Weniger Benzin im Inland. Aber Autoproduktion und Ölförderung im Ausland fressen mehr Energie. © Hp. Guggenbühl
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Quelle BFE. Grafik Guggenbühl
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Warum der Energiekonsum in der Schweiz seit 2010 sinkt

Hanspeter Guggenbühl / 20. Apr 2018 - Technik schlägt neuerdings die Menge. Doch diese Wende beim Energiekonsum gilt nur innerhalb der Schweizer Grenze. Eine Analyse.

Mehr Produktion und mehr Konsum überwiegen gegenüber dem technischen Effizienzgewinn. Diese Regel, bezogen auf den Verbrauch von Energie und andern Naturgütern, galt in der Schweiz während Jahrzehnten. Als Folge davon hat sich die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen seit dem Zweiten Weltkrieg vervielfacht. Das erleichterte es Skeptikern, den Wachstumswahn und Wachstumszwang von Wirtschaft und Gesellschaft zu kritisieren (sein jüngstes wachstumskritisches Buch veröffentlichte der Schreibende zusammen mit Urs P. Gasche 2010).

Energie- und Stromkonsum seit 2010 gesunken

Doch seit dem Jahr 2010 scheint der Trend zu kehren: Effizienzsteigernde Technik wirkte sich in den letzten Jahren stärker aus als die weiter zunehmende Menge an ressourcenverbrauchenden Tätigkeiten. Das jedenfalls zeigen die nationalen Statistiken zur Gesamtenergie, zur Elektrizität und zu den Treibhausgasen.

Konkret: Nach einem weiteren Zuwachs von 2000 bis 2010 sanken in den letzten sieben Jahren sowohl der Energie- als auch der Stromverbrauch in der Schweiz. Heute bewegt sich der inländische Konsum von Endenergie wieder auf dem Niveau der Jahrtausendwende, und pro Kopf der Bevölkerung liegt dieser Energiekonsum deutlich darunter.

Der Konsum von Strom pro Kopf unterschreitet heute das Niveau des Jahres 2000 ebenfalls, während der Stromkonsum insgesamt zurzeit noch höher liegt. Die Ziele der nationalen Energiestrategie fürs Jahr 2020 (minus 16% Energie-, minus 3% Stromverbrauch gegenüber dem Jahr 2000), die pro Kopf der Bevölkerung festgelegt wurden, lassen sich damit wohl erfüllen. Das dokumentiert die folgende Grafik über die Entwicklung und Ziele des Schweizer Energiekonsums; der leichte Zuwachs des Stromverbrauchs um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist in der Grafik berücksichtigt.

https://www.infosperber.ch/data/attachements/0405Grafik%20Energiekonsum%20klein.jpg

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Wie Menge, Effizienz und Verlagerung sich auswirken

Die Gründe für diese Wende beschrieb der Bundesrat jüngst in einem 24-seitigen Bericht mit vielen Tabellen, den er als Antwort auf ein Postulat von SP-Nationalrat Thomas Nordmann veröffentlichte. Darin unterscheidet er ebenfalls zwischen dem Mengeneffekt, der den Energie- und Stromkonsum erhöht, und dem Einfluss von effizienterer Technik und Politik, der den Verbrauch senkt.

Zu den Mengeneffekten zählt der Bundesrat die Entwicklung von Bevölkerung und Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttoinlandprodukt, sowie Industrieproduktion, Wohnungs-, Fahrzeug-, Gerätebestand und Energiebezugsflächen. Dem Wachstum dieser Mengen stellt er den Effizienzgewinn gegenüber, den die technische Entwicklung ermöglicht und den die nationale Politik mit Verbrauchsvorschriften und Subventionen zusätzlich fördert. Dazu kommt die ebenfalls politisch geförderte Substitution, vor allem die Verlagerung von fossiler Energie, insbesondere Heizöl, zu Elektrizität und erneuerbaren Energieträgern. Schliesslich wirken sich ökonomische und klimatische Faktoren aus; dies besonders auf den periodisch schwankenden Tanktourismus und den Wärmebedarf.

Die Wirkung dieser gegenläufigen Entwicklungen fasst der Bundesrat wie folgt zusammen: «Seit knapp zehn Jahren überkompensieren diese Einsparungen, die sich aus dem technischen Fortschritt ergeben und durch politische Energieeffizienz-Massnahmen verstärkt werden, die Verbrauchszunahmen.» Die Substitution von Erdöl durch Elektrizität verstärkte diese Wirkung bei der fossilen Energie, verminderte sie aber beim Strom.

