«Sehr geehrter Herr Rothenbühler»

Jacques Schiltknecht © cc
Jacques Schiltknecht / 25. Aug 2019 - Ertragen Sie die Lektüre der Reports der IPCC nicht? Hören Sie nicht, wie die Tropenwälder im Feuer krachen?

Red. Im Folgenden ein offener Brief von Jacques Schiltknecht, Vorstandsmitglied der «ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» an die Adresse von Peter Rothenbühler, Kolumnist der «Schweizer Illustrierten». Infosperber hatte am 13. August kommentiert: «Peter Rothenbühler verbreitet Fake News über Greta Thunberg».

Als Allgemeinarzt stand Prävention im Zentrum meines Interesses. Schon in den 70er Jahren machte mir Sorgen um die Lebensgrundlagen. Die Schlussfolgerungen des Berichts des Club of Rome 1972 sind in der Substanz zutreffend, doch die Voraussage, dass der ökologische Kollaps bei Weiterführung einer Ökonomie mit quantitativem Wachstum in einem Jahrhundert auftreten würde, war deutlich zu optimistisch. Allerdings wurde damals der zentrale Faktor Klimaerwärmung noch nicht in seiner Tragweite erkannt.

Quantitatives Wirtschaftswachstum, die «Conditio sine qua non» für unsere Wirtschaftsweise, war und ist noch immer am Verbrauch fossiler Brennstoffe gekoppelt, also wird das CO2- Budget, welches gemäss IPCC (in optimistischer Prognose) ein noch tolerables Leben erlaubt, in weniger als 10 Jahren aufgebraucht sein, ohne dass der Trend auch nur im Ansatz umgekehrt wird.

Daran ändern technologische Entwicklungen nichts, die kommen zu spät und sind unbezahlbar.

Diese Art von «Stabilität durch Dauerbeschleunigung» gleicht der Geisterfahrt eines Flugzeugs im Autopilot Modus mit Irren im Cockpit, die sich gegenseitig bekämpfen.

Das ist die Einsicht der Klimajugend, oft mehr intuitiv als intellektuell. Es liegt an uns Erwachsenen, die Augen zu öffnen. Ein behäbiges «Wir sind schon immer davongekommen» ist nicht die Antwort, ist unverantwortlich.

Weder die allgemeine Bevölkerung noch die meisten Entscheidungsträger sind sich bewusst, dass die Homöostase der Erdatmosphäre biogen reguliert ist und grosse intakte Biosphärenkompartimente voraussetzt. (Die optische Weite der Lufthülle verleitet z.B. dazu, deren Masse zu überschätzen, denn Wassermasse «übersetzt» wäre der weltumspannende «Luftsee» nur 10 m tief!)

Wie gravierend die Fehleinschätzung ist, erleben wir heute, paradigmatisch dafür ist z.B. die Dynamik der Waldzerstörung. Vor allen die Waldbrände in der Arktis und die Abholzung der Tropenwälder reduzieren die Resilienz der Biosphäre rasant und lassen die Eiskappen der Pole wegen des Russbelags beschleunigt schmelzen. Wie jetzt schon sichtbar wird, lassen gehäufte Trockenperioden auch in gemässigten Zonen Bäume in Gruppen absterben, Baumparasiten nehmen zu.

Greta Thunberg hat in Paris ein übergeordnetes Thema in den Mittelpunkt gestellt: Das verbleibende CO2-Budget im Rahmen eines Erwärmungsziels von 1,5 Grad, das bei der jetzigen Wirtschaftsweise in ca. 9 Jahren aufgebraucht ist. Das ist meiner Ansicht nach viel zu optimistisch, denn es berücksichtigt nicht den gegenseitig sich verstärkenden Effekt mehrerer Faktoren, welche jeder für sich selbstbeschleunigend ist.

Zudem könnten ein ökonomischer Kollaps, Krieg und Desertifikation schon vor einem «rein ökologischen» Desaster das Leben auf dem Planeten infrage stellen.

