SRF-Tagesschau als Sprachrohr der Swiss: Keine kritischen Fragen © srf

Tagesschau übernimmt blindlings die Swiss-Zahlen

Urs P. Gasche / 07. Aug 2017 - «Erfreulich» und «eindrücklich» seien die Gewinne der Lufthansa-Tochter Swiss, kommentiert die Tagesschau. Hinterfragt wird nichts.

Wen interessieren die Halbjahres-Geschäftszahlen der Lufthansa-Tochter Swiss? Oder muss man diese Zahlen verbreiten, damit Bürgerinnen und Bürger im demokratischen Prozess informiert mitreden können?

Die Hauptausgabe der SRF-Tagesschau (2.8.2017) findet das eine oder das andere.

Für die ARD-Tagesschau wie auch für die ZDF-Tagesschau dagegen waren die Halbjahreszahlen der deutschen Lufthansa kein Thema. Allerdings gibt es dort keine Volksabstimmungen – sofern Halbjahreszahlen dazu hilfreich wären.

Kurioser Pflichtstoff zur Genugtuung von Konzern-Managern

Halbjahres-Geschäftsabschlüsse behandelt SRF seit einigen Jahren kurioserweise als Pflichtstoff. Die Konzerne und Unternehmen freut es, weil deren CEOs meistens Gelegenheit erhalten, Interpretationen und Botschaften zu verbreiten, ohne dass diese hinterfragt werden.

Bei den Halbjahreszahlen der Schweizer Lufthansa-Tochter zeigte sich Tagesschau-Moderator Florian Inhauser beeindruckt: «Die Steigrate der Swiss ist eindrücklich». Im ersten Halbjahr habe die Fluggesellschaft «dreissig Prozent mehr Gewinn als im Vorjahr erwirtschaftet».

----------------------------------------------------------

Zwischenfrage: Könnte eine 30-prozentige Gewinnsteigerung vielleicht bedeuten, dass die Swiss ihren Fluggästen zu viel Geld aus der Tasche gezogen hat? Oder dass sie bei den Löhnen gegeizt hat? Gewerkschaften und Konsumentenorganisationen kommen zu Halbjahresabschlüssen im SRF nie zu Wort.

----------------------------------------------------------

Im Tagesschau-Bericht von SRF-Wirtschaftsredaktor Daniel Daester erfuhren dann die Zuschauenden, dass die Gewinnsteigerung umso bewundernswerter sei, als die Swiss einer starken Konkurrenz der Billigflieger ausgesetzt und mit schlecht laufenden Feriendestinationen konfrontiert sei.

Steuerminimierung des Lufthansa-Konzerns

Doch wie schon in vergangenen Jahren ging die Tagesschau der Frage nicht nach, ob die regelmässig hohen Gewinne der Swiss nicht etwa zur Hauptsache der Steuervermeidung des Lufthansa-Konzerns zuzuschreiben sind: Keine einzige kritische Frage dazu an die Adresse der Swiss und schon gar keine Recherche über die Gründe der enorm unterschiedlichen Betriebsergebnisse. Die Swiss weist im ersten Halbjahr eine 40 Prozent höhere Marge (EBIT) aus als die ganze Lufthansa-Gruppe.

Alle Jahre wieder

Vor zwei Jahren stellte Infosperber fest: «Die Tagesschau lobte die Swiss fast drei Minuten über den grünen Klee. Doch die Supergewinne könnten nichts als Steuertricks sein.»

Die Lufthansa-Tochter «Swiss» sei «die Perle im Lufthansa-Konzern», eine regelrechte «Cash Cow», ein «Goldesel im Lufthansa-Konzern», rühmte die Tagesschau. Fast drei Minuten lang diente die Tagesschau vom 30. Juli 2015 als Sprachrohr der Fluggesellschaft. Swiss-Kommunikationschef Daniel Bärlocher war gleich zweimal zu Wort gekommen.

Die Umsätze der Lufthansa seien viermal so gross wie diejenigen der Swiss gewesen und trotzdem habe die Swiss mehr Gewinn erwirtschaftet, verbreite die Tagesschau voll hörbarer Bewunderung.

Warum keine Skepsis?

Warum bereiteten solche Zahlen keine Skepsis? Schliesslich muss auch der Tagesschau bekannt sein, dass sich mehr als die Hälfte des weltweiten Handels zwischen Unternehmenseinheiten des gleichen Konzerns abspielen.

