeber weiss sehr viel über die Zeit, wo nicht Kapitalakkumulation im Zentrum der Wirtschaft stand, sondern die Logik der Gabe nach Mauss. Die Schaffung sozialer Kohäsion durch NICHT-SALDIERTE Verpflichtungen.
    Eine Logik die einmal war und vielleicht wieder sein wird, wenn das Kapitalistische System sein Ende findet. Irgendwann im 21. Jahrhundert.
    Seine, Ihre und meine Ansichten über den Kapitalismus werden dann irrelevant sein.
    Werner Meyer, am 07. Juli 2014 um 18:14 Uhr
    PS. Das Wiederanfangen nach Bankrott ist im kapitalistischen System inbegriffen, damit ist es längst nicht untergegangen.
    Pirmin Meier, am 07. Juli 2014 um 21:01 Uhr
    Es ist schön zu sehen, dass ökonomische Theorien immer noch Gemüter erregen können. Keynes hat vieles gesagt, darunter auch echt interessantes und möglicherweise haben einzelne Gedankengänge auch heute noch eine gewisse Relevanz. Dassselbe gilt wohl auch für Monetaristen, welche zu meiner Studienzeit auf der Hauptbühne spielten.

    Aber wie sagt man so schön : erstens kommt es anders - und zweitens als man denkt. Das menschliche Verhalten ist nicht statisch. Theorien, welche Lernprozesse ignorieren, können daher auch kaum besonders realistisch sein. «Where do the problems go, when they are supposed away ?» war eine der Fragen, welche uns damals die Partialität unserer Optik aufzeigen sollte.

    Dass die Amerikaner «In God we trust» auf ihre Banknoten schreiben müssen [noch vor der Aufhebung der Golddeckung] zeigt den mythischen Charakter der entsprechenden Wirtschaftspolitik. Geldschöpfung war schon länger ein Instrument zur Vermögensverschiebung ["Seignorage profit"], Schulden und Zinsmanipulationen sind andere Instrumente dieser Art.

    Schulden per se sind wohl kaum ein wesentliches Problem. Wo sollten denn die Pensionskassen all ihre Gelder deponieren. Wenn das System aber allzu sichtbar manipuliert wird, werden diese Machenschaften aber auch zu einem sozialen bzw. politischen Problem.

    Explosive Wirtschaftsmodelle scheinen allerdings auch nicht besonders realistisch. Bis jetzt ist die Wirtschaft ja noch nicht explodiert, wie einer meiner Professoren zu sagen pflegte.
    Josef Hunkeler, am 08. Juli 2014 um 10:29 Uhr
    Lieber Herr Bregy,

    es ist schon so, dass die FED $ druckt. Aber Orell-Füssli druckt CHF für die SNB usw.
    Wenn der SNB vorgeworfen wird den CHF künstlich tief zu halten beruht dies auf der Möglichkeit CHF zu drucken, bzw. virtuelle Kredite in CHF anzubieten. Aber dies ist ihre Aufgabe im Rahmen der nationalen Wirtschaftspolitik.

    Wenn ich von Manipulation spreche denke ich an die «Beggar thy Neighbor» Politik, welche von der FED aber auch auch von der Bank of England usw praktiziert wird. Frankreich - im Euro-Verbund - kann das nicht mehr und ... auch Genf kann gegenüber dem Rest der CH nicht mehr über Wechselkurse Korrekturen vornehmen.

    Open Market Operationen wie sie die FED betreibt sind zugegegbenermassen nicht sehr elegant, aber auch die SNB hat ein solches Programm. Und ökonomisch (aus abstrakter theoretischer Sicht) ist das vertretbar.

    Ich kann mit Ihnen die Meinung über den IWF und die WB teilen. Ich habe auch im Rahmen einer National-Fonds-Studie ein Buch zum Thema Strukturanpassungsprogramme geschrieben und sogar die Abschaffung des IWF gefordert.
    (PAS au Burundi. L'impossibilité de rembourser la dette, 1993)

    Über die rhetorische «boutade» hinaus, müssen wir aber anerkennen, dass die Welt komplex, bzw. kompliziert ist, und dass es nicht angeht, dies in Slogan-Sprüchen zu verniedlichen.

    Drittwelt, Rohstoffe, Malaria gehören auch zu meinen Prioritäten. Immerhin habe ich fast 10 Jahre am Tanganyka-See zu diesen Themen versucht Lösungen zu finden.
    Josef Hunkeler, am 08. Juli 2014 um 14:46 Uhr
    Was Orell-Füssli betrifft, sollten Sie wohl unsere Banknoten etwas genauer anschauen, z.B. unter dem linken Fuss der Giaccometti Figur.

