High Noon_8_Copyright-Courtesy of Park Circus-Paramount

Gary Cooper als Sheriff in «High Noon»: Sein Film galt als «unamerikanisches Machwerk». © Courtesy of Park Circus-Paramount

Wenn ein Western zur linken Gefahr wird

Catherine Duttweiler /  Das Filmfestival Locarno zeigte eine hoch aktuelle Retrospektive über «unamerkanische Umtriebe» in Hollywood. Sie geht auf Reise.

«High Noon» in Hollywood: Der frisch verheiratete Gary Cooper stellt sich als Sheriff Will Kane zur Mittagszeit dem Banditen Frank Miller und seinen drei Komplizen, die auf Rache am Sheriff und seiner Stadt sinnen. Doch vom Bürgermeister über den Richter und Pfarrer bis hin zur eigenen Hochzeitsgesellschaft flüchten alle lieber und lassen den Sheriff im Stich.

Der Film hat Kultcharakter und, typisch Hollywood, natürlich ein Happyend: Zusammen mit seiner Frau Amy, gespielt von Grace Kelly, der späteren Fürstin von Monaco, bringt Cooper alias Kane die vier Banditen trickreich zur Strecke. 

Wer den Klassiker, der 1952 vier Oscars gewann, heute anschaut, dürfte ihn als zeitloses Meisterwerk über Zivilcourage interpretieren. Doch damals, in der McCarthy-Ära zum Anfang des Kalten Krieges, in einer Zeit, die von Antikommunismus, Verschwörungstheorien und Verfolgung politisch Andersdenkender geprägt war, galt der Film als unamerikanisches Machwerk. 

Hetzjagd wegen «unamerikanischer Umtriebe»

Bereits während der Produktion war Drehbuchautor Carl Foreman vom «Ausschuss für unamerikanische Umtriebe» (House Un-American Activities Committee, HUAC) vorgeladen worden. Weil er die Aussage teilweise verweigerte, wurde er zusammen mit 150 weiteren Personen auf eine Schwarze Liste gesetzt und musste das Land verlassen – so wie damals Dutzende Kulturschaffende, Gewerkschafter sowie vermeintliche und tatsächliche Mitglieder der Kommunistischen Partei. Einzelne Drehbuchautoren schafften es, unter Pseudonym weiter zu arbeiten, andere wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. 

Just diesem angeblich unamerikanischen Filmschaffen widmete das Filmfestival von Locarno soeben eine sehenswerte Retrospektive unter dem Titel «Red & Black – Hollywoods Linke und die Schwarze Liste», die in den Schweizer Medien kaum thematisiert wurde. «Kaum je hat eine Retrospektive in Locarno die Brisanz der aktuellen politischen Lage so deutlich eingefangen wie diese», schrieb der iranische Filmemacher Ehsan Khoshbakht, der die Reihe kuratierte, im Programmheft. Die Liste sei «heute leider von besonders grosser Aktualität», sagte auch Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider mit Blick auf den Trumpismus in ihrer Eröffnungsrede. Sie lobte das Festival dafür, dass es sich nie für den bequemen Weg entschieden habe oder einfach einer simplen Marktlogik gefolgt sei, sondern «mutig den unabhängigen, freien Stimmen eine Plattform geboten» habe.

So kamen in Locarno 50 sorgfältig restaurierte Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme aus jener düsteren Zeit zur Aufführung. Dazu zählen klassische Western wie «High Noon», die sich traditionell gegen das Establishment richten, aber auch kapitalismuskritische Werke wie «Thieves Highway» oder «Tender Comrade» sowie der Film «Caged» über Missstände in einem Frauengefängnis; ergänzt wurde die Sammlung durch aufschlussreiche Ausschnitte aus der «Wochenschau» und Dokumentarfilme wie «Hollywood on Trial» mit John Huston oder «La Liste noire d’Hollywood par ceux qui l’ont vécu». 

Buch, Podcast und Filmaufführungen im In- und Ausland

Wer die Retrospektive verpasst hat, kann die umfassende Neuerscheinung «Red & Black» von Kurator Ehsan Khoshbakht lesen (Les Éditions de l’Œil). Er bedauerte darin «die Verschwendung von Talenten, Ideen und Engagement» sowie die «öffentliche Hysterie in Hollywood», welche für einzelne Berufsleute das «Karriereende bis in den Tod» bedeutete. In seinem 288 Seiten dicken Buch wird neben anderen Dokumenten auch ein sechsseitiges, absurd geschwätziges «Faktenblatt über die kommunistischen Verbindungen und Aktivitäten von Charlie Chaplin» abgedruckt, in dem sein Privatleben im Stil der Fichen der Schweizer Bundesanwaltschaft seziert wird: Demnach sollen Chaplins sozialistische Theorien nach Angaben der Ex-Frau die Ehe zerstört haben. Schliesslich kann man sich auch in Khoshbakhts sehcsteiligen Podcast mit O-Tönen aus den HUAC-Anhörungen vertiefen. Ein Teil der Filme wird im Herbst in der Cinémathèque suisse, in weiteren Instituten im Ausland und in ausgewählten Kinos wie dem Filmpodium in Zürich und dem Rex in Bern gezeigt – ein schöner Kontrast zu den heutigen glatt gebügelten und digitalen Hollywoodwerken. 

Insgesamt lassen die verschiedenen Elemente der Retrospektive also ein irritierendes Sittenbild einer fanatisierten Zeit entstehen, in welcher das von US-Präsident Franklin D. Roosevelt initiierte Reformprogramm «New Deal» mit seinen Wirtschafts- und Sozialreformen nachträglich in die Nähe des Kommunismus gerückt und US-Demokraten pauschal als «rote Faschisten» gebrandmarkt wurden. Zu den prominenten Opfern zählten damals die deutschen Schriftsteller Thomas Mann und Bertold Brecht sowie der in den USA lebende britische Staatsbürger Charlie Chaplin, dem die Wiedereinreise verweigert wurde, worauf er sich im Januar 1953 in der Schweiz niederliess. 

