Kommentar
Zum Aus von EMMA: Medien zitieren fragwürdige Expertinnen
In zahlreichen Medien wurde die Neuigkeit, dass Ende Jahr Schluss sei mit dem feministischen Magazin, an prominenter Stelle gebracht, auch Radio «SRF 1» berichtete in den Mittagsnachrichten vom 21. Oktober darüber. Auf «3SAT», in der Sendung Kulturzeit, gab es einen Rückblick auf die Geschichte des Magazins «Emma» sowie ein Interview mit Carolin Wiedemann, der Chefredaktorin des queerfeministischen «Missy Magazins». Erwartet hatte ich, dass neben der Geschichte von «Emma» und Alice Schwarzers Rolle auch die inhaltliche Ausrichtung thematisiert würden – nicht unbedingt aus der persönlichen Sicht der Journalistinnen, sondern einigermassen objektiv.
Die Sendung Kulturzeit bemühte sich um eine sachliche und korrekte Berichterstattung. Dann jedoch bekam das Gespräch eine Wendung, die mich peinlich berührte: Wiedemann lobte zuerst das Engagement Alice Schwarzers und betonte, ohne die Kampagnen von Schwarzer und ohne «Emma» stünde die Frauenbewegung nicht da, wo sie heute steht. Dann jedoch widersprach Wiedemann ihrer ersten Aussage, dass es schade sei, dass es nun eine feministische Stimme weniger gebe.
Im zweiten Teil des Interviews zählte sie bloss noch auf, was Schwarzer in ihren Augen in den letzten Jahren politisch alles falsch gemacht habe und es in diesem Sinne gut sei, dass «Emma» Schluss mache. Die Kulturzeit-Redaktorin konnte einige offensichtliche Falschaussagen (Wiedemann nannte Sarah Wagenknecht eine Rechtspopulistin) oder Missverständnisse korrigieren, aber es gelang ihr nicht, den anfangs sachlich gehaltenen Beitrag zu retten. Denn ganz offensichtlich war Wiedemann überzeugt, eine nachvollziehbare, sachlich gerechtfertigte Einschätzung zu geben. Es fiel ihr nicht auf, dass sie eine historisch unhaltbare Definition von Feminismus gab («Feminismus war immer links») und all ihre politischen Urteile (Schwarzer sei transfeindlich und rassistisch) ohne Begründung äusserte – ganz so, als sei die Mehrzahl der Frauen auf der ganzen Welt zum selben Schluss gekommen.

Grobe Schnitzer – aber die Redaktion korrigiert sie nicht
Im «WDR» wurde die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Martina Thiele zum Ende der «Emma» und zu Alice Schwarzer befragt. Thiele ist Professorin für Medienwissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Radio «SRF» führte ebenfalls mit Thiele ein Gespräch, bestimmt mit der Hoffnung, eine wissenschaftlich haltbare Einordnung zu erhalten.
Vom Stil her konnte Thiele überzeugen, aber inhaltlich passierten grobe Schnitzer. Thiele bezeichnete Schwarzer als Vertreterin eines Feminismus, der an der Heteronormativität festhielt. Dies ist nicht korrekt.
Als Heteronormativität wird eine kulturelle Wertung von (sexuellen) Beziehungen verstanden, die grundsätzlich die Beziehungen zwischen Mann und Frau höher wertet als die Beziehungen gleichgeschlechtlicher Paare. Das ist bei Schwarzer weder von ihrer Theoriebildung noch von ihren politischen Kampagnen her abzuleiten. Im Gegenteil: Schwarzer setzte sich sehr früh mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen auseinander, war Teil der Lesbenbewegung und baute alle Fragen rund um Geschlechterrollen und die sexuelle Orientierung in ihren Feminismus ein. Sie bemühte sich stets, alle Inputs aus den verschiedenen Ecken der Frauenbewegung aufzunehmen und miteinander in eine kohärente, möglichst universal gültige Haltung einzubauen. Dazu gehörte explizit die Überwindung der Heteronormativität.
Kritik ist nicht gleichbedeutend mit Feindlichkeit
Der zweite grobe Schnitzer bezieht sich auf die Aussagen zu Transgender-Fragen. Thiele formulierte es so: «Man hat ihr Transphobie vorgeworfen – das hat sie natürlich immer vehement abgewiesen. Aber sie ist diese traditionelle, zweigeschlechtlich denkende Feministin.» Wer sich nicht nur mit Wortgeklingel, sondern mit Inhalt und Theorie beschäftigt, merkt sofort, da sind Dinge arg durcheinandergeraten.
Erstens ist es ungerecht, nur zu betonen, dass Schwarzer sich gegen die Transphobie-Vorwürfe gewehrt hat – natürlich hat Schwarzer die Vorwürfe vehement von sich gewiesen – der Punkt ist aber, dass dieser Vorwurf in keiner Weise haltbar ist. Wer betreffend Definition von Transgender oder Transsexualität eine andere Meinung vertritt, wer das Selbstbestimmungsgesetz, wie es in Deutschland gilt, kritisiert, ist nicht transfeindlich!
Der Begriff der Transfeindlichkeit muss genauso wie der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit klar definiert und eingegrenzt werden. Transfeindlich ist jemand, der eine Transperson, nur weil sie trans ist oder sich trans nennt, angreift oder persönlich herabsetzt. Frauenfeindlich ist jemand, der eine Frau, nur weil sie eine Frau ist, angreift oder herabsetzt. Alice Schwarzer hat keine Transpersonen angegriffen, sie hat nur die Definition von Geschlecht, die von einigen Transgender-AktivistInnen als richtig betrachtet wird, scharf kritisiert.
Geschlechter-Stereotypen auflösen, aber nicht die Biologie
Als Wissenschaftlerin müsste Thiele darüber hinaus wissen, dass Zweigeschlechtlichkeit etwas biologisch Gegebenes ist – hier gibt es keinen Platz für unterschiedliche Meinungen. Die Formulierung, Schwarzer sei eine traditionelle Feministin ist sicher vertretbar – aber nur, wenn man den Zusatz «zweigeschlechtlich denkend» weglässt.
Zweigeschlechtlichkeit ist keine kulturelle Setzung und dementsprechend kann es auch nur unterschiedliche Meinungen zum Umgang mit Zweigeschlechtlichkeit, nicht zur Tatsache derselben, geben. Schwarzer war, wie die übrigen «Emma»-Redaktorinnen auch, der klaren Auffassung, es gelte die Geschlechterrollen bzw. Geschlechter-Stereotypen aufzulösen, nicht die Säugetier-Biologie der Menschen. Eine Meinung, die weltweit von Millionen von Frauen geteilt wird.
Ich wundere mich darüber, dass eingeladene ExpertInnen in der Frage der Geschlechter so bereitwillig wissenschaftlich Unhaltbares verbreiten. Ebenso wundere ich mich darüber, dass sich die Medienschaffenden so leicht beeinflussen lassen. Man könnte doch auch zum Thema recherchieren?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.