Immer wieder erstaunt es mich, dass Menschen, welche bei normaler Intelligenz in der Schweiz zur Schule gingen, die Zinseszinsrechnung vergessen können. Exponentielles Wachstum führt zwangsläufig zu einer Asymptote.

Was uns bedroht, ist die Unfähigkeit des Handelns im Kollektiv ausserhalb von Gier und Macht. Nun wirken die physikalischen Mechanismen eben strikt nach mathematisch beschreibbaren Gesetzen. Die Zeit des Wunschdenkens und des Schlafwandelns ist vorbei. «Wachet auf, ruft uns die Stimme».

Ist es in diesem Kontext von Bedeutung, ob Greta Thunberg sich evtl. beraten lässt? Stimmt es, dass Sie Folgendes geschrieben haben? «... auch bezweifeln viele, dass Sie ... Ihre Reden selbst schreiben. Warum nicht zugeben, dass Sie von PR-Profis wie Ingmar Rentzhog gecoacht werden, dem Präsidenten eines Thinktanks mit direktem Draht zum Davoser WEF ...»?

Und wenn schon? Wenn das stimmen sollte, was bezwecken Sie damit? Ertragen Sie die Lektüre der Reports der IPCC nicht? Hören Sie nicht, wie die arktischen Tropenwälder im Feuer krachen? Was fühlen und denken Sie, wenn Sie von der Ermordung des Regenwaldes samt den Indigenen durch Bolsonaro und seinen Paladinen lesen?

Auch für mich ist es schmerzhaft, über die Folgen des Bevölkerungswachstums, gepaart mit ebenfalls exponentiell wachsendem Fussabdruck, und über das selbstzerstörerische quantitative Wirtschaftswachstum nachzudenken. 2-3 Erden können wir nicht erschaffen. Spiegelbildlich nimmt die Resilienz der Biosphäre beschleunigt ab. Aber es macht keinen Sinn, Augen und Ohren zu verschliessen.

Bei Mario Cortesi haben Sie bestimmt die Grundsätze eines ethisch korrekten, der Wahrheit und dem Wohl der Menschen verpflichteten Journalismus verinnerlicht, der «Pressekodex» dürfte Ihnen geläufig sein. Hätten Sie vielleicht sogar den Mut zu einer Entschuldigung? Die junge Frau Greta Thunberg braucht unsere Unterstützung, nicht Unterstellungen und kleinliche Kritik.

Mit freundlichen Grüssen

Jacques Schiltknecht

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Peter Rothenbühler möchte nicht antworten

upg. Wir haben Peter Rothenbühler eingeladen, auf diesen Brief zu antworten. Er lehnte dies ab, weil Infosperber seine Stellungnahme zum Artikel «Peter Rothenbühler verbreitet Fake News über Greta Thunberg» vom 13. August nicht berücksichtigt habe.

Das ist nicht korrekt. Vor Veröffentlichung des genannten Artikels hatte Infosperber am 11. August Rothenbühler Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben:

    Lieber Peter

    Auf morgen Montag schreibe ich einen Artikel, in dem ich Deine Kolumne vom 9. August über Greta Thunberg kritisiere [«Brief an Greta Thunberg»].

    Es geht vor allem um die Aussage:

    «... Auch bezweifeln viele, dass Sie ... Ihre Reden selbst schreiben. Warum nicht zugeben, dass Sie von PR-Profis wie Ingmar Rentzhog gecoacht werden, dem Präsidenten eines Thinktanks mit direktem Draht zum Davoser WEF ...»

    1. Du hast diese unbewiesene Vorwürfe ohne Überprüfung als Tatsachen verbreitet.

    2. Ausgedehnte Recherchen zu diesen Behauptungen von correctiv.org, die vier Wochen vorher publiziert wurden, erwähnst Du mit keinem Wort.

    3. Die Beschuldigung, Greta Thunberg sei von PR-Profis gecoacht worden, ihre Bekanntheit also das Resultat einer PR-Kampagne, wiegen gegen eine Person, die von ihrer Glaubwürdigkeit lebt, zweifellos schwer. Trotz diesem schweren Vorwurf hast Du es unterlassen, den Beschuldigten Gelegenheit zu einer Stellungnahme zu geben, wie es zu den Pflichten der Journalisten gehört.