Die gegenseitig verrechneten Kosten legen die Konzerne innerhalb eines breiten Ermessensspielraums so fest, dass die Gewinne im steuergünstigsten Land anfallen. Insgesamt sparen sie mit diesen Tricks Milliarden an Steuern. «Die Steuervermeidung über Verrechnungspreise (Transfer Pricing) ist bei den Unternehmen eine der beliebtesten Steuervermeidungsmethoden», stellt «oekom research» fest.

Wie viele Gewinne in die steuergünstige Schweiz verschoben?

Warum nur stellte die Tagesschau nicht die Frage, wie hoch die Lufthansa Gewinne in Deutschland versteuern muss, und wie hoch in der Schweiz? Daraus hätten sich wohl weitere Fragen ergeben.

  • Jedenfalls beziehen die Leitung der Swiss und die Flotte der Swiss zahlreiche Dienstleistungen von der Lufthansa in Deutschland. Laut Insidern werden einige davon überhaupt nicht in Rechnung gestellt und andere unter den tatsächlichen Kosten.

So ist es leicht möglich, dass ein weit überproportionaler Teil der Konzerngewinne in der steuergünstigen Schweiz anfällt.

Weder die Lufthansa noch deren Tochter Swiss werden dies zum Thema machen, wenn nicht hartnäckig danach gefragt wird. Sie loben die Swiss lieber über den grünen Klee, rühmen die hervorragenden Leistungen und lenken damit vom Steuertrick ab.

Statt zu recherchieren oder wenigstens gezielte Fragen zu stellen, lässt sich die Tagesschau Jahr für Jahr als Sprachrohr des Konzern benutzen.

Grosse Zeitungen machen es nicht besser

Private TV-Sender verbreiten in solchen Fällen sowieso nur Communiqués der Konzerne.

Einige Zeitungen erachteten Halbjahreszahlen der Lufthansa-Tochter für nicht besonders erwähnenswert.

Andere Zeitungen, die darüber berichteten, übernahmen ebenso dienstfertig den Duktus der Swiss:

Basler Zeitung:

Aargauer Zeitung:

St. Galler Tagblatt:

---

Siehe auch

«Die SRF-Tagesschau macht die 100%ige Lufthansa-Tochter Swiss zur 'Schweizer Airline'. Warum nicht Porsche, Lidl oder Coca-Cola?» vom 16.1.2014

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

So verschieben Konzerne Geld in Steuer-Oasen (auf Infosperber)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

