Journalismus im antisemitischen Minenfeld
Seit Jahren steht die Berichterstattung aus dem Nahen Osten, insbesondere wenn es um Israel und Palästina geht, im Visier von zionistischen Pressure-Groups. In der Schweiz und in vielen anderen Ländern des sogenannten freien Westens, haben diese Kreise ihren Druck auf Politiker:innen und Medienschaffende nach dem 7. Oktober 2023 noch einmal erhöht: Wer sich nicht eins zu eins dem israelischen Narrativ beugt, wird mit Antisemitismusklagen eingedeckt und eingeschüchtert.
Gut organisiert, unterstützt von gut vernetzten Medienprofis und Anwälten, oft getarnt als gemeinnützige Organisationen mit dem Zweck, das ahnungslose Schweizer Volk aufzuklären, ist diese Lobby bei uns täglich am Werk.
Leiterin der SRF-Auslandredaktion «wegbefördert»
So stand etwa Susanne Brunner, bis vor wenigen Wochen Leiterin der Auslandredaktion und des Korrespondenten-Netzes von Radio SRF, wegen ihrer Berichterstattung über den Israel-Palästinakonflikt unter Dauerbeschuss. Ihre gut fundierten Beiträge, in welchen die erfahrene Journalistin und langjährige Nahost-Korrespondentin vielfältige Stimmen aus allen Lagern zu Wort kommen liess und das Leiden der Menschen vor Ort thematisierte, war den Israel-Freund:innen hierzulande ein Dorn im Auge.
Als Speerspitze gegen Medien und Journalist:innen, die sich erlauben, die israelisch-zionistische Politik infrage zu stellen, dient das vom nimmermüden Israel-Lobbyisten Sacha Wigdorovits gegründete gemeinnützige(!) Propaganda-Vehikel «Audiatur-online», dessen Schreibpersonal nicht müde wurde, Susanne Brunner und ihre Arbeitgeberin SRG zu diffamieren und der Verbreitung von Antisemitismus zu bezichtigen.
Diese Taktik ist aufgegangen: Susanne Brunner, 2024 zur «Journalistin des Jahres» gekürt und Ende September 2026 von der Universität Freiburg für ihren «professionellen, engagierten und mutigen Radiojournalismus» mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet, wurde von einer schwächelnden, angezählten SRG im Rahmen einer Reorganisation auf eine Ersatzbank wegbefördert, was Brunner mit ihrer Kündigung beantwortete.
Doch Susanne Brunner ist beileibe kein Einzelfall. Bereits vor zwei Jahren wurde eine vergleichbare Kampagne losgetreten, mit dem Ziel, die SRG auf israel-gefälligen Kurs zu bringen: Daniel Rickenbacher, ein Historiker und ehemaliger Mitarbeiter der Militärakademie der ETH Zürich, der schon seit 2019 immer wieder auf «Audiatur-online» publizierte und sich mit seinen Texten regelmässig als eifriger UNRWA-Gegner und fleissiger Antisemitismus-Ankläger profilierte, hatte sich im Sommer 2024 als freischaffender Autor und Politberater selbstständig gemacht.
Tunesische Swissinfo-Journalistin im Visier
Ende Oktober 2024 gelangte der Jungunternehmer an die Chefredaktion von SWI swissinfo.ch, der international ausgerichteten Onlineplattform der SRG. Er erklärte, einen Artikel über die arabische Sprachabteilung von Swissinfo zu planen, der in der NZZ publiziert werden sollte. In welche Stossrichtung er mit seiner Recherche zielte, liess sich aus dem Fragenkatalog leicht erkennen: Von den zehn Sprachdiensten bei Swissinfo interessierte er sich einzig und allein für den arabischen und für dessen vermuteten Einfluss auf die Nahost-Berichterstattung des SRG-Auslandnachrichtendienstes.
Dabei zielte Rickenbacher insbesondere auf die damalige Leiterin des arabischen Dienstes, die tunesische Journalistin Amal Mekki, deren Social-Media-Kanäle er zuvor durchforstet hatte. Ihm sei aufgefallen, schrieb er in seiner Mail an die Swissinfo-Chefredaktion, dass Mekki sich wiederholt «anti-israelisch, pro-palästinensisch und pro-terroristisch» geäussert habe, indem sie unter anderem Posts geteilt habe, «die sich positiv auf den Hamas-Gründer Ahmed Yassin und die PFLP-Terroristin Leila Khaled bezogen.»
