Kommentar

Kontertext: Zukunft träumen (Teil 1)

Silvia Henke ©

Silvia Henke /  Wie können wir zwischen Alarmismus und blinden Versprechen der KI-Forscher und Tech-Oligarchen einen Sinn für Zukunft behalten?

Red. Diese dreiteilige Serie wendet sich den Diskursen zu, welche das Denken der Zukunft bestimmen – und welche uns möglicherweise um das betrügen, was wir brauchen: einen Sinn für Zukunft, der die Gegenwart befruchtet. In der Folge wird es um Dystopisches, Mögliches, Nötiges, Wünschenswertes und Erträumtes gehen: um Zukunftssinn. 


«Wovon träumt das Internet?»

Vor zehn Jahren brachte der Filmemacher Werner Herzog seinen Dokumentarfilm über das Internet heraus, wo in netzwerkartig montierten Interviews die dunkle und zugleich spielerische Seite der neuen technologischen Entwicklung eingeblendet wird. Es ging ihm bereits damals um die entscheidende Frage der Substituierbarkeit des Menschen durch die Maschine, in deren Herzen die Frage nach einer möglichen künstlichen Kreativität wohnt. 

Seine Frage «Wovon träumt das Internet?» wird gleich in der Eingangssequenz dementiert: Herzog interviewt einen Robotiker der Standford University und dieser antwortet: «Ob es einmal eine intelligente Maschine geben wird, die Filme macht? Absolut.» Und dann ergänzt der Robotiker die Frage: «Werden die Filme jemals so gut sein wie Ihre? Niemals – absolut nicht.» 

Er sagt nicht einfach nein. Er sagt «absolut nicht». Damit sagt er natürlich das, was Herzog gerne hören wollte, zumal dieser Film nicht zu seinen besten zählt. Aber die Eingangssequenz wirft die Frage auf, was eigentlich zur Disposition steht. Es ist das Träumen selbst, die innerste, wahrste und kreativste Aktivität des menschlichen Bewusstseins. An diese glaubt Herzog, immer wieder kommt er in seinen Filmen und Schriften aufs Träumen zurück. Aber welche Träume bevölkern denn unsere Vorstellung von Zukunft? Und sind es überhaupt noch Träume? 

Zwischen Katastrophe und Zynismus

Der Herbst 2026 wurde u.a. im «Spiegel» ausgerufen als die entscheidende «Schwelle im Kampf zwischen Mensch und Maschine», zwischen kontrollierter Anwendung und baldiger Verselbständigung der KI als «Superintelligenz».  «Dieser Herbst könnte in die Geschichte eingehen. Als der Zeitpunkt, an dem der Menschheit die von ihr geschaffene Supermaschine entglitten ist», schreibt das Autorenkollektiv des Nachrichtenmagazins. 

Seine Prognosen, die aufgrund von grossen Recherchen und Experteninterviews aus dem Inneren der KI-Kompetenzzentren abgegeben werden, wären schierer Alarmismus, wenn es dazu nicht auch längst die dystopischen Fantasien von Doomern (Jargon für Untergangspropheten im Netz) gäbe.  So zitiert der «Spiegel» ausführlich den KI-Forscher und Dystopisten Daniel Kokotaljo, der mit seinen Plan Race – Prognosen in allen KI-Akademien zitiert wird. Ein Alptraum, geht es doch um nichts Geringeres als um die baldige Auslöschung der Menschheit durch Armeen superintelligenter Roboter.

Wie alle dystopischen Prognosen hat seine Forschung den unangenehm zynischen Effekt, dass wir nicht zu wissen bekommen, ob wir noch im Bereich von Science-Fiction oder in der Realität sind. Da die beiden Bereiche mittlerweile ununterscheidbar sind in der Zukunftsprognostik, verliert sich der Forschungsbericht von Kokotaljo in vorläufigen spieltheoretischen Überlegungen. 

Fakt ist: Seit dem Angriff auf die KI-Plattform Hugging Face durch selbstständig agierende KI-Agenten ist das Szenarium eines Verlusts der Kontolle über die Maschinen noch wahrer geworden. Es ist keine Fiktion und keine Prognose mehr, sondern ein systemimmanenter Zwischenfall, wie ihn Kokaljo und andere vorausgesagt haben. Einer, der sich bereits wiederholt und damit eine Vorstellung von Kontrollverlust erzeugt, die in unsere Träume eingehen könnte.

