Die neue Strassen- und Eisenbahnbrücke, die die Krim mit dem russischen Festland verbindet © cm

Die neue Strassen- und Eisenbahnbrücke, die die Krim mit dem russischen Festland verbindet

Krim: Aus wirtschaftlichen Gründen zurück zur Ukraine?

Christian Müller / 13. Jul 2020 - Andreas Umland, ein bekannter «Ukraine-Kenner», prophezeit ein vom Westen erhofftes Wunder. Seine Argumentation ist bemerkenswert.

«Russlands militärische Eroberung der ukrainischen Halbinsel Krim …» So beginnt schon der dritte Satz des jüngsten Artikels von Andreas Umland, erschienen im deutschen Nachrichten-Magazin «Focus» und übernommen von der deutschen Online-Plattform «Ukraine-Nachrichten».

Militärische Eroberung der Krim? Es fiel kein einziger Schuss. Es gab eine Volksabstimmung, das Referendum vom 16. März 2014, mit dem klaren Resultat, dass die Krimeer lieber zu Russland gehören als zur Ukraine. Und eben jetzt im Juli 2020 hat auch das Referendum zur neuen Verfassung der Russischen Föderation wieder gezeigt, mit wem sich die Krimeer historisch und kulturell verbunden fühlen: mit Russland. Über 90 Prozent der Krimeer nahmen am Referendum zur neuen russischen Verfassung teil und über 80 Prozent der Teilnehmer stimmten für die neue Verfassung, in der die heutigen Grenzen der Russischen Föderation – also inklusive Krim – als unantastbar erklärt werden.

Andreas Umland, Senior Research Fellow des «Institute for Euro-Atlantic Cooperation», gehört zu jenen nordatlantisch interessierten und bezahlten Kommentatoren, die auf eine vielfach beobachtete Erfahrung setzen: Wird etwas oft genug gesagt, wird's irgendeinmal wahr – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Deshalb immer wieder die Aussage: Russland hat die Krim militärisch annektiert.

Andreas Umland bestreitet auch die Verwurzelung der Krim in der russischen Nationalgeschichte. Kein Wort zum Fakt, dass erst 1954 Nikita Chruschtschow die Krim – notabene ohne jede Mitsprache der Krimeer und sogar ohne Absprache innerhalb der sowjetischen Führungsriege – an die ukrainische Sowjetrepublik «verschenkt» hat. Nicht zufällig wurde anlässlich der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine 1991 der Krim Autonomie zugestanden.

Wer die Krim selber kennt und mit der dortigen Bevölkerung Kontakt hat, kennt die Realität: Das Referendum im Jahr 2014 war von der ukrainischen Regierung trotz der 1991 abstimmungsgerecht zugestandenen Autonomie zwar nicht genehmigt, aber das klare Resultat war weder auf militärischen Druck noch auf russische «Manipulationen» zurückzuführen, sondern Ausdruck eines echten Willens zur staatlichen Selbstbestimmung.

Umlands Prognose: indirekt eine Empfehlung

Jetzt stellt Andreas Umland eine Prognose: Russland werde die Krim dereinst freiwillig an die Ukraine zurückgeben – aus wirtschaftlichen Gründen! Russland könne sich, insbesondere jetzt nach der Covid-19-Krise, die Entwicklung der Krim auf das Niveau von Russland gar nicht leisten.

Andreas Umland ist selber 1967 in der damaligen DDR geboren. Er weiss, was die Wiedervereinigung der DDR mit der Bundesrepublik Deutschland die Westdeutschen bisher gekostet hat: 1600 Milliarden Euro. Die Ursache der hohen Kosten nennt Umland allerdings nicht: die Ansprüche der wiedervereinigten DDR-Bürgerinnen und -Bürger – die Ansprüche auf Löhne, Renten, auf die ganze staatliche Infrastruktur –, diese Ansprüche stiegen nach der Wiedervereinigung, psychologisch nachvollziehbar, schneller als die wirtschaftliche Fähigkeit, das selbst zu leisten. Jetzt aber prophezeit Umland der Wiedervereinigung der Krim mit Russland ein ähnliches wirtschaftliches Abenteuer – auf Kosten Russlands.

Was Umland in seinem «Focus»-Artikel allerdings erst ganz am Schluss und gewissermassen nebenbei erwähnt: die westlichen Wirtschaftssanktionen gegen die Krim. Er empfiehlt mit seiner Prognose der nordatlantischen Welt, ohne dies selber klar auszusprechen, diese Sanktionen möglichst lange durchzuhalten, um die Entwicklungskosten der Krim hochzutreiben – mit dem vom Westen erhofften Resultat der «Rückgabe».