Es handelt sich dabei um Posts, die Amal Mekki lange vor ihrer Anstellung bei Swissinfo abgesetzt hatte, zu deren Publikation sie aber bis heute steht: «Für mich als Tunesierin, deren Grosseltern einst gegen die Kolonialmacht Frankreich gekämpft haben, waren die palästinensischen Freiheitskämpfer Helden», sagt die heute 38-jährige Journalistin. «Menschen, die unter kolonialer Herrschaft oder ausländischer Besatzung stehen, haben laut Völkerrecht das Recht auf Selbstbestimmung und auf Widerstand gegen diese Herrschaft. – Würde ich die alten Posts löschen, käme das einer Verleugnung meiner eigenen Geschichte gleich.»
Während ihrer aktiven Zeit bei Swissinfo hielt sich Mekki stets an die Unternehmensrichtlinien der SRG, die ihren Mitarbeitenden persönliche und politische Kommentare auf Social-Media verbieten. Wer zudem Amal Mekkis journalistische Arbeiten, namentlich ihre Artikel auf Swissinfo, unvoreingenommen unter die Lupe nimmt, kommt zum Schluss: Hier ist eine professionelle Journalistin am Werk, die – im Gegensatz zur Propaganda-Plattform «Audiatur-online» – die Anforderungen an eine ausgewogene Berichterstattung voll und ganz erfüllt.
Rickenbachers These, Amal Mekki beeinflusse als palästinafreundliche Leiterin des arabischsprachigen Dienstes die Themensetzung und publizistische Gewichtung der Nahost-Berichterstattung bei Swissinfo, zeigte die mangelnde Faktenkenntnis und die Schlagseite des Investigators und war einfach zu entkräften: Der arabische Dienst bei Swissinfo beschränkt sich zum Grossteil darauf, Beiträge anderer Dienste im Haus für das arabisch-sprachige Publikum zu adaptieren, das heisst, in erster Linie zu übersetzen. Aufgrund der nervösen Ausnahmesituation im Anschluss an den 7. Oktober 2023 wurden zudem sämtliche Artikel zum Konflikt Israel-Palästina eng begleitet und von einem Mitglied der Chefredaktion editiert, so wie das auch NZZ-Chefredaktor Eric Gujer himself in seinem Blatt praktiziert.
Ein unerhörter Vorschlag
Trotzdem scheint Swissinfo-Chefredaktor Mark Livingston — angesichts drohender Budgetkürzungen und im Vorfeld der Abstimmung zur Anti-SRG-Initiative — kalte Füsse bekommen zu haben. Kurz nachdem seine direkt angeschossene Mitarbeiterin Amal Mekki die Antwort der Redaktion an Rickenbacher gegengelesen und ergänzt hatte, schickte er ihr eine Mail, mit einer ungehörigen Frage: «Können wir erwähnen, dass du jüdisch bist?» schrieb Livingston seiner Untergebenen und lieferte ihr auch gleich noch einen Formulierungsvorschlag für ein «Geständnis», das Rickenbachers Thesenjournalismus den Wind aus den Segeln nehmen sollte.

Im Klartext: Der Swissinfo-Chefredaktor Mark Livingston versuchte, die ihm unterstellte Leiterin des arabischen Dienstes zu einer Lüge anzustiften und verlangte von ihr, dass sie ihre kulturelle Herkunft und Identität verleugnet.
Zuerst kaltgestellt, dann die Kündigung
Amal Mekki lehnte ab. So nahm die Geschichte ihren Lauf: Rickenbacher publizierte am 2. Dezember 2024 einen Artikel in der NZZ (Bezahlschranke), in welchem er eine Breitseite gegen Swissinfo und insbesondere gegen Amal Mekki, die Leiterin des arabischen Dienstes schlug. Obschon der Artikel zahlreiche Fehler enthält und Halbwahrheiten kolportiert, verzichtete die SRG darauf, von der NZZ eine Korrektur oder Gegendarstellung zu verlangen.