14 Meinungen

Richtige Betrachtung. Kommt dazu, dass Gewinnanstiegs-Meldungen in Prozenten sowieso unsinnig sind: Was wäre, wenn ein Unternehmen mit Millonenumsatz in einem Jahr 1000 Franken Gewinn auswiese, im Folgejahr dann 1500 Franken? «50 Prozent mehr Gewinn"? Quatsch: Sowohl 1000 wie auch 1500 Franken sind einfach ein lausiger Minimalgewinn. Merke: Bei Messwerten, die auch null oder negativ sein können, haben Prozentwertungen keine Aussagekraft. Das müssten auch Wirtschaftsjournalisten mal zur Kenntnis nehmen.
Toni Koller, am 07. August 2017 um 14:01 Uhr
Danke, Herr Gasche! Gut, dass Sie uns in Ihrem Artikel auf diesen Aspekt hinweisen. Ich möchte noch ergänzend erwähnen, dass die Nachrichten von Radio und Fernsehen Schweiz zu mehr als 50% (gefühlte 100%) Wirtschaftsnachrichten, sind, d.h. Nachrichten sind, die Schweizer Kapitalisten betreffen. Umsätze, Gewinne, Wachstumszahlen, Börsen, Devisen etc. Wenn man wirklich politische Nachrichten hören und sehen will, muss man zu ARTE wechseln, der Sender, der ohne die unsägliche Werbung viel unabhängiger berichten kann. Das zeigt sich z.B. auch, dass in ARTE viel öfter die Länder der südlichen Welt ein Thema sind. Die Länder, aus denen schliesslich die Flüchtlingsströme herkommen.
Paul Jud, am 07. August 2017 um 14:07 Uhr
Es gab bisher noch zwei Sendungen, die ich bei SRF bisher konsumierte: die Sternstunden am Sonntag und ab und zu die Tagesschau. Alles andere kommt über andere Sender kompetenter, glaubwürdiger und umfassender. «Donschtigsjass» und «Top Secret» etc. kann ich leider nicht als «öffentlichen Auftrag» erkennen.
Aber die einzige Rechnung erhalte ich von Billag. Ich überlege mir, was ich wohl tun werde, wenn ich SRF überhaupt nicht mehr einschalte?
Walter Schenk, am 07. August 2017 um 16:15 Uhr
Der Einheitsbrei der Schweizermedien ist schon lange nicht mehr zum aushalten. Auch Lokalsender kupfern vieles ab. Von TeleZüri bis TeleBern das gleiche. Für Informationen bleiben nur ZDF, Arte, WoZ... Wenn ich im Tages-Anzeiger die gleichen Artikel lese wie im Bazonline, ist das Abonnement das Geld nicht wert. Dazu kommt, dass die altbekannte Selbstzensur der der Schweizerpresse bestens funktioniert. Kritische Nachrichten über bestimmte Grossmächte werden prinzipiell nicht gedruckt. Leider muss ich die Fernsehgebühr auch bezahlen, wenn ich keinen Schweizersender sehe.
Bernhard Ramp, am 07. August 2017 um 17:39 Uhr
@Toni Koller. Der Tagesschau-Moderator hat neben der 30-prozentigen Erhöhung des Gewinns auch den absoluten Betrag von 200 Millionen Franken angegeben. Allerdings sagte er nicht, mit welchem Umsatz dieser ausgewiesene Gewinn erzielt worden ist.
Urs P. Gasche, am 07. August 2017 um 17:56 Uhr
@B. Ramp: Sie sprechen mir aus der Seele. Aber ich glaube, wir gehören in der Schweiz zu einer kleinen Minderheit.
PS: Und warum hört man in Radio und TV so oft Mundart?
Paul Jud, am 07. August 2017 um 19:04 Uhr
Spannende Fragen des Autors. Aber: wie glaubwürdig ist Herr P. Gasche selber? Bei themenbezogenen Interessen des Autors wird eingegeben: keine. Wirklich? Herr P. Gasche war wohnhaft in Gockhausen und ist wegen des Fluglärms nach Bern gezogen. Er hat dazu vor zehn Jahren ein Buch mit dem Titel «Geplagt und enteignet» herausgeben, dass einseitig die Position der «Südschneiser», welche der Swiss gegenüber aus naheliegenden Gründen kritisch eingestellt sind, wiedergibt. Deshalb ist Herr Gasche in meinen Augen genau so suspekt, wie die Berichterstattung der Medien, die er in Frage stellt.
Paul Fischer, am 07. August 2017 um 20:26 Uhr
@Paul Fischer:

Die Swiss an sich ist hier nur exemplarisch herangezogen worden. Die Kernaussage des Artikels ist unabhängig vom spezifischen Beispiel.

Ich erkenne keinen nennenswerten Interessenkonflikt. Oder würden Sie sagen, dass jeder, der je zur Schule gegangen ist, nennenswerte themenbezogene Interessen hat, wenn er eine Lehranstalt oder unser Bildungssystem kritisiert?

Selbst wenn dem nicht so wäre: Der Wahrheitsgehalt einer Aussage hängt i. A. nicht davon ab, wer sie tätigt/getätigt hat.

Sehen Sie meinen Beitrag als Denkanstoss und verzeihen Sie mir meine Strohmann-Argumentationsweise, die hier lediglich zur Verdeutlichung dienen soll.

@U. P. Gasche:
Vielen Dank für einen weiteren Aha-Moment beim IS: Wieder einmal musste ich merken, wie oft auch ich (als aufmerksamer und kritischer Medienkonsument) noch manipuliert und eingelullt werde.