    Gerne kannst Du zu diesen drei Punkten eine kurze Stellungnahme zustellen. Damit ich sie berücksichtigen kann, sollte sie bis morgen Montag 10.00 Uhr bei mir sein.

Darauf nahm Peter Rothenbühler noch am 11. August wie folgt Stellung:

    Lieber Urs,

    Ich habe natürlich recherchiert und bin auch fündig geworden. Ich kann Dir, wenn es Dich wirklich interessiert, auch meine Quellen angeben.

    Es ist ja auch ganz normal, dass ein 16-jähriges Mädchen nicht alles allein bewältigen kann. Und sich bei den Reden helfen lässt. Und bei der Organisation der vielen hochkarätigen Treffen. Das geht gar nicht anders. Aber bei allem Respekt für das Genie von Greta, finde ich, ihr Stab sollte sich zu erkennen geben.

    Ich staune, wie die wichtige Debatte über den Klimawandel überdeckt wird von der bedingungslosen Verehrung eines Idols. Es hat irgendwie schon fast Sektencharakter.

    Sicher haben Greta und ihre Mannschaft grosse Verdienste: das sage ich auch. Das Mädchen hat viele Gleichaltrige, die sich vorher nur mit Playstation und Instagram auseinandergesetzt haben, aufgerüttelt und etwas bewusster gemacht. Sehr gut.

    A propos ‹den Beschuldigten Gelegenheit zu Stellungname geben›. Meinst Du das ernst, in diesem Fall? Du weisst selbst, dass es unmöglich ist, von Greta oder ihrem Umweld eine Frage beantwortet zu bekommen. Das Mädchen gibt nur Statements ab, die schriftlich vorliegen. Und diese Statements sind verdammt gut geschrieben....Interview gibt’s keine.

Diese Stellungnahme berücksichtigte Infosperber im Artikel wie folgt:

«Rothenbühler übernahm unbelegte Einträge in Social Media wie Facebook und stellte sie ungeprüft als Tatsachen dar: Thunberg sei eine «gecoachte» Marionette des PR-Managers Ingmar Rentzhog und sie verdanke ihre Berühmtheit einer PR-Kampagne. Dies jedenfalls der klare Eindruck, den seine Kolumne hinterlässt.
Rothenbühler bestreitet dies. Wer möchte, kann die ganze Original-Kolumne lesen und sich selber ein Urteil bilden.»

«Wer einen solchen schweren Vorwurf öffentlich verbreitet, muss gemäss Pflichten der Journalisten der betroffenen Person Gelegenheit zu einer Stellungnahme geben ... Dazu Peter Rothenbühler: ‹Es unmöglich, von Greta oder ihrem Umfeld eine Frage beantwortet zu bekommen. Das Mädchen gibt nur Statements ab, die schriftlich vorliegen.›»

Nach Veröffentlichung des Artikels schickte Rothenbühler eine weitere Stellungnahme, in der er die Behauptung ohne Quellenangabe wiederholte, Greta Thunberg sei vom PR-Profi Ingmar Rentzhog gecoacht worden. Das bestreiten Rentzhog selber und ebenso Thunbergs Vater. Auch eine Recherche von Correctiv.org dementierte diese Behauptung. Diese zweite Stellungnahme von Rothenbühler hat Infosperber nicht veröffentlicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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7 Meinungen

Es gibt in der Arktis keine Tropenwälder. Die arktische Biosphäre brennt ebenso wie die weit entfernten Tropenwälder. Beide kann man in der Schweiz im Originalton nicht krachen hören. Ja, die IPCC-Berichte sind für einen nicht spezialisierten Wissenschafter schwer lesbar. Die fleissige Klimaforscher tragen erhebliche Schuld an der öffentlichen Nichtwahrnehmung der Klima-Katastrophe denn sie kennen den allgemein verständlichen Sprachgebrauch — einfach und klar — offenbar noch immer nicht.

