Syrien: Keiner weiss, wie es läuft

Jürg Müller-Muralt © cc
Jürg Müller-Muralt / 30. Aug 2013 - Die «Experten» sind sich nicht einig, was ein Angriff auf Syrien für Folgen haben könnte. Sie können es gar nicht wissen.

Chaos und Flächenbrand im Nahen Osten oder nur ein Schuss vor den Bug des Assad-Clans ohne allzu gravierende Folgen für die Region? Die Experten streiten sich über die Auswirkungen des angekündigten einseitig amerikanisch-westlichen Angriffs auf Syrien. Unabhängig von der Kriegsgrundfrage (die «rote Linie» des Giftgaseinsatzes) lohnt es sich, bei dieser Gelegenheit ein paar grundlegende Einsichten in Erinnerung zu rufen:

  • Massive Fehleinschätzungen des möglichen Verlaufs eines Krieges sind die Regel und nicht die Ausnahme.

  • Die wenigsten Resultate von Kriegen sind tatsächlich gewollt.

  • Kriegsbeginn und Kriegsverlauf sind üblicherweise von Pleiten, Pannen und Schwierigkeiten aller Art begleitet.

  • Der Kriegsbeginn ist häufig von falschen Vorstellungen der Beteiligten geprägt. Der Grund dafür liegt in den Grenzen des menschlichen Vorstellungsvermögens, nämlich der Unfähigkeit oder Unmöglichkeit, komplexe politisch-militärische Vorgänge zuverlässig und zutreffend voraussehen zu können. Die Dynamik der Entwicklung wird regelmässig massiv unterschätzt.

Das Motiv allein reicht zur Erklärung nicht

Diese hier knapp zusammengefassten Erkenntnisse stammen aus dem leider vergriffenen Buch «Wie Kriege beginnen» von Dieter Ruloff, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Zürich (Beck Verlag 2004). Ruloff macht darauf aufmerksam, dass der Verweis auf die zugrundeliegenden Motive (also etwa Grenz-, Territorial- oder ethnische Konflikte, Sicherheitsfragen, Dominanzstreben, aktuelles oder historisches Unrecht, Missverständnisse, Fehleinschätzungen, humanitäre Gründe etc.) nicht reichten, um den Ausbruch eines Krieges an sich hinreichend zu erklären. Denn der allergrösste Teil der internationalen Konflikte wird ohne Waffeneinsatz geregelt. Zu einem Krieg kommt es dagegen nur, wenn sich über die Motive hinaus noch andere Elemente dazugesellen. «Wer den Krieg verstehen will, muss sich vor allem mit der Schwelle zwischen Krieg und Frieden befassen.»

Genau diesen Ansatz hat Ruloff in seinem hervorragenden Buch gewählt, in dem er untersucht, wie in 165 Fällen zwischen 1792 und 2004 Kriege begonnen haben. Dabei geht es ihm eben nicht um Kriegsmotive, sondern um die Typologien von Kriegsanfängen. Er unterscheidet dabei den begrenzten Krieg, den Eskalationskrieg, den Überfall- und Blitzkrieg, Duellkriege und militärische Machtproben, Risiko- und Einschüchterungspolitik, Nervenkriege, die Entfesselung von Weltkriegen sowie den ungewollten und zufälligen Krieg.

Kein Krieg ohne Eskalationsgefahr

Bemerkenswert: Etwa ein Drittel der Kriege begann wenig spektakulär und mit der Absicht eines begrenzten Konfliktes, weitete sich dann aber aus unterschiedlichsten Gründen zu einem Eskalationskrieg aus. Als im Sommer 1914 die Heere aufeinander losmarschierten, herrschten Enthusiasmus, Siegesgewissheit und vor allem die Zuversicht, «bis Weihnachten» wieder zu Hause zu sein. Und keiner ahnte, dass der Beginn des US-Engagements in Vietnam zu einem der grossen militärischen Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg führen sollte. Gelernt haben die USA nichts, wie das Debakel in Irak und in Afghanistan zeigt.

