Unerwartete Töne in der NZZ

Christian Müller ©

Christian Müller /  Reichlich spät versucht die NZZ das Verhalten Russland in der Ukraine-Krise zu erklären, sogar auf Seite 1.

Infosperber hat vor Wochenfrist darauf aufmerksam gemacht, dass das Verhalten Putins und Russlands in der Ukraine-Krise nicht zuletzt eine Folge davon ist, wie Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989/91 von den USA und weitgehend auch von Westeuropa behandelt worden ist (siehe «Wladimir Putin – die Inkarnation des Bösen»). Nun hat die NZZ in einem Leitartikel auf der Frontseite (!) der Samstagsausgabe diese These – indirekt – bestätigt. David Signer schreibt da wörtlich:

«Wir neigen dazu, die Rationalität der Akteure auf der grossen Bühne überzubewerten. Bei den wichtigen internationalen Entscheidungen um Krieg und Frieden, Interventionen, Sanktionen, Vergeltungsaktionen oder Zurückhaltung geht es nicht nur um Berechnungen und Planspiele. Ganz so wie im Zwischenmenschlichen spielen Kränkungen, Aggressionen, Rachegelüste, Sympathie und Antipathie eine wichtige Rolle. Oft steht am Anfang nicht die Reflexion, sondern ein – kulturell eingefärbter – Affekt, der dann nachträglich gedanklich gerechtfertigt wird.»

David Signer verweist dabei auf Dominique Moïsis Buch «Kampf der Emotionen» und referiert dessen Argumentation:

«So macht Moïsi etwa in weiten Teilen der muslimischen Welt eine ‚Kultur der Demütigung’ aus. Der Jihadismus ist nicht verständlich ohne das Gefühl der Erniedrigung und der Beschämung durch den Westen, das in Hass und ohnmächtige Wut umschlagen kann.»

Nur ein paar Zeilen weiter unten kommt David Signer dann auch auf Russland zu sprechen:

«Eine ähnliche Gefühlslage dürfte das heutige Russland charakterisieren. Auch dort herrscht sowohl im Parterre wie auch in den Teppichetagen der Gesellschaft oft das Gefühl vor, nach 1991 Würde und Ehre in den Augen der Welt verloren zu haben. Das Bestreben, sich Respekt zu verschaffen, dürfte bei Russlands Handeln in der Ukraine eine mindestens so grosse Rolle gespielt haben wie nüchterne geostrategische Überlegungen.»

Abschied vom Schwarz-Weiss-Denken?

Endlich auch in der NZZ wieder eine etwas differenziertere Sicht zum Konflikt in der Ukraine! Die ehemalige Weltmacht Russland würde sich heute anders verhalten, wäre das Land nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems nicht systematisch ausgegrenzt und gedemügt worden, insbesondere von den USA und von der USA-dominierten Nato. Hätte man das Ende des Kalten Krieges nicht nur dazu benützt, den Mittel- und Osteuropäischen Staaten den roten Teppich auszubreiten, Russland selber aber zu verteufeln und mit der sogenannten Osterweiterung der Nato auszugrenzen, als «Feind» zu erklären und zu isolieren, hätten wir heute eine andere Situation in Europa. Aber noch immer bewundern wir uneingeschränkt die USA und übersehen grosszügigst deren etliche Angriffskriege und Präventivschläge, wie das dann jeweils schönfärberisch genannt wird.

Zum ganzen Leitartikel von David Signer:

Der Menschliche Faktor: Politik und Emotion


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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3 Meinungen

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    am 6. Jul 2014 um 12:25 Uhr
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    Infosperber passt gut auf!

    Ohne ihn entginge einem Manches, was einem nicht entgehen sollte.

    Eine Dienstleistung, für die man inzwischen Geld verlangen dürfte…

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  • Avatar
    am 7. Jul 2014 um 23:37 Uhr
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    Wer bewundert denn heute noch (uneingeschränkt) die USA? Wohl niemand mit einer nur halbwegs rationalen Wahrnehmung der politischen Fakten auf der Welt. Seit 50 Jahren sorgen die USA mit einer permanent falschen und gescheiterten Aussenpolitik (von Vietnam bis Irak und Afghanistan) dafür, dass dies nicht möglich ist.

    0
  • Avatar
    am 8. Jul 2014 um 00:27 Uhr
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    …gab wohl zuviele Abo-Kündigungen.

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