Corona-Zeit im Altersheim: Sogar das Telefon weggenommen
Frau Schmid* war kurz vor dem ersten Lockdown aufgrund ihrer Demenz in ein Schweizer Pflegeheim gekommen. Der Zeitpunkt hätte ungünstiger nicht sein können. Sie verstand die Welt nicht mehr. Niemand kam sie besuchen. Unzählige Male telefonierte sie ihren Angehörigen, weinte und flehte – bis ihr jemand das Telefon wegnahm.
Wochen später konnten Frau Schmids Kinder erwirken, dass sie ihre Mutter eine Stunde ins Freie holen durften. Ihr Anblick entsetzte sie: Frau Schmid sass inzwischen im Rollstuhl und war nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Andere Heimbewohnerinnen und Heimbewohner wurden immer desorientierter – und dann medikamentös ruhig gestellt oder durch Bettgitter eingeschränkt.
Herr Meier* war im Dezember des ersten Corona-Jahres 2020 so dement geworden, dass es in seinem Zuhause in Deutschland nicht mehr ging. Auch er musste in ein Heim zügeln. Wieder Lockdown.
Von Dezember 2020 bis Januar 2021 durfte Herr Meier keinen Besuch im Heim bekommen. Immer, wenn er seine Frau zu Hause anrief, weinte er so heftig, dass er nicht mehr sprechen konnte. Wenige Wochen später starb er, ohne seine Ehefrau noch einmal gesehen zu haben. Das Paar war über fünfzig Jahre verheiratet.
«Sterben an Perspektivlosigkeit»
«Man hat diese Menschen eingesperrt, ohne richterliche Anordnung», sagt Ursel Heudorf. Die Professorin für Hygiene, Umweltmedizin und öffentliches Gesundheitswesen hatte 28 Jahre beim Gesundheitsdienst der Stadt Frankfurt am Main gearbeitet. Dort leitete sie die Abteilungen für Hygiene und für Infektiologie und pflegte den Kontakt zu den Altenpflegeheimen im Einzugsgebiet. Die Zusammenarbeit mit den Heimen, auch in puncto Hygiene, sei dort über viele Jahre sehr gut gewesen.
So erfuhr Heudorf über ihre Pensionierung 2019 hinaus, was sich zutrug: Viele Bewohner wurden dementer oder depressiver und die Beweglichkeit nahm deutlich ab.
Neu aufgenommene Seniorinnen und Senioren wurden in manchen Heimen erst einmal zehn Tage isoliert. Das nannte sich Infektionsschutz, in den Augen von Heudorf war es «Einzelhaft». Kontroll- und Hilfemechanismen in den Heimen seien damals «weggebrochen». Die Vorschriften seien oft nach dem Motto «je strenger, desto besser» erlassen worden – «ohne darüber nachzudenken, was angemessen und menschlich ist».
Im Sommer 2020 habe ihr eine Heimleiterin gesagt: «Die Bewohnerinnen und Bewohner sterben an Perspektivlosigkeit.»
Alarmierende Nachrichten aus Belgien
Besonders hoch waren die Sterbezahlen in Pflegeheimen in Belgien. Die Organisation «Médecins Sans Frontières» (MSF) sprach von einer «wahren humanitären Krise». MSF-Helfer hatten dort im Frühling 2020 insgesamt 174 Heime besucht – und waren schockiert. Oft habe den Mitarbeitenden Basiswissen zur Hygiene gefehlt. Zusammen mit dem Pflegekräfte-Mangel und fehlendem Schutzmaterial war dies eine tödliche Kombination. Der blosse Verdacht genügte in belgischen Pflegeheimen – und Verstorbene wurden auch ohne Test als «Covid-Tote» gezählt.
Auch in spanischen Altenpflegeheimen stellte MSF eine «drastische Verschlechterung der gesundheitlichen Situation» bei den Bewohnern vieler Heime fest, die auf Krankheitsausbrüche mitnichten vorbereitet gewesen seien. An die verletzlichsten Menschen in der Pandemie habe man kaum einen Gedanken verschwendet, klagte ein MSF-Mitarbeiter.
Im Lockdown verdurstet
In einem französischen Pflegeheim starben während des ersten Lockdowns innerhalb von fünf Tagen 24 Bewohnerinnen und Bewohner, angeblich im Zusammenhang mit Covid. Die Todesursache war jedoch nicht Covid-19, wie sich bei genauerer Untersuchung herausstellte.