Die Leidtragenden sind die Krimeer

Als einen der Gründe für die hohen Entwicklungskosten der Krim erwähnt Andreas Umland den Nord-Krim-Kanal, der Wasser aus dem Dnepr in die nördliche Krim bringt. Der Kanal wurde in den 1970er Jahren, also zu Sowjetzeiten, erbaut. Nachdem die Krimeer in ihrem Referendum von 2014 ihre Wiedervereinigung mit Russland beschlossen hatten, stoppte die Ukraine mit einem Dammbau die Wasserzufuhr auf die Krim über diesen Kanal. Damit verursacht sie die Austrocknung von gegen 3000 Quadratkilometern landwirtschaftlich nutzbarem Land – mit dramatischen Auswirkungen und programmiertem Hunger. Dass die Ukraine ihrerseits Russland bezichtigt, die Ukraine im Jahr 1933, dem sogenannten Holodomor, absichtlich in eine Hungersnot gebracht und damit Genozid verübt zu haben, erwähnt Umland natürlich nicht. Passt eben nicht so gut zusammen, einem heutigen politischen Gegner etwas aus der Vergangenheit vorzuwerfen, was man gerade jetzt selbst tut: Tausende Menschen absichtlich dem Hunger aussetzen.

Wirtschaftliche Anpassung an die Ukraine?

Wo Andreas Umland, der bekennende Nordatlantiker, natürlich recht hat: Eine Anpassung der Krim an das wirtschaftliche Niveau der Ukraine wäre einfacher. Die Ukraine ist nach ihrem verhängnisvollen Entscheid, ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland, mit dem sie mit 72 Prozent ihrer Landesgrenzen verbunden ist, zu blockieren und ausschliesslich auf die Multimilliarden-Hilfe aus den USA und aus der EU zu setzen, zum ärmsten Land Europas abgesunken. Es gibt Schätzungen von Wirtschaftsexperten, dass es 40 Jahre brauche, um die Ukraine auch nur auf das wirtschaftliche Niveau des heutigen Polen zu bringen: zwei Generationen Aufbauarbeit. Sich an dieses ausserordentlich tiefe Wirtschaftsniveau der Ukraine anzupassen kostete die Krim tatsächlich nicht so viel, denn es wäre schon heute eher ein wirtschaftlicher Abstieg. Die Krim, ein für den internationalen Tourismus geographisch und klimatisch prädestiniertes Land, leidet zwar massiv unter den Wirtschaftssanktionen des Westens – an denen sich leider auch die sogenannt neutrale Schweiz beteiligt –, weil die Touristen aus dem Westen ausbleiben müssen, aber durch den neuen Flughafen in Simferopol, die neu gebaute Strassen- und Eisenbahnbrücke zum russischen Festland (siehe das Bild oben) und durch die schon bald fertiggestellte Autobahn von Kertsch im Osten bis Sewastopol im Westen der Krim sind die wichtigsten Meilensteine einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung immerhin schon mal gesetzt.

Positive Informationen über die Krim unerwünscht

Infosperber hat den deutschen «Ukraine-Nachrichten» angeboten, alle auf Infosperber erschienenen und auf Recherchen vor Ort basierenden Berichte über die Krim inkl. Fotos unentgeltlich zu übernehmen. Die «Ukraine-Nachrichten» haben auf eine Antwort verzichtet. Sie übernehmen offensichtlich lieber Artikel des deutschen Nachrichtenmagazins «Focus» von Andreas Umland, der seinerseits am «Institute for Euro-Atlantic Cooperation» in Kiev arbeitet – und ohne diese seine politische Abhängigkeit zu erwähnen.

– – – – – – – – – – – – – – – – – –

Siehe dazu den Infosperber-Kommentar: So verpackt die NZZ Falschinformationen in «Meinungen»

Und siehe dazu die sieben Infosperber-Berichte über die Krim:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Zum Autor deutsch und englisch.