Statt sich entschlossen hinter die verunglimpfte Mitarbeiterin zu stellen, wählten die SRG-Verantwortlichen das Stillschweigen. Eine grosse Geschichte über die Entwicklung der Schweizer Nahostpolitik unter Aussenminister Cassis, für die Amal Mekki seit drei Monate recherchiert hatte und die von der Qualitätssicherungsstelle bereits gutgeheissen worden war, verschwand auf Geheiss von Chefredaktor Livingston in der Schublade.
Nicht der NZZ-Artikel habe bei ihr zum Zusammenbruch geführt», sagt Amal Mekki, die in der Folge vom Arzt krankgeschrieben wurde. «Es war die Reaktion meiner Kollegen und Kolleginnen, die Art und Weise, wie man mir in den Rücken gefallen ist – und, dass so etwas in der Schweiz möglich ist.» In Tunesien sei sie in ihrer journalistischen Arbeit nicht einmal während der Diktatur solchem Druck ausgesetzt gewesen, so Mekki, die 2021 in der Schweiz geheiratet hat und in Bern lebt.
Ende April 2026 erhielt sie von Chefredaktor Mark Livingston die Kündigung per 31. Juli 2026. Der arabische Dienst von Swissinfo wird seit Dezember 2024 bis heute ad interim von der Leiterin des Bereichs «Sprachen international» geführt.
«Ich bin Journalistin geworden, um jenen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden – und weil mir Meinungsfreiheit und Demokratie am Herzen liegen», begründet Amal Mekki ihren Schritt, nun mit der eigenen Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten und ergänzt: «Ich erzähle heute meine Geschichte, weil ich nicht möchte, dass noch mehr Journalistinnen und Journalisten zum Schweigen gebracht werden, nur weil sie sind, wer sie sind, oder für das eintreten, wofür sie stehen. Ich weigere mich aber gleichzeitig zuzulassen, dass meine Erfahrungen gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk instrumentalisiert werden, insbesondere in einer Zeit, in der dieser ohnehin schon gefährdet ist. Ich glaube an den unabhängigen öffentlich-rechtlichen Journalismus und möchte, dass er den Prinzipien gerecht wird, für die er steht.»
SRG will sich zur «Affäre Mekki» nicht äussern
Die SRG hingegen schweigt weiter: Unsere direkte Anfrage für eine Stellungnahme leitete Swissinfo-Chefredaktor Mark Livingston an die Medienstelle weiter, die sich damit begnügte, sämtliche konkreten Fragen mit allgemeinen Floskeln zu beantworten. Es handelt sich dabei um die gleiche nichtssagende Standardmail, wie sie bereits die Lausanner Informations-Plattform «Antithèse» erhalten hat, welche die «Affäre Mekki» Mitte Oktober 2026 in der Romandie publik gemacht hat.

Der ehemalige «Audiatur»-Autor Daniel Rickenbacher ist seit Oktober 2025 festangestelltes Mitglied der NZZ-Auslandredaktion. Er bleibt auch in dieser Funktion ein verlässlicher Fürsprecher des israelischen Regimes, der nach bewährter Manier mit seinem Thesenjournalismus unablässig gegen Linke, Muslime und angeblich grassierenden Antisemitismus anschreibt. Er liegt er damit voll und ganz auf der Linie der aktuellen NZZ-Ausrichtung.
Swissinfo verliert fast die Hälfte des Budgets
Die langjährige Propaganda gegen die SRG hat diese Woche erneut Wirkung gezeigt: Die vom Bundesrat angestrebte totale Streichung der Subvention für die Auslandangebote der SRG, der sich National- und Ständerat entgegenstellten (!), ist seit dieser Woche zwar vorerst abgewendet, aber durch eine massive Kürzung des Bundesanteils und zusätzlichen grossen Einsparungen von Seiten der SRG erkauft: Mit der neuen Leistungsvereinbarung zwischen dem Bund und der SRG wird das Budget für Swissinfo von rund 19 auf 11 Millionen Franken gekürzt – das entspricht einer Reduktion von 45 Prozent, was einer Abschaffung in Raten gleichkommt. Die Zukunftsaussichten für das geschätzte Schweizer Aushängeschild und sein Publikum auf der ganzen Welt sind zappenduster.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Gabriela Neuhaus ist freischaffende Journalistin und Filmemacherin. Dieser Beitrag ist zuerst in ihrem Blog «Offroad Reports» erschienen.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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