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Die «Winterthurer AZ», Ausgabe vom 10. November 1988, fünfzig Jahre nach der Reichskristallnacht: zwei Hakenkreuze auf der Frontseite und die Schlagzeile «Sie sind wieder da». © Stadtarchiv Winterthur

Der Neonazi, der eigentlich Journalist war

Daniel Ryser /  Ein Mann schleicht sich in die rechtsextreme Szene ein. Was er dort beobachtet, bringt die «Nationale Aktion» ins Wanken.

Kapitel 1 aus unserer wöchentlichen Serie «Sommer, Sonne, Remigration» erzählt in drei Teilen den Bombenanschlag von 1990 auf einen Winterthurer Journalisten. Lesen Sie heute Teil 2: «Der Neonazi, der eigentlich Journalist war». Teil 1 «Galt die Bombe auch der WoZ» lesen Sie hier. Teil 3 folgt nächsten Freitag. Die Namen damaliger Akteure wurden aus Persönlichkeitsschutzgründen geändert. Alle übrigen Fakten und Zitate sind den Originalquellen entnommen.

Im Oktober 1988, zwei Jahre bevor er beim Handgranatenanschlag in Winterthur Schmiere stehen sollte, nahm Erich Winkler an einer Sitzung der Nationalen Koordination teil, einem losen Zusammenschluss neonazistischer Gruppen aus der Deutschschweiz, darunter die Patriotische Front aus der Innerschweiz. Das Treffen am 15. Oktober 1988 fand in Fribourg statt. Es war ein konspiratives Treffen. Aber einer der Teilnehmer war ein verdeckter Journalist der «Winterthurer AZ», der sich als Sympathisant Zugang verschafft hatte.

Der erste Artikel von Kaspar und Markus Koch, zwei Redaktoren der Zeitung, über die Umtriebe der Rechtsextremen in Schaffhausen und in Winterthur, erschien am 10. November 1988, dem 50. Jahrestag der Reichskristallnacht. Die Titelseite der «Winterthurer AZ» zeigte zwei Hakenkreuze. Die Überschrift lautete: «Sie sind wieder da.»

Flinten und Nazi-Literatur

Es war ein faszinierendes, waghalsiges journalistisches Werk. Und zwar nicht allein, weil Markus Koch sich ein halbes Jahr in eine Szene eingeschlichen hatte, die zu dieser Zeit mit nächtlichen Aufmärschen, Drohungen und Schlägereien eine Atmosphäre der Angst verbreitete, sondern auch wegen der schonungslosen literarischen Sprache, die Koch verwendete. Was er mitbrachte von den Kameradschaftsabenden unter Leuten, die ihn für einen Mitkämpfer hielten, war ein Sittenbild aus der rechten Randzone.

«Der heimelige Saal des Restaurants Jägerstübli an der Theaterstrasse in Winterthur wird für die monatlichen Kameradschaftsabende jeweils mit einer Schweizerfahne geschmückt, und zum Auftakt ertönt aus einem halben, manchmal ganzen Dutzend Kehlen mehrstimmig falsch und verlegen die alte Schweizerhymne. Lehrlinge zwischen 15 und 20 sind es, die meist kurzhaarigen Burschen, die sich dort um ihren Präsidenten, den 18-jährigen KV-Absolventen Sepp Müller scharen. Reine Männergesellschaft, aber nicht aus Prinzip. Müller, Sohn eines Winterthurer Rechtsanwalts, Mitglied der internationalen und rechtsradikalen Sportgruppe ‹Wiking-Jugend›, Jugendvertreter im Vorstand der ‹Nationalen Koordination›, dem Dachverband aller ‹Nationalen Kräfte der Schweiz›, ehedem NA-Mitglied und seit langem stadtbekannter Neo-Nazi, ist der Kopf der JNW, und von ihm, der zuhause ein halbes Dutzend Flinten an den Wänden hängen oder in Schränken stehen und im Gestell gestapelt NS-Literatur liegen hat, werden die Kameradschaftsabende jeweils getragen.»

«NSDAP-AO, Box 6414, Lincoln, NE 68506 USA»

Der Artikel von Markus und Kaspar Koch erschien in einer Zeit, in der Rechtsextreme die Strassen von Winterthur und Schaffhausen terrorisierten. Die Chronologie rechtsextremer Gewalt jener Jahre füllt hunderte Aktenordner. Im Buch «Schweiz wir kommen» von Jürg Frischknecht füllt sie 42 Seiten, gefolgt vom Kapitel «Auf dem rechten Auge blind», in dem der Journalist den Behörden eine «verharmlosende und abwimmelnde Haltung» gegenüber Rechtsextremismus vorwarf.

