Unbenannt

Hat das «Ende der Lebensdauer erreicht» – steht jedenfalls im Kündigungsschreiben an die 144 Mieter: Hochhaus an der Abendstrasse 30 in Bern-Bümpliz. © Google Streetview

Vom «Ende der Lebensdauer»

Marco Diener /  Das angebliche «Ende der Lebensdauer» ist ein beliebtes Druckmittel. Zum Beispiel gegenüber dem Stimmvolk.

Wie lange lebt ein Mensch? Die Antwort ist einfach: Der eine lebt länger, der andere weniger lange.

Wie lange funktioniert ein Fernseher? Die Antwort ist ebenso einfach: Der eine funktioniert länger, der andere weniger lange.

Menschen und Fernseher haben eine Gemeinsamkeit: Man weiss im Voraus nicht, wie lange sie leben beziehungsweise funktionieren.

Doch offenbar fällt es uns zunehmend schwer, diese Ungewissheit auszuhalten. Deshalb hat wohl jemand die Floskel vom «Ende der Lebensdauer» erfunden. Und immer mehr Leute bedienen sich ihrer.

Wenn eine Baugenossenschaft in Bern-Bümpliz ihren Mietern kündigt, dann teilt sie im Kündigungsschreiben mit: «Nach 52 Jahren hat das Hochhaus das Ende der Lebensdauer erreicht.» Jegliche weitere Diskussion ist sinnlos.

Wenn das Sportzentrum in Grindelwald BE abgerissen werden soll, dann schreibt die «Berner Zeitung»: «Anlage erreicht bald Ende der Lebensdauer.» Da kann man nichts machen.

Und wenn die Gemeinde Steffisburg BE ihre Informatik-Infrastruktur auslagern will, dann konstatiert «Der Bund»: «Die Server der Gemeinde erreichen demnächst das Ende der Lebensdauer.» Damit ist alles klar.

Was das Problem mit dem Hochhaus war, steht nicht im Kündigungsschreiben. Warum das Sportzentrum abgerissen werden soll, ist in der Zeitung nicht zu lesen. Dabei wäre ja gerade das interessant.

Das angebliche «Ende der Lebensdauer» ist einfach praktisch. Es dient als willkommene Ausrede für umstrittene Massnahmen: Kündigungen, Abrisse, Neubauten, Auslagerungen, Anschaffungen.

Ob das «Ende der Lebensdauer» tatsächlich unmittelbar bevorsteht? Niemand weiss es.

Aber das Argument vom «Ende der Lebensdauer» eröffnet ganz neue Perspektiven. Wer könnte es einem Teenager verargen, wenn er seinen Eltern vorjammert? «Mein Smartphone hat das Ende seiner Lebensdauer erreicht.» Vielleicht bekäme er sogar ein neues.

Der junge Mann, der Schluss machen möchte, könnte zu seiner Freundin sagen: «Du, ich glaube unsere Beziehung hat das Ende ihrer Lebensdauer erreicht.» Das klänge dann so, als wäre es gottgegeben. Als könnte man nichts machen.

Und der Garagist, der das Lager voller Neuwagen hat, könnte seinem Kunden weismachen: «Ihr Auto hat das Ende seiner Lebensdauer erreicht.»

Natürlich gibt es Dinge, bei denen Weitsicht nötig ist. Brücken beispielsweise müssen saniert oder neu gebaut werden, bevor sie kollabieren. Aber ein Auto kann problemlos gefahren werden, bis es die Motorfahrzeugkontrolle nicht mehr besteht. Das ist erst noch umweltfreundlicher.

Newsletter Balken gold

Wie unsinnig die Floskel vom «Ende der Lebensdauer» ist, führte Oliver Hammel, Chef der Jungfraubahnen, dem Publikum des «Regionaljournals Bern, Freiburg, Wallis» von Radio SRF kürzlich vor Augen: «Die Überbauungsordnung, die heute auf dem Eigergletscher gilt, ist bereits 15 Jahre alt und ist somit am Ende der Lebensdauer angekommen.»

Als Zuhörer fragte man sich, was wohl passieren wird, wenn eine Überbauungsordnung das «Ende der Lebensdauer» erreicht.

Was Hammel eigentlich hätte sagen müssen: «Die gültige Überbauungsordnung passt uns nicht. So können wir die Station nicht vergrössern, und so können wir kein asiatisches Restaurant, keine Läden und kein Museum mit Erlebniswelt bauen.»

Aber das wäre dann fast zu viel Klartext gewesen.

Die Floskel vom «Ende der Lebensdauer» wird derart häufig und gedankenlos verwendet, dass es mittlerweile eine Abwandlung davon gibt. Bei der Abwandlung fehlt das Wort «Ende». Damit verliert die Floskel ihren Sinn endgültig.

Drei Beispiele: Die «Urner Zeitung» berichtete kürzlich über Leitungen, die «ihre Lebensdauer erreicht» hätten. Die «Neue Fricktaler Zeitung» konstatierte, der Kunstrasen des FC Frick habe «seine Lebensdauer erreicht». Und die «Aargauer Zeitung» wollte letzthin wissen, dass der Belag der Obermumpferstrasse in Schupfart AG «seine Lebensdauer erreicht» habe.

Das ist blanker Unsinn. Die «Lebensdauer» ist kein Zeitpunkt, sondern ein Zeitraum. Ein Zeitraum kann nicht erreicht werden.

Doch zurück zum «Ende der Lebensdauer». Auch die F/A-18-Kampfjets der Schweizer Armee haben angeblich eine «Lebensdauer». Sie beträgt 30 Jahre. An sich endet sie also für die ersten F/A-18 schon im nächsten Jahr.

Mit diesem Argument wurde seitens des Bundes vor der Abstimmung über die Kampfjet-Beschaffung viel Druck auf das Stimmvolk ausgeübt. Dieses stimmte im September 2020 mit 50,1 Prozent Ja-Stimmen hauchdünn zu.

Seither muss alles schnell, schnell gehen. Für vertiefte Abklärungen über den angeblichen Fixpreis für den F-35 reichte die Zeit nicht. Trotzdem wird es zu Lieferverzögerungen kommen.

Aber die Armee zeigt sich kreativ. Plötzlich ist die «Lebensdauer» der F/A-18-Kampfjets nicht mehr sakrosankt. Etwas verwundert stellte die «Basler Zeitung» deshalb vor drei Jahren fest: «Die Lebensdauer der heutigen F/A-18-Jets wurde verlängert.»

Ob sich die «Lebensdauer» eines Menschen oder eines Fernsehers auch verlängern lassen?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

dart quadrat

Präzise Sprache

Floskeln verschleiern, was Sache ist. Aber sie lassen sich vermeiden. Mit einfacher und präziser Sprache.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...