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

16 Meinungen

Ich gehe davon aus, dass auch ich ordentlich westlich indoktriniert bin. Doch auch wenn ich davon ausgehe, dass Christian Müller in Bezug auf die Krim wesentlich besser informiert ist als ich, kommt mir seine Argumentation gelegentlich doch reichlich naiv vor. Beispiel: Die Krim wurde nicht militärisch erobert. Beweis: es fiel kein einziger Schuss. Mit etwa derselben Argumentation kann man ohne weiteres feststellen, dass China ein viel freiheitlicheres Land sei als die USA, weil in China viel weniger Leute von der Polizei erschossen werden (ich nehme jedenfalls an, dass es so ist.) Auch Christian Müller ist es vermutlich klar, dass Macht und Gewalt nicht nur am Schusswaffengebrauch abzulesen sind. Weshalb denn diese scheinbar blauäugige Argumentation?
Matthias Wiesmann, am 13. Juli 2020 um 12:26 Uhr
Irgendwann wird auch der letzte ‚Atlantiker‘ einsehen, dass eine Allianz, in der die stärkste Macht dem Prinzip ‚me first‘ huldigt, auch nach Trump kein Verbündeter sein kann. Wann werden wir Europäer endlich einsehen, dass Russland und Europa zusammengehören und dass die USA, Archetyp des Individualismus, kein Vorbild für eine globale Zusammenarbeit gegen die globalen Herausforderungen ist und sein kann? Vielleicht erteilt ihnen das Covid-19 diese Lektion. Man kann ja noch hoffen.
Michel Mortier, am 13. Juli 2020 um 13:00 Uhr
Wie oft müssen unsere Krim-Kenner ihre fundierten geschichtlichen Erkenntnisse wiederholen, bis die Schweizer Öffentlichkeit von den Fakten endlich Kenntnis nehmen?
Konrad Staudacher, am 13. Juli 2020 um 13:45 Uhr
Danke für diesen äusserst interessanten und informativen Beitrag. Er zeigt ein ganz anderes Bild des Krimkonflikts als es in den westlichen Medien üblicherweise gezeigt wird. Schön gibt es Medien wie den Infosperber.
Reto Derungs, am 14. Juli 2020 um 00:37 Uhr
Die Lügen um die Krim sind einfach zum Erbrechen. Und natürlich berichtet ausser IS keiner über die Abstimmungsergebnisse. Geschichtsrevisionismus hat in Europa derzeit Hochkonjunktur (siehe auch die neue Geschichtsschreibung zum Beginn des zweiten Weltkriegs).
Ein Widerspruch zum Artikel: der Grund für die hohen Kosten der deutschen Wiedervereinigung war nicht Ansprüche der Ostdeutschen, sondern die fanatische Zerschlagung und Zerstörung der gut funktionierenden Teile der sozialistischen Wirtschaft der DDR unter der Doktrin “Privatisierung ist wichtiger als das Überleben von Betrieben“.
Und an Herr Wiessmann: ja natürlich geht es Schwarzen in China besser als in den USA. Wie wurde in allen Medien berichtet als einmal in einer Stadt in China Schwarze stärker kontrolliert wurden als Weisse und Einheimische? In den USA ist das Dauerzustand. In China hat die Lokalregierung innert Tagen reagiert und nicht ein Schwarzer ist gestorben. In den USA sind seit dem Vorfall bereits Dutzende Schwarze von Polizisten erschossen worden.
Harald Buchmann, am 14. Juli 2020 um 13:51 Uhr
Aber natürlich wurde die Krim militärisch annektiert. Die grünen Männchen aka russische Spezialeinheiten haben taktisch geschickt, überraschend und mit militärischer Übermacht die ukrainischen Sicherheitskräfte vor ein Ultimatum gestellt und die ukrainische Polizei und militärischen Einheiten haben sich dann ergeben. Ohne einen Schuss, das stimmt, aber ändert nichts daran, dass es eine gewaltsame Machtübernahme war.
Die Abstimmungen unter Putin sind orchestriert und werden (wie die letzte Verfassungsreform nur dann durchgeführt, wenn der Ausgang zu Gunsten Putins klar ist, auch bekannt als «gelenkte Demokratie». Und es mag ja sein, dass sich viele Leute unter einem autoritären Regime wohler fühlen als unter einem chaotischeren, freiheitlichen System. Eine selbstbewusste, starke Zivilgesellschaft muss sich erst bilden können, und Putin weiss, wie er dies mit allen Mitteln verhindern kann.
Ich frage mich, ob alle, welche an dieser Stelle die stark autoritäre russische Führung loben, sich in einem solchen Staat auch wohl fühlen würden. Ein Infosperber würde auf jeden Fall früher oder später bei den Herrschenden anecken und zumindest stark schikaniert werden.
Thomas Oberhänsli, am 15. Juli 2020 um 09:55 Uhr
@Oberhänsli. Habe den Artikel auch gelesen. An welcher Stelle lobt den der Autor die russische Führung?
Ulrich Gasser, am 15. Juli 2020 um 10:10 Uhr
