Schule zu Hause: Nicht alle Eltern konnten ihren Kindern helfen wie dieser Vater © Demme

Schule zu Hause: Nicht alle Eltern konnten ihren Kindern helfen wie dieser Vater

Man muss zwischen Nutzen und Schaden des Lockdowns abwägen (3)

Red. / 13. Sep 2020 - Für die indirekten Schäden der Pandemie gibt es noch wenig Evidenz. Doch die Schäden der Massnahmen sind zu berücksichtigen.

Red. Das EbM-Netzwerk in Berlin hat eine aktuelle Einschätzung zu Covid-19 veröffentlicht. Infosperber informiert darüber in drei Teilen (1. Teil: «Politische Covid-Massnahmen sollten mehr nützen als schaden». 2. Teil: «Heutige Teststrategie soll Covid-Massnahmen rechtfertigen»). Vertreter der evidenzbasierten Medizin wägen Nutzen und Risiken aufgrund wissenschaftlicher Daten ab, machen auf Wissenslücken aufmerksam und fordern entsprechende gezielte Forschung.

Unterbehandlungen oder vermiedene Überbehandlungen in Spitälern

Für die indirekten Schäden der Pandemie gibt es noch wenig Studienevidenz. Die Schäden durch die Pandemie und die ergriffenen Gegenmassnahmen müssen jedenfalls ebenso bedacht werden, und nicht nur die Covid-Todesfallrate. Die Verschiebung von Ressourcen im Gesundheitswesen und die Bereithaltung von Krankenhaus- und Intensivbetten für eventuelle Covid-Patienten, die dann gar nicht gebraucht wurden, hat wahrscheinlich zu Versorgungsengpässen und -lücken im übrigen Gesundheitsbereich geführt, vielleicht aber auch zu einem Abbau von Überversorgung. Die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit akutem Herzinfarkt ist um bis zu 40% gesunken [35,36] und die Behandlung erfolgte verzögert, was zu längeren Ischämiezeiten bei Koronarpatienten führte [37]. Noch ist unklar, welche Auswirkungen die Reduktion der stationären Versorgung auf Morbidität und Mortalität der Bevölkerung haben wird. Hier sind umfangreiche Studien erforderlich, die erst im weiteren Verlauf Nutzen und Schaden aufklären können.

Psychische Belastungen, Bildungsverluste, Folgen von Arbeitslosigkeit

Erste Studienergebnisse weisen auf erhebliche psychische Belastungen und Bildungsverluste von Kindern durch die Schulschliessung hin, die Ergebnisse liegen aber noch nicht in mit Peer-Review publizierter Fassung vor [38]. Welche psychischen und gesellschaftlichen Auswirkungen insgesamt die soziale Isolierung während des Lockdowns hatte und noch haben wird, wird sich erst durch weitere Forschung in den kommenden Monaten und Jahren erfassen lassen.

In Österreich stieg die Zahl der Arbeitslosen zur Zeit des Lockdowns innerhalb eines Monats auf über 500’000 (Quote 12,2%) und erreichte damit den höchsten Stand seit 1946 [39], in Deutschland fiel der Anstieg bisher moderater aus (von 5,1% im März auf 6,3% im Juli) [40]. Arbeitslose weisen insgesamt eine höhere Mortalität, eine höhere Morbidität, eine höhere Suizidrate und eine schlechtere Lebensqualität auf [41].

Derzeit ist es noch nicht möglich, endgültig abzuschätzen, ob durch unbeeinflusste rasche Ausbreitung des Virus oder durch ein Hinauszögern der Ausbreitung und eine dadurch bedingte Verlängerung des gesamten Pandemiezeitraums der grössere Schaden angerichtet wird, der dann auch wieder indirekte Auswirkungen auf Gesundheit, Lebensqualität und Lebenserwartung haben kann. Eine erste gesundheitsökonomische Modellierung aus Grossbritannien beziffert die Kosten für ein Lebensjahr (quality-adjusted life-year = QALY), das dank des Lockdowns gerettet wurde, mit 220’000 bis 3,7 Millionen Pfund [42]. Im englischen Gesundheitssystem wird als maximaler für die Solidargemeinschaft sinnvoller und zumutbarer Wert 30’000 Pfund pro QALY angenommen [42]. Die Diskussion um den vertretbaren Preis eines Lebensjahres ist ethisch problematisch. Im Falle des Lockdowns ist aber jedenfalls – wie oben dargestellt – mit erheblichen gesundheitlichen und möglicherweise auch lebensverkürzenden Auswirkungen zu rechnen. Andererseits ist es durchaus auch möglich, dass die Reduktion von beispielsweise elektiven chirurgischen Eingriffen zu einem Abbau von unnötigen Eingriffen und Überversorgung geführt haben. Auch dies sollte in entsprechenden Studien sorgsam aufgearbeitet werden.