    Die SNB kauft übrigens spätestens seit den 80er Jahren regelmässig schweizer Aktien. Allerdings in etwas weniger grossem Stil als die FED. Das ist Teil der normalen Geldschöpfung.

    Mit Bankenlizenzen hat das kaum etwas zu tun.
    Josef Hunkeler, am 08. Juli 2014 um 18:56 Uhr
    Lieber Herr Bregy,

    eine Nationalbank ist keine Bank, sondern ein Institut, welches für die Geldpolitik verantwortlich ist.

    Die ganzen schönenZahlen, welche Sie aufwerfen sind in dieser Optik grundsätzlich irrelevant. Das war auch der Sinn der «Geldvernichtungsmaschine» an der Expo in Biel.
    Ich kann mich erinnern, im Keller der SNB in Bern 4 Kubikmeter 1000er-Noten gesehen zu haben. Das entsprach damals in etwa dem Geldumlauf in der Schweiz. Aus der Sicht der Nationalbank waren das alledings nur 4 Kubikmeter Papier.

    Zugegebenermassen ist Geldpolitik nicht immer einfach zu verstehen und die Medien - und etliche Politiker - zeichnen sich durch Ignoranz in diesen Fragen aus.
    Ich hatte immerhin das/die Vergnügen/Verantwortung während mehreren Jahren Geldpolitik für junge Zentralbänkler zu unterrichten. Ich denke in dieser Hinsicht immer noch über einen Wissensvorsprung vor Yu-tube und anderen Quellen zu verfügen.

    Die SNB hat in meiner Optik, seit den 80er Jahren einiges dazugelernt und die Schweizer Geldpolitik der letzten Jahre ist wohl «in the state of the art".

    Ich werde sicher nicht an Kritik zurückhalten, falls ich was kritikwürdiges finde. Gegenwärtig ist dies aber zweifellos nicht der Fall.

    Es ist wichtig zu verstehen, dass eine Notenbank keine «Bank» im herkömmlichen Sinne ist, und dass die Bilanzen und anderen Kenngrössen einer solchen Bank nicht mit üblichem Quartalsbilanzdenken vereinbar sind. Das sollten auch Kritiker zur Kenntnis nehmen.
    Josef Hunkeler, am 09. Juli 2014 um 14:02 Uhr
    @danke Josef Hunkeler. Jemand wie Sie sollte in einem seriösen Medium, wenn es das gibt, seine Erfahrungen in qualifizierten Artikeln niederlegen. Ich danke Ihnen, dass Sie sich zu Wort gemeldet haben. Vom Namen her könnten Sie ein liberaler Luzerner sein, habe dieses Thema ev. schon mal angesprochen.
    Pirmin Meier, am 09. Juli 2014 um 14:05 Uhr
    Wenn schon meine Hintergründe hinterfragt werden > ja ich bin Luzerner, aber vor etwa 50 Jahren via Genf und Amerika nach Afrika ausgewandert, um schliesslich im Studienzentrum Gerzensee (SNB) Seminarien in Geld- und Zahlungsbilanzpolitik für jungen Zentralbänkler aus der ganzen Welt (inkl FED) abzuhalten.

    Seither habe ich bei der Preisüberwachung Dossiers wie Hypothekarkredite, Gebäudeversicherungsprämien und v.a. Medikamentenpreise bearbeitet und dabei diverse Grundsatzpapiere publiziert. Diverse sind auf der Internetseite der Preisüberwachung noch abrufbar.

    Nun bin ich pensioniert, lebe aber immer noch in der Frankophonie, habe mich aber durch meinen Studienkollegen Gasche wieder am Geschehen in der Deutschschweiz interessieren lassen.

    Ich betrachte mich nicht als Missionar, welcher die gute Botschaft, notfalls mit Gewalt verbreiten will, sondern eher als ehemaligen Professor, welcher seinen Studenten bei der Wahrheitsfindung behilflich sein möchte.

    @Bregy : unter den Zentralbänklern gab es sowohl die, welche an der Mittwochsitzung die genauen Beträge der Open-Market Operationen berechneten, aber auch solche, welche im Rahmen des «islamic banking» alternative Finanzierungssysteme mit Mitverantwortung der Kreditgeber aufzubauen versuchten.

    Da waren alle US-Universitäten aber auch einige Akademiker au Singapore, Indonesia, Peking, Tokyo, Dar-es-Salam ... vertreten.

    Die Welt ist eine Kugel und somit kann sich jedermann als im Zentrum der Welt stehend betrachten.
    Josef Hunkeler, am 09. Juli 2014 um 15:03 Uhr

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