Bocciahalle in Brig: Richter und der Stadtschreiber wurden überwacht © google earth

Bocciahalle in Brig: Richter und der Stadtschreiber wurden überwacht

Briger Beamte heimlich gefilmt und abgehört

Frank Garbely / 30. Apr 2018 - Die Bundesanwaltschaft liess zu, dass die italienische Anti-Mafia-Polizei in Brig Kameras und Mikrophone installierte.

Brig, 17. August 2006. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, um 0.30 Uhr, stiegen ein paar Männer heimlich ins Gebäude der Bocciahalle am Südrand von Brig ein. Als sie kurz vor Tagesanbruch – eine Kirchenuhr hatte eben 5 Uhr geschlagen – herausgeschlichen kamen und sich aus dem Staub machten, stand die Überwachungsanlage.

Die Techniker hatten zwei Kameras und zwei Mikrophone installiert und sehr gut getarnt. Kabel und technische Geräte waren clever in die Decke eingebaut, eines der Mikrophone in der Wand direkt neben jenem Tisch, den Fortunato Maesano, der «Mafia-Boss aus Brig», und seine Freunde bevorzugten. Alles war perfekt gelaufen: «Es gab keine Panne, und es wurde nichts beschädigt», notierte Kommissar «37649» in seinem Tagesrapport.

Noch am selben Tag, Punkt 22.00 Uhr, schalteten die Techniker die Anlage erstmals ein. Ab sofort konnten Fahnder der «Operation Feigenbaum» auf ihren Bildschirmen verfolgen, mit wem Fortunato Maesano und seine Kollegen Francesco Romeo, Antonio Mafrici (siehe Kasten unten) und Bruno Pizzi in der Bocciahalle zusammensassen. Und sie konnten vor allem auch mithören, worüber sie sprachen.

Aufzeichnungen mussten gelöscht werden

Bereits am zweiten Tag fiel der Ton aus, dann wiederum das Bild und schliesslich sogar Ton und Bild. Die Techniker versprachen, die Panne zu beheben. Doch dafür mussten sie nochmals in das Gebäude der Bocciahalle einsteigen – nachts und heimlich. Es dauerte beinahe eine Woche, bis sich eine passende Gelegenheit bot. Solange war die Leitung tot. Erst ab dem 25. August klappte die Datenübertragung wiederum.

Kaum war die technische Panne behoben, gab es ein neues Problem. Die Videoüberwachung war an klare Auflagen geknüpft: «Die Video- und Tonüberwachung muss auf die Stelle beschränkt sein, wo die Verdächtigen jeweils zusammensitzen.»

Diese Auflage war kaum einzuhalten. Grund: Die beiden Überwachungskameras zeigten ziemlich grosse Ausschnitte; nie filmten sie allein die Verdächtigen, sondern immer auch Personen, die nicht hätten observiert werden dürfen.

Das war ärgerlich. Jetzt mussten alle Aufzeichnungen gelöscht und geschreddert werden. Und die Techniker mussten eine neue Anlage einbauen.

Nichts als Pleiten, Pech und Pannen

1. September 2006. Noch eine Panne. Wieder machten die Mikrophone schlapp. Diesmal dauerte es geschlagene zwei Wochen, bis der Schaden wieder behoben war.

Zeitweise geriet die Überwachung der Bocciahalle gar zur Lachnummer. Patrick Lamon, der Staatsanwalt des Bundes, der die «Operation Feigenbaum» leitete, und seine Fahnder hatten in ihrem Übereifer auch hohe Magistraten und bekannte Briger Beamte heimlich gefilmt und ihre Gespräche aufgezeichnet. In der Tat, in der Bocciahalle verkehrten damals nicht nur mutmassliche Mafiosi, sondern auch Briger Richter, ebenso Stadtschreiber Eduard Brogli. Wenn sie nach Feierabend ein Bier trinken oder ungestört reden wollten, gingen sie nicht in eines der bekannten Briger Bistros, sondern wählten den diskreten Privatclub Bocciahalle.

Am 25. Oktober wurden die Überwachungskameras und Mikrophone definitiv abgeschaltet, «aus technischen Gründen», wie es im Einstellungsbeschluss hiess.

Was hatte die dreimonatige Überwachung gebracht? Nichts als Pleiten, Pech und Pannen. Die einzige gesicherte Ermittlungserkenntnis war: «Wir konnten immerhin feststellen, dass die Bocciahalle die offiziellen Öffnungszeiten nicht einhält.»

Italienische Anti-Mafia-Polizei hinter der Tarnfirma

Erschreckend der Dilettantismus, mit dem «Sheriff» Patrick Lamon und seine Fahnder – alle Angehörige der Bundeskriminalpolizei – ans Werk gingen. Doch das war nicht alles. Womöglich verbirgt sich hinter der stümperhaften Video-Überwachung in Brig ein handfester Skandal.

Die Techniker, die die Überwachungsanlage einbauten, gehörten weder zur Bundespolizei noch zu einer anderen Schweizer Polizei. Sie kamen aus Italien und waren Mitarbeiter der «Network Security Activity» (NSA), eine völlig unbekannte Sicherheitsfirma aus Cigognola, ein kleines Nest ein paar Kilometer südlich von Pavia. Die NSA-Techniker lieferten auch die Kameras und Mikrophone, für die sie pro Tag 480 Euro verrechneten. Und sie waren es, die für die Übermittlung der Aufnahmen besorgt waren. Dazu benutzten sie zwei Mobiltelefone, beide mit italienischem Anschluss. Kostenpunkt für einen Monat: 2‘100 Euro.