Andreas Speich
Andreas Speich, am 26. August 2019 um 11:46 Uhr
Sehr geehrter Herr Schiltknecht. Ihr Kommentar bedarf keiner Ergänzung! Man kann nur noch mit Sarkasmus anfügen: muss man bedauern, dass die Menschheit zu dumm ist, um ihre Situation zu begreifen und danach zu handeln? Fehlkonstruktionen korrigiert die Natur ohne Rücksicht und Reue!

Auch ich habe Herrn Rothebühler für seine Äusserungen kritisiert und wurde von infosperber zensuriert. Ohne Pauschalurteil möchte ich die Gilde der Journalisten auffordern: mehr schweigen, mit Greta Thunberg wieder einmal die Schulbank drücken, satt diese zu kritisieren und zu verunglimpfen.
Walter Schenk, am 26. August 2019 um 12:05 Uhr
Nur ein Detail: Es gehört zwar zu den Journalistenpflichten, den Beschuldigten Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Allerdings ist dies in der Praxis manchmal weder möglich noch zielführend. Krasses Beispiel: Was wäre, wenn die Medien einem Donald Trump nur dann Vorhaltungen machen dürften, wenn dieser zuvor «Gelegenheit zur Stellungnahme» erhalten hat ... ? Eben.
Toni Koller, am 27. August 2019 um 00:31 Uhr
Rothenbühler ist ein ehemaliger People-Zeilenschreiber und Chefredaktor der SI. Da war ihm jeder «möchtegernstar» eine Homestory wert, unkritisch und eher bescheiden, PR hatte noch Hündchen angekarrt wenn verlangt für das Foto. Da ist verständlich dass er mit einer Person wie Greta Maühe hat, die sich nicht für ein Foto lächelnd auf die Couch setzt und für dümmliche Fragen zur Verfügung stellt! PR gehört wie FAM erstaunlich beide bei Ringier auf der Payroll, zu den alten Journis denen sich die Welt zu schnell dreht und nicht immer verständlich erscheint!
Victor Brunner, am 27. August 2019 um 08:08 Uhr
@Koller. Gelegenheit zur Stellungnahme, wenn schwere Vorwürfe vorliegen: Präsident Trump repräsentiert die US-Regierung. US-Botschaften sind Repräsentanten der US-Regierung. Eine Stellungnahme könnte also bei der Botschaft in der Schweiz eigeholt werden. Wäre doch schön, wenn es am Schluss eines Artikels mit harter Kritik an Trump jedes Mal heissen würde «Die US-Botschaft nahm zu diesem Vorwurf keine Stellung».
Urs P. Gasche, am 27. August 2019 um 09:25 Uhr
"Das verbleibende CO2-Budget im Rahmen eines Erwärmungsziels von 1,5 Grad, das bei der jetzigen Wirtschaftsweise in ca. 9 Jahren aufgebraucht ist.» Gemäss Pariser Klimavertrag darf China seine CO2-Emissionen bis zum Peak in 2030 steigern. Jeder mit normaler Intelligenz kommt unweigerlich zum Schluss, dass da was nicht aufgehen kann. Vielleicht sollte Greta besser nach China segeln um dort ein bisschen Werbung für ihre Forderungen zu machen.
Tim Meier, am 27. August 2019 um 15:30 Uhr
Wenn der geneigte Leser diesen Beitrag - https://kenfm.de/tagesdosis-30-8-2019-klimabetrug-gerichturteil-stuerzt-co2-papst-vom-thron/ - genau analysiert, wird er feststellen, dass Herr Rothenbühler und Herr Köppel mit ihrer CO2-Kritik wesentlich näher an der Wahrheit sind, als Herr Schiltknecht und der InfoSperber zusammen.

Wer auf die Posse von Greta Thunberg gerne noch einen draufsetzen will, möge sich folgende Tagesdosis zu Gemüte führen: https://kenfm.de/tagesdosis-29-8-2019-greta-the-greatest-missverstaendnis/
Christoph Erni, am 31. August 2019 um 17:19 Uhr

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