Treibhausgase seit 1990 ebenfalls gesunken

Ähnlich wie bei der Energie verhält es sich beim Ausstoss von CO2 und weiteren klimawirksamen Gasen: Im Jahr 2016 lag der Ausstoss aller Treibhausgase innerhalb der Schweiz um rund zehn Prozent unter dem – klimapolitisch massgebenden – Niveau im Jahr 1990. Das zeigt die jüngste, letzte Woche veröffentlichte Erhebung des Bundesamtes für Umwelt. Der kurzfristige Anstieg gegenüber dem – rekordwarmen – Jahr 2015 ist auf die kühlere Witterung (mehr Bedarf an Heizwärme) zurückzuführen. Die Entwicklung der Treibhausgase dokumentiert die folgende Grafik.

Grafik vergrössern

Im Jahr 2016 hat die Schweiz ihre klimapolitischen Ziele fürs Jahr 2020 (minus 20 %) also erst zur Hälfte erreicht. Denn im Unterschied zur Energiestrategie, welche die Energie- und Stromziele pro Kopf der Bevölkerung bemisst, gelten die Ziele für den Ausstoss der Treibhausgase absolut. Darum sind sie schwerer zu erreichen, wenn die Bevölkerung in der Schweiz ungebremst weiter wächst.

Grösster Einfluss: Die Verlagerung vom In- ins Ausland

Die wichtigste Ursache für die Wende, die den Konsum von Energie und den Ausstoss von Treibhausgasen innerhalb der Schweiz sinken lässt, klammern die nationalen Erhebungen aber aus. Es handelt sich dabei um die Verlagerung von energieintensiven Tätigkeiten vom In- ins Ausland.

So importieren die Menschen in der Schweiz mit mehr Gütern auch mehr graue Energie und mehr Material. Dabei handelt es sich um Energie, die im Ausland eingesetzt wird, um in der Schweiz genutzte Rohstoffe, Halbfabrikate und Güter zu erzeugen; das Spektrum reicht von der Öl- und Rohstoffförderung über die Auslagerung von Produktionsstätten bis hin zum Import von Fertigwaren wie Autos, Computer etc.; mengenmässig sind diese Importe viel umfangreicher als die Exporte. Gleichzeitig verbrauchen Leute aus der Schweiz bei ihren Reisen im Ausland mehr Transportenergie.

Mit alledem verursachen die Menschen in der Schweiz ausserhalb ihrer Landesgrenze auch mehr Treibhausgase. So ergab eine Erhebung über den "Treibhausgas-Fussabdruck" der Schweiz, den das Bundesamt für Statistik im Februar 2018 publizierte: Im Jahr 2015 waren die grauen Treibhausgas-Emissionen, welche Bevölkerung und Wirtschaft der Schweiz im Ausland verursachen, bereits anderthalb Mal so gross (!) wie die direkten Emissionen im Inland.

Im Unterschied zum Verbrauch und zu den Emissionen innerhalb der Schweiz wachsen also der Energieverbrauch und Ausstoss von Treibhausgasen, den Schweizerinnen und Schweizer im Ausland verursachen. Mit andern Worten: Während die Energie- und Klimawende im Inland zaghaft begonnen hat, lässt die Wende bei den Inländerinnen und Inländern weiterhin auf sich warten. Diesen Sachverhalt hat Infosperber schon in früheren Beiträgen thematisiert (siehe Links unter «Weiterführende Informationen»).

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Die Minuskalorien der Schweizer Landwirtschaft
Schweizer Mobilität wächst im Ausland explosiv
Wie die Schweiz das Klima im Ausland aufheizt
Wie die Schweiz vom Stromimport abhängig wird
Schweiz beansprucht mehr Material

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Eine Meinung

Energie sparen: Eine Sisyphus-Aufgabe!

Wenn wir Energie sparen, sparen wir auch Geld. Was machen wir aber mit dem gesparten Geld? Wir geben es anderweitig für Konsumgüter aus, was wiederum Energie – z. B. „graue Energie“ – braucht oder wir bringen es den Banken und Versicherungen als Spargeld, wodurch diese in die Lage versetzt werden, Kredite für Investitionsgüter zu geben, deren Produktion, Betrieb und Unterhalt wiederum Energie braucht. Das einzig wirksame Mittel gegen zu hohen Energieverbrauch ist die Reduktion des Einkommens für diejenigen Bevölkerungsschichten, die sich das leisten können oder wollen. Weniger Einkommen, dafür mehr Freizeit; das ist doch auch eine Lebensperspektive.! Die materialistische Gesellschaft in den reichen Ländern wird abgelöst werden, entweder freiwillig oder aufgrund von Verteilungs-,Ressourcen- oder Umweltproblemen, die wir zwangsweise lösen müssen.
Alex Schneider, am 21. April 2018 um 06:37 Uhr

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