Pestizide, Infosperber, Bienensterben, Bienen, Glyphosat, Bayer, BASF, Syngenta, Krebs © pixabay

Konzerne der Agrochemie verdienen viel Geld mit Produkten, die für Mensch und Umwelt gefährlich sind

Agrochemie: Milliardenumsätze mit hochgiftigen Pestiziden

Tobias Tscherrig / 27. Feb 2020 - Die 5 führenden Agrochemiekonzerne erzielten 2018 einen Drittel ihrer Pestizidumsätze mit dem Verkauf von hochgiftigen Substanzen.

Eine Recherche von «Public Eye» und «Unearthed» zeigt, dass die fünf führenden Agrochemiekonzerne BASF, Bayer, Corteva Agriscience, FMC und Syngenta über 65 Prozent des 2018 auf 57,6 Milliarden US-Dollar geschätzten globalen Pestizidmarktes kontrollieren. Einen Drittel ihrer Pestizidumsätze erzielten die Konzerne 2018 mit dem Verkauf von für Mensch oder Umwelt hochgiftigen Substanzen. Die wichtigsten Absatzmärkte waren Entwicklungs- und Schwellenländer: Dort finden die Konzerne schwächere Regulierungen vor – was mit höheren Risiken für die Bevölkerung verbunden ist.

Die Analyse zeigt, dass die Lobby der Agrochemie und ihre Mitglieder nicht in erster Linie Innovationen fördern, «um hochgefährliche Pestizide durch neue, weniger giftige Produkte zu ersetzen», und ihre hochgefährlichen Produkte schrittweise vom Markt nehmen, sondern dass sie an den alten Kassenschlagern festhalten. Dabei hatte die Agrochemie unter anderem versprochen, sich bis 2020 für einen verantwortungsvollen Umgang mit Chemikalien einsetzen zu wollen.

Lukrativer und umstrittener Markt

«Public Eye» hatte bereits im April die zentrale Rolle des Basler Konzerns Syngenta beim Verkauf von gefährlichen Pestiziden in Entwicklungs- und Schwellenländern aufgedeckt. Nun liefern «Public Eye» und «Unearthed» zusätzliche Informationen über die globalen Geschäfte der fünf Agrochemiegiganten.

Zu Beginn der Recherche weisen «Public Eye» und «Unearthed» auf die mächtige Lobby-Organisation «CropLife» hin, mit deren Hilfe die erwähnten Konzerne, die auch Mitglieder der Organisation sind, starken Druck auf die internationalen Debatten zur Regulierung von Pestiziden ausüben: «Sie wollen uns weismachen, dass ihre 'Pflanzenschutzmittel' einen Beitrag zur nachhaltigen Ernährung der Menschheit leisten, und dass sie die Sicherheit der Bäuerinnen und Landarbeiter, der lokalen Bevölkerung und der Umwelt gewährleisten können.»

Um den PR-Nebel um die Verkäufe von gefährlichen Pestiziden zu lüften, haben «Public Eye» und «Unearthed» während Monaten Marktanalyse-Daten des Unternehmens «Phillips McDougall» ausgewertet. Diese beziehen sich auf einen Anteil von etwa 40 Prozent aller im Jahr 2018 weltweit für die Landwirtschaft verkauften Pestizide. «Public Eye» und «Unearthed» verglichen diese Daten mit der Liste der hochgefährlichen Pestizide des internationalen Pestizid-Aktionsnetzwerkes (PAN). Die Ergebnisse der Analyse sind erschreckend: «Entgegen den Behauptungen der Lobby-Organisation CropLife, welche die Rolle ihrer Mitglieder im Verkauf hochgefährlicher Pestizide herunterspielt, sind die fünf grössten Agrochemiekonzerne Spitzenreiter im globalen Geschäft mit hochgiftigen Pestiziden. Fast die Hälfte der Topseller von BASF, Bayer Crop Science, Corteva Agriscience, FMC und Syngenta enthalten Stoffe, die auf der schwarzen Liste von PAN stehen.»

