Cargo ship at Miami harbor

Der Welthandel entwickelte sich nur dermassen stark, weil die Preise weit von den realen Kosten entfernt sind. © ID11175291/Depositphotos

Die Zölle sind ein Segen!

Urs P. Gasche /  Trumps Hauruck-Methode und seine Motive für die neuen und alten Zölle sind falsch. Aber Zölle und andere Abgaben sind überfällig.

Mit seinen Zöllen auf fast allen Importen wollen die USA in den nächsten zehn Jahren ein bis zwei Billionen Dollar einnehmen und erreichen, dass Unternehmen ihre Produktionsstandorte in die USA verlegen. 

Folgende Aussage mag auf den ersten Blick überraschen: Für den internationalen Handel wäre es das Beste, wenn andere grosse Länder schrittweise Gegenzölle oder andere Abgaben einführen würden.

Grund: Der Welthandel ist heute weitgehend pervertiert. Er dient deshalb nicht zum Wohle aller, wie es die Theorie des Freihandels vorsieht. In den meisten Wirtschaftsspalten ist dies ein Tabu.


Hoch subventionierte und verzerrte Preise

Rohstoffe aus Afrika werden heute in Asien aufbereitet, in Europa veredelt, in Osteuropa verpackt und von einem europäischen Zentrum in alle anderen Länder verteilt. Dies lohnt sich nur, weil die Preise, die diesem Welthandel zugrunde liegen, hoch subventioniert und völlig verzerrt sind.

Auf diesen – wegen massiven Subventionen – verzerrten Welthandel haben die Weltbank, die WTO sowie Wissenschaftler schon lange hingewiesen. Tabuisiert dagegen bleiben meistens die gewaltigen Schäden an Umwelt, Klima und Gesundheit, welche Handelsschiffe und Tranportflugzeuge anrichten. Diese Kosten werden sozialisiert, das heisst auf die allgemeine Öffentlichkeit abgewälzt. 

Die Theorie eines freien Welthandels, der allen Teilnehmenden zum Vorteil gereicht, geht davon aus, dass die Preise der gehandelten Produkte den realen, vollständigen Kosten entsprechen. 

Davon sind wir Lichtjahre entfernt. Infosperber hat das bereits einmal ausführlich begründet.


«Marktpreise» und kostengerechte Preise klaffen weit auseinander

Die sogenannten «Marktpreise», die dem Welthandel zugrunde liegen, spiegeln in keiner Weise die Standortvorteile der einzelnen Länder:

  1. Die Flug-, Schiffs- und Strassentransporte profitieren von Subventionen in Billionenhöhe. Allein die EU subventionierte fossile Brennstoffe – einen grossen Teil davon für den Verkehr – im Jahr 2023 mit über 100 Milliarden Euro. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) flossen im Jahr  2022 rund 1,3 Billionen US-Dollar Subventionen an Unternehmen, die fossile Energien fördern, veredlen und verteilen.
  2. Bei den «Marktpreisen» fehlen die hohen Kosten der ökologischen und sozialen Schäden, welche die Produktion, der Transport und der Konsum der Produkte verursachen. Der Anteil dieser Kosten, der grosszügig auf die Allgemeinheit abgewälzt, also sozialisiert wird, nimmt ständig zu. Im Jahr 2022 betrugen die gesamten Subventionen laut Internationalem Währungsfonds etwa 7 Billionen US-Dollar. Diese Summe umfasst sowohl direkte staatliche Subventionen als auch indirekte Kosten, wie Umwelt- und Gesundheitsschäden.

Vier Beispiele:

  • Ökologische Folgekosten des Ausstosses von CO2 und von Methan. Sie sind in den Preisen nicht enthalten.
  • Faire und kostengerechte Preise müssten die Kosten für bessere Arbeitsbedingungen enthalten. Doch beim Abbau von Rohstoffen in Afrika oder in den Kleiderfabriken von Myanmar und Bangladesch lassen Konzerne moderne Sklaven und Sklavinnen schuften. 
  • Unternehmen und Konsumentinnen der Industriestaaten «entsorgen» ihre giftigsten und gefährlichsten Abfälle in die Meere oder nach Afrika und Asien, ohne für die Folgekosten zu zahlen.
  • Auch der irreversible Verlust an endlichen, nicht nachwachsenden Rohstoffen wird bei den Kosten und Preisen nicht berücksichtigt. 

Aus diesen Gründen taugen die «Weltmarktpreise» nicht als Referenz für eine sinnvolle Arbeitsteilung und ein sinnvolles Verschieben von Arbeitsplätzen zum Wohle aller. 

  • Die «Marktpreise» sind zusätzlich verzerrt, weil die privaten und öffentlichen Schulden weltweit schneller steigen als der Konsum und die Investitionen. Der gewaltige Schuldenberg bläht den Konsum und damit auch den Welthandel künstlich auf und birgt gefährliche Risiken für die Stabilität des internationalen Finanzsystems. Grossbanken und Grosskonzerne klammern diese Risiken aus, weil sie – «too big to fail» – auf die Hilfe des Staates zählen.

