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Wolf Schneiders Rat gilt auch für Amateure: Weniger Adjektive machen einen Text besser. © zvg

«Weg mit den Adjektiven!»

Marco Diener /  Viele Adjektive verdoppeln, verfälschen, verharmlosen. Was also tun? Am besten weg damit!

Generationen von Lehrern haben uns beigebracht, dass wir möglichst viele Adjektive und Adverbien verwenden sollen. Nur so werde ein Aufsatz anschaulich und lebendig.

Und jetzt haben wir den Salat.

Manche Journalisten bauen so viele Adjektive und Adverbien in ihre Texte ein, dass man meinen könnte, sie versprächen sich davon am Monatsende einen Bonus. Doch ihre Marotte führt dazu, dass sie verdoppeln, verharmlosen, verfälschen.

Wolf Schneider, damals Leiter der Hamburger Journalistenschule, hatte in seinem Buch «Deutsch für Profis» schon vor über 40 Jahren gefordert: «Weg mit den Adjektiven!»

Die «tote Leiche»

Natürlich haben uns unsere Lehrer auch vor dem übermässigen Gebrauch von Adjektiven und Adverbien gewarnt. Als verunglückte Beispiele galten der «weisse Schimmel», der «schwarze Rabe», die «tote Leiche».

Aber wir wurden auch für allerlei Unsinn gelobt. Zum Beispiel, wenn wir in einem Aufsatz ganz anschaulich von unseren Erlebnissen an einer «steilen Felswand» berichteten. Obwohl die Felswand, wenn sie nicht steil aufragen würde, gar keine Wand wäre.

Die «potenzielle Gefahr»

Doch zurück zur Gegenwart – zum heutigen Journalismus. Da reicht es offenbar nicht mehr, wenn man von einer «Gefahr» schreibt. Heute ist von einer «potenziellen Gefahr» die Rede. Die Schweizerische Mediendatenbank (SMD) liefert für die «potenzielle Gefahr» allein für die letzten zwölf Monate 483 Treffer. Vor zehn Jahren waren es gerade mal 113 Treffer gewesen.

Dabei ist die «potenzielle Gefahr» Unsinn. Eine «Gefahr» ist ja die Möglichkeit, dass ein Unglück, ein Unfall, eine Katastrophe eintritt. Eine «potenzielle Gefahr» ist demnach eine «mögliche Möglichkeit».

Die «kritische Infrastruktur»

Noch beeindruckender ist die Karriere der «kritischen Infrastruktur»: 6393 SMD-Treffer in den letzten zwölf Monaten, bloss 230 Treffer vor zehn Jahren. Die «NZZ» beispielsweise schrieb kürzlich, die Schweiz müsse aufrüsten. «Prioritär» seien unter anderem der «Schutz kritischer Infrastruktur».

Was «kritische Infrastruktur» ist, schrieb sie nicht. Das wäre auch nicht einfach. Denn laut «Duden» bedeutet kritisch zum einen «prüfend, beurteilend», zum anderen «eine Wende ankündigend, eine Gefährdung bedeutend».

Aber die Infrastruktur prüft nichts, sie beurteilt nichts, sie kündigt keine Wende an, und sie ist auch keine Gefährdung. Die Infrastruktur, welche die «NZZ» meint, ist möglicherweise «wichtig», «entscheidend», «unerlässlich», «heikel» oder «anfällig», aber sie ist nicht «kritisch».

Die «kritische Infrastruktur» ist eine Anleihe aus dem Englischen. Dort heisst es tatsächlich «critical infrastructure». Aufgabe von Journalisten wäre es, das zu übersetzen und nicht nur so zu tun, als ob.

«Brutal vergewaltigt»

Bereits vor zwei Jahren hatte sich Infosperber mit dem Wort «brutal» befasst. Weil damit ein Sachverhalt nicht verstärkt, sondern letztlich abgeschwächt wird. Aber es wird noch immer inflationär verwendet.

Ein Beispiel: Der «Tages-Anzeiger» berichtete kürzlich von einer Frau, die «über Jahre teils brutal vergewaltigt» worden sei. Eigentlich muss man ja davon ausgehen, dass jede Vergewaltigung brutal abläuft. Deshalb ist im Wort «Vergewaltigung» auch das Wort «Gewalt» enthalten.

Wenn nun aber die Rede davon ist, dass eine Frau «brutal vergewaltigt» worden sei, dann bedeutet das im Umkehrschluss: Nicht jede Vergewaltigung läuft brutal ab. Das ist eine Verharmlosung.

Und wenn der «Tages-Anzeiger» dann auch noch schreibt, die Frau sei über Jahre «teils» brutal vergewaltigt worden, dann wird die Verharmlosung schwer erträglich.

Einfach streichen!

Was also tun mit den vielen Adjektiven und Adverbien? Am besten einfach streichen! Dass ein grosser Teil überflüssig ist, zeigt sich täglich in der Zeitung, am Radio oder im Fernsehen:

  • wenn davon die Rede ist, dass neun Prozent der Bevölkerung «offiziell geschieden» sei,
  • wenn es heisst, die Züge seien «restlos überfüllt»,
  • wenn sich die Polizei «aktiv engagiert»,
  • wenn ein Fussballer in seiner Mannschaft «absoluter Stammspieler» ist,
  • wenn «Soziale» Medien nicht «pauschal verteufelt» werden sollen,
  • wenn in der Krankenpflege ein «wichtiger Meilenstein» erreicht ist,
  • wenn das Volk einem Initiativkomitee eine «ganz deutliche Abfuhr» erteilt,
  • wenn eine Bundesratskandidatin «explizit absagt»,
  • wenn jemand über eine «pauschale Verallgemeinerung» klagt,
  • wenn einer «konkrete Zahlen» präsentiert.

Alles überflüssig!

Und wenn die Adjektive und Adverbien nicht überflüssig sind, dann sind sie häufig falsch. Wenn etwa die Polizei in einer Medienmitteilung von «stumpfer Gewalteinwirkung» schreibt, dann ist nicht die Gewalteinwirkung stumpf, sondern die Waffe. Unlogisch ist es auch, wenn die Rede ist von:

  • «kreativen Bieren»,
  • «fossilen Heizungen»,
  • «energetischen Investitionen»
  • oder «erneuerbaren Heizsystemen».

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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