XI

Staatschef Xi Jinping träumt den «chinesischen Traum» © Michel Teimer/Flickr/cc

Der grosse Träumer Xi

Peter G. Achten /  Dürfen hohe Politiker, zumal Staats-, Partei- und Regierungschefs träumen? Und wie halten es Politiker mit Albträumen?

«I have a dream!», rief einst in den 1960er-Jahren Baptistenprediger Martin Luther King den unterdrückten schwarzen Brüdern und Schwestern befreiend zu und der weissen Mehrheit ins Gewissen. Die USA waren danach nie mehr das, was sie einmal waren: ein offen rassistischer Staat.

Über ein halbes Jahrhundert später träumt öffentlich eine halbe Welt entfernt ein Chinese. Für seine Landsleute träumt Staats- und Parteichef Xi Jinping den «chinesischen Traum»: Das Reich der Mitte soll erwachen nach mehr als einem Jahrhundert der Unterdrückung und Schande, zugefügt von den westlichen Imperialisten und Kolonialisten sowie dem Nachbarn Japan. Die Verwirklichung des «chinesischen Traums» hat langfristige das strategische Ziel, China zu einem wohlhabenden und starken Land aufzubauen, «die nationale Renaissance zu realisieren» und den Chinesinnen und Chinesen ein glückliches Leben zu bescheren.

Seidenstrasse des 21. Jahrhunderts

Der träumende Staats- und Parteichef Xi Jinping, erst seit zwei Jahren im Amt, ging aber noch einen Schritt weiter. Er träumte coram publico von der Seidenstrasse zu Wasser und zu Land und wollte so auch Menschen anderer Regionen, Länder und Kontinente miteinbeziehen. Konkret entwarf Träumer Xi einen «Wirtschaftsgürtel entlang der Land-Seidenstrasse» und eine «maritime Seidenstrasse des 21. Jahrhunderts». Auch der pazifische Raum, wohin sich in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts das politische und wirtschaftliche Schwergewicht vom Atlantik her verlagert hat, wird einbezogen im Traum von der «Gestaltung der Zukunft durch die Asiatisch-Pazifische Partnerschaft».

Die Volksrepublik China ist nach 35 Jahren erfolgreicher Wirtschaftsreform, die in der Weltgeschichte ihresgleichen sucht, endlich in der internationalen Gemeinschaft angekommen. Schon seit einigen Jahren monierten die USA und Europa, China solle doch bitte schön international mehr Verantwortung übernehmen. Das Reich der Mitte blieb zurückhaltend, getreu dem Diktum des grossen Reformers und Revolutionärs Deng Xiaoping, vorerst «im Schatten zu bleiben». Bis China etwa zur Mitte des 21. Jahrhunderts «Xiaokang» – ein Land mittleren Wohlstandes – sei, so Deng, solle man sich auf Wirtschaft und Soziales im eigenen Land konzentrieren.

Gegenwind aus dem Westen

Träumer Xi Jinping ist aber auch Praktiker. Er beginnt in der internationalen Arena eine aktivere Rolle zu spielen. Bei vielen Politikern in Europa und Amerika, letztlich immer noch im Geiste des Kalten Krieges befangen, läuteten sofort alle Alarmglocken. Ihr abstruses Argument: Die neue regionale Supermacht China fange an, aggressiv zu expandieren. Dabei würde ein Blick in die Geschichte der letzten vier-, fünfhundert Jahre zeigen, dass andere als Chinesen manu militari sich die Welt untertan gemacht haben – angefangen bei den Spaniern und Portugiesen, über Franzosen und Holländer bis hin zu den Briten, Amerikanern und Japanern.

Parteichef Xi Jinping, durch hartes, unzimperliches Durchgreifen gegen den Widerstand eines Teils der privilegierten KP-Garde zum mächtigsten chinesischen Politiker seit Reform-Übervater Deng Xiaoping aufgestiegen, träumt trotz Gegenwind aus dem Westen seine mit konkreten Plänen und viel Geld abgestützten Träume weiter. Ideen, Güter, Dienstleistungen – so etwa sein Traum von der Seidenstrasse – sollen dereinst Wohlstand schaffen und den, wenn vielleicht auch nicht ewigen, Frieden stiften. Wer weiss, vielleicht gibt es in fünfzig oder hundert Jahren Direktverbindungen mit der Eisenbahn von Peking unter der Beringstrasse hindurch bis nach Washington D.C. oder einen TGV von Bern-Bümpliz nach Peking-Shunyi.

Alles nur Propaganda?

Als Xi kurz nach seiner Wahl zum Parteichef durch das Zentralkomitee im November 2012 erstmals vom «chinesischen Traum» sprach, hiess es in der Qualitätszeitung «New York Times» alsogleich, der Begriff sei vom legendären «amerikanischen Traum» abgeleitet. Mag sein, dass das vom propagandistischen Standpunkt aus eine Rolle gespielt haben mag. Wahrscheinlich ist es nicht. Denn geträumt wird weltweit, und wie die chinesische Literatur seit Jahrhunderten lehrt auch im Reich der Mitte.