Im besagten Heim herrschte damals – wie in vielen Heimen – grosser Mangel an Hygienemasken. 40 Prozent des Pflegepersonals fehlten, die Übrigen waren heillos überlastet. So blieben etliche Bewohner tagelang in ihren Zimmern sich selbst überlassen – ohne Hilfe beim Essen und Trinken und auch ohne medizinischen Beistand. Denn die Hausärzte hatten auf Telemedizin umgestellt, anstatt ins Heim zu kommen.
Die Bewohner starben vor allem, weil sie wegen des Flüssigkeitsmangels in einen Schockzustand gerieten. Das war das Fazit der Ärzte, die diese Tragödie aufdeckten. Ihr Schluss: «Die ‹Isolationskrankheit› ist wahrscheinlich schädlicher als die Coronavirus-Krankheit selbst.»
Das vermutet auch Heudorf. Als sie die – für jedermann zugänglichen – Daten des Robert-Koch-Instituts sowie von ihr angefragte Daten aus den Altenpflegeheimen auswertete, «hatte ich in keiner Weise den Eindruck, dass da ein besonders gefährliches Atemwegsvirus in Deutschland grassierte».
«Meine Freiheit wurde geraubt»
In Studien und Befragungen schilderten Heimbewohner, wie sie die Situation erlebten:
«Unsere Meinung wurde nie gefragt.»
«Über meine Gesundheit hinaus fühle ich, dass mir meine Freiheit geraubt wurde, und das finde ich schwer zu ertragen.»
«Da war nichts mehr.»
«Ich habe durchgehalten. Aber vor einer Weile hat sich das geändert, jetzt ist die Moral auf dem Nullpunkt. […] Ich habe keine Lust mehr, etwas zu tun. Ich muss mich zwingen, etwas zu tun, um zu vergessen, dass ich eingesperrt bin, aber es ist nicht richtig. […] Man verändert sich.»
«Sie [das Personal] halten uns für Spielfiguren, für Kinder, weisst du. Sie fragen nicht nach deiner Meinung [. . .]. Wir werden einfach infantilisiert.»
«Es kann nicht mehr so weitergehen. Wir haben kein Leben mehr seit Covid-19. Ja, ich denke mehr und mehr an … Selbstmord. Bevor ich einschlafe, wünsche ich mir, am nächsten Tag nicht mehr aufzuwachen.»
Nur noch schnell das Tablett abgestellt
Auch die Pflegekräfte litten. «Sie mussten mitansehen, wie die Bewohnerinnen und Bewohner verfielen.» Hätten sie die Pflege so gemacht, wie sie es gelernt hatten, hätten sie damit die Hygieneregeln verletzt. Hielten sie die Hygieneregeln ein, wurden sie ihrem Anspruch auf gute, aktivierende Pflege nicht gerecht. «Sie steckten im Dilemma», sagt Heudorf. Überdies fürchteten sie, bei einem Covid-Ausbruch im Heim von den Medien an den Pranger gestellt zu werden oder sich selbst anzustecken.
Eine 70-Jährige in Belgien berichtete in einer Studie, aus der Heudorf zitiert: Die Mitarbeiter «hatten keine Zeit mehr. Sie mussten sehr schnell sein, und sie verschwanden schnell.» Wenn sie zum Beispiel das Mittagessen brachten, stellten sie das Tablett ab und gingen. «Und da mein Verstand ein bisschen langsamer wurde, dachte ich über all die Fragen nach, die ich stellen wollte, als sie den Raum bereits verlassen hatten.»
Als ihre Schwiegermutter «an Demenz erkrankte und ihr Augenlicht verlor, hatte sie im Grunde nichts anderes mehr als den Tastsinn … Und da sitzen wir draussen, sechs Fuss voneinander entfernt, und sie kann nicht einmal sagen, wer da drüben ist. Wir können sie nicht berühren, nichts», berichtete eine kanadische Bürgerin in einer anderen Studie.
Coiffeur, Fusspflegerin, Physiotherapeutin – all die Kontakte, die sonst Abwechslung bringen, hätten gefehlt, klagte eine andere Bewohnerin. «Wir haben es vermisst, […] dreieinhalb Monate, nichts. Am Ende haben wir überall Schmerzen, weil wir nicht aktiv sind.»
Spätes Eingeständnis
Nicht überall klagten die Bewohnerinnen und Bewohner. Manche Heime bemühten sich, Lösungen zu finden und unterliefen auch einmal die strengen Regeln, «aber erzählen Sie es nicht herum».
Das Schliessen der Pflegeheime habe «sicherlich Schaden verursacht», gestand der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg kürzlich in einem Interview mit «Plattform J» ein. «Viele dieser Menschen wären lieber mit Covid gestorben, als alleine zu leben – ohne Kontakte mit ihren Verwandten und Freunden.»
