Matthias Egger gab Corona-Übersterblichkeit doppelt so hoch an
Die Studie im «European Journal of Public Health» wurde Anfang 2024 veröffentlicht. Ende 2024 ging sie gross durch die Medien, die wesentliche Punkte übersahen (Infosperber berichtete). Eigentlich müsste man nicht noch einmal darauf zurückkommen – wäre da nicht ein Detail, das ein Licht auf den Wissenschaftsbetrieb wirft.
Für diese Studie hatte der frühere Leiter der Corona-Taskforce, Professor Matthias Egger, zusammen mit drei Kollegen berechnet, wo in der Schweiz 2020 mehr Menschen starben als zu erwarten gewesen wäre. Einer dieser Autoren war Julien Riou, Arzt und Wissenschaftler am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.
Die vier Wissenschaftler kamen zum Schluss, dass in der Schweiz im ersten Corona-Jahr 2020 bei den ab 40-Jährigen etwa 19’100 Personen mehr starben, als zu erwarten gewesen wären – eine hohe Übersterblichkeit.
Eingetreten waren 74’776 Todesfälle, erwartet hatten die Wissenschaftler 55’676.
Sich selbst widersprochen
Die Differenz von 19’100 war ungewöhnlich hoch und überraschte. Denn Egger und zwei der drei Kollegen hatten zwei Jahre vorher eine wissenschaftliche Publikation bei «Nature Communications» veröffentlicht. Dort schätzten sie für das Jahr 2020 bei den ab 40-Jährigen die Übersterblichkeit auf rund 10’100 Todesfälle – 9000 weniger.
Kurz danach, ebenfalls 2022, erschien eine Studie in den «Annals of Internal Medicine», an der Riou mitgewirkt hatte. Diese Studie kam im Jahr 2020 auf eine Übersterblichkeit von circa 8400 Todesfällen – 10’700 weniger.
Im Januar 2023 veröffentlichten Egger, Riou und ein dritter beteiligter Kollege bei «Nature Communications» eine weitere Studie. Dort errechneten sie für die Schweiz über die ganze Pandemie (bis 3. April 2022) eine Übersterblichkeit von circa 13’800 Todesfällen.
Im Text wiesen sie Anfang 2023 in «Nature Communications» zudem auf Studien anderer Autoren hin, welche die zusätzlichen Todesfälle für verschiedene Zwei-Jahres-Zeiträume auf etwa 8200 bis 15’000 geschätzt hatten. Stutzig wurden die Wissenschaftler auch nicht, als das Bundesamt für Statistik auf eine Übersterblichkeit von 7754 Todesfällen für das Jahr 2020 kam.
Leserkritik: «Absurd»
Die Berechnung der Übersterblichkeit hängt davon ab, mit wie vielen Todesfällen man ohne die Pandemie rechnete. Wenn der Erwartungswert zu tief angesetzt wird, fällt die Übersterblichkeit höher aus. Egger und seine Co-Wissenschaftler gingen im Jahr 2020 von zu erwartenden 55’676 Todesfällen aus.
Diese Zahl sei «absurd», kritisierte ein Leser Anfang 2025 online. Solche Erwartungswerte hätten zuletzt in den 1970er Jahren gegolten, als rund sechs Millionen Menschen in der Schweiz lebten und nicht fast neun Millionen wie 2020. «Die Autoren werden gebeten, ihre Berechnungen mit realitätsnahen Zahlen zu wiederholen und eine auf den neuen Ergebnissen basierende, überarbeitete Interpretation vorzulegen», forderte der Leser.
10 Monate mit 12 Monaten verglichen
Die vier Wissenschaftler hatten einen Fehler gemacht: Sie schätzten die Anzahl der zu erwartenden Todesfälle vom 24. Februar 2020 – als in der Schweiz der erste Covid-Fall gemeldet wurde – bis zum Jahresende. Dann subtrahierten sie diese Zahl von der Anzahl aller beobachteten Todesfälle vom 1. Januar 2020 bis zum Jahresende. Eine solche Rechnung muss schief herauskommen, denn der Zeitraum war unterschiedlich: Im einen Fall rund zehn Monate, im anderen 12 Monate.
