Gastro-Schutzkonzept vs. Datenschutz

Daniela Gschweng © Infosperber
Daniela Gschweng / 09. Jun 2020 - Corona-Tracking schön und gut – aber müssen Gäste wirklich ihre Privatsphäre gegen ihre Gesundheit abwägen?

Endlich wieder auswärts essen gehen und im Café sitzen zu dürfen – das macht unempfindlich für vieles, nicht zuletzt für Datenschutzbedenken. Mein Selbstversuch in einem Basler Restaurant beginnt an einem Bistrotisch, wo die «Corona-Liste» für die Gäste des Lokals aufliegt. Ich zücke den Stift (den eigenen), und trage Name und Uhrzeit ein – für die Begleitung gleich mit. Schliesslich will ich mich und andere vor dem Virus schützen.

Auf der Liste stehen bisher nur wenige Personen, die ein paar Meter weiter in der Sonne sitzen. Wer davon wer ist, ist unschwer zu erraten. Ob es Mark* und Michele* so recht ist, dass ich jetzt ihre Telefonnummer kenne? Ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Ich fische mein Handy aus der Tasche, um meine Nummer nachzusehen. Ich könnte damit die Liste abfotografieren, es würde keine Sekunde dauern. Niemand nimmt Notiz.

Das Schutzkonzept der GastroSuisse krankt am Datenschutz

Die Liste auf dem Bistrotisch sei die offizielle Vorlage der GastroSuisse, verteidigt sich die Leiterin des Serviceteams, als ich sie eine halbe Stunde später darauf anspreche. Wer die Kontaktdaten eintrage, tue das freiwillig und in den meisten Fällen sei es ohnehin nicht nötig. Gäste, die telefonisch reservieren, könne man auch so zuordnen. Für die Laufkundschaft, die spontan einkehrt und «Eins ziehen» will, gilt das nicht. Wer sich gegen das Corona-Virus schützen möchte, muss seine Privatsphäre dagegen abwägen.

Auszug aus dem Corona-Schutzkonzept der GastroSuisse

In einer Branche, die sonst auf Diskretion achtet, ist das überraschend. Die Dame am Nebentisch bleibt normalerweise namenlos und verwandelt sich nicht in Michele mit der Luzerner Telefonnummer.

Es ginge zumindest besser

Etwas anders lief es in einem Eiscafé im nahen deutschen Lörrach. Der Service erschien mit einem Klemmbrett und einer leeren Liste am Tisch und nahm das ausgefüllte Blatt bei der Bestellung wieder mit. Wo das Papier danach gelandet ist, wurde nicht klar. Vermutlich hinter der Theke, wo es vor neugierigen Blicken sicher ist.

Auch das ist eine ziemliche Ausdehnung des Datenschutzes in einem Land, in dem jemand nach Datenschutz-Grundverordnung ohne schriftliches Einverständnis nicht einmal eine Mailingliste für den Stammtisch erstellen darf. In einem anderen deutschen Lokal türmte sich ein Stapel Gästelisten auf einem Tisch in der Ecke. Auch das ist wohl nicht im Sinne des Erfinders.

Interesse an persönlichen Daten hätten viele

«Wenn ich eine hübsche Frau sehe, muss ich mit etwas Glück nur warten, bis sie ein Restaurant betritt – und schon hab ich ihre Nummer», sagt ein Bekannter scherzhaft, als ich von meinen Bedenken erzähle. Doch nicht nur potenzielle Verehrer dürften an einer validen Kombination von Namen und Telefonnummer Freude haben, auch für Anbieter diverser Services sind diese Daten von Interesse. Da muss die GastroSuisse wohl noch einmal über die Bücher.

* die Namen der Personen in diesem Text sind rein fiktiv.

************************************

Update: «heise online» berichtete gestern über eine Handy-App, mit der Gäste über einen QR-Code digital erfasst werden können. Damit wäre die Papierliste unnötig.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Corona-Schutzkonzept für das Gastgewerbe
Auszug aus dem Schutzkonzept für das Gastgewerbe

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

5 Meinungen

Mit dem COVID-19 Virus besteht die Gefahr des Todes, also das Leben von Menschen in Gefahr. Der Schutz der persönlichen Sphäre würde zu einer Gefährdung des Lebens von Menschen führen. Inakzeptabel.
Alfred Horlent, am 09. Juni 2020 um 12:15 Uhr
Das Datenschutzproblem bei der Gäste-Erfassung ist leicht zu lösen: Statt auf eine aufliegende Liste schreibt man seine Angaben auf ein je separates Zettelchen. Etliche Lokale, die ich besucht habe, handhaben das so - da gibt's keinerlei Einsicht in Namen und Telefonnummern von Mitgästen.
Toni Koller, am 09. Juni 2020 um 18:27 Uhr
Die Gastrobranche kann zwar jammern aber nimmt ihre Verantwortung nicht wahr. Bei meinem letzten Restaurantbesuch lag eine Liste auf, aber ausser mir und meiner Frau kein Eintrag. Solche Restaurants werde ich in Zukunft meiden. Allgemeinwohl hat Vorrang vor individuellen Datenschutz!
Victor Brunner, am 10. Juni 2020 um 10:35 Uhr
Wir müssen immer abwägen zwischen Privatsphäre und Gesundheit. Es liegt in der Natur der Epidemie, nämlich der Ansteckung von Mensch zu Mensch. Bei Eintritt des Krankheitsfalls wird getraced, also unser Leben der letzten Tage gnadenlos offen gelegt.
Das Problem ist aber nicht, dass unsere Telefonnummern auf Zetteln stehen, sondern dass wir einen volkswirtschaftlichen Schaden von über 50 Milliarden Franken haben und die Menschen in den armen Ländern wegen der Wirtschaftskrise in den reichen Ländern verhungern. Der Zettel im Café ist ein Luxusproblem.
Adrian Borer, am 10. Juni 2020 um 23:21 Uhr
Es herrscht ein Klima der Angst. Früher gab es dicke Bücher wo man alle Telefonnummern von allen Schweizern sehen konnte, kostenlose in jeder Telefonkabine. Heute herrscht Panik wenn 5 Leute meine Nummer sehen könnten. Die Autorin kann ja problemlos einen fremden Namen angeben, so lange sie konsistent den gleichen verwendet, kann das Tracing auch dann durchgeführt werden. Angst ist ungesund.
Harald Buchmann, am 11. Juni 2020 um 02:46 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.