Weltwoche-Chef Roger Köppel, BaZ-Chef Markus Somm: «Hofschranzen» © weltwoche-video/srf

Weltwoche-Chef Roger Köppel, BaZ-Chef Markus Somm: «Hofschranzen»

«Guter Journalismus»: Somm und Köppel ohne Kompass

Kurt Marti / 01. Dez 2017 - Die Chefs der «Basler Zeitung» und der «Weltwoche» predigen den «oppositionellen Journalismus». Doch sie rudern ohne Kompass.

Was ist guter Journalismus? Markus Somm, der Chefredaktor der «Basler Zeitung» (BaZ), glaubt es zu wissen (BaZ online, «Gefährlich schreiben»):

«Guter Journalismus hat etwas Oppositionelles, ob das im Einzelnen aus einer linken oder rechten Haltung heraus geschieht, ist einerlei, entscheidend ist der Mut, den es braucht, auszusprechen, was niemand im Regierungsgebäude hören will.»

«Mut, sich mit den Mächtigen anzulegen: Das zeichnet den wahren Journalisten aus.»

Das tönt gut und heroisch. Aber reicht das, einfach gegen die Regierung zu sein, damit daraus automatisch «guter Journalismus» wird? Nehmen wir ein Beispiel aus der journalistischen Praxis von BaZ-Chef Somm:

In der BaZ vom 5. Oktober 2013 gab sich Somm «oppositionell» gegen die Regierung, konkret gegen die «Rachegöttin» Doris Leuthard. Deren Energiewende bezeichnete er als «Irrsinn», weil durch die Subventionierung von Solar- und Windstrom die Wasserkraft «zerstört» und die «sinnvollen» Pumpspeicherung verhindert würden.

Somm als Sprachrohr der Stromlobby

Was hier gut getarnt als «Opposition» gegen die Regierung und als «Mut gegen die Mächtigen» daherkam, war in Wirklichkeit nichts anderes als die Sprachrohrfunktion für die Mächtigen der Strombranche und gleichzeitig ein PR-mässiges Ablenkungsmanöver.

Somm betete in seinem Kommentar grösstenteils das nach, was die damaligen Mächtigen der Strombranche wenige Tage zuvor vorgesprochen hatten, nämlich Kurt Rohrbach, der damalige Präsident des Lobby-Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), und Caspar Baader, der damalige SVP-Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes (SWV), einem weiteren Lobby-Verband der Stromkonzerne.

Rohrbach und Baader prangerten an zwei öffentlichen Anlässen die Solar- und Windsubventionen in Deutschland an und machten gleichzeitig die hohle Hand für Öko-Subventionen für grosse Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke. Und das, nachdem die die grossen Stromkonzerne Milliarden in den Sand gesetzt hatte, und deshalb Milliardenverluste einfuhr.

Baader erhielt zusätzliche Schützenhilfe in weiteren BaZ-Artikeln. Damit machten sich Somm und die BaZ zum Sprachrohr jener Mächtigen, die ihre milliardenteuren Fehlinvestitionen elegant auf die StromkundInnen sozialisieren wollten und gleichzeitig von der eigenen Verantwortung abzulenken versuchten, indem sie mit dem Finger auf die Subventionen in Deutschland zeigten.

Oppposition allein genügt nicht

Und damit die ganze Aktion nicht allzu durchsichtig erschien, lenkte Somm den Fokus auf die «Rachegöttin» Leuthard. Von «oppositionellem Journalismus» und «Mut gegen die Mächtigen» keine Spur.

Vielmehr zeigt dieses Beispiel, dass Somm ohne Kompass segelt. Denn «oppositioneller Journalismus» allein genügt offensichtlich nicht, es braucht ein übergeordnetes Kriterium, nämlich das Prinzip der Gerechtigkeit, das auch die Basis des demokratischen Rechtsstaates bildet.

Denn es ist sicher nicht gerecht, wenn Strom-Verwaltungsräte und -Manager Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe verursachten und dafür Millionen-Saläre kassierten, um Jahre später mittels Subventionen ihre Milliarden-Verluste zu sozialisieren, das heisst auf die StromkundInnen abzuwälzen.