Die von Angst und Misstrauen geprägte Stimmung in Hollywood entspannte sich erst gegen Ende der 50er Jahre, als mutige Produzenten begannen, die schwarze Liste zu ignorieren. Immer mehr Stars wie Humphrey Bogart und John Huston leisteten offenen Widerstand. 1956 sprach der schon damals bekannte Schriftsteller Arthur Miller öffentlich von einer Hexenjagd und weigerte sich wie andere, dem Ausschuss die Namen von angeblichen Kommunisten aus der Kulturszene zu nennen. Seine Vernehmung erregte besonders viel Aufsehen, weil Miller zusammen mit seiner Gattin Marilyn Monroe auftrat. Die populäre Schauspielerin selber wurde zwar nicht persönlich befragt, aber von Studiochefs wiederholt  dazu gedrängt, Miller zu verlassen. Der Schriftsteller wurde verurteilt, verlor seinen Pass sowie mehrere Aufträge. Er ging in Berufung und wurde zwei Jahre später freigesprochen – ein Wendepunkt. Erst 1975 wurde der Ausschuss für unamerikanische Umtriebe schliesslich aufgelöst. 

Den berühmten Western «High Noon» von Fred Zinneman sollte man übrigens in Kenntnis der Umstände durchaus symbolisch lesen: Die feige Reaktion der Stadtbewohner, die ihren Sheriff alleine lassen und aus der Stadt flüchten, steht für die damalige Reaktion vieler Schauspieler, Autoren und Regisseure, welche vom Ausschuss in Hollywood vorgeladen wurden und im Bemühen, ihre Karriere zu retten, die eigenen Kollegen oft im Stich liessen oder gar denunzierten. Bekanntestes Beispiel für bereitwillige Kollaboration war der Schauspieler und spätere US-Präsident Ronald Reagan. 

Locarno im Wandel? Bisher nur geringfügige Anpassungen

Als Maja Hoffmann 2024 das Präsidium von Marco Solari übernahm, der das Festival 23 Jahre lang geleitet hatte, war die Aufregung gross. Sie kündigte markante Änderungen an: Das Festival sollte auf ihren Wunsch vom August in den Juli oder in den Herbst verschoben werden. Hoffmann kündigte eine neue Strategie an. Und den Sponsoren wurde physisch und akustisch mehr Platz eingeräumt. Dies sorgte für Kritik (Infosperber berichtete darüber).

Zwei Jahre später hat sich die Lage beruhigt: Das Festival arbeitet noch immer an seiner neuen Strategie, und Direktor Raphaël Brunschwig erklärte am Rande einer Filmmatinée gut gelaunt: «Es läuft doch gut, warum sollen wir an unserer Strategie viel ändern?» Tatsächlich wurden in den Sektionen «Semaine de la Critique», «Panorama Suisse» und auch «Fuori Concorso» wieder fast durchwegs hervorragende Filme projiziert, derweil die Wettbewerbsfilme, durchwegs Premieren, wiederum kunterbunt waren. Während der hitzigen Tage konnten in den gekühlten Kinosälen vier Prozent mehr Besucher gezählt werden, und die Profimesse erzielte einen neuen Teilnehmerrekord.

Für Kritik sorgten dieses Jahr die immer weniger aussagekräftigen Filmbeschreibungen auf wenigen Zeilen in Programmheft und App. So verliessen Dutzende Zuschauerinnen die Weltpremiere von «Sundown». Sie hatten aufgrund der Beschreibung einen generationenübergreifenden Frauenfilm erwartet und fanden sich stattdessen in einem blutrünstigen Splatterfilm vor – ein Genre, das der künstlerische Direktor Giona A. Nazzaro ganz besonders pflegt.

Verbesserungen gab es primär bei Logistik und Organisation. So wurde der Zugang besser geregelt, Plätze in den Kinos müssen neu auch von Inhabern von Dauerkarten reserviert werden, damit es keine Überbuchungen gibt. Bei besonders beliebten Filmen wurden noch mehr Sondervorführungen organisiert. Sinnvoll auch die Einführung eines Nebeneingangs für die geladenen Gäste der Sponsoren. Bisher konnten diese neben Schauspielerstars und Regisseuren über den offiziellen roten Teppich die Piazza betreten und sich auf Wunsch gross in Szene setzen. Neu gibt es getrennte Zugänge. 

Ungelöst bleibt, dass am zweiten Schauplatz – dem Autobahnkreisel Rotonda – jeweils zeitgleich mit dem Piazzafilm lautstarke Konzerte lanciert wurden. VIPs und Medienleute, die im «roten Sektor» ganz vorne sitzen, werden dadurch nicht belästigt. Auf den hinteren Plätzen aber war man an einzelnen Abenden dem mittelmässigen Sound von Coverbands ausgeliefert, welche die Filmmusik übertönten. Ob sich damit die Sponsorin Mobiliar einen Gefallen tut?

Schliesslich sorgte Präsidentin Maja Hoffmann weiterhin für gemischte Reaktionen: Einige schätzten die von ihr geförderte kunstvolle Gestaltung von Katalog und Programm und lobten, dass ihre Reden kürzer und pointierter geworden seien. Andere störten sich daran, dass sie auf dem Porträtfoto im Programmheft ungeniert ihre drei grossen Diamantringe im Vordergrund präsentierte. 

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