Frischknecht schrieb über jene Zeit in Schaffhausen: «In einer akribischen Chronologie des ‹Schaffhauser Gassenterrors› rief Markus Plüss (…) der vergesslichen Polizei anhand 85 konkreter Fälle in Erinnerung, was seit 1985 in der Munotstadt Realität war: ‹Gruppen von Skins und Neonazis reagieren ihre Aggressionen vorwiegend an Wehrlosen ab – in bester faschistischer Tradition. Mit Messern, Baseballschlägern, Ketten und Fäusten traktieren sie beinahe wöchentlich Punks, Farbige, Ausländer, Flüchtlinge, Linke, Langhaarige›.» Aktionen mit der Spraydose, anonyme Briefe, Morddrohungen, Telefonterror, Sachbeschädigungen, Nötigungen und Körperverletzungen seien seit Jahren zur Regel geworden. Plüss habe nachgewiesen, «dass dieser Terror zu einem grossen Teil auf das Konto einer Szene ging, die sich sehr wohl politisch verstand».

Die Szene, schrieben Koch und Koch in ihrem Artikel, sei seit Jahren in den Strassen Winterthurs und Schaffhausens präsent, wo Männer mit Hakenkreuzen, mit Naziparolen und mit rassistischen Klebern durch die Gassen zögen, wo sie ihre Spuren hinterliessen in Form von Schmierereien, Flugblättern, mit Material, das aus Deutschland kam, aus Österreich, aus den Vereinigten Staaten, wobei auf einem der Flugblätter, das Koch in seinem Artikel abdruckte, zu lesen war: «AUSLÄNDER RAUS! NSDAP-AO, Box 6414, Lincoln, NE 68506 USA.»

Angriffe auf Tamilen. Ein Fackellauf. Die Behörden sprachen von Einzelgängertum, von einem Randphänomen, von nichts, worüber man sich ernsthaft Gedanken machen müsste, während die JNW, kurz für Jungnationale Winterthurer, längst formiert waren, längst vernetzt, und eine gesamtschweizerische Sammelorganisation anstrebten. An ihrer Spitze der Sohn des Winterthurer Rechtsanwalts, achtzehn Jahre alt, KV-Absolvent, der an den Kameradschaftsabenden von internationalen Kontakten sprach, von Publikations- und Propagandamaterial, das aus der ganzen deutschsprachigen Welt zufliesse.

Aus dem Artikel in der «Winterthurer AZ»: «Aber am geilsten sind halt doch gehabte und vorgehabte Schlägereien mit den Linken, das Sprayen und Kleben im nächtlichen Stosstrupp. Ziele solcher Action sind meist das Restaurant Widder an der Metzggasse, die Szenebeiz, Treffpunkt der Linken, Alternativen und übrigen Asozialen, und das Jugendhaus an der Steinberggasse, das der JNW als zentraler Winterthurer Drogenumschlagplatz gilt. Immer wieder werden die beiden Lokalitäten mit Hakenkreuzen und ‹Rotfront verrecke› verunstaltet. Häufig wird an den Kameradschaftsabenden auch der Wunsch geäussert, dort für Ordnung zu sorgen, kurz, einmal richtig aufzuräumen. Vom Outfit her unverdächtige JNW-Mitglieder werden auch aufgefordert, sich in der subversiven Szene umzusehen und Informationen zu sammeln. Für die Nacht der Langen Messer?»

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«Heil dir Helvetia», umrahmt von zwei Hakenkreuzen, darunter das Ergebnis der Undercover-Recherche – ein waghalsiges Stück Schweizer Journalismusgeschichte: «Winterthurer AZ», 10. November 1988.

«Gründung einer neuen Partei»

Die Reaktionen nach dem Artikel von Markus und Kaspar Koch waren heftig. «Schrecken, Entrüstung, Zorn – jetzt erst recht», titelte die «Winterthurer AZ». Alle politischen Kräfte, die SP, die SVP, die CVP, die Winterthurer Opposition, sprachen in seltener Einigkeit ihre Verurteilung aus und verlangten Massnahmen.

