Hunger Afghanistan

Allein der Irankrieg könne rund 45 Millionen Menschen weltweit in eine Hungersnot stürzen – zusätzlich zu den bereits hungernden 318 Millionen, warnt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen © WFP

Zwei Kriege und El Niño: Millionen Menschen von Hunger bedroht

German Foreign Policy /  Blockierte Handelsrouten im Nahen Osten und im Schwarzen Meer stürzen Länder des globalen Südens noch mehr ins Elend.


Die fortdauernde Aggression der USA gegen Iran, der Ukrainekrieg sowie die daraus resultierenden Handelsausfälle treiben den Globalen Süden immer stärker in eine Nahrungsmittelkrise. Bereits im März 2026 hatte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) gewarnt, allein der Irankrieg könne rund 45 Millionen Menschen weltweit in eine Hungersnot stürzen – zusätzlich zu den bereits hungernden 318 Millionen.

Die Sperrung der Strasse von Hormuz wirkt sich gravierend auf die Rohöl- und Treibstoffpreise aus. Das verteuert auch Dünge- und Lebensmittel. Ein ähnliches Szenario wiederholt sich gerade im Schwarzen Meer – nur geht es dort um Getreide. Seit Russland und die Ukraine verstärkt Hafenanlagen, Terminals, Silos und Schiffe angreifen, wird ukrainisches und russisches Getreide kaum noch über das Schwarze Meer exportiert. Beide Länder hätten zuletzt ein Viertel des globalen Getreideexports gestellt, berichtet die US-Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg. Die Abnehmerländer im Globalen Süden seien nun von dramatischem Mangel bedroht.

Von Brennstoffen abhängig

Die Versorgungskrise ist grösstenteils auf die Abhängigkeit der globalen Lebensmittelherstellung von der fossilen Brennstoffindustrie zurückzuführen. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fand weltweit ein Wandel statt: Anstelle von organischen Düngemitteln wie Mist und Kompost wurden zunehmend auf fossilen Brennstoffen basierende Düngemittel wie Ammoniak und Schwefel eingesetzt, um die Bodennährstoffe zu erhalten und die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern.

Heute stammen rund 30 Prozent des weltweit genutzten Ammoniaks aus den Erdöl- und Erdgasregionen des Mittleren Ostens; Saudi-Arabien ist sogar der zweitgrösste Ammoniakexporteur weltweit. Ebenso wird etwa die Hälfte des weltweit auf dem Seeweg transportierten Schwefels, der die Grundlage für Phosphatdünger bildet, durch die Strasse von Hormuz befördert. Dies gilt auch für rund 18 Prozent des Monoammoniumphosphats (MAP) und des Diammoniumphosphats (DAP) – zwei weiterer wichtiger Düngemittel, die zur Versorgung von Nutzpflanzen mit Phosphor eingesetzt werden.

Daten der Weltbank zeigen einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Kraftstoffpreise und dem Anstieg der Düngemittel- und der Lebensmittelpreise. Bereits im März dieses Jahres stieg der Weltbank-Energiepreisindex um 41 Prozent, angeführt von einem Anstieg des Rohölpreises um 45,8 Prozent. Im selben Monat nahmen die Düngemittelpreise um 26,2 Prozent zu; auch die Lebensmittelpreise, auf die die Düngemittelpreise gewöhnlich erst mit Verzögerung durchschlagen, erhöhten sich bereits um 2,7 Prozent.

Zerstörte Chancen

Der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormuz ist weiterhin stark eingeschränkt. Aktuell droht zudem eine partielle Sperrung der Meerenge Bab al Mandab, die bei Djibouti aus dem Roten Meer in den Indischen Ozean führt und punktuell als Ersatzroute für Exporte vor allem aus Saudi-Arabien genutzt werden kann. Chancen, die Blockade der Strasse von Hormuz zu beenden und damit die Versorgung der Welt nicht nur mit Kraftstoffen, sondern auch mit Düngemitteln wieder sicherzustellen, wurden von den Vereinigten Staaten mutwillig zunichte gemacht.

