Kommentar
«Den Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen»
Fiktive Meinungsumfrage. Wem vertrauen Sie mehr: Jürgen Klopp oder Friedrich Merz? Das Ergebnis wäre in diesen Tagen unsicher. An der Medienkonferenz zu den Nominierungen der neuen Nationalspieler erstaunte der frisch ernannte deutsche Bundestrainer Jürgen Klopp letzte Woche das Publikum mit einer politischen Proklamation:
«Vor kurzem hat eine Wahl stattgefunden. Manche Leute fanden das ok., andere haben gedacht: Du lieber Himmel! Was passiert denn da! Aus meiner Sportlerperspektive kann ich sagen: Ich möchte die Fahne zurückholen, Ich will nicht, dass, wenn sie einer schwenkt, jemand denkt: Was ist mit dir nicht in Ordnung? (…) Ich möchte den Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen.»
Es war kaum möglich, dieses Statement nicht als eine Wahlempfehlung vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin aufzufassen. Klopp nannte die AfD nicht beim Namen, aber es war klar, wer gemeint war mit den «Falschen». Im linken Spektrum war die Zustimmung gross. Der Spiegel erkannte ein «wuchtiges Signal an das ganze Land» und eine «Absage an einen dumpfen Patriotismus». In den sozialen Medien wurde gefragt, ob Klopp nicht das Format zum Bundeskanzler habe.
Politische Propaganda hat im Fussball nichts verloren
Die Statuten der Uefa verlangen strikte parteipolitische und konfessionelle Neutralität. Politische Stellungnahmen, Parolen und Aktionen im Rahmen von Wettbewerben sind untersagt und werden sanktioniert. Die Fifa hat ähnliche Statuten. Dessen ungeachtet liessen Uefa und Fifa sich in das geostrategische Powerplay des Westens hineinziehen, als sie Russland mit fadenscheinigen Argumenten wegen des Angriffs auf die Ukraine von der Fussball-WM ausgeschlossen haben. Mit gleicher Logik hätten sie die USA, die jüngst völkerrechtswidrig Venezuela und den Iran überfallen haben, von künftigen Wettkämpfen ausschliessen müssen. Von militärischen Aggressionen in der Vergangenheit nicht zu reden.
Wenn politische Parteinahmen sich im Sport durchsetzen, würden die Fussballverbände auseinanderfallen. Dass die islamisch geprägten Länder und Gesellschaften mit einem stark verankerten konservativen Familienbild keine LGBTQ-Demonstrationen im Stadion wollen, ist offensichtlich. Deshalb hat politische Propaganda im Fussball nichts verloren. Weder One-Love-Armbinden noch Handzeichen für den Gross-Albanien-Adler noch ähnlicher Unfug.
Die Andeutung, dass die fast 44 Prozent der Wählenden, die im Bundesland Sachsen-Anhalt die AfD gewählt haben, die «Falschen» sind, ist eine Meinung, die Jürgen Klopp privat vertreten und äussern kann. Das ist sein gutes Recht. Als Trainer der Nationalmannschaft ist es eine Äusserung, die ihn in seiner Funktion disqualifiziert. Auch die Medien hätten ihm klarmachen müssen, dass der Schuss nach hinten losgeht. Denn wenn die neue Regel ist, dass Sport der politischen Mobilisierung dienen soll, dann darf bei der nächsten Gelegenheit eine Wettkampfschwimmerin oder eine 800-Meter-Läuferin auch ihre Sympathie für den AfD-Kandidaten Ulrich Siegmund kundtun.
Offensichtlich will Klopp «gegen rechts» mobil machen und merkt nicht, dass er riskiert, dass Gegenteil zu erreichen. Wer Sport unverhohlen zum Feld politischer Propaganda macht, der ist auf dem Rückweg in jene düsteren Zeiten, als «jeder Felgaufschwung ein Fahneneid» und körperliche Ertüchtigung «die Vorbereitung für den militärischen Befreiungskampf» (Turnvater Jahn) war.
Spaltung statt Versöhnung
1969 marschierten Truppen aus El Salvador nach Honduras und bombardierten die Hauptstadt Tegucigalpa. Auslöser war ein umstrittenes Fussballspiel bei der Weltmeisterschaft. Ich habe lange in Lateinamerika gearbeitet und erinnere mich an Zeiten, da jede preisgekrönte kubanische Hochleistungs-Kuh, die einen Liter Milch mehr gab als ihr Pendant in Texas, in der Parteizeitung Granma «den Imperialismus besiegt» hatte.
Wenn die Fussballequipe eines Landes herkömmlich als «Nationalmannschaft» bezeichnet wird, dann ist es schwierig, sie zu trennen von Gefühlen der Zusammengehörigkeit, der kollektiven Identität und von Nationalstolz, wie verpönt auch immer solche Emotionen bei Intellektuellen sind, die leicht die Schwelle zu Nationalismus und Nationalchauvinismus überschritten wähnen. In Deutschland war die Sache nach 1945 besonders problematisch, weil das deutsche Volk sich mit der falschen Interpretation der Hymne «Deutschland, Deutschland über alles» in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges hatte führen lassen. Sport wurde immer wieder für politische Propaganda missbraucht. Die Eiger-Nordwand-Besteigung war für Adolf Hitler eine PR-Story.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es immer wieder Versuche, die Politik aus dem Sport herauszuhalten. Der französische Fifa-Präsident Jules Rimet publizierte 1954 die Schrift «Le football et le rapprochement des peuples». Das Spiel sollte die Völker einander näherbringen. Es sollte der Friedfertigkeit und der Versöhnung dienen. Was der deutsche Bundestrainer mit seiner leichtfertigen Äusserung anrichtet, ist das Gegenteil. Er spaltet das schlimm gespaltene Deutschland in die Richtigen und die Falschen, die Guten und die Bösen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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