Gefährliche Produkte als Top-Seller

Zusammen generierten die fünf Agrochemiekonzerne 2018 Umsätze in der Höhe von 13,4 Milliarden US-Dollar. Davon entfallen 4,8 Milliarden US-Dollar, also 35 Prozent, auf Pestizide, die als hochgefährlich eingestuft werden. Am meisten derartige Produkte verkauften Bayer und Syngenta. Wie «Public Eye» schreibt, handele es sich dabei aber um äusserst konservative Schätzungen, da die verfügbaren Daten nur 40 Prozent des Weltmarktes abdecken würden.

Die Top-Seller der fünf CropLife-Konzerne enthielten 2018 773 verschiedene Pestizide, die mindestens einen hochgefährlichen Stoff enthalten. Insgesamt erzielten die Konzerne einen Umsatz von drei Milliarden US-Dollar mit Pestiziden, die sich langfristig auf die menschliche Gesundheit auswirken können. Allen voran Stoffe, die für den Menschen als wahrscheinlich krebserregend eingestuft sind und auch das Fortpflanzungssystem und die Entwicklung von Kindern beeinflussen können. 600 Millionen US-Dollar erwirtschafteten die Konzerne mit Pestiziden, die für Menschen sogar akut toxisch sind. Gemäss «Public Eye» verursachen Pestizide dieser Art jedes Jahr rund 25 Millionen Fälle akuter Vergiftungen, die meisten davon in Entwicklungsländern. Jedes Jahr führten 220'000 dieser Vergiftungen zum Tod.

1,3 Milliarden US-Dollar erzielten die fünf Unternehmen mit Pestiziden, die für Bienen hochgiftig und damit wesentlich mitverantwortlich für das prognostizierte Aussterben vieler Bestäuberinsekten sind. Der grösste Anbieter dieser Bienenkiller ist der Basler Konzern Syngenta.

Glyphosat weiterhin Spitzenreiter

Mit einem Umsatz von 841 Millionen US-Dollar ist Glyphosat auch 2018 das am meisten verwendete Pestizid. In den USA wird der Hersteller Bayer seit einiger Zeit mit einer Klagewelle überzogen: 42'000 Klägerinnen und Kläger sind überzeugt, dass das Unkrautvernichtungsmittel ihre Krebserkrankung verursacht hat. Beim Schweizer Konzern Syngenta ist das Neonikotinoid Thiamethoxam Spitzenreiter: 242 Millionen US-Dollar erzielte der Konzern mit dem Stoff, der sich verheerend auf Honigbienen auswirkt und deshalb in der EU und in der Schweiz verboten wurde. Syngenta exportiert den Stoff hauptsächlich nach Brasilien, China und Indien.

Bei BASF wurde 2018 für 227 Millionen US-Dollar Glufosinat verkauft. Gemäss der Europäischen Chemikalienagentur ist Glufosinat fortpflanzungsgefährdend und kann die Fruchtbarkeit sowie das ungeborene Kind schädigen. Die grössten Absatzmärkte sind Brasilien, die USA und China. Der Konzern Corteva verkaufte 2018 für 144 Millionen US-Dollar Cyproconazol. Das Fungizid wurde von der EU als fortpflanzungsgefährdend eingestuft, weil es den menschlichen Fötus schädigen kann und bei Versuchstieren gravierende Fehlbildungen auslöst. Der Konzern FMC erzielte 255 Millionen US-Dollar mit Chlorantraniliprol, das aufgrund seiner Langlebigkeit in der Umwelt und seiner Toxizität für Wasserorganismen als hochgefährlich eingestuft wird.