Träume, zumal wenn sie konkret ausgestaltet sind, können positive Energien in der Bevölkerung freisetzen. Genau das passiert jetzt in China. Ob letztlich auch die chinesischen Träume wie so viele nur Schäume produzieren, wird sich zeigen. Doch pragmatisches Denken und langfristiges Strategie-Denken werden das wohl verhindern.

Albträume und handgestrickte Rezepte

Viele westliche Politiker sind angesichts von Xis Träumen hilf- und verständnislos oder tun das ganze als billige Propagandashow ab. Die währschaften, mit beiden Beinen auf dem Boden der demokratischen Wirklichkeit stehenden Akteure wollen Nägel mit Köpfen machen. Träume wären da nur kontraproduktiv. Dass dieselben der Öffentlichkeit verpflichteten Politprofis aber Albträume produzieren, ist ihnen und ihrer Klientel wohl entgangen. Auch und gerade in der Basis-Demokratie Schweiz. Nun ja, die «Volksvertreter» wollen ja wiedergewählt werden, darum tischen sie dem Stimmvolk – tönt schon fast wie Stimmvieh – jeweils gerade wohlfeile Albträume auf.

Die kurzsichtigen und mit Steuergeldern überbezahlten Politiker und Politikerinnen in Bern, von links bis rechts aussen, schwadronieren etwa von der mit Wind und Sonne angefeuerten Energiewende, vom unerträglichen Dichtestress oder der Migrationslawine. Die Rezepte sind handgestrickt, nicht durchdacht, wirklichkeitsfremd. Spielt ja auch keine Rolle. Hauptsache, die nächste Volkswahl ist erfolgreich.

Zu diesen Albträumen gesellt sich sozusagen als Tüpfelchen auf dem i der Demokratie-Albtraum. Geträumt von einem, der 26 Jahre im Nationalrat sass, zurücktrat und diesen dann als «Schwatzbude» in den Dreck zog. Seine Parteikollegen, angeführt vom bodenständigen Bauern T.B., politisieren derweil, wie wenn nichts geschehen wäre, in der «Schwatzbude» munter weiter und verkaufen das Volk, beziehungsweise das Stimmvieh, für dumm und dämlich. Was für eine Scharade! Was für eine Provinzposse! Welche Verhöhnung der Demokratie! Doch alle machen mit. Die Parteien von links bis rechts, weil ja im Bundesrat-Ämterschacher ein Pöstchen verloren gehen könnte. Der dreiste Demokratie-Brandstifter C.B. wird hofiert von Biedermännern, statt für das genommen zu werden, was er wirklich ist: ein gefährlicher Schwätzer. Und die Medien machen selbstverständlich mit. Ein nicht enden wollender Albtraum.

Viel gelernt, viel kopiert, viel verbessert

Deshalb ist es nicht erstaunlich, wenn viele meiner durchaus weltoffenen chinesischen Bekannten – zum Teil an Elitehochschulen in Amerika und Europa ausgebildet – in westlichen Demokratien nicht unbedingt eine Vorbildfunktion für ihr Land erkennen können. Einer von ihnen, der an der ETH studiert hat, kann weder im Schweizer Modell noch im amerikanischen, französischen und schon gar nicht im italienischen oder griechischen Modell etwas Vorbildliches ausmachen. «Lasst uns aufgrund unserer Geschichte unser eigenes Modell entwickeln», heisst es unisono.

Ja sicher, wir haben im Westen und zumal in der Schweiz einen Rechtsstaat und Basis-Demokratie – alles Errungenschaften, über die China zumindest in dieser Form noch nicht verfügt. China hat in den letzten Jahrzehnten jedoch ohne falsche Scham viel gelernt, viel kopiert, viel verbessert – von der Technik bis hin zu limitierten bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten. Andrerseits könnten ja auch Europa und Amerika zur Abwechslung einmal etwas von der neuen regionalen Supermacht in Ostasien lernen. Strategisches, langfristiges Denken zum Beispiel. Träumer Xi Jinpings Gedanken zur chinesischen Philosophie, zu den Reformen im Innern, zum Entwicklungskonzept und zur internationalen Entwicklung sind in einem Buch versammelt unter dem Titel «Regieren in China». Wenig überraschend zeigt sich, dass Xi wie viele seiner Vorgänger tief in der chinesischen Tradition verwurzelt ist. Der grösste Unterschied zwischen dem Reich der Mitte und dem Westen liesse sich vielleicht so formulieren: Während der Westen auf der Basis des Individuums auf Liberté, Egalité und Fraternité baut, setzt China auf der Basis des Kollektivs ganz auf Modernisierung, einen starken Zentralstaat und die Ehre.

