Köppel schiesst erstes Eigengoal

Hanspeter Guggenbühl © bm
Hanspeter Guggenbühl / 18. Apr 2019 - Roger Köppel startet seinen Wahlkampf in der Weltwoche unter dem Titel "Klimawahn" mit einem kapitalen Bock.

"Wo steht die Schweiz? Ihr CO2-Ausstoss nimmt sich wie ein dünner Lufthauch aus: Es sind jährlich 3,6 Millionen Tonnen. Das ist rund ein Zehntausendstel des weltweiten menschengemachten CO2."

Das schreibt Roger Köppel unter dem Titel "Klima-Wahn" in der heutigen Ausgabe der "Weltwoche". Im Untertitel kündigt er seinen Text als "Ein rationaler Leitfaden in aufgeregten Zeiten an". In Wirklichkeit handelt es sich dabei um den Leitfaden, mit dem SVP-Nationalrat Köppel diese Woche in den Wahlkampf um den Ständeratssitz startet, den er dem Freisinnigen Ruedi Noser entreissen möchte.

Leider zehnfach daneben

Pech nur: Köppel hat sich mit den Nullen vertan. Es sind nicht "3,6 Millionen", sondern 36 Millionen Tonnen CO2 (Kohlendioxid) jährlich, welche die Schweiz allein mit ihrem direkten Energiekonsum im Inland in die Atmosphäre pufft. Nimmt man die Treibhausgase aus der Zementherstellung (vorab CO2), Landwirtschaft (vorab Methan) und weiteren Quellen hinzu, sind es 47,2 Millionen Tonnen Treibhausgase (CO2-Equivalent).

Nein, das behauptet nicht ein grüner Sperber. Das steht – und das ist für den Weltwoche-Chef und Politiker Köppel besonders peinlich – im offiziellen Treibhausgasinventar der Schweiz über das Jahr 2017, das der Bund am 15. April 2019, also vor drei Tagen veröffentlicht und eingereicht hat.

Wörtlich heisst es im ersten Abschnitt der Medienmitteilung, die der Bund ebenfalls am 15. April veröffentlichte, und die Radio SRF im Stundentakt rapportierte: "Die Treibhausgasemissionen beliefen sich im Jahr 2017 in der Schweiz auf 47,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, 1 Million Tonnen weniger als 2016. Dies geht aus dem Inventar des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) hervor. Die Abnahme im Vergleich zum Vorjahr ist vor allem auf den verminderten Brennstoffverbrauch im Gebäude- und Industriesektor zurückzuführen. Die Emissionen lagen 2017 insgesamt rund 12 Prozent tiefer als 1990."

Aufgeregt im Wahlkampf-Wahn

Vielleicht korrigiert die "Weltwoche" (Eigenwerbung: "Die andere Sicht") in der Ausgabe nach den Ostern diese Fehlinformation, auf der Köppel seine ganze Argumentation aufbaut. Statt "Klima-Wahn" könnte der Titel dieser Korrigenda lauten: "Köppel im Wahlkampf-Wahn". Und als Untertitel schlagen wir vor: "Ein aufgeregter Journalist mit irrationalen Fakten."

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Wie die Schweiz das Klima im Ausland aufheizt
Dossier: Kritik von Zeitungsartikeln
Dossier: Klimapolitik - kritisch hinterfragt

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9 Meinungen

Roger Köppel war halt noch nie der Schlaueste. Da kann das schon einmal passieren, dass man sich mit den Dimensionen vertut.
Gerhard Gstrein, am 18. April 2019 um 11:57 Uhr
Danke Herr Guggenbühl, das hätte ich nun wirklich übersehen. Ich bin gespannt, ob das Zürcher- Stimmvolk noch fähig ist, diesen Schaumschläger in die Schranken zu weisen.
Walter Schenk, am 18. April 2019 um 12:19 Uhr
Erstaunt nicht, Köppel hat immer wieder mal Mühe mit den Fakten, zur Not manipuliert er diese! Damit kommt er bei seiner Community gut an! Wahrheit und Konsquenz ist ihm ein Gräuel. Schimpft gegen Flüchtlinge, ist mit einer Frau aus Vietnam die als Flüchtling in die Schweiz kam, verheiratet, weibelt für die MEI und stellt eine Sekretärin aus Deutschland ein, propagiert Faktenjournalismus und Mitarbeiter der WW landen immer wieder mal vor Gericht und werden verurteilt! Roger Köppel hat einen grossen Unterhaltungswert, mehr nicht!
Victor Brunner, am 18. April 2019 um 12:30 Uhr
Wenn das mal keine Absicht war! Getreu dem Spruch: «Aliquid semper haeret» (Etwas bleibt immer hängen) werden sich gewisse Kreise mit Jubel diese Fake-Info zueigen machen und an den Stammtischen als neueste wissenschaftliche Erkenntnis herumposaunen. In der nächsten «WW» wird dann irgendwo eine klitzekleine Richtigstellung zu finden sein, die natürlich niemand beachten wird......
Franz Peter Dinter, am 18. April 2019 um 16:59 Uhr
Welch Zufall, da vertut sich der Herr Köppel beim Klimathema, genau wie der deutsche Lungenarzt Herr Köhler. Gut fairerweise muss man schreiben, der Lungenarzt hat sich um den Faktor 1000 vertan, Herr Köppel ist da mit Faktor 10 erstaunlich moderat. In Deutschland muss man sich bei der aufmerksamen TAZ Redaktion bedanken, in der Schweiz beim Infosperber, Danke dafür.

Mir scheint: Noch bevor der Klimawandel uns alle mit voller Härte trifft, trifft er mit voller Härte die rechte Politik. Ich kann mir die Schadenfreude einfach nicht verkneifen, auch wenn das nicht für mich spricht.
Alex Bötschi, am 18. April 2019 um 22:55 Uhr
Rechnen ischt äben Glückssach! Wird «Rechnen» von «rechts» abgeleitet?
Lernt man das so in der SVP?
Louis Debrunner, am 19. April 2019 um 14:02 Uhr
Zu den 47,2 Millionen Tonnen kommt sogar noch viel, viel mehr hinzu. Das Bafu schreibt am Dienstag:
«Die innerhalb der Schweiz 2017 in die Atmosphäre ausgestossene Menge an Treibhausgasen entspricht 47,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten (nicht eingerechnet ist der internationale Flug- und Schiffsverkehr). Dies entspricht einem Treibhausgas-Ausstoss von 5,6 t pro Kopf (davon CO2: 4,5 t). Addiert man allerdings die durch Importgüter im Ausland verursachten Emissionen hinzu, beläuft sich das Total der Pro-Kopf-Emissionen auf mehr als das Doppelte (14t CO2-eq im Jahr 2015).»
https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/klima/inkuerze.html
Göran Herbst, am 19. April 2019 um 15:34 Uhr
Blocher hatte keine Chance in den Ständerat zu kommen, Köppel hoffentlich noch weniger
Gerold Wunderle, am 21. April 2019 um 18:44 Uhr
Blocher hatte keine Chance in den Ständerat zu kommen, Köppel hoffentlich noch weniger
Gerold Wunderle, am 21. April 2019 um 18:44 Uhr

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