Links Zeitungen des NZZ-Verlags, rechts solche des Tamedia-Konzerns © cc

Links Zeitungen des NZZ-Verlags, rechts solche des Tamedia-Konzerns

Lobbyisten reden lassen statt recherchieren

Urs P. Gasche / 25. Feb 2018 - Millioneneinkommen von Chefärzten: Statt zu informieren und zu recherchieren, verbreiten die Konzern-Zeitungen Lobbyisten-Zitate.

Die vielen Zeitungen unter dem Hut der NZZ und der Tamedia verbreiten je gleiche Inhalte von zentralen Konzern-Redaktionen aus. Die Vielfalt nehme zwar ab, geben die Verlage zu. Dafür aber nehme die Qualität zu. Die jüngsten Berichte über die Einkommen von Spitalärzten lassen Zweifel aufkommen.

Ausgangslage

Die SRF-«Rundschau», die NZZ und Infosperber informierten am 21. und 22. Februar ausführlich über die finanziellen Einnahmen von Spitalärzten. Quelle ist eine umfassende Analyse, die der auf Lohn- und Vergütungsfragen spezialisierte Urs Klingler verfasst hat. Das Resultat:

  • Die Mehrheit der rund tausend erfassten Chefärzte verdiente im Jahr 2015 zwischen 275'000 und 1,5 Millionen Franken.
  • Fast jeder vierte der erfassten Chef- oder Belegärzte verdiente zwischen 1,5 und 2,5 Millionen.

Dabei betonte Klingler auch einen wunden Punkt: Spitalärzte verdienen mehr, wenn sie mehr diagnostizieren, behandeln und operieren. Stattdessen sollten sie mehr verdienen, wenn ihre Behandlungen von guter Qualität sind.

Klinglers Berechnungen und Schätzungen führten zu vielfältigen Reaktionen bei Spitalärzten, dem Spitalverband, dem Ärzteverband FMH, den Krankenkassen und der Stiftung für Konsumentenschutz.

Nur eine einzige Originalaussage zitiert – und erst noch falsch

Die grössten Zeitungen in den Kantonen Bern, St. Gallen und Luzern sowie der «Tages-Anzeiger» gingen einen Tag später offensichtlich von der – wohl irrigen – Annahme aus, die meisten ihrer Leserinnen und Leser hätten die «Rundschau» gesehen oder die NZZ oder Infosperber gelesen. Jedenfalls informierten sie ihre Leserschaft über die brisanten Resultate der Lohnanalyse nicht, sondern sie verbreiteten Aussagen betroffener Lobbyisten dazu, welche die hohen Einkommen der Chefärzte bestritten.

«Bund» , «Berner Zeitung» (und angehängte Zeitungen wie «Landbote»), «Luzerner Zeitung»/«St. Galler Tagblatt» (mit angehängten Zeitungen wie «Appenzeller Zeitung» etc.) sowie der «Tages-Anzeiger» informierten lediglich über eine einzige Hauptaussage der neuen Einkommens-Analyse. Und das erst noch falsch:

  • «Chefärzte kommen auf einen Bruttojahreslohn von 350'000 bis 1,5 Millionen Franken», schrieb das «St. Galler Tagblatt».
  • «Die Bandbreite der Chefarztlöhne reiche von 350'000 bis 1,5 Millionen Franken», berichteten «Berner Zeitung», «Bund» und «Tages-Anzeiger».

Offensichtlich haben diese Zeitungen die Klingler-Studie nicht einmal konsultiert. Dort steht nämlich, dass es sich bei den genannten Zahlen um Quartile handelt. Das heisst: Jeder vierte Chefarzt verdient mehr als 1,5 Millionen.

Über weitere relevante Inhalte der Klingler-Analyse informierten die genannten Zeitungen nicht.

Leserinnen und Leser wurden mit Lobbyisten-Stellungnahmen abgespiesen

Statt über diese neue Studie zu informieren, sie allenfalls auch kritisch zu hinterfragen und weiter zu recherchieren, holten diese dominierenden Regionalzeitungen in den Kantonen Bern, Luzern, Zug, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, St. Gallen, Appenzell sowie der «Tages-Anzeiger» lediglich – unkritisch –Stellungnahmen ein.

Die beiden Berner Tamedia-Zeitungen «Berner Zeitung» und «Bund» (und angehängte) sowie der «Tages-Anzeiger» informierten ihre Leserschaft mit einem identischen Artikel von Fabian Schäfer, im «Bund» und im «Tages-Anzeiger» mit dem Titel «Abzocker in Weiss?», und in der «Berner Zeitung» mit dem Titel «Scharfe Debatte um Ärztesaläre».

Zuerst zitierten die beiden Berner Zeitungen und der «Tages-Anzeiger» einen Satz aus einem Communiqué des Ärzteverbandes FMH, und dann sozusagen als Kronzeugen den langjährigen Spitaldirektor Beat Straubhaar, der es – so die Zeitungen – «wissen muss»: Die von Klingler recherchierten Zahlen ergäben «ein völlig falsches Bild», sagte Straubhaar gegenüber dem mitnickenden «Berner Zeitung»/«Bund»/«Tages-Anzeiger»-Redaktor Fabian Schäfer, der seinen Lohn als Bundeshausredaktor vom Tamedia-Konzern bezieht. Straubhaar wurde weiter zitiert, er habe im letzten Jahrzehnt «in keinem Spital einen Chefarzt-Lohn von einer Million oder mehr gesehen».