Köppels Lob der Steuerparadiese

Nicht nur BaZ-Chef Somm, sondern auch «Weltwoche»-Chef Roger Köppel gefällt sich in der Rolle des «oppositionellen Journalisten». Er kühlt sein Mütchen mit Vorliebe an der Migrations-Ministerin Simonetta Sommaruga. Zum Beispiel in seinem Vorschau-Video für die Weltwoche Nr. 46. Darin nimmt er Worte wie «Asylchaos», «Irrsinn» und «Wahnsinn» in den Mund.

Gleichzeitig gibt sich Köppel scheinbar konstruktiv: «Das wäre grundsätzlich das richtige Rezept: Möglichst die Anreize bekämpfen, dass diese Leute überhaupt wegwandern.»

Zu diesen Anreizen gehören die Steuerflucht und der Rohstoffhandel, welche den Ländern Afrikas jene finanzielle Mittel entziehen, die für das Bildungswesen und die Schaffung von Arbeitsplätzen notwendig wären, damit die Menschen nicht auswandern.

Im krassen Widerspruch zu seinem «richtigen Rezept» lautet Köppels provokative Forderung: «Es braucht weniger ‚Paradise Papers‘, aber mehr Steuerparadiese.» Und weiter: «Gefährlich ist das konzertierte Bestreben der staatlich-medialen Hochsteuermafia, die zivilisatorische Errungenschaft des Steuerwettbewerbs zu zerstören. Ins gleiche Kapitel fällt der Zangenangriff von Behörden und Journalisten gegen den Rohstoffhandel, der neuerdings auch an Afrikas Armut und der Völkerwanderung schuld sein soll.»

Ins gleiche Horn bläst BaZ-Chef Somm: «Böse, böse Offshore Companies? Welche Regierung, die an ihre lieben Steuern denkt, ist nicht empört? Kurz, die Journalisten prangern an, was die Regierungen genauso stört. So werden Journalisten zu Hofschranzen, sie schreiben, was die Regierungen insgeheim schon immer von ihnen erwünscht haben.»

So sieht also der «Mut gegen die Mächtigen» und der realexistierende «Oppositions-Journalismus» der beiden Haudegen aus: Sie verbrüdern sich mit den steinreichen Steuerflüchtigen gegen die Interessen der Armuts-MigrantInnen.

Auch hier fehlt der Kompass der Gerechtigkeit, denn es ist sicher nicht gerecht, wenn den Menschen in den afrikanischen Staaten über die Steuerparadiese und den ungerechten Rohstoffhandel die finanziellen Ressourcen entzogen werden, die es bräuchte, um der Migration entgegenzuwirken.

Das Prinzip «Herrliberg» regiert

Die politische Logik dahinter ist einfach: Wird die Migration durch politische Massnahmen vor Ort verhindert, verlieren Köppel und Somm ein wichtiges Standbein ihrer Mission. Ebenso der Blocher-Flügel der SVP. Das «Perpetuum Mobile» muss in Schwung gehalten werden. Deshalb darf nicht das Prinzip «Gerechtigkeit» regieren, sondern das Prinzip «Herrliberg».

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8 Meinungen

Sorry Herr Marti: Wer glaubt, dass Somm + Köppel «ohne Kompass» frei drauflos dreschen, der hat das 'System Blocher' nicht kapiert.

Bitte schauen Sie mal in mein Facebook-Konto rein + lesen Sie dort rückwärts, bis Sie das Muster erkennen.
- Es ist total Ziel-strebig.
- Ich kann mittlerweilen voraussagen, was als nächste Etappe folgt.
- Und ich kann die Schritte sauber einordnen. Sie dienen nur 1 Ziel: Per Wahlen 2019 die (relative) Mehrheit in Bundesbern erreichen, um dann selbstbestimmt + möglichst unabhängig von anderen Parteien von einer freiheitlichen + solidarischen + rechtsstaatlichen Gesellschaft zu einer national-konservativen Gesellschaft zu wechseln.
-- Gesellschaftlich abschottend (gar von unseren direkten Nachbarn)
-- Wirtschaftlich neo-liberal (Gruppeninteressen dienend)