Zum Thema:
Es fragt sich - wie so oft - nur, ob die Macher solcher PR-Beiträge dies absichtlich machen oder selber gar nicht (mehr) merken, was sie teilweise für einen Müll produzieren und hinausposaunen (Illegitime und äusserst fragwürdige Absichten oder Inkompetenz? - Das ist hier die Frage!)
Michael Schwyzer, am 08. August 2017 um 03:19 Uhr
@Michael Schwyzer
Es spielt durchaus eine Rolle, welchen persönlichen Bezug ein Autor zum Thema hat. Der Schulvergleich ist schwach. Mit ein wenig Internet-Recherche kann man klar aufzeigen, dass Herr P.Gasche nicht die nötige persönliche Distanz zur Sache hat.
Herr P. Gasche kritisiert mehrere Medien, bringt selber aber keine einzigen belegbaren Fakten, die seine Thesen belegen können (Insider? Insider!). Auch könnte man an dieser Stelle dutzende von Texten und Artikeln der kritisierten Medien bringen, die sich in den letzten Jahren sehr kritisch mit der Swiss auseinandersetzten (Tarifpolitik, Kreditkartengebühren, Sicherheit, Fluglärm am Abend in Zürich, Umgang mit Mitarbeitern usw.).
Zur These des steuertechnisch «aufgehübschten» Resultats: die Swiss hat aktuell eine Ebit-Marge von 8%, der Konzern von fast 5%, die Lufthansa Airline von rund 7%. Das sind alles Margen, die verglichen mit anderen Branchen alles andere als aufregend sind. Vielleicht ist es ganz einfach so, dass die Wirtschaftsredakteure durchaus in der Lage sind, diese Zahlen richtig zu interpretieren. Und vielleicht ist es ganz einfach so, wie es überall geschrieben wird: die Swiss macht mehr Gewinn als andere Töchter des Konzerns. Ohne «Ja, aber» oder «es könnte sein». Wo hier der Riesenskandal sein soll, erschliesst sich mir einfach nicht.
Paul Fischer, am 08. August 2017 um 08:22 Uhr
@Paul Fischer. Ihre Kritik ist nicht sachgerecht. Ich habe zwar ein Buch über den Fluglärm in Zürich herausgegeben und auch etliche Artikel darüber geschrieben. Meine Kritik richtete sich jedoch nie gegen die Swiss, welche ihre unternehmerischen Interessen vertritt, sondern gegen den Flughafen und den Bundesrat, welche Verfassung und Gesetze verletzen und den meisten Lärmbetroffenen weder Schallschutzfenster zahlen noch diese für die Lärmbelästigung entschädigen. Auch in obigem Artikel kritisiere ich nicht die Swiss, wie jeder nachlesen kann, sondern die Medien, welche die Halbjahreszahlen der Swiss nicht hinterfragen.
Urs P. Gasche, am 08. August 2017 um 08:59 Uhr
@Sehr geehrter Herr Gasche
Ich bleibe bei meiner Kritik. Ausgerechnet ein Unternehmen der margenschwachen Airline-Branche als «Kronzeugin» für internationale Steuervermeidungspraktiken aufzuführen, erscheint vor den von mir genannten Hintergründen schon sehr verdächtig.
Ich erlaube mir deshalb weiterhin das gleiche zu tun wie Sie: ich hinterfrage.
Aber Sie haben recht, es darf nicht auf die persönliche Ebene abrutschen. Ich habe geschrieben was zu schreiben ist.
Paul Fischer, am 08. August 2017 um 09:25 Uhr
@Fischer vs Gasche: Pech für den Kritiker, der persönlich wird. In der Diskussion ist er diskreditiert, aussen vor und erledigt. Dumm, dass seine Argumente dann auch ihre Relevanz verlieren.
Paul Jud, am 08. August 2017 um 09:31 Uhr
@Paul Jud
Wer mit Relevanz argumentiert, hat sich schon entschieden: ich glaube nur an das, was ich glauben möchte. Schön.
Paul Fischer, am 08. August 2017 um 17:39 Uhr
"Fischer und «Jud: Müssen wir nun zu einem Lehrbuch der Diskussionstechnik greifen, um Streit um des Kaisers Bart zu vermeiden. Klar, auch Hr. Gasche hat eine Vergangenheit und vielleicht auch seine Meinung und Wertung geändert. Es geht um Kritik an der Berichterstattung von SRF über SWISS, einen Betrieb von «nationaler Bedeutung», Tochter von Lufthansa wider Willen, eine Branche auf Tod und Leben, deren Geschäftspraktiken auf andern Kanälen als SRF schonungslos offengelegt wurden. Ich fliege nur noch notfalls. Vom einstigen Traumberuf Pilot bin ich glücklicherweise verschon geblieben. Interessant: von SWISS und deren Mitarbeitern haben wir noch nichts gehört, Waiting for Godot?
Walter Schenk, am 08. August 2017 um 19:18 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.