Öffentliche Berichterstattung ist unverhältnismässig

Zur Informationspolitik von Behörden und Darstellungen in Medien schreibt das «EbM-Netzwerk»:

Die öffentliche Berichterstattung im deutschsprachigen Raum unterscheidet nicht konsequent zwischen Test-positiven und Erkrankten. Zu bemerken ist, dass die steigende Anzahl der Test-positiven nicht von einem parallelen Anstieg der Hospitalisierungen und Intensivbehandlungen oder Todesfälle begleitet ist. Dies weckt doch erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Tests und der täglichen Berichte der neuen Test-positiven.

Warum keine Zahlen über andere Einlieferungen in Spitäler und Intensivstationen?

Auch fragt man sich, warum nicht täglich gemessen und berichtet wird, wie viele Patienten wegen einer Pneumonie durch andere Erreger in ein Krankenhaus oder auf eine Intensivstation aufgenommen werden. In Deutschland erkranken jedes Jahr 660’000 Menschen an einer ambulant erworbenen Pneumonie (ca. 800/100’000 Einwohner), ca. 300’000 von diesen werden stationär behandelt, 40’000 versterben an der Erkrankung (49/100’000 Einwohner) [32].

Zum Vergleich: Bisher im Rahmen der Pandemie positiv auf Sars-CoV-2 Getestete (die Anzahl der wirklich Erkrankten ist nicht bekannt): 242’381 (entsprechend 296/100’000 Einwohner, Stand 31.8.2020, RKI). Todesfälle: 9’298 (entsprechend 11/100’000 Einwohner, Stand 31.8.2020, RKI). Die ambulant erworbene Pneumonie wird durch verschiedenste Erreger verursacht, vor allem Pneumokokken und Influenza, und ist als hochkontagiös zu betrachten. Ähnlich wie bei Covid sind vor allem ältere Menschen betroffen und gefährdet.

Man stelle sich vor…

Überhaupt muss mit Vehemenz kritisiert werden, dass die Sars-CoV-2 Inzidenzen fast ausschliesslich als Absolutzahlen ohne Bezugsgrösse berichtet werden. Die Bekanntgabe der Gesamtzahl der Test-positiven und der Todesfälle erfolgt zudem kumulativ, was den Grundprinzipien der Darstellung epidemiologischer Daten widerspricht. Kumulativ sind beispielsweise in diesem Jahr bereits deutlich mehr als 500’000 Menschen in Deutschland gestorben, täglich etwa 2’500 insgesamt (davon etwa 20 Menschen jünger als 30 Jahre) [33]. Man stelle sich vor, Pneumokokken-Pneumonien und Influenza-Fälle und -Todesfälle würden ebenfalls kumulativ berichtet. Wir lägen bei Beginn der Zählung zum Jahresbeginn in diesem Jahr bereits deutlich über den kumulativen Covid-Zahlen. [24].

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Infosperber-DOSSIER:

Coronavirus: Information statt Panik

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FUSSNOTEN – LITERATUR

24. Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. Risikokommunikation zu Covid-19 in den Medien [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 31]. Verfügbar unter: https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/pdf/stn-risikokommunikation-covid19-20200820.pdf

32. Kolditz M, Ewig S. Community-Acquired Pneumonia in Adults. Dtsch. Aerzteblatt Online [Internet] 2017 [zitiert 2020 Aug 24]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/10.3238/arztebl.2017.0838

33. de statis. Sterbefälle in Deutschland [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 31]. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/Tabellen/sonderauswertung-sterbefaelle.html?nn=209016

34. Deutsches Ärzteblatt. SAS-CoV-2_ Erster Impfstoff in Pase-III-Studie [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 31]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/114365/Sars-COV-2-Erster-Impfstoff-in-Phase-III-Studie

35. Garcia S, Albaghdadi MS, Meraj PM, Schmidt C, Garberich R, Jaffer FA, u. a. Reduction in ST-Segment Elevation Cardiac Catheterization Laboratory Activations in the United States during Covid-19 Pandemic. J. Am. Coll. Cardiol. 2020;S0735109720349135.