@Ulrich Gassner. Besser wäre es zu sagen, dass Christian Müller eine sehr unkritische Nähe zu Putins Machtpolitik pflegt. Ich habe von Christian Müller noch keinen einzigen Satz gelesen, wo er sich kritisch gegenüber Putins Machtpolitik abgegrenzt hätte. Dafür kritisiert er alle wahren oder vermeintlichen Feinde Russlands und der Putinschen Machtpolitik mit Vehemenz. Er kennt dabei keine Grautöne und nicht einmal in einem Nebensatz wird von seinem «hier die Bösen und dort die Guten oder unschuldigen Opfer» abgewichen.
Aber Sie haben Recht, explizit gelobt hat er Putin in diesem Artikel nicht, in früheren Artikeln schon zB als Brückenbauer (Brücke von Kertsch, siehe Abbildung oben).
Thomas Oberhänsli, am 16. Juli 2020 um 21:18 Uhr
Als Leser unzähliger „Weltpolitikliteratur“ möchte ich Herr Christian Müller in Schutz nehmen und ihm danke sagen über seine sehr gute Berichterstattung. Christian Müller ist derjenige kompetente Journalist, welcher auch versucht, eine Brücke zu bauen zwischen den immer negativen Berichterstattungen, über Russland. Christian Müller ist sicher sehr kompetent, in diesen Fragen, weil er auch die Oststaaten-Länder bereist hatte und auch mit dem Volk gesprochen hatte. Wir Schweizer sind doch eigentlich ein neutrales Land oder etwa nicht? Auch in der Schweizer Politik gäbe es zur Genüge viel Negatives zu berichten. Darum Frage ich Sie als Leser, warum müssen wir uns immer wieder mit negativen Kommentaren in die inneren Angelegenheiten der anderen Völker einmischen? Sie als Leser müssen sich fragen, warum gab es Kriege? Warum gab es den Kalten Krieg? Und warum berichten unsere Medien meistens immer das Negative über die Politik Russlands? Ich bin der Meinung, dass dies alles der industriellen, geopolitischen, finanziellen Politik der USA geschuldet ist. Und weil man es aus wirtschaftlichen Gründen und dem sogenannten „Geldscheffeln“ mit den Amerikanern nicht verderben will, so bläst man ins negative Horn der USA! Basta! Darum danke Herr Christian Müller über seine, hoffentlich weiteren guten Berichterstattungen. Niklaus Berwert
Niklaus Berwert, am 17. Juli 2020 um 14:58 Uhr
Umland, der mit antirussischen, oft ressentimentgeladenen Beiträgen den publizistischen Raum „Ukraine und Russland“ besetzt, muss man entgegentreten. Seine Darstellung des Ukraine-Konflikts 2014 ist fragwürdig,(vgl. u. a. das Interview mit G. Friedman von Stratfor, mit dem Titel „The most blatant coup in history“ . http://russia-insider.com/en/politics/stratfor-chiefs-most-blatant-coup-history-interview-translated-full/ri2561)
Zum Verständnis seiner „wissenschaftlicher Expertise“ kann vielleicht Umlands Biografie beitragen. 1967 in Jena geboren und in der DDR sozialisiert, studierte er russische Sprache, sowie Geschichte und Politik in Leipzig, er schloss 1990 als Staatl. gepr. Übersetzer ab. Nach der Wende überschlugen sich die Karrierestationen fast. (wiki) Seit 2014 arbeitet er am Institute for Euro-Atlantic Cooperation Kiew, das 2001 von Borys Tarasyuk, seit 1997 Missionsleiter der Ukraine bei der NATO und NATO-Lobbyist, gegründet wurde. Zweck des Instituts ist, die Integration der Ukraine in NATO und EU voranzutreiben.
Als am 5. 12.14 in der ZEIT der Appell «Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!» erschien, ein Aufruf von mehr als 60 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zum Dialog mit Russland u. für eine neue Entspannungspolitik, initiierte der Kalte Krieger Umland im Tagesspiegel am 11.12. einen heftigen Gegenaufruf von „Ostexperten“.
Was treibt ihn? Ist es die Obsession des Renegaten, der ständig beweisen muss, dass er auf der richtigen Seite steht?
Maria Klahm-Rauscher, am 17. Juli 2020 um 15:55 Uhr
Denjenigen, die schreiben die BDR habe die florierende Wirtsch. der DDR vernichtet, muss ich widersprechen. Diese Menschen haben sich nie in der DDR aufgehalten, denn sonst würden sie nicht solches behaupten. Das ist in der UA und im Baltikum gleich gewesen. Diese Produkte entsprachen nicht den westl. Qualitätsstandards und Preisniveaus. Kam dazu, das stammt noch aus der Ära Stalins, dass diese Werke nicht eigenständig waren. Sie waren abhängig von Zulieferern aus anderen Teilrepubliken der RF (früher UdSSR). Mit dem Entstehen der RF war diese nicht mehr interessiert den west. orient. Staaten Produkte abzukaufen. Bsp Lokomotiven und Züge aus dem Baltikum, denn Siemens oder Stadler Rail lieferten bessere und günstigere Kompositionen. Die einzige Ausnahme waren die ukr. Raketentriebwerke aus der Ostukraine. Die RF hat diese Anlagen jetzt demontiert und an einen für sie sicheren Standort verschoben. Die RF wird ins Hintertreffen geraten, da ihnen jetzt das Knowhow fehlt. Inzwischen haben US-Firmen bewiesen, dass sie in der Lage sind bessere und günstigere Raketensysteme zu bauen, Die UA liefert nur noch Rohstoffe (Kohle) in die RF. diese wird dann in Deutschland als russ. Kohle für Kohlekraftwerke eingesetzt.