Die Jungnationalen Winterthurer hatten derweil für den 12. November einen «Nationalen Kongress» im Restaurant Walfisch geplant, mitten in Winterthur, wo sie eine neue gesamtschweizerische Partei gründen wollten, dazu einen Fackellauf, den die Stadtpolizei bereits bewilligt hatte. Nach der Publikation stufte der Stadtrat ihre Aktivitäten als «stadtrats-feindliche Aktivität faschistischer und rassistischer Natur» ein und entzog sämtliche erteilten Bewilligungen.

Gleichzeitig verbot der Stadtrat aber auch die Gegenkundgebung gegen den «Nationalen Kongress», die ursprünglich in der Steinberggasse geplant war, direkt vor dem Jugendhaus, das die Jungnationalen mit Hakenkreuzen beschmiert hatten. Die Lage sei zu gefährlich, teilte der Stadtrat mit. Die Opposition lief Sturm. Man einigte sich auf einen Kompromiss an anderer Adresse, wo schliesslich am 13. November 1988 tausend Menschen zusammenkamen, um gegen die Rechtsextremen zu demonstrieren.

Der Journalist Markus Koch hielt eine Rede: «Die Jungnationalen Winterthurer haben sich mit anderen gleichgesinnten Gruppen zusammengeschlossen und arbeiten auf eine gesamtschweizerische Sammelorganisation hin. Als Nächstes streben sie die Gründung einer neuen Partei an.»

Einen Tag später erschien in der «AZ» ein Kommentar von Kaspar Koch und Markus Koch unter dem Titel «Nichts als ein Pyrrhus-Sieg?». Sie zeigten sich ernüchtert darüber, dass fünfzig Jahre nach der Reichskristallnacht Winterthur erneut im Zeichen rechtsextremer Aktivitäten stehe und zugleich die öffentliche Aufmerksamkeit bereits wieder nachzulassen scheine: «Handelt es sich tatsächlich um einen Sieg oder lediglich um einen kurzfristigen Aufschub eines ungelösten Problems?»

Der Anfang vom Ende der «Nationalen Aktion»

Fünfzehn Tage nach dem ersten Artikel, am 25. November 1988, publizierte Jürg Frischknecht in der «Winterthurer AZ» und gleichzeitig in der «WoZ» einen Text mit dem Titel «Die Entnazifizierung fand nicht statt», wobei er sich auf Kochs Recherchen stützte, auf jenes Material, das Koch während seiner verdeckten Einsätze gesammelt hatte, vor allem auf das Treffen der «Nationalen Koordination» in Freiburg vom 15. Oktober 1988, an dem auch Erich Winkler teilgenommen hatte und zu dem der JNW-Gruppenleiter Sepp Müller verhindert war, weshalb er ausgerechnet Koch, den Undercover-Journalisten, als seinen Stellvertreter schickte, und der Stellvertreter, der in Wirklichkeit Journalist war, schrieb alles auf.

Was Frischknecht mit Kochs Material publizierte, war politisch brisant. Die Enthüllung veränderte das Bild der «Nationalen Aktion», einer Partei, die nach aussen hin, in Interviews und Pressemitteilungen, in öffentlichen Auftritten, jahrelang jede Verbindung zu Neonazis bestritten hatte. Hinter verschlossenen Türen aber traf sie sich, wie Frischknecht nun darlegte, mit genau diesen Kreisen in der «Nationalen Koordination», einer Schattenorganisation, die laut Frischknecht über 730 Adressen im Land verfügte und offenbar nicht nur das Blatt «Nationale Front» publizierte, sondern auch Schweizer und deutsche Neonazis koordinierte.

Frischknechts Artikel war der Anfang vom Ende der «Nationalen Aktion». Der «WoZ»-Journalist nannte die Teilnehmer des Treffens vom 15. Oktober 1988 in Freiburg namentlich: NA-Exponenten aus der Westschweiz, aus Bern, aus Basel – und den «Neuhauser Mittelschüler Erich Winkler», Vertreter der Schaffhauser Rechtsradikalen und aktives Mitglied der «Nationalrevolutionären Partei Schweiz» (NPS). Winkler, damals achtzehn Jahre alt, flog wegen des Artikels aus der Judoschule seines Vaters und sei laut späterem Urteil des Zürcher Obergerichts «davon ausgegangen, dass er selbst wegen dieses Zeitungsartikels, in welchem er namentlich erwähnt wurde, seine Mittelschulausbildung nicht zum Abschluss bringen konnte».