Aus diesen drei Gründen

  1. Billionen-Subventionen;
  2. Sozialisierte Umwelt- und Sozialkosten;
  3. Produktion und Konsum auf Pump

sind die Preise der Waren, die weltweit hin- und hergeschoben werden, viel zu tief. Deshalb verteilt dieser verfälschte Welthandel Fabriken und Arbeitsplätze an Standorte, die von uns meist weit entfernt liegen.

So lange sich die grossen Wirtschaftsblöcke nicht darauf einigen, die bestehenden Subventionen an die Wirtschaft in Billionenhöhe konsequent zu reduzieren und die sozialisierten Kosten in Billionenhöhe wenigstens zu einem grossen Teil den Verursachern anzulasten, bleiben volkswirtschaftlich erwünschte, kostengerechte Produktepreise eine Utopie.

Allgemeine Zölle auf sämtlichen Produkten können die Verzerrungen des subventionierten Welthandels etwas kompensieren – Verzerrungen, welche die viel zu tiefen Import- und Exportpreise verursachen. Die höchsten Zölle müssten auf den besonders transport-, energie- und abfallintensiven Gütern erhoben werden.



Mögliche Folgen und Vorteile kostendeckender Preise:

  • Für viele Produkte würde sich der Import aus fernen Ländern und der Export in andere Kontinente weniger lohnen. 
  • Das Volumen des Welthandels würde reduziert. Es würden mehr Produkte verkauft, die in der Nähe oder der weiteren Umgebung erzeugt werden. 
  • Arbeitsplätze würden vermehrt ins eigene Land oder in Nachbarländer verschoben, wo sie volkswirtschaftlich – unter Berücksichtigung aller Kosten – am produktivsten sind.
  • Gleichzeitig würde die Plünderung von Ressourcen und die ökologische Belastung unseres Planeten etwas vermindert. Der menschliche Anteil an der Klimaerwärmung ginge zurück.

Zudem liessen sich Investitionen und Geld sparen: Flughäfen müssten während einer längeren Zeit nicht mehr ausgebaut, die Zahl der Hochseefrachter auf den Meeren und die Zahl der Lastwagen im Fernverkehr nicht mehr erhöht werden.

Das würde die Lebensqualität vieler Menschen erhöhen.

Der internationale Transportwahn steigert angeblich den Wohlstand

Konventionelle Ökonomen und manche Wirtschaftsredaktionen halten dagegen. Sie verteufeln generelle Zölle als einen Rückschlag. Sie verschliessen ihre Augen vor den Billionen an Subventionen und vor weiteren Billionen an sozialisierten Kosten. 

Und vor deren Folgen.

Sie behaupten kühn, die sogenannte «Liberalisierung» des Welthandels habe sowohl den Industriestaaten als auch den Entwicklungsländern zu markant mehr Wohlstand verholfen. Diesen Wohlstand messen sie insbesondere am Wachstum des Bruttoinlandprodukts BIP der einzelnen Länder.

Doch das ist ein falscher Massstab, um das Wohlergehen und die Lebensqualität der Menschen in den verschiedenen Ländern zu messen. Geistig rege Wirtschaftswissenschaftler weisen schon seit längerem darauf hin, dass die Nachteile des BIP-Wachstums für die meisten Menschen in den Industriestaaten sowie für das weltweite Öko- und Finanzsystem schon seit vielen Jahren grösser sind als die Vorteile.

Denn der Lebensstil in den Industriestaaten ist physisch nicht übertragbar auf alle Mitbewohnenden auf der Erde. Es ist materiell schlicht unmöglich, dass alle vier Milliarden Afrikaner, Inder und Chinesen auch nur annähernd so leben und die Natur und die endlichen Ressourcen so plündern wie die Menschen in den Industriestaaten. Es bräuchte dazu mindestens vier Planeten.

Gigantische sozialisierte Kosten

Fassen wir zusammen: Das weltweite BIP-Wachstum, auf das viele unbeirrt starren und das als Wohlstandsbeweis dient, steigt nicht zuletzt,

  • weil Waren dank Milliardensubventionen der Transportmittel unproduktiv auf der ganzen Erde hin- und hergeschoben werden;
  • weil in vielen Ländern sklavenartige Arbeitsverhältnisse herrschen;
  • weil endliche Rohstoffe ausgebeutet werden;
  • weil die Menschheit Abfallberge zu Lande und im Meer anhäuft – mit grossen Kostenfolgen für nachfolgende Generationen;
  • weil so viel CO2 und Methan ausgestossen wird, dass die Temperaturen schneller ansteigen, als es die Natur vorsieht;
  • weil die monetäre Schuldenblase gefährlich wächst.

Trotzdem bedauern Ökonomen und manche Wirtschaftsredaktionen, dass die hohen Zölle das Wachstum des BIP etwas schmälern könnten.

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Dieser nur leicht redigierte Beitrag erschien bereits am 10. August 2025 auf Infosperber. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir ihn nochmals.


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