Wir leben in einer total vermurksten Welt, in welcher nur noch die Gewinnmaximierung und der Egoismus gilt. Der Normalbürger kommt dabei kurz oder lang unter die Räder und wir steuern wieder einmal einem grossen Knall entgegen. Die Zeche bezahlen immer nur die Kleinen
Jean-Claude Weber, am 19. Juli 2020 um 12:30 Uhr
Ich zweifle nicht daran, dass A. Umland beharrlich widersprochen werden muss. Schade, dass Christian Müller in dieser Absicht beim nicht informierten Leser völlig unzutreffende Vorstellungen weckt: 1. handelt es sich weder in den Volksrepubliken der Ostukraine noch bei der Krim um «echten Willen zur staatlichen Selbstbestimmung*. Wer Putins Russische Föderation bevorzugt entscheidet sich nicht für staatliche Selbstbestimmung mit demokratisch-rechtsstaatlichem Grundrecht der Bewohner, so wie ein Schweizer diesen Begriff auffassen muss. 2. Die Krim wurde Ende 18. Jh. gewaltsamTeil des Russischen Imperiums und nicht Teil einer russischen Nationalgeschichte. Die grosse tatarische Bevölkerung der Krim wurde durch das Moskauer Imperium, in dessen Nachfolge Putin sich ausdrücklich sieht, brutal vertrieben mit annähernd hunderttausend Toten. 3. Den von Moskau bewusst herbeigeführten Hungertod von Millionen friedlicher Bewohner im Holodomor zu vergleichen mit der Behinderung der Landwirtschaft durch die ukrainische Regierung, an der kein Bewohner der Krim vor Hunger sterben wird, ist einfach - grauenhaft. Ich könnte mir eine Entschuldigung durch Christian Müller für diesen Missgriff vorstellen! MItgefühl mit den Bauern der Krim, die in ihrer wirtschaftlichen Grundlage das Opfer von Grossmachtintrigen werden, ist trotzdem angebracht.
Peter Lüthi, Osteuropahistoriker
Peter Lüthi, am 19. Juli 2020 um 16:41 Uhr
Bin leider ferienhalber etwas spät:
Aber es war eigentlich klar, worauf das Assoziierungsabkommen EU-Ukraine hinauslaufen sollte. Sich die Krim (1954 von Chruschtschow, ein Ukrainer, an die Ukraine verschenkt) in die NATO einzuverleiben. Man muss naiv sein, das zu übersehen. Auf der Krim steht die russische Schwarzmeerflotte. Wie würde sich Russland dann verteidigen?
Ruth Obrist, am 19. Juli 2020 um 22:44 Uhr
Liebe Frau Obrist! 1. Chruschtschow war kein Ukrainer. Er stammte aus Weissrussland, verbrachte die jungen Jahre in Donezk, wo man nie emotionale Bindungen an eine ukrainische Nation entwickelte und sich als Ukrainer fühlte, und seine Parteikarriere entwickelte sich in Moskau. 2. Schildern Sie bitte ein realistisch mögliches Szenario, wie die NATO, wenn sie in den Besitz von Sewastopol gekommen wäre, gestützt darauf Russland konventionell oder atomar hätte angreifen können, und wie Russland sich dank dem in seinem Besitz gebliebenen Kriegshafen gegen einen von Ihnen vermuteten NATO-Angriff verteidigen würde. 3. Da ich keine realistischen Szenarien kenne, wie treu den Vorstellungen klassischer Kriegsführung die russische Armee in Europa einfallen bzw. die NATO-Armeen in Russland einfallen könnten, halte ich das Schüren von Angst auf beiden Seiten für einen Betrug an den Bevölkerungen, denen man nur so glaubhaft machen kann, dass der Besitz von Stützpunkten und die Milliardeninvestitionen in neue Atomwaffen anstatt in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit lebensnotwendig seien. Der Beweis steht aus, dass Stützpunkte die Interessen der Menschen verteidigen und nicht bloss Interessen imperialer Geltung.
Peter Lüthi, am 20. Juli 2020 um 11:28 Uhr
@Lüthi:
Zu ihrem Punkt 1:
Nun, man kann sich sicher streiten, ob der Geburtsort von Chruschtschow - Kalinowka im heutigen russischen Grenzgebiet zur Ukraine - ihn zum Ukrainer macht oder nicht. Ich kenne die damaligen Gebietszugehörigkeiten nicht. Auszuschließen ist damit allerdings, dass er Weißrusse gewesen sei.

