Impfen ist der Gates-Stiftung wichtiger als genügend Wasser
Die Bill und Melinda Gates Stiftung unterstützte die Weltgesundheitsorganisation WHO zwischen 2010 und 2023 mit über 5,5 Milliarden Dollar. Das sind 9,5 Prozent des gesamten Budgets dieser UNO-Organisation. Eine Studie von Jonathan Kennedy und Riddhi Thakrar von der Queen-Mary-Universität London hat dieses Sponsoring unter die Lupe genommen und kommt zum Schluss, dass die Stiftung die Gesundheitspolitik der WHO entscheidend prägt und beeinflusst.
Von staatlichen Beiträgen zu privatem Sponsoring
Zu Beginn der 1970er Jahre machten die ordentlichen Beiträge der Mitgliedstaaten noch drei Viertel des Gesamtbudgets der WHO aus. Nur ein Viertel bestand aus ausserordentlichen Beiträgen der Mitglieder und nicht-staatlichen Organisationen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass jeder der inzwischen über 170 Mitgliedsstaaten im Gegensatz zum UNO-Sicherheitsrat, der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds bei der Festlegung der Policy der WHO eine einzige Stimme hat. Dies führte anfänglich dazu, dass Staaten aus dem globalen Süden ein verhältnismässig grosses Gewicht hatten, wenn es darum ging, die Gesundheitspolitik der WHO zu bestimmen.
Dieses Gleichgewicht begann sich aber bald zu verschieben. Schon anfangs der 1990er Jahre begannen die «freiwilligen» Beiträge von Staaten und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) jene der ordentlichen Beiträge zu übersteigen. Heute machen die ordentlichen Beiträge der Mitgliedstaaten nur noch einen Zehntel des Gesamtbudgets der WHO aus. Mit dem Austritt der USA als grösster einzelner Geldgeber wird sich das Ungleichgewicht noch weiter verschärfen.
Während die Mitgliedstaaten ihre ordentlichen Beiträge an keinerlei Bedingungen knüpfen dürfen, tun dies «freiwillige» Beiträge seitens Staaten oder Privaten in den meisten Fällen jedoch sehr wohl. Das heisst, wie die Studienautoren schreiben, diese Beiträge sind «earmarked», also mit einem klaren Auftrag verbunden, wofür die Gelder eingesetzt werden sollen. Und dies gilt insbesondere für die Beiträge der Bill und Melinda Gates Stiftung (BMGS), bisher hinter den USA und vor Deutschland bzw. Grossbritannien der grösste einzelne Geldgeber der WHO.

Die Bill und Melinda Gates Stiftung setzt auf die Ausrottung der Kinderlähmung
In den von den Studienautoren erforschten 14 Jahren (2010 bis 2023) leistete die BMGS insgesamt 640 Zuschüsse (grants) im Umfang von 5,5 Milliarden Dollar, was 6,4 Prozent der in diesem Zeitraum von der Stiftung geleisteten Unterstützung ausmacht. Die WHO ist der grösste einzelne Empfänger der BMGS (die seit Januar 2025 nur noch Gates Stiftung heisst).
Während die WHO darauf setzt, Gesundheitssysteme zu stärken und einen ganzheitlichen Ansatz im Gesundheitswesen favorisiert, fokussiert die BMGS auf «technische» Lösungen, und bei diesen vor allem auf Impfungen.
4,5 Milliarden Dollar, also 82,6 Prozent des gesamten Sponsorings der BMGS, waren für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten bestimmt, davon 3,2 Milliarden Dollar (58,9 Prozent) für die Ausrottung der Kinderlähmung. Dies ist umso erstaunlicher, als es im Gründungsjahr der BMGS im Jahr 2000 weltweit nur gerade 719 Fälle von Kinderlähmung gab, 2023 gar nur noch 17 (in Afghanistan und Pakistan). Diese Infektionskrankheit wird durch (fäkalien-)verunreinigtes Trinkwasser oder Schmierinfektionen übertragen. Zum Vergleich: Für sauberes Wasser und sanitäre Anlagen stellte die Gates-Stiftung von 2000 bis 2024 jedoch nur 11,8 Millionen Dollar zur Verfügung (0,2 Prozent ihrer Zuschüsse an die WHO).

Alle Zuschüsse an die WHO ausgewertet
Die in «BMJ Global Health» letztes Jahr veröffentlichte Studie basiert auf einer Auswertung aller zwischen 2010 und 2023 von der BMGS an die WHO vergebenen Gelder in insgesamt 640 Zuschüssen. Dabei diente die offizielle Webseite der Stiftung als Datenbasis, weil bei der WHO die Spenden nicht nach ihrem Ziel aufgelistet sind.
Impfprogramme standen mit 53,3 Prozent aller Zuschüsse von BMGS an oberster Stelle, gefolgt von anderen Programmen, technischer Unterstützung, Forschung und Monitoring. Wenn man auch die indirekte Unterstützung der Impfprogramme einbezieht, machen diese gar über 61 Prozent der Aufwendungen der Stiftung aus. Dagegen wurden nur gerade 1,4 Prozent für die allgemeine Unterstützung der Organisation (WHO) aufgewendet.
Bezüglich Krankheitsthemen steht wie erwähnt die Bekämpfung der Kinderlähmung durch Impfkampagnen mit 58,9 Prozent an erster Stelle, gefolgt von der Unterstützung von Mutter und Kind, Malaria und Erkrankungen der Atemwege, die allerdings je nur 4 bis 8 Prozent des Gesamtaufwands ausmachen. Für «allgemeine Gesundheit» standen 251 Millionen Dollar zur Verfügung, also etwa 4 Prozent des gesamten Sponsorings der BMGS an die WHO.

«Philanthrokapitalismus»
Bei ihrer Analyse sprechen die beiden Studienautoren Jonathan Kennedy und Riddhi Thakrar von einem «Philanthrokapitalismus». Damit meinen sie jene Art von «gemeinnütziger» Philanthropie, die einen sozialen und finanziellen Rückfluss der gemachten «Investitionen» erwartet. Durch die zunehmende Ungleichheit zwischen den ordentlichen Beiträgen der Mitgliedstaaten, die nicht an Bedingungen geknüpft sind, und den ausserordentlichen Zuschüssen wiegen Beeinflussung und Bestimmung der weltweiten Gesundheitspolitik durch Private immer schwerer.
Im Fall der Gates Stiftung bedeutet dies, wie die Studie gezeigt hat, dass technische und kurzfristige Programme, die dem Geldgeber messbare Resultate liefern, im Vordergrund stehen, während das Geld für strukturelle und langfristige Gesundheitsprogramme fehlt. Präventionsprogramme und Verbesserung der Rahmenbedingungen für eine gute Gesundheit (Wasser, Abwasser, Nahrung) sind chronisch unterfinanziert.
Dies wäre möglicherweise nicht weiter schlimm, wenn die ordentlichen Mitgliederbeiträge nicht so gering wären wie heute (nur 10 Prozent des Gesamtbudgets) und mit dem Rückzug der USA noch weiter schrumpfen werden.
Deshalb ziehen die Autoren in ihren Schlussfolgerungen zwar das Fazit, dass eine private Organisation wie die Gates Stiftung der WHO und ihrer Ausrichtung einen gewichtigen Stempel aufdrückt, es aber an den Mitgliedstaaten läge, den Einfluss von privaten Geldgebern einzudämmen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...