Keine Gegenfrage, was genau denn Straubhaar unter «Lohn» versteht. Wahrscheinlich meinte er die Netto-Löhne, während Klingler die Bruttoeinkommen inklusive aller Honorare, Boni, Sozialleistungsbeiträge der Spitäler und Spesenpauschalen sowie auch die Einnahmen aus Dozenten- und Gutachtertätigkeit miteinbezog. Lediglich zusätzliche Einnahmen dank der Behandlung von Privatpatienten in eigenen Praxen und Zusatztätigkeiten als Belegarzt in andern Spitälern sowie Einkommen aus Aktienbeteiligungen an privaten Herz-, Augen-, Schmerz- oder Krebszentren hat auch Klingler in seinen Zahlen nicht berücksichtigt. Die Gesamteinkommen wären sonst noch höher ausgefallen.

Weiter konnte Straubhaar in den beiden Berner Zeitungen sagen: Falls Ärzte Spitzeneinkünfte erzielen, weil sie mit Privat- oder Halbprivatversicherten zusätzliche Einkommen erzielen, belaste dies die Prämien der Grundversicherung nicht.

Auf die naheliegende Gegenfrage, weshalb vollangestellte Spitalärzte im Spital beim Behandeln von Privatpatienten ihre Einkommen erhöhen sollen, verzichtete Redaktor Schäfer.

Im «St. Galler Tagblatt»/«Luzerner Zeitung»/«Appenzeller Zeitung», die alle der NZZ gehören, verbreitete Bundeshaus-Redaktor Tobias Bär die Aussage des «Vereins leitender Spitzenärzte der Schweiz»: Klingler habe die «Zahlen nicht seriös erhoben»: «Die Chefärzte verdienen im Durchschnitt mit Sicherheit weniger als eine Million.» Nach eigenen Umfragen des Vereins lägen die Chefarztlöhne bei rund 370'000 Franken.

Auch in diesen NZZ-Medien keine Gegenfragen: Soll denn etwa die zitierte Umfrage des Vereins mit freiwilligen Antworten «seriös» sein? Und wiederum blieb für die Leserschaft auch hier völlig unklar, wer denn was alles zum «Lohn» zählt und was nicht.

Presserat: «Werden schwere Vorwürfe erhoben, sind die Betroffenen anzuhören und ihre Ausführungen angemessen wiederzugeben»

In den genannten Zeitungen konnten Lobbyisten Studienautor Klingler unwidersprochen «unseriöse Arbeit» oder «völlig falsches Bild» vorwerfen. Klingler bekam keine Gelegenheit, zu diesen Anschuldigungen Stellung zu nehmen.

Immerhin holte Bär auch Zitate ein von SKS-Präsidentin Prisca Birrer-Heimo und CVP-Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel, die beide mehr Lohntransparenz fordern. Zudem wies der Medienverbund «St. Galler Tagblatt»/«Luzerner Zeitung» (und angehängte) darauf hin, dass im Universitätsspital Lausanne ein Maximaleinkommen von 550'000 Franken gelte und im Kantonsspital St. Gallen ein solches von 700'000 Franken.

Über die grundsätzliche Kritik Klinglers an den problematischen Entschädigungsstrukturen von Spitalärzten informierten weder die grossen Ost- und Zentralschweizer Zeitungen der NZZ noch die grossen Berner Zeitungen und der «Tages-Anzeiger» des Tamedia-Konzerns.

Siehe dazu Infosperber vom 22. Februar 2018: «Jeder sechste Prämienfranken geht an die Spitalärzte»

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Vorschlag der «Akademie Menschenmedizin» amm für Fixlöhne ohne Fehlanreize vom 1.2.2018

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Die Medien und der Journalismaus haben in der Schweiz einen absoluten Tiefpunkt erreicht! Ringier mit dem BLICK baut über mehrere Tage eine Hetzkampagne auf und beklagt und geiselt dann die «Wutbürger» die Ruoff bedrohen. Zuerst das feuer anzünden und dann nach der Feuerwehr schreien. Passend dazu der Gümperlijournalismus von Chefredaktor Dorer am WEF, nicht mehr die Berichterstattung ist das wesentliche, sondern der kurzfristige Hype. TAMedia zertört unter Supino die Meinungsvielfalt. Zugekaufte Regionalblätter unterscheiden sich in der nationalen und globalen Berichtersstattung nicht mehr vom TA. Konsumenten die den TA und eines der Regionalblättern abonniert haben sind die Betrogenen, weil sie teilweise 2x für den gleichen Inhalt bezahlen! Das peinlichste Medium im ganzen Land ist aber die BAZ von Blocher und dessen Hofstatthalter Somm. Können nur mehr reduziert Journalismus betreiben und sind abhängig von den TA Redaktionen in Zürich! Über Honorare von Chefärzten ohne genügend Faktenkenntnisse schreiben, den Postskandal hochjubeln, ähnliche Vorkommnisse gibt es auch im VBS, ist einfach, an eine Gesamtschau über den Niedergang des freien Journalismus in der Schweiz wagt kein/e JournalistIn wirklich. «Falsch abschreiben» ist heute daily business in der sogenannten 4. Gewalt, die Bericht über die Honorare der Chefärzte dokumentieren dies!
Victor Brunner, am 25. Februar 2018 um 10:43 Uhr

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