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Die zweite Seite der Recherche der «Winterthurer AZ»: Abgedruckt ist unter anderem eine Original-Anzeige der amerikanischen NSDAP-Aufbauorganisation aus Lincoln, Nebraska.

21 Kilogramm Haschisch im Auto

Der junge Mann verlor viel, nicht aber seine Wut. Im Mai 1989, ein halbes Jahr nach seinem Outing als Neonazi, war Winkler, der Judomeister, in der Stadt Zug dabei, als Mitglieder der rechtsextremen Patriotischen Front auf dem Landsgemeindeplatz Tamilen jagten, sie mit Holzschlägern und Veloketten zusammenschlugen und in Restaurants verfolgten, wo sie Schutz vor den Schlägern gesucht hatten. Und eineinhalb Jahre später, in der Nacht auf den 3. Oktober 1990, fand seine Wut mit dem Handgranatenanschlag ihre direkteste Form.

Winkler bezog Arbeitslosenunterstützung und kaufte sich gleichzeitig drei Porsches. Am 5. Mai 1992, während das Strafverfahren wegen des Anschlags gegen ihn noch lief, wurde der junge Mann, dessen NPS im Parteiprogramm «eine härtere und wirksamere strafrechtliche Verfolgung von Drogendelinquenten» forderte, inklusive «strengerer Zollkontrollen», beim Grenzübergang Schleitheim von Amsterdam kommend mit 21 Kilogramm Haschisch im Auto verhaftet.

Sommer, Sonne, Remigration – die Serie

Wer die rechtsextreme Gruppe Junge Tat für ein Internet-Phänomen hält, unterschätzt die Rolle, die vor allem Manuel Chorchia mit seinen Videos in der Identitären Bewegung und damit in der extremen Rechten spielt. Wer seinen österreichischen Kollegen Martin Sellner für einen Spinner am Rand hält, übersieht, dass dieser Mann den Begriff Remigration, 2023 in Deutschland zum «Unwort des Jahres» gekürt, aus der Nische geholt hat. Das Weisse Haus benutzt ihn inzwischen. Rechte Parteien in halb Europa benutzen ihn. Auf X ist Remigration aus dem rechten Diskurs kaum mehr wegzudenken.

«Sommer, Sonne, Remigration» fragt, was Sellner tatsächlich will und welche Rolle der Winterthurer Manuel Chorchia dabei spielt. Und geht von dort aus zurück zu Jürg Frischknecht, dem Journalisten, dessen Recherchen zum Schweizer Rechtsextremismus bis heute massgeblich sind, versammelt in seinem Buch «Schweiz wir kommen», das man heute nicht mehr neu auflegen könnte, weil darin Namen stehen, die nicht mehr an die Öffentlichkeit gehören.

Unter anderem Frischknechts Privatarchiv liefert den historischen Unterbau für verschiedene Kapitel dieser Serie. Sie erzählen, jeweils in mehreren Teilen, wann die erste Generation der neuen extremen Rechten in der Schweiz auftauchte und was sie vom heutigen rechtsextremen «Vorfeld», wie sich die Szene selber verstanden haben will, unterscheidet. Die Serie erscheint wöchentlich über die kommenden Monate.

Sie kamen früher mit Hitlergruss und dem Kofferraum voller Schusswaffen. Sie kamen besoffen am Samstagabend, auf der Suche nach einer Schlägerei im Zürcher Niederdorf. Sie jagten Menschen anderer Hautfarbe durch die Strassen und legten Brände. Die Generation, die heute kommt, die sich zur Identitären Bewegung zählt, tut nichts davon. Sie kommt geschniegelt und betont, Gewalt nur zur Selbstverteidigung anzuwenden. Sie kommt mit Videos auf der Plattform X und auf Telegram, mit Demonstrationen und Kundgebungen und Flashmobs und mit einem sehr klaren politischen Programm und einem Wort, das sie überall wiederholt: Remigration.

Die Recherche stützt sich auf Gerichts- und Polizeiakten, Jahresberichte der Bundespolizei, Archivmaterial des Schweizerischen Sozialarchivs und weiterer Institutionen, auf zeitgenössische rechtsextreme Schriften und Videos, Interviews, Telegram-Chats.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Sommer, Sonne, Remigration – die Serie

Die extreme Rechte in der Schweiz und Europa: von Handgranaten in den Achtzigern bis zu Videos und Remigration heute.

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