Einmal mehr kann man nur hoffen, dass sich Friedensnobelpreisträger Barack Obama nicht verrechnet, wenn er Syrien angreift. Sicher ist nur eines: Er kann die Tragweite seines Entscheides gar nicht durchschauen. Er kann es so wenig wie alle anderen. Aber zu diesem Eingeständnis, zu diesem Akt der Bescheidenheit, war noch kein Politiker fähig, der in den Krieg gezogen ist.

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Keine

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4 Meinungen

Danke für diese hochaktuelle Literaturempfehlung!

Bis das Buch wieder erscheint: Es gibt eine parallele Theorie für Ethnic Cleansing/Genozide von Michael Mann: The Dark Side of Democracy. Er zeichnet darin präzis nach, dass auch diese mit einem Plan A - Aberkennung von Rechten und Ausreise-empfehlungen beginnen und erst Plan D dann Massenmord ist.
Apropos Genozid: sehr gefährdt sind zum Beispiel ethnische quantitative Minderheiten, welche die Macht in einem Land haben und diese dann verlieren (Fall Tutsi - Alawiten - ....). Vielleicht sollte Assad anfangen eine (Kon)föderale Verhandlungslösung zu suchen?

Werner T. Meyer

PS: Das Britische Parlament ist lernfähiger als man denkt und hat sich an Tony the Liar und seinen Irak-plan A erinnert....BRAVO
Werner Meyer, am 30. August 2013 um 09:36 Uhr
@Herr Meyer, Das war wohl die schönste Morgen-News nach dem Aufstehen überhaupt: Das britische Unterhaus ohrfeigt Cameron. Man kann nur hoffen, dass auch der Friedensnobelpreisträger Obama zur Räson gebracht wird..
Gino Brenni, am 30. August 2013 um 11:50 Uhr
@Gino Brenni: Gerade 2 positive Nachrichten zum mittleren Osten in EINER Woche zu erwarten ist vielleicht etwas ZU optimistisch. Ein Nobelpreis garantiert genauso wenig wie ein Blech über dem Stall, dass die Kuh dann mehr Milch gibt - siehe Heiri K. . Der US-Kongress hat nicht das Niveau des Unterhauses. Es gibt kaum etwas traurigres in der Geschichte der Parlamente als den US-Senat bei Abstimmungen zu Kriegen und diktatorischen Vollmachten. Zumindest nicht seit dem Deutschen Reichstag 1914 und 1933.

HEUTE FEIERN !!!

Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 30. August 2013 um 14:05 Uhr
Bei den Lügenbaronen aus Washington (mobile Giftgaslaboratorien im Irak!) gilt halt immer noch die primitive Devise: «Shoot first, ask later.» Darum wird auch nicht abgewartet, was denn die UNO-Untersuchung bezüglich Täterschaft in der Giftgassache bringen könnte. Inzwischen gilt es die Frage zu stellen: Cui bono, wem nützt es? Und da ist der Fall ganz klar: Der Giftgas-Einsatz ist im Interesse der Aufständischen, die in die Defensive geraten sind - und dringend Schützenhilfe aus der Luft brauchen. Hingegen ist er zu allerletzt im Interesse des Assad-Regimes. Er nützt hingegen auch den Regimes in Israel und der Türkei, die beide Syrien schon lange schwächen möchten (failed state). Und natürlich der US-Kriegsmaschinerie, die 700 Milliarden US-Dollars im Jahr verschlingt – und darum immer neue Kriegsvorwände und -einsätze sucht, um diese horrenden Summen zu rechtfertigen. Dwigth D. Eisenhower, ein sehr gescheiter und erfahrener Mann, hat vor diesem «military-industrial complex» schon 1961 gewarnt. Heute ist die US-Kriegsmaschinerie die weitaus grösste Bedrohung für den Frieden in der Welt. Dass ihr oberster Verantwortlicher noch den Friedensnobelpreis bekommt, ist an Zynismus kaum mehr zu überbieten. Beschämend ist zudem, dass es keinem Journalisten in der Schweiz in den Sinn gekommen ist, zu fragen, was denn wäre, wenn die Aufständischen als Täter dastünden: Würden der schwächliche Hollande und der allenthalben überschätzte Obama dann diese bombardieren lassen? ( Siehe auch folgende interessante Seite: www.strategische-­‐studien.com) N.R.
Niklaus Ramseyer, am 08. September 2013 um 13:32 Uhr

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