Zwischenzeitliche Beruhigung

Ich gebe zu: Auch mich hat die Forderung nach externer Kontrolle der KI-Betreiber durch den Anthropic-Chef Dario Amodei wie eine Beruhigungspille erreicht: Es gibt sie noch, die Vernunft der Akteure. Sie wissen noch, was sie tun, und zumindest einige wissen auch, was technisch und politisch zu tun wäre punkto Regulierungen. Was sie aber wirklich fürchten und wollen, weiss niemand. 

Zumindest bei Sam Altman und Elon Musk kann man davon ausgehen, dass sie an nichts anderem interessiert sind als einem «sicheren» Börsengang der KI-Branche. Somit schwindet die Beruhigung bald wieder. Es zeigt sich ein Szenarium, das laut Eva Redecker dem faschistoiden Endzustand des Kapitalismus zudient: Alarmismus und Disruption zur Gewinnsteigerung, wie gegenwärtig realisiert in den präsidialen Switchs an der Strasse von Hormuz. Wenn niemand mehr weiss, was real ist und wie es weitergeht, wird Kontrollverlust plötzlich normal.  Ebenso wie die Lust an der Dystopie, die sich damit ausbreitet. 

Wieso also noch nach Zukunftsträumen fragen, wenn das grosse Bedürfnis jenes nach Sicherheit, Kontrolle und Rückkehr der Vernunft ist?

Zukunft zurückholen

Angesichts solcher Grosslagebestimmungen muss man – ich als Pädagogin muss es fast täglich – Zukunft zurückholen. Nicht als Vision, sondern als Realität des Einzelnen. Und als Aussicht für junge Menschen, die selber einmal Kinder haben oder selber junge Menschen unterrichten werden und die vor diesem Zeithorizont das Jahr 2080 vor sich sehen müssen. Dazu kann man sich nicht lähmen lassen von den Prognosen der Techbranche und auch nicht von den Militärstrategen, welche die Zukunftsforschung beherrschen. 

Sicherheitsarchitekturen ist nie zu trauen. Es braucht einen Zukunftssinn, in welchem man nichts delegiert, nichts überspringt und lernt, mit der Ungewissheit umzugehen, die aus den offenen Fragen in der Gegenwart kommt. Dazu braucht es auch das Selbstbewusstsein, das im Träumen schlummert, wie ein aktuelles Beispiel auf dem Theater zeigt. 

Waldträume

Das Wort für Welt ist Wald
Schauspiel am Theater Basel: Das Wort für Welt ist Wald.

Im dem Stück nach dem Roman der US-amerikanischen Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin «Das Wort für Welt ist Wald» – in einer Bühnenfassung von Franz Broich im Theater Basel – sind die beiden Protagonistinnen im Wesentlichen Träumende in einer Anderswelt, die noch ganz Wald ist. Man könnte mit ihnen eine Antwort finden auf die Frage von Werner Herzog, wovon das Internet träumt, nämlich: von gar nichts, von absolut nichts. 

Das, was wir Netz oder KI nennen, träumt nicht. Denn Träume sind wie der Wald ein chaotischer Organismus, sie ähneln den Wäldern, die ja nach den Ozeanen der Anfang unseres lebbaren Planeten sind. Die Kreativität in unserem Kopf, die wir beim Träumen erfahren, ist insofern eine Ursignatur des Menschlichen, wie der Wald die Urform einer Existenzweise ist, in welcher alles mit allem verbunden ist. 

Diesen Strang exploriert das Stück: Nicht, dass alle Träume glücklich machen oder gewaltfrei sind. Aber sie geben uns Aufschluss über das, was wir hoffen, fürchten und wollen. Der freie Fall einer Spottdrossel, die Verschlungenheil der Wurzeln und der Gesang der Pilzfäden, das Blitzen der Träume und Fantasien in der Sprache: Im Spiel der beiden Figuren erfährt man, wie alle gute Kunst das Gegenteil einer formalisierten Kreativität bildet, wie sie Computerprogramme und Algorithmen erzeugen.

Insofern mahnt das Stück ganz beiläufig an, was gegenwärtig auf dem Spiel steht: Es ist nichts weniger als die je unverwechselbare Signatur des Träumens und Denkens und Sprechens, die durch kein algorithmisches Verfahren substituiert werden kann. Dass KI-Forscher und Neurologen in den Entwicklungen der KI auf diese prinzipielle Differenz von Mensch und Maschine fokussieren, die sich in Träumen wie in der künstlerischen Arbeit offenbart, erstaunt nicht. 

Demgegenüber gilt es wachzubleiben – das eigene Träumen zu beobachten, in den Wald oder ins Theater zu gehen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.

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