Jenseits von Biedermännern und Brandstiftern: Träumen ist allemal besser als Albträumen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

Zum Infosperber-Dossier:

Flagge_China

Chinas Innenpolitik

Hohe Wachstumszahlen; riesige Devisenreserven; sozialer Konfliktstoff; Umweltzerstörung; Herrschaft einer Partei

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7 Meinungen

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    am 1.01.2015 um 15:11 Uhr
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    Ich habe das Meiste, was Peter Achten bei Infosperber schrieb, schon weil es in der Regel informativ ist, immer gerne gelesen. Dieser Beitrag aber gerät in den Bereich von Journi-Kitsch. Für Träume kann man sich immer noch vorteilhafter an den besseren Schriftstellern orientieren, warum nicht sogar nach dem relativ regimetreuen Mo Yan? Und dass die Leistungen in der Weltgeschichte ihresgleichen suchen würden, sagte auch die Propaganda des 3. Reiches, desgleichen die von Henrik Verwoerd in Südafrika. Es war zynischerweise nicht einmal falsch. Solches muss man aber in dieser Form bei Infosperber 2015 nicht lesen. Ich finde aber das Handelsabkommen der Schweiz mit China richtig, auch dass Ständeratspräsident Hannes Germann China besucht hat, schliesse sogar nicht aus, dass Alternativen zu derzeitigen chinesischen System zwar denkbar, aber vor allem schwer und nur mit bedeutenden Risiken praktizierzbar wären.

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    am 1.01.2015 um 15:14 Uhr
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    Ich habe das Meiste, was Peter Achten bei Infosperber schrieb, schon weil es in der Regel informativ ist, immer gerne gelesen. Dieser Beitrag aber gerät in den Bereich von Journi-Kitsch. Für Träume kann man sich immer noch vorteilhafter an den besseren Schriftstellern orientieren, warum nicht sogar nach dem relativ regimetreuen Mo Yan? Und dass die Leistungen in der Weltgeschichte ihresgleichen suchen würden, sagte auch die Propaganda des 3. Reiches, desgleichen die von Henrik Verwoerd in Südafrika. Es war zynischerweise nicht einmal falsch. Solches muss man aber in dieser Form bei Infosperber 2015 nicht lesen. Ich finde aber das Handelsabkommen der Schweiz mit China richtig, auch dass Ständeratspräsident Hannes Germann China besucht hat, schliesse sogar nicht aus, dass Alternativen zum derzeitigen chinesischen System zwar denkbar, aber vor allem schwer und nur mit bedeutenden Risiken praktizierbar wären.

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    am 1.01.2015 um 16:12 Uhr
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    In der Einleitung wird gesprochen von «einem Jahrhundert der Unterdrückung und Schande, zugefügt von den westlichen Imperialisten und Kolonialisten sowie dem Nachbarn Japan». Fehlt da nicht allenfalls ein chinesischer Name: Mao Zedong (1893 – 1976)?

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    am 1.01.2015 um 16:50 Uhr
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    ich schätze die Berichte von Herrn Achten, es sind Informationen welche ich mit einem in China lebenden Freund in geeigneter Form austausche. Was er aber in seinem obigen Artikel über die Schweiz schreibt zeugt von einer geradezu kindischen Fehleinschätzung, vom heute linken Freisinn bis zu den rot gewordenen Grünen, zur Motivation von Christoph Blocher. Anstatt ihm zuzuhören wird eine geradezu krankhafte Abneigung kultiviert. Tatsachen werden ausgeblendet.

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    am 1.01.2015 um 22:47 Uhr
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    Interesanter Artikel von Herr Achten. Meine Frage: Was immer China plant oder macht wird im Westen verurteilt, die Chinesen schauen nur auf ihre eigenen Vorteile und Interesse, Verletzung der Menschenrechte, Umweltverschmutzung, etc. Die USA ist da noch viel extremer, wenn kein grosser Profit wartet macht die USA nichts. Und wegen Menschenrechte und Pollution, da sollte die USA zuerst
    die eigene Kuche reinigen. Warum ist der Westen, vor allem die USA,
    immer bereit China zu verurteilen, aber selber die gleichen Fehler zu machen?

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    am 7.01.2015 um 18:49 Uhr
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    Seit meinen eigenen Anschauungen und Erfahrungen in der VR China habe ich Peter Achtens informative und interessante Artikel stets als wertvolle Aktualisierungen über die Entwicklungen im Reich der Mitte empfunden. Die uneleganten und geradezu unter der Gürtellinie platzierten Vebalinjurien rangieren diesen Artikel hingegen auf dem Niveau eines miesen Boulevardjournalismus. Schade.
    Es müsste P. Achten bewusst sein, dass er mit Ausdrücken wie «dummes und dämliches Stimmvieh», «Demokratie-Brandstifter» «Biedermänner» oder «gefährlicher Schwätzer» sich genau des Vokabulars jener Poliiker bedient, deren Populismus er anprangert.

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