Sorry, Herr Marti: Ich möchte ihnen nicht zu nahe treten. Aber: Es gibt keine Ziel-strebigere Truppe als die Blocher-Boys (mit Girl) in der politischen Schweiz.
Dr. sc. techn. ETH Konrad Staudacher, am 01. Dezember 2017 um 12:08 Uhr
In beiden Fällen kann man davon ausgehen, dass die gegenwärtige Methode der grossen Politik angewendet wird: Ablenkung. Man regt sich über scheinbar so schreckliche Dinge auf wie das Asylwesen, dabei geht es in Wirklichkeit darum, dass man den 'mündigen' Bürger darauf einschwört, jede Menge finanzielle Lasten mitzutragen, ohne zu meckern.
Sie haben natürlich gegenwärtig ein wunderbares Vorbild, das sich gerade wie eine Laus in den Pelz der amerikanischen Demokratie gesetzt hat und es vormacht. Bring eine Lüge dreimal, dann glauben sie die Leute.
Marianne Mäder, am 01. Dezember 2017 um 12:13 Uhr
Die beiden Herren erinnern an das Klima der Weimarer Republik. Äusserst politisiertes Klima. Eine vibrierende Zivilgsellschaft. Journalisten in allen Lagern, die von ihren Chefredakteuren das OK haben, jeweil Exponenten des anderen Lagers anzumachen. Wir kennen das Resultat. Heute sind die Juden zwar durch Muslime ersetzt. Die (Un)Kulturen gleichen sich aber gespenstisch.

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 01. Dezember 2017 um 12:59 Uhr
Ohne dass ich die Analyse selbst erstellen könnte (ich lese einfach ungern ideologisch gefilterte Pseudofakten), vermute ich, dass Konrad Staudacher völlig richtig liegt. Und zumindest R. Köppel ist ja sehr offen diesbezüglich, nur muss man «Alternativen» bzw. «Oppositionellen Journalismus» verstehen als «etwas anderes als Journalismus». Kann man brauchen, wenn man die Ziele der Truppe teilt - der Rest der Bevölkerung hat vorläufig noch JournalistInnen, die tatsächlich Journalismus bieten. --> No-NoBillag! Und Dank an Infosperber & Co.
Peter Oertel, am 01. Dezember 2017 um 13:48 Uhr
Besten Dank und herzliche Gratulation Kurt Marti! Nur kleiner Fehler im Titel: «ohne Kompass» sollte heissen «mit Kompass auf das Epizentrum Herrliberg».
Aber keine Angst, die beiden Schlitzohren des «guten Journalismus» und deren Mephisto sind von vielen längst durchschaut.
Walter Schenk, am 01. Dezember 2017 um 14:51 Uhr
Bin ganz mit Herrn Staudacher einverstanden. In Herrliberg & Co. besteht sehr wohl ein Plan. Mit sehr viel Geld (man hat es ja in Hülle und Fülle) wird alles wohl langsam aber zielgerichtet umgesetzt. Nebst der Presse wird auch der Rechtsrutsch im Bundesrat umgesetzt. Zuerst Herr Cassis und nächstes Jahr eine der Damen Keller-Sutter oder Gössi. Ich weiss, sind FdP'ler, Herrliberg hat aber eine umfassende Gesamtstrategie. Bitte die SVP und deren Financiers nicht unterschätzen, wäre fatal.
Mario Bernasconi, am 01. Dezember 2017 um 15:11 Uhr
Köppel hatte Sommaruga «moralische Selbstsucht» vorgeworfen. Umgekehrt heisst das aber, dass Köppel «un-moralische Selbstsucht» zu attestieren ist.
Zusammenfassung zum obigen Problemkreis: Die SVP ist nicht die Lösung unserer Probleme in der Schweiz, sondern Teil-(ursache) der Probleme.
Felix Mattenberger, am 01. Dezember 2017 um 16:43 Uhr
Köppel und Somm haben die gleichen Probleme. Sie müssen ihre darbenden Printprodukte über Wasser halten. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Was wäre BAZ ohne die TA-Artikel? Ein jämmerliches Provinzblatt! Was wäre die Weltwoche ohne die SVP-Versammlungen wo die WW auf Stühlen und Bänken gratis feilgeboten werden, Auflagensteigerung! Was wäre die WW ohne Gerichtsverfahren, was wäre die BAZ wenn sie nicht gefälliges Sprachrohr der rechten Pauschalierer wäre! Was wären die Zeitungen ohne die beiden inhaltslosen und rechten Berufs-Provokateure? Köppel ist gegenüber Somm noch im Vortei. Er kann seine inhaltslosen, primitiven, rechtsnationalen Sprüche noch im NR abspulen und sich an Sommaruga reiben, obwohl es da nicht viel zum reiben gibt. Credo von Köppel: Hauptsache gegen eine linke Frau!
Victor Brunner, am 12. Dezember 2017 um 11:13 Uhr

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