Bevorzugtes Verkaufsgebiet: Entwicklungs- und Schwellenländer

Die Recherche von «Public Eye» und «Unearthed» zeigt, dass Entwicklungs- und Schwellenländer das bevorzugte Feld der fünf Agrochemiegiganten sind. Fast 60 Prozent ihrer Verkäufe von hochgiftigen Pestiziden fallen auf diese Länder. In den Datensätzen fanden «Public Eye» und «Unearthed» Einträge zu den 43 grössten Märkten der Welt. Darunter 21 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, hauptsächlich in Südamerika und Asien. Der weltweit grösste Abnehmer der gefährlichen Stoffe ist Brasilien, wo 49 Prozent der Verkäufe der fünf Konzerne auf hochgefährliche Pestizide fallen. In Indien liegt dieser Anteil gar bei 59 Prozent, in Vietnam bei 44, in Thailand bei 49 und in Argentinien bei 47 Prozent. Im riesigen US-Markt, der als Ausnahme in der Pestizid-Landschaft gilt, machen hochgefährliche Pestizide 35 Prozent aller Verkäufe der CropLife-Konzerne aus.

«Die CropLife-Konzerne nutzen schwache Regulierungen in diesen Ländern aus, um ihre Produkte weiterhin verkaufen zu können - trotz dramatischer Folgen für die lokale Bevölkerung und die Umwelt», schreibt «Public Eye». Anders in Frankreich und Deutschland, den beiden wichtigsten europäischen Märkten der CropLife-Firmen: Hier liegt der Anteil der Verkäufe von hochgefährlichen Pestiziden bei elf beziehungsweise zwölf Prozent. Dies weil viele der giftigsten Pestizide – wie auch in der Schweiz – nicht mehr zugelassen sind.

Ausweichende Antworten der Agrochemie

Erst vor kurzem haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) dazu aufgerufen, die Landwirtschaft zu entgiften, um die Gesundheit zu schützen. Die UN-Organisationen fordern, dass die schädlichen Pestizide durch Alternativen ersetzt werden.

Von «Public Eye» und «Unearthed» mit den Ergebnissen ihrer Recherche konfrontiert, antwortete CropLife, man könne «Aspekte zu bestimmten Produkten oder kommerziellen Interessen ihrer Mitglieder» nicht kommentieren. Die Mitglieds-Konzerne würden sich aber in Schulungen der Landwirte und durch das Bereitstellen von Schutzausrüstungen für die Reduktion der Risiken durch Pestizide engagieren. Ausserdem hätten die Mitglieder zwischen 2015 und 2016 eine freiwillige Überprüfung ihres Portfolios vorgenommen, um Risiken abzuschätzen und Massnahmen zu ergreifen – mit besonderem Fokus auf Länder mit niedrigem Einkommen. Hätten sich diese Massnahmen im Einzelfall als unwirksam erwiesen, so hätten die Unternehmen die betreffenden Produkte freiwillig zurückgezogen. Der Verband verweigerte allerdings die Auskunft, um welche Pestizide und Märkte es sich dabei handelt.

Auch Bayer schickte eine ausführliche Antwort und erklärte, dass das Unternehmen «die Risiken durch sein Portfolio weltweit nach hohen Standards und Methoden überprüft, zugeschnitten auf die spezifischen agronomischen Gegebenheiten der Länder, in denen Bayer tätig ist.»

Das Fazit von «Public Eye»: «Ein genauer Blick auf die hochgefährlichen Substanzen in den Produkten, welche die fünf Agrochemiekonzerne verkaufen, zeichnet ein ganz anderes Bild.»

----

Weiterführende Infosperber-Artikel zur Thematik:

Dossier: Bienen werden Opfer von Pestiziden

Dossier: Landwirtschaft

Dossier: Die Macht der Konzerne

Dossier: Der Unkraut-Killer Glyphosat

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Eine Meinung

Solche Meldungen will ich keine mehr lesen. Ich bin solcher Analysen überdrüssig. Von jetzt lese ich nur noch, wie die Klima- und Umweltkatastrophe abgewendet werden kann!
Paul Jud, am 27. Februar 2020 um 16:20 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.