Wesentlich klarer ist die Sache mit Ihrem Punkt 2:
Die gesamte Strategie der NATO fusst auf der Eindämmung ihrer definierten Gegenpole. Und wenn sie dem definierten Gegenpol Russland seine größte Flottenbasis überhaupt nehmen würde, nämlich Sewastopol, dann hätte die NATO ein ganz wesentliches Ziel ihres 5-Mrd-Dollar-Engagements in der Ukraine, das zu dem bekannten Staatsstreich 2014 führte, erreicht. Denn es ging bei diesem nie um die Menschen in der Ukraine, sondern ausschließlich um Macht.

Es war immer so: wer die Krim militärisch beherrscht, der beherrscht zu wesentlichen Teilen das Schwarze Meer. Das ist jedem Militärstrategen klar!

Der mögliche Verlust Sewastopols war eine entscheidende Stellschraube hinsichtlich der Handlungsoptionen Russlands. Wäre es dazu gekommen, wäre Russland militärisch erheblich geschwächt - und eben eingedämmt - worden. Und daraus hat Russland auch keinen Hehl gemacht, wie Sie als Historiker sicher wissen.

Frau Obrist liegt daher völlig richtig.
René-Burkhard Zittlau, am 23. Juli 2020 um 16:15 Uhr
"Die Ursache der hohen Kosten nennt Umland allerdings nicht: die Ansprüche der wiedervereinigten DDR-Bürgerinnen und -Bürger – die Ansprüche auf Löhne, Renten, auf die ganze staatliche Infrastruktur –, diese Ansprüche stiegen nach der Wiedervereinigung, psychologisch nachvollziehbar, schneller als die wirtschaftliche Fähigkeit, das selbst zu leisten."

Guten Tag, Herr Müller,
in der Regel finde ich in Ihrer Argumentation nicht wenige gedankliche Gemeinsamkeiten. Doch mit diesem Zitat hauen Sie «aber so richtig einen raus», um es salopp auszudrücken.
Was in den Jahren 1990-94 seitens der Treuhand - und somit seitens der deutschen Regierung - mit der DDR-Wirtschaft gemacht wurde, hatte mit dem Willen, Arbeitsplätze und somit Perspektiven für die Menschen und somit eine ökonomische Basis zu erhalten, nichts zu tun! Es ging ausschließlich um eine Marktbereinigung und die Filetierung dessen, was da so war. Damals gingen 90% der Indurstriearbeitsplätze verloren! Über die Gründe zu reden, reicht der Platz hier nicht. West-Politik und West-Ökonomie gingen dabei Arm in Arm. Natürlich kostete ein derartiger Kahlschlag in Folge Geld. Aber Ansprüche der Bürger?? Vielleicht lege ich diesen Ihren Zungenschlag etwas anders aus, als Sie es gemeint haben. Doch ich habe aus diesem Kelch damals ausgiebig trinken dürfen, so dass ich diese Formulierung so einfach nicht stehen lassen möchte.
Ein Vergleich mit der Krim diesbezüglich erübrigt sich daher komplett.

Beste Grüße in die Schweiz!
René-Burkhard Zittlau, am 24. Juli 2020 um 16:55 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.