Offensichtlich fiel dieser Fehler aber zunächst weder den Autoren auf – Egger war zum damaligen Zeitpunkt Leiter des Schweizerischen Nationalfonds –, noch den Fachleuten, welche die Arbeit vor der Veröffentlichung begutachteten, noch der Redaktion des «European Journal of Public Health», wo sie erschien. Diese Zeitschrift ist das offizielle Publikationsorgan der Europäischen Public Health Vereinigung.
Doch selbst als die Autoren im Januar 2025 durch einen Infosperber-Leser auf den Fehler aufmerksam gemacht wurden, geschah erst einmal nichts. Gesponsert wurde die Studie durch den Schweizerischen Nationalfonds, das Bundesamt für Gesundheit, den britischen Medical Research Council und das Imperial College in London.
Nach über einem Jahr kommt Bewegung in die Sache
Schliesslich kontaktierte Infosperber vor einigen Monaten die Redaktion des «European Journal of Public Health». Der Chefredaktor teilte mit, er habe die Leitung erst kürzlich übernommen. Er könne «nicht ausschliessen, dass es zuvor Kommunikation mit Personen oder Stellen gab». «Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand sind uns keine Korrekturen […] im Zusammenhang mit diesem Artikel bekannt. Sollten die Autoren eine Korrektur für erforderlich halten, sollten sie sich auf offiziellem Wege über die entsprechenden redaktionellen Kanäle an die Zeitschrift wenden», damit der Sachverhalt geprüft werden könne.
Das aber hatten die Autoren nach eigenen Angaben schon über ein Jahr lang versucht. Auf Anfrage von Infosperber schickt die Universität Bern ein PDF mit zehn E-Mails, die Julien Riou an das Journal geschickt habe. Er bedaure den Fehler und bitte um Korrektur, die anderen Aussagen in der Studie seien weiterhin gültig, informierte er die Redaktion des «European Journal of Public Health» im April 2025. Dem PDF zufolge fragte Riou per E-Mail immer wieder nach, drängte und drohte zwischendurch sogar mit rechtlichen Schritten oder damit, sich an die Presse zu wenden. Dies haben die Autoren jedoch nicht gemacht.
Am 22. Juli 2026 – zweieinhalb Jahre nach der Publikation – hat die Fachzeitschrift den Fehler nun korrigiert auf eine Übersterblichkeit von 9575 Todesfällen, also etwa halb so hoch wie zuvor.
Fehler werden häufig weiterhin zitiert
Nur schon einen offensichtlichen Fehler wie diesen zu berichtigen, brauchte also zehn Anläufe seitens eines Wissenschaftlers, eine Medienanfrage und über ein Jahr Geduld. Bei groben Fehlern, die sogar zum Rückzug einer Studie führen, vergehen oft Jahre – Jahre, in denen diese fehlerhafte Arbeit von anderen Wissenschaftlern wieder zitiert und als Beleg herangezogen wird. Der Fehler pflanzt sich quasi fort.
Die Studie von Matthias Egger und Julien Riou wurde bisher erst zweimal in anderen wissenschaftlichen Arbeiten zitiert und ihr Rechenfehler verbreitete sich immerhin nicht.
Bei anderen Studien aber werden Fehler sogar noch weitergetragen. Das ist dann der Fall, wenn eine fehlerhafte Studie in eine Übersichtsarbeit einfliesst und deren Ergebnis beeinflusst (Meta-Analysen oder Reviews). Oder wenn sie als Basis für eine medizinische Leitlinie dient, nach der Patienten behandelt werden.
Selbst wenn grob fehlerhafte Studien irgendwann zurückgezogen werden, zitieren andere Wissenschaftler sie teilweise immer noch. Nur eine Minderheit von betroffenen Übersichtsarbeiten und Leitlinien wird anschliessend berichtigt. Das Nachsehen haben diejenigen, die sich darauf verlassen, dass sich die Wissenschaft – angeblich – selbst korrigiert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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