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Unstatistik: Vermeintlicher Lebensretter PSA-Test

Prof. Gerd Gigerenzer / 02. Jan 2015 - Eine SDA-Meldung mit gleich zwei irreführenden statistischen Aussagen hatten der «Tages-Anzeiger» und der «Bund» veröffentlicht.

«Der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs kann das Sterberisiko um mehr als ein Fünftel senken», verbreiteten die beiden Zeitungen. Mehr als 162'000 Männer im Alter von 55 bis 74 Jahren hätten an einer im «The Lancet» veröffentlichten Studie teilgenommen.

Information von «Tages-Anzeiger» und «Bund»

Der eingangs zitierte Satz enthält gleich zwei Unstatistiken. So heisst es «mehr als ein Fünftel». Bedeutet das, dass von je hundert Männern, die zum PSA-Screening gingen, das Leben von mehr als zwanzig gerettet wurde? Nein. Die Zahl ist eine relative, keine absolute Reduktion. Absolut gesehen starben in der Kontrollgruppe (ohne PSA-Test) nach 13 Jahren etwas mehr als 0,6 Prozent der Männer, in der Screeninggruppe (mit PSA-Test) etwas weniger als 0,5 Prozent. Die absolute Reduktion ist also 0,1 Prozentpunkte (gerundet), die relative Reduktion ein Fünftel (0,1/0,5).

Im Klartext bedeutet also «ein Fünftel» nichts anders als «ein Mann von 1'000» (genau: 1 von 781). Das steht auch so in der Zusammenfassung des Originalartikels. Aber «ein Fünftel» klingt beeindruckender, ist jedoch irreführend.

Irreführendes «Sterberisiko»

Die zweite irreführende Botschaft ist, dass sich diese Zahl auf das «Sterberisiko» bezieht. Das ist nicht der Fall. Sie bezieht sich nur auf das Risiko, an Prostatakrebs zu sterben, nicht aber auf das allgemeine Sterberisiko (d.h., alle Ursachen, einschliesslich Prostatakrebs). Denn dieses änderte sich durch PSA-Tests nicht: nach 13 Jahren waren genau so viel Männer am Leben – unabhängig davon, ob sie am Screening teilgenommen hatten oder nicht. Für diesen Unterschied zwischen Sterblichkeit und Prostatakrebssterblichkeit gibt es mehrere mögliche Ursachen. Beispielsweise werden Männer, die an den Folgen einer Prostata-Operation sterben, nicht in der Prostatakrebssterblichkeits-Statistik aufgeführt, aber in der Sterblichkeitsstatistik. Fazit: Die Studie erbrachte keinen Nachweis, dass durch das PSA-Screening Leben gerettet wurde.

Die Risiken nur unbestimmt erwähnt

Man muss sich fragen, warum so viele Journalisten diese elementaren zwei Fehler immer wieder machen – «Spiegel online» beispielsweise hat richtig und verständlich berichtet. Positiv anzumerken bleibt, dass der Schaden des Screenings, nämlich «Überdiagnosen» und «überflüssige Therapien» am Schluss erwähnt sind. Allerdings haben «Tages-Anzeiger» und «Bund» diese Risiken nicht beziffert: Auf jeden Mann weniger, der dank der Diagnose Prostatakrebs stirbt, kommen 27 Männer, welche unnötig operiert oder bestrahlt werden, was zu Inkontinenz und Impotenz führen kann. Ohne diese Quantifizierung können Männer Nutzen und Risiken nicht abwägen.

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Diesen Text schrieb der Autor ursprünglich auf deutsche Zeitungsartikel zugeschnitten auf der Webseite des «Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung». Er hat seinen Artikel den in der Schweiz von der SDA, dem «Tages-Anzeiger» und dem «Bund» veröffentlichten Wortlaut angepasst.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Autor u.a. des Buchs «Risiko», Taschenbuch 2014

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Eine Meinung

Evidenzbasierte Medizin ist das eine. Für die grosse Masse mögen sie ok sein. Im Einzelfall können solche Empfehlungen aber komplett daneben liegen. Eine personalisierte Medizin ist gerecht. Ohne Fachkompetenz nicht zu leisten. Solche Details gehören in den Diskurs.
Michel Romanens, am 02. Januar 2015 um 23:28 Uhr

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