Ganz ähnlich hatte es der Direktor des Branchenverbands Curaviva 2021 formuliert: «Viele möchten lieber ihre Enkel sehen als den totalen Schutz haben.» Die absolut strikten Besuchsverbote seien «nicht verhältnismässig» gewesen.
Der Pandemieplan: Fertig gestellt, aktualisiert – und ignoriert
Der Pandemieplan, den das deutsche Robert-Koch-Institut zu Beginn der Corona-Pandemie aktualisierte, hätte diese sowieso nicht vorgesehen.
Der Plan empfahl:
- Mitarbeitende schulen
- Händehygiene
- Schutzausrüstung
- Kranke Mitarbeiter müssen zu Hause bleiben.
- Kranke Bewohner sollen in ihren Zimmern bleiben oder zusammen mit anderen Erkrankten untergebracht werden.
- Falls es im Heim zu einem Ausbruch kommt, sollen Gemeinschaftsaktivitäten dort vorübergehend reduziert werden.
Viele Massnahmen ohne nachweisbaren Nutzen
«Die im Pandemieplan genannten Massnahmen waren evidenzbasiert und erscheinen weiterhin sachgerecht. Es gibt bis heute keine belastbaren Belege, dass restriktive Massnahmen, die darüber hinausgingen, genützt haben», stellt Heudorf fest und beruft sich dabei auf umfangreiche Studien der Cochrane-Wissenschaftsvereinigung sowie anderer Autoren.
Für Einzelmassnahmen gebe es demzufolge keine belastbaren Belege, dass sie etwas gebracht hätten. Dazu zählten zum Beispiel das Einnehmen von Mahlzeiten auf dem Zimmer, Routinetests der Bewohner und des Personals, die Bewohner in positiv und negativ Getestete zu gruppieren und das eingeschränkte Nutzen von Gemeinschaftsräumen. Trotzdem waren solche Anordnungen gang und gäbe.
«Die Kontakte zu reduzieren, hat sicher etwas gebracht», anerkennt Heudorf. «Trotzdem stellt sich die Frage: Musste man das von oben herab verfügen oder hätte die Empfehlung an die Bevölkerung in den meisten Fällen genügt?» Die Daten zeigten nämlich, dass die Infektionszahlen bereits vor dem Lockdown zurückgingen – eine Reaktion auf die starken Appelle der Politiker vor dem Lockdown, wie sie vermutet.
Ein hundertprozentiger Infektionsschutz sei in einem Altenpflegeheim nicht möglich, sagt die Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen. «Wenn Sie dort einen Superspreader haben, haben Sie wenig Chancen. Auch im Bereich für demente Bewohner können Sie oft nicht viel ausrichten. Diese Menschen laufen viel und haben einen Bewegungsdrang. Aber in den anderen Bereichen konnte man – mit genügend Schutzmaterial, Fachkräften und Know-how ausgerüstet – die Infektionsketten stoppen.» Das bewiesen Beispiele aus dem Frankfurter Raum.
Wachsame Mitarbeiter sind wichtig
Heudorfs frühere Kollegen vom Frankfurter Gesundheitsdienst verteilten frühzeitig Masken und führten in den Heimen Schulungen durch: Wie zieht man die Schutzkleidung korrekt an? Wie den Mund-Nasen-Schutz? Wie desinfiziert man die Hände richtig? «Das hat etwas gebracht. Die Mitarbeiter fühlten sich danach sicherer», stellt Heudorf fest. «Wichtig ist, dass die Heimleitung der Hygiene hohen Stellenwert beimisst, dass genügend Schutzmaterial vorhanden ist, dass die Mitarbeiter gut geschult und wachsam sind und die Heimleitung bei einem Verdacht sofort informieren», so ihre langjährige Erfahrung.
Zu Beginn der Pandemie gab es zu wenig Tests, und die Ergebnisse trafen oft erst nach fünf bis acht Tagen ein. «Dann laufen Sie den Ereignissen hinterher», sagt die Ärztin.
Als im Sommer 2020 mehr Tests zur Verfügung standen, wurden sowohl die Bewohner als auch das Personal regelmässig getestet. Dies sei jedoch angesichts des zusätzlichen Personalbedarfs nur schwer umsetzbar gewesen. Erst als vielerorts Personal von der Bundeswehr oder von Hilfsorganisationen eintraf, wurden Besucher und Mitarbeitende in vielen Heimen regelmässig getestet. Diese Tests bei gesunden, asymptomatischen Personen sagten jedoch wenig darüber aus, ob jemand ansteckend war oder nicht.