Solche Chancen boten der Waffenstillstand vom 7. April, der mit dem Beginn von Verhandlungen über einen 10-Punkte-Plan zur Beendigung des Krieges einherging, und eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding, MoU) vom 17. Juni, die den Waffenstillstand um 60 Tage verlängerte und die Bestimmungen des 10-Punkte-Plans weiter konkretisierte. Der 10-Punkte-Plan sah zunächst vor allem ein Ende der Kampfhandlungen der USA und Israels an allen Fronten sowie die Anerkennung der iranischen Kontrolle über die Strasse von Hormuz vor. Das MoU schrieb in nun 14 Punkten unter anderem eine Aufhebung der US-Seeblockade iranischer Häfen und Schiffe und im Gegenzug die Öffnung der Strasse von Hormuz für alle anderen Schiffe durch Iran fest. Tatsächlich begann der Schiffsverkehr sich wieder zu erholen, bis die Vereinigten Staaten am 6. Juli die Kampfhandlungen erneut starteten, woraufhin Iran am 18. Juli ankündigte, nun eben auch seinerseits seine Verpflichtungen aus dem MoU nicht mehr zu erfüllen.

Die USA setzen die Blockade der iranischen Schifffahrt bis heute fort; Iran setzt sich mit der Blockade der Strasse von Hormuz für andere Schiffe zur Wehr.

Ungleicher Handel

Die kriegsbedingte Sperrung der Strasse von Hormuz wirkt sich auch deshalb so fatal auf die Nahrungsmittelversorgung im Globalen Süden aus, weil das globale Handelssystem Milliarden Menschen weltweit anfällig für kurzfristige Störungen und Schwankungen in der internationalen Nahrungsmittelversorgungskette gemacht hat. Darauf wies schon vor Jahren Vikas Rawal, Professor an der renommierten Jawaharlal-Nehru-Universität in New Delhi, hin.

Rawal zufolge hat die jahrzehntelange Globalisierung dazu geführt, dass «der Globale Süden zu einer Quelle für Nahrungsmittelrohstoffe geworden ist, die in den Industrieländern nicht produziert werden können». Andererseits sind die Länder des Globalen Südens bei Grundnahrungsmitteln von der Landwirtschaft in den Industrieländern des Nordens abhängig geworden. In Indien beispielsweise, schreibt Rawal, haben die Landwirte aufgrund von Handelsliberalisierung und mangelnder staatlicher Unterstützung auf Kulturen umgestellt, die auf den internationalen Märkten höhere Preise erzielen, anstatt Pflanzen anzubauen, die die Ernährungssicherheit im eigenen Land gewährleisten. Dies hat beispielsweise dazu geführt, dass zwischen 2017 und 2019 68 Prozent des in Indien verbrauchten Speiseöls und 17 Prozent der Hülsenfrüchte importiert werden mussten.

Das gilt auch für Düngemittel: So wurden im Jahr 2020 30 Prozent des indischen Bedarfs an Harnstoff (Düngemittel auf Ammoniakbasis) und 60 Prozent des Bedarfs an Diammoniumphosphat durch Importe gedeckt. Zugleich lebten im Jahr 2020 62 Millionen Menschen allein in Indien in schwerer Ernährungsunsicherheit – die höchste Zahl in einem einzelnen Land.

Super-El-Niño: Es drohen Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfälle

Zusätzlich zu den kriegsbedingten Handelsblockaden droht El Niño weitere 50 Millionen Menschen weltweit in akute Hungersnot zu stürzen. El Niño ist ein Wettersystem, das alle paar Jahre im Pazifik auftritt und weltweit zu Veränderungen der Niederschlagsmuster führt. Der aktuell bevorstehende El Niño entwickelt sich zum stärksten seit mindestens 70 Jahren; manche bezeichnen ihn bereits als Super-El-Niño.

Nach Angaben des WFP dürften selbst dann, wenn der El-Niño-Verlauf weniger stark ausfällt, als von Wissenschaftlern vorhergesagt, immer noch rund 45 Millionen Menschen in Ernährungsunsicherheit geraten. Zu den am stärksten betroffenen Regionen zählen Mittel- und Südamerika, die Karibik sowie das südliche Afrika. Darüber hinaus werden Süd- und Südostasien wahrscheinlich weniger Niederschläge als üblich verzeichnen.

Die schlimmsten Auswirkungen werden voraussichtlich Ende 2027 zu spüren sein; bis dahin sind die aktuell bereits vorhandenen Nahrungsmittelvorräte aufgebraucht, aber noch nicht ausreichend durch neue ersetzt, da El Niño die diesjährige Ernte schwer schädigen wird. «Die grössten Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit» etwa «im südlichen Afrika werden während der Hungerperiode 2027 bis 2028 zu spüren sein», prognostiziert Richard Choularton, Leiter des Dienstes für Klima und Resilienz beim WFP.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Online-Plattform «german-foreign-policy.com». Diese «Informationen zur Deutschen Aussenpolitik» werden von einer Gruppe unabhängiger Publizisten und Wissenschaftler zusammengestellt, die das Wiedererstarken deutscher Grossmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet kontinuierlich beobachten.
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