Doch eigentlich gab es die NSA nicht. In Tat und Wahrheit handelte es sich um eine Tarnfirma. Unsere Recherchen haben ergeben: Hinter der NSA verbirgt sich niemand anders als die italienische Anti-Mafia-Polizei DIA.

Heisse Fragen an die Bundesanwaltschaft

Wieso setzte Staatsanwalt Patrick Lamon nicht eigene Techniker ein? Immerhin verfügten Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalpolizei über bestens ausgebildete Abhörspezialisten. War es rechtens, Ausländer mit diesem Job zu betrauen? Wurden die Aufnahmen aus der Bocciahalle in Brig ausschliesslich an das Team von «Sheriff» Patrick Lamon übermittelt oder eventuell auch an italienische Polizei- und/oder Ermittlungsbehörden? Fragen über Fragen.

Zu diesen Fragen schickte uns die Bundesanwaltschaft folgende Stellungnahme:

«Das Verfahren wurde gemäss der damals geltenden Strafprozessordnung geführt. Die angeordneten Überwachungsmassnahmen waren von der zuständigen Behörde bewilligt. Die vorgenommenen Ermittlungshandlungen brachten keine verwertbaren Resultate zu Tage, um das Verfahren weiterzuführen. Es wurde im August 2007 eingestellt.»

Keine Rede von einer Rechtshilfe an Italien

Es trifft in der Tat zu, dass die Überwachung der Bocciahalle bewilligt wurde. Doch die zuständige Bewilligungsbehörde wusste nicht, dass an der Überwachung italienische Ermittler beteiligt waren. Im Gesuch war auch weder von einer Rechtshilfe an Italien die Rede noch davon, dass die italienische Anti-Mafia-Polizei DIA an der Operation direkt beteiligt war.

Im Gesuch hiess es lediglich: «Beim jetzigen Stand der Ermittlungen können wir immerhin sagen, die Bocciahalle ist ein wichtiger Ort (‚lieu clé‘ - eine Schlüsselstelle, A.d.R.), wo unsere diversen Verdächtigen täglich verkehren.» Und: «Fügen wir noch an: Aus technischen Gründen werden die nötigen Überwachungsgeräte von einer Privatfirma zur Verfügung gestellt und auch installiert.» Kein Wort über die Zusammenarbeit mit italienischen Ermittlungs- oder Fahndungsbehörden. Da waren mit «Sheriff» Patrick Lamon wieder mal die Pferde durchgegangen. Er hatte geschummelt: Mit Lügen durch Weglassen eine Bewilligung für eine Videoüberwachung erschlichen.

Antonio Mafrici: Verbindungsmann zur Mafia?

Antonio Mafrici wird den Mafia-Verdacht nicht los. Zwar waren mehrere Mafia-Verfahren gegen ihn eingestellt worden, 2007 in der Schweiz, genauso 2011 in Italien. Doch dann platzte der Astra-Skandal.

Am 17. März 2016 wurde Mafrici verhaftet. Grund: Die Bundesanwaltschaft verdächtigte ihn, er hätte Mitarbeiter des Bundesamtes für Strassenbau (Astra) bestochen und so für seine Firma «Interalp Bau AG» Aufträge in der Höhe von 150 Millionen angeschafft. Mafrici ist längst wieder auf freiem Fuss. Doch die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Das heisst auch: es gilt die Unschuldsvermutung.

Inzwischen hat die «Interalp Bau AG» den Besitzer gewechselt, seit Juni 2017 gehört sie zur Firmengruppe «Volken Beton AG».

Massive Verdächtigungen gegen Mafrici auch in Italien. In Anti-Mafia-Prozessen in Mailand tauchte plötzlich der Name Antonio Mafrici auf. Letztes Jahr standen in Mailand korrupte Unternehmer vor Gericht, die bei Bauarbeiten für die Weltausstellung 2015 in Mailand Gelder in zweistelliger Millionenhöhe an die sizilianische Mafia abgezweigt hatten. Laut Staatsanwalt war es Mafrici, der das Mafiageschäft eingefädelt hatte. Eigenartig allerdings. Der Staatsanwalt erhob keine Anklage gegen Mafrici. Auch sonst läuft in Italien kein Verfahren gegen den früheren Visper Bauunternehmer.

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Dieser Beitrag wurde zuerst in der «Roten Anneliese» vom März 2018 veröffentlicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

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Eine Meinung

Peter`s Orakel: Nicht «Sheriff» Patrick Lamon, nicht die NSA, nicht die italienische Anti-Mafia-Polizei DIA waren die Endstation der erschlichenen Ton- und Bilddaten. Der Kreislauf, von der Neugierde des Sheriff`s, über die Vergabe des Auftrages, des Kasse machen für die technischen Installationen, der Auswertung und Filtrierung, endet nicht beim Sheriff. Nein die Weichen sind auf die Informationszentrale der Mafia geleitet. Somit war der Sheriff nur der ausgetrickste, zahlende Mitläufer. Die Mafia wäre nicht die Mafia, wenn die DIA nicht dem Kommando der Mafia unterstellt wäre. Orakel oder Wahrheit? Ein Orakel ist nicht nötig. Der Wahrheit in die Augen schauen genügt. Nichts Neues gibt es unter der Sonne.
Peter Geissmann, am 30. April 2018 um 13:03 Uhr

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