36. Slagman A, Behringer W, Greiner F, Klein M, Weissmann D, Erdmann B, u. a. Medical Emergencies During the Covid-19 Pandemic An Analysis of Emergency Department Data in Germany. Dtsch. Ärztebl. Int. 2020;117:545–52.

37. Reinstadler SJ, Reindl M, Lechner I, Holzknecht M, Tiller C, Roithinger FX, u. a. Effect of the Covid-19 Pandemic on Treatment Delays in Patients with ST-Segment Elevation Myocardial Infarction. J. Clin. Med. 2020;9:2183.

38. Kunkel C. Schüler leiden massiv unter Schulschliessungen [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 10]. Verfügbar unter: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/schulschliessung-corona-psychologische-auswirkungen-kinder-1.4987962

39. AMS. Arbeitsmarktdaten Österreich [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Apr 6]. Verfügbar unter: https://www.ams.at/arbeitsmarktdaten-und-medien/arbeitsmarkt-daten-und-arbeitsmarkt-forschung/arbeitsmarktdaten#aktuelle-monatsdaten

40. Statista. Arbeitslosenquote in Deutschland von Juli 2019 bis Juli 2020 [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 15]. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1239/umfrage/aktuelle-arbeitslosenquote-in-deutschland-monatsdurchschnittswerte/#:~:text=Im%20Juli%202020%20stieg%20die,sogar%20um%20rund%20635.000%20an.

41. Kroll L, Lampert T. Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Gesundheit. Hrsg Robert-Koch-Inst. Berl. [Internet] 2012 [zitiert 2020 Apr 1];GBE kompakt. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsK/2012_1_Arbeitslosigkeit_Gesundheit.html?nn=2532006

42. Miles D, Stedman M, Heald AH. “Stay at Home, Protect the National Health Service, Save Lives”: a cost benefit analysis of the lockdown in the United Kingdom. Int. J. Clin. Pract. [Internet] 2020 [zitiert 2020 Aug 24]. Verfügbar unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ijcp.13674

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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2 Meinungen

Ich empfehle den InfoSperber-Lesern, besser noch InfoSperber, sich über die Massnahmen zu informieren, die Taiwan mit 23 Millionen Einwohnern ermöglichten, seit Beginn der Pandemie auf 500 infizierte und 7 (sieben) Tote zu limitieren – ohne Lockdown. Schulen, Geschäfte und Unternehmen blieben offen. Taiwan hat von früheren Pandemien gelernt; hoffentlich können wir das auch!
Michel Mortier, am 13. September 2020 um 18:51 Uhr
Danke für diese Artikelreihe

Im Moment zensurieren alle Mainstreammedien kritischen Meinungen zu Covid, mehr sogar, viele Experten werden als Verschwörer abgestempelt. Dies ist auch sehr kritisch, weil so viele den Medien nicht mehr glauben, und dann ihr Infos bei fragwürdigen Quellen abholen

Der Epidemiologen Andreas Cerny schreibt im Blick Artikel
https://www.blick.ch/news/schweiz/blick-analysiert-mit-infektiologe-cerny-den-bestseller-corona-fehlalarm-so-viel-falschen-alarm-verbreitet-die-skeptiker-bibel-id16085384.html
von einer Sterberate von 3 bis 4% ! (Dies wäre ja eine Spanische Grippe)

Im Mai verfasste der BMI Beamte Stephan Kohn «KM4 Coronakrise 2020 aus Sicht des Schutzes Kritischer Infrastrukturen». In diesem Bericht untersuchte er den Nutzen eines Lockdowns. Natürlich wurde dieser sofort entlassen.

Quarantäne- Länder werde nach diesem Kriterium festgelegt:
"Die Zahl der Neuinfektionen pro 100000 Personen beträgt im betreffenden Staat oder Gebiet in den letzten 14 Tagen mehr als 60"
Dies ist unsinn, besser wäre doch Corona Tote / Einwohner oder Hospitalisierung/Einwohner oder halt Infizierte/Test

Ich fühle mich total verschaukelt. Zum Glück gibt es Medien wie Infosperber
Martin Anderson, am 14. September 2020 um 10:07 Uhr

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