Sperberauge

Der Abschied vom Auto

Heinz Moser © zvg

Heinz Moser /  Berichte zeigen: Nur noch jeder Vierte hat in Berlin ein eigenes Auto. Auch in Zürich und Bern nimmt die Zahl der Autobesitzer ab.

Der deutsche «Tagesspiegel» hat kürzlich aufgrund neuer Zahlen aus dem Berliner Senat einen historischen Tiefstand an Autobesitzern festgestellt: Obwohl die Bevölkerung gewachsen sei – von 2008 bis 2024 um rund 7,4 Prozent –, sinke die Zahl der Personenwagen. Im Jahr 2025 kommen auf 1000 Berliner nur noch 275 private Autos. Das entspreche dem niedrigsten Wert seit Jahrzehnten. Zwischen 2010 und 2013 seien es noch knapp 300 pro 1000 Einwohner gewesen.

Immer mehr Berliner haben sich danach vom Auto verabschiedet. Die deutsche Hauptstadt hat aktuell nur noch halb so viele Autobesitzer wie im deutschen Durchschnitt. Vor allem sinkt die absolute Zahl der privaten Autos. Der Höchststand wurde 2021 mit knapp 1,1 Millionen Privatfahrzeugen erreicht. Seitdem hat die Zahl um 23’000 abgenommen, obwohl die Bevölkerung in diesem Zeitraum um 138’000 Menschen gewachsen ist.

Der tägliche Horror im ÖV – aber auch am Steuer

Diese Zahlen erscheinen wie ein Wunder. Denn in Berlin hört man überall, wie stark der öffentliche Verkehr abgewirtschaftet hat: Bei den überdurchschnittlich hohen Ausfällen der Infrastruktur kommen S- und U-Bahn oft gar nicht oder viel zu spät an, und man muss häufig auf einen Ersatzverkehr mit überfüllten Bussen ausweichen. Aber auch schmuddelige Züge und nicht funktionierende Aufzüge erschweren das Leben. Kommt man eine halbe Stunde zu spät zu einem Meeting, nicken alle bedauernd mit dem Kopf und fragen sich gar nicht mehr, ob man vielleicht doch nur verschlafen hat. Ist man da mit dem eigenen Wagen nicht auf der sicheren Seite?

Doch Fachleute erklären, weshalb trotz bröckelnder Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs auch das Auto seine Attraktivität so stark verloren hat: Man glaubt es kaum, aber Autofahren ist in Berlin oft noch mühsamer als der tägliche Ärger mit Bus und Bahn: Es fehlen überall Parkplätze – vor allem in der dicht besiedelten Innenstadt. Parkende Lieferwagen in der zweiten Reihe behindern das Vorbeifahren. Und die flächendeckende Bewirtschaftung des Parkraums führt zu hohen Kosten, wenn man mit seinem Auto in die Stadt muss.

Dazu kommt, dass sich in den letzten Jahren ein Mobilitätsmix entwickelt hat: Wer sein Auto abgeschafft hat, setzt nicht einfach auf die Bahn. Je nach Ziel und Absicht nimmt man Fahrrad oder E-Bike, mietet bei Bedarf ein Carsharing-Fahrzeug oder benutzt einen E-Scooter für kurze Strecken. Zudem boomen in Berlin die kommerziellen Sharing-Flotten wie Miles oder Free2move und die Lieferdienste.

Nicht zu vergessen: Berlin ist im Vergleich zu anderen deutschen Städten keine reiche Stadt; mit dem Verzicht auf ein eigenes Auto (Anschaffung, Versicherung, Sprit, Reparaturen) können ärmere Menschen massiv Geld sparen. Zudem ist das eigene Auto bei den Jungen in der Stadt auch nicht mehr das Statussymbol Nummer eins, das man haben muss. Dieses ist vom Smartphone oder einem hochwertigen E-Bike weitgehend abgelöst worden.

Die Situation in der Schweiz

Auch in der Schweiz zeigen sich ähnliche Entwicklungen. Der Stadt-Land-Graben, wie er gerade bei der Abstimmung um die 10-Millionen-Schweiz zum Ausdruck gekommen ist, lässt grüssen. Der Besitz von Autos ist in der Schweiz zwar insgesamt hoch, doch in den grossen Städten verändert sich dieses Bild stark in Richtung Berlin.

In Zürich liegt der Motorisierungsgrad bei 312 Autos pro 1000 Einwohner. In einer Mehrheit der Haushalte – 53 Prozent – gibt es kein Auto. Im Velo- und ÖV-freundlichen Bern sind die Zahlen sogar noch deutlich niedriger als in Berlin: Dort sind gerade mal 219 Privatautos pro 1000 Einwohner immatrikuliert.

Bei uns bremst diesen Trend auch kein maroder Zustand des öffentlichen Verkehrs; ein Grund ist dessen starker Ausbau, der kein eigenes Auto mehr nötig macht, wenn man nicht auf dem Land wohnt.

Mindestens in den grossen Städten dürfte das eigene Auto in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung verlieren. Modelle wie Carsharing oder die gemeinsame Nutzung von Wagen in Wohn- und Eigentümergemeinschaften werden den persönlichen Besitz eines eigenen Wagens immer unnötiger machen.


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