Die Kontaktnachverfolgung verschärfte den Pflegenotstand
Wer von den Bewohnern «positiv» war, wurde isoliert, bis der Test wieder negativ war. Dies konnte Heudorf zufolge wochenlang dauern, je nachdem, welcher ct-Wert bei einem PCR-Test angesetzt wurde. Dass die Person längst nicht mehr ansteckend war, spielte keine Rolle.
«Wäre der Pandemieplan umgesetzt worden, hätte man spätestens im Sommer 2020 mit der Kontaktnachverfolgung aufhören können. Das hat unglaublich viele Ressourcen gebunden», berichtet Heudorf. «Die intensive Kontaktnachverfolgung hat nicht viel gebracht, aber sie hat in den Einrichtungen viel Zeit verbraucht, die bei der Pflege fehlte. Gesunde Pflegekräfte wurden aus ihrer Arbeitsschicht heraus in die Quarantäne geschickt, weil sie als Kontaktperson einer positiv getesteten Person erfasst wurden. Das hat die bestehenden Pflegeengpässe noch verschärft.»
Trotz all der – oft die Grundrechte und -bedürfnisse missachtenden – Massnahmen sei Sars-CoV-2 im Herbst 2020 in die Heime «eingebrochen». Dennoch kam es in den Frankfurter Heimen nicht zu aussergewöhnlich vielen Todesfällen.
Etwa gleich viel Todesfälle wie 2018
Von 48 angefragten Frankfurter Heimen schickten 43 ihre Daten. Heudorfs Analyse ergab, dass 2020 rund ein Prozent mehr Bewohnerinnen und Bewohner verstarben als während des Jahres 2018 mit einer schweren Grippewelle. «Insgesamt starben im Jahr 2020 in Heimen 18 Bewohner mehr als 2018. Verglichen mit 2019 waren es 108 Bewohner mehr.» Im zweiten Quartal 2021 starben dort so wenig Bewohner wie in keinem anderen Quartal seit 2018.
Trotzdem fokussierten diejenigen, welche die strengen Massnahmen verfügten, weiterhin auf den Infektionsschutz, nicht auf Schäden durch die Massnahmen.
«Die anfängliche Maxime ‹jede Infektion vermeiden› – das war infektiologisch Unsinn und auch so nie im Pandemieplan vorgesehen», urteilt Heudorf. Die im Pandemieplan formulierten Ziele lauteten: Krankheitslast und Sterblichkeit in der Gesamtbevölkerung reduzieren, die Versorgung erkrankter Personen sicherstellen, essentielle öffentliche Dienstleistungen aufrecht erhalten sowie politische Entscheidungsträger, Fachpersonal, Öffentlichkeit und die Medien zuverlässig und zeitnah informieren. «Es ging also um weniger Erkrankungen – nicht Infektionen! – und Sterbefälle und keineswegs darum, jegliche Infektion zu vermeiden – was bei einem Virus, das auch von asymptomatischen Personen weitergegeben werden kann, von vornherein nicht möglich ist.»
Mit den Menschen reden
Aus ihrer langjährigen Erfahrung im öffentlichen Gesundheitsdienst wusste Heudorf, dass Gesundheitsämter notwendige Schutzmassnahmen nur einleiten dürfen, wenn diese geeignet und verhältnismässig sind und «soweit und solange es zur Verhinderung der Verbreitung übertragbarer Krankheiten erforderlich ist». So stehe es im Gesetz. «Im Sinne des ‹Übermassverbots› muss das Gesundheitsamt immer die ‹mildeste Massnahme› wählen, um diese Ziele zu erreichen. Aber diese Grundlagen wurden in der Pandemie nicht beachtet.»
Anstatt dauernd neue Vorschriften zu erlassen, hätte man den Fachleuten in den Heimen die Eigenverantwortung früher zurückgeben können, findet sie. Im Sommer 2020 schlug Heudorf «runde Tische» vor. Die Heimleitung, Mitarbeiter der Pflege, der Heimbeirat, Ärzte, die Bewohner und deren Angehörige sowie Mitarbeiter der öffentlichen Gesundheitsdienste hätten so gemeinsam nach Lösungen suchen können – und die Wünsche der Bewohner und die Gegebenheiten in ihren Heimen berücksichtigen. «Wenn man mit den Menschen redet und sie einbezieht, kommen so viele gute Ideen, wie man ein Problem lösen könnte.»
Beim Überarbeiten des Pandemieplans sollten Experten vieler Bereiche gehört werden, auch aus der Geriatrie, der Altenpflege und die Betroffenen selbst, findet Heudorf. «Und im Falle einer neuen Pandemie sollte der Pandemieplan dann auch genutzt werden.»
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*Name geändert
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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