Studentin DmitryPoch

Studentin während der Prüfung (Symbolbild) © DmitryPoch/Depositphotos

Examen: «Kann man glücklich sein, wenn andere es nicht sind?»

upg. /  Über eine halbe Million französische Maturanden hatten vier Stunden Zeit, um diese Frage schriftlich zu beantworten.

An der diesjährigen Philosophieprüfung am 15. Juni in Frankreich hatten die 528’135 Maturanden im ganzen Land folgende drei gleichen Fragen zur Auswahl:

  1. Antwort auf die Frage: «Kann man glücklich sein, wenn andere es nicht sind?»
  2. Antwort auf die Frage: «Können wir kontrollieren, was wir sagen?»
  3. Einen Textauszug aus dem Buch «Menschliches, Allzumenschliches» von Friedrich Nietzsche interpretieren.
F Prüfungsfragen Cover

Philosophie ist für das französische Baccalauréat (Abitur, Matur) ein Pflichtfach. Fragen vergangener Jahre lauteten:

«Hängt unsere Zukunft von der Technik ab?»

«Kann die Wissenschaft unsere Suche nach Wahrheit befriedigen?»

«Schuldet uns er Staat etwas?»

«Muss, wer Frieden will, Gerechtigkeit anstreben?»

«Ist es Aufgabe des Staates zu entscheiden, was gerecht ist?»

«Entzieht sich das Unbewusste jeglicher Form der Erkenntnis?»

F Prüfungsfragen

«Das Philosophie-Examen ist der Beweis dafür, dass gegensätzliche Ansichten und Debatten Kern der Erziehung in unserem Land sind», erklärte Frankreichs Erziehungsminister Édouard Geffray.

Den Stellenwert philosophischer Fragen in Frankreich zeigen auch zahlreiche Radiosendungen, in denen Philosophen wie Frédéric Worms von der École normale supérieure regelmässig zu Gast sind. Anne-Sophie Moreau, Herausgeberin des Berliner «Philosophie-Magazins», sagte: «Es geht um das kollektive Erörtern von Werten wie Gerechtigkeit, Freiheit, Staat und Demokratie. So werden die Studierenden gute Bürgerinnen und gute Bürger.»  

Es gehe nicht um das Vermitteln der Geschichte philosophischer Theorien, sondern um «die Fähigkeit eines Menschen, Ideen zu verstehen und zu begreifen», erklärte der frühere Präsident der Gewerkschaft der französischen Philosophielehrer, Nicolas Franck. Er lehrte 35 Jahre lang an Gymnasien. 

Oberste Geheimhaltungsstufe

Von Paris aus verteilten unauffällige Umzugswagen des Bildungsministeriums, flankiert von zwei Begleitfahrzeugen, die versiegelten Umschläge mit den Prüfungsfragen an alle Gymnasien des Landes. Dort verwahrten die Schulleitungen die Umschläge doppelt versiegelt in einem Tresor und öffneten sie erst am Morgen des Prüfungstags, als alle Maturanden an ihren Pulten sassen. 

Wer Prüfungsfragen vorzeitig weitergibt, riskiert bis zu drei Jahren Gefängnis. In den letzten fünfzehn Jahren kam es etwa dreimal zu einem Leck. 2014 hatte eine Gymnasiastin Themenausschnitte wenige Minuten nach Prüfungsbeginn getwittert. Das Ministerium und die Gendarmerie reagierten jeweils schnell.Es mussten aber einzelne Prüfungen wiederholt werden.

Philosophie an Schweizer und deutschen Gymnasien

Laut eidgenössischem Maturitätsanerkennungsreglement (MAR) ist Philosophie schweizweit kein obligatorisches Fach. Es steht den Kantonen frei, Philosophie zusätzlich als obligatorisches Fach zu führen. Obligatorisches Schulfach für alle ist Philosophie jedoch nur im Kanton Luzern. Doch für die Maturaprüfung ist es auch dort nur ein Wahlfach.
Laut Wikipedia ist Philosophie auch in den Kantonen Genf, Jura, Neuenburg, Nidwalden und Obwalden ein kantonales Grundlagenfach, das jedoch bei der Maturaprüfung höchstens ein Wahlfach bleibt.

In Deutschland kann Philosophie zwar in vielen Bundesländern als Abiturfach gewählt werden, ist aber nirgends für alle verbindlich prüfungsrelevant.


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