Die Druckerei in Bern wird zum Engpass
Es ist ein Desaster. Vor 40 Jahren lag die verkaufte Auflage des «Blicks» bei 384’000 Exemplaren. Heute sind es nicht einmal mehr 63’000 Exemplare. Das ist weniger als ein Sechstel. Der Konkurrenz geht es auch nicht besser. Der «Tages-Anzeiger» ist auf eine verkaufte Auflage von 66’000 Exemplaren geschrumpft, die «Neue Zürcher Zeitung» auf bloss 54’000 Exemplare.
Der Druckbeginn
Und die gedruckten Zeitungen werden weiter an Auflage einbüssen. Schon seit jeher stehen sie ja unter Druck, weil Radio und Fernsehen schneller informieren. Und in den letzten Jahren kam auch noch das Internet dazu.
Jetzt kommt zusätzlicher Druck. Wegen des Druckbeginns.
Einst begannen grosse Tageszeitungen um Mitternacht mit dem Drucken. Kleine Tageszeitungen konnten sich damit sogar bis drei Uhr morgens Zeit lassen. Kein Problem also, abendliche Fussball- und Eishockey-Spiele noch mitzunehmen – selbst dann, wenn es in die Verlängerung ging. Und auch was tagsüber in Übersee passierte, schaffte es in die Zeitung des nächsten Tages.
Doch das sind vergangene Zeiten. Längst haben sich die meisten Schweizer Tageszeitungen von der aktuellen Berichterstattung verabschiedet. Vor einem Jahr wurde bekannt, dass bei der Freiburger «Liberté» künftig um 19.30 Uhr Redaktionsschluss sein werde. Das heisst: Die als letzte produzierte Seite muss um 19.30 Uhr fertig sein. Alle anderen schon früher.
Nur noch eine Tamedia-Druckerei
Auch für die anderen Zeitungen wird sich die Lage verschärfen. Denn in der Schweiz schliesst eine Druckerei nach der anderen. Bis vor kurzem betrieb der Tamedia-Verlag drei Druckereien. Die Druckerei in Lausanne schloss er Ende März 2025. Die Druckerei in Zürich wird er Ende dieses Jahres schliessen. Bleibt noch die Druckerei in Bern.
Sie wird sämtliche Tamedia-Titel drucken. Also neben den beiden Berner Zeitungen «BZ» und «Bund» auch etwa die «Basler Zeitung» oder den «Tages-Anzeiger». Hinzu kommen dann auch die verlagsfremden «Blick» und «NZZ». Bereits länger werden in Bern auch die «24 heures», die «Tribune de Genève» und die bereits erwähnte «Liberté» gedruckt.
Die «Berner Zeitung» jubilierte kürzlich: «Die Stadt Bern wird zur Druckhochburg der Schweiz.» Die Botschaft hätte auch lauten können: «Die Druckerei in Bern wird zum Engpass für die Schweizer Tageszeitungen.» Für die Zeitungsleser ist das eine schlechte Nachricht. Denn der Zeitungsdruck muss früher beginnen.
Keine Auskunft
Für die «Liberté» hat der frühe Druckbeginn auch sein Gutes. Die Druckereien kennen nämlich für die Tageszeitungen unterschiedliche Tarife. Wer früh drucken lässt, zahlt weniger. Aus diesem Grund dürften sich die Verantwortlichen der «Liberté» für den frühen Druckbeginn entschieden haben.
Und wann drucken die anderen Zeitungen? Daraus wird ein grosses Geheimnis gemacht. Tamedia schreibt: «Die Druckzeiten variieren je nach Titel. Zu konkreten Zeiten – auch unserer Titel – geben wir generell keine öffentliche Auskunft, um keine Rückschlüsse auf unsere Produktionsprozesse zu ermöglichen.»
Der «Blick» um 23.10 Uhr
Gewisse Sachen lassen sich trotzdem sagen. Der «Blick» hat einen laufenden Vertrag mit der Tamedia-Druckerei. Die letzte «Blick»-Seite muss um 23.10 Uhr im Druckzentrum in Bern sein. Damit dürfte der «Blick» von allen Zeitungen, die in Bern gedruckt werden, die aktuellste sein. Wie lange der Vertrag noch läuft, will Ringier nicht sagen.

Etwas früher muss die «NZZ» ihre Seiten der Druckerei abliefern. Ihr gegenwärtiger Vertrag läuft noch bis Ende 2027. Eben hat sie ihn bis 2034 verlängert. Ob sie mit dem neuen Vertrag immer noch relativ vorteilhafte Druckzeiten haben wird, ist unklar. Der Verlag schreibt bloss: «Zu den Details unserer Vereinbarungen äussern wir uns nicht.»
Das Ende der gedruckten Zeitung
Wie lange all die Zeitungen überhaupt noch in Bern gedruckt werden können, ist unklar. Die Rotationsmaschine dürfte schon bald das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben – vermutlich in der ersten Hälfte der 30er-Jahre. Darauf deutet jedenfalls hin, dass der Vertrag mit der «NZZ» bloss bis 2034 läuft.
Ob die Rotationsmaschine dann überhaupt noch ersetzt wird? «Dies kann zum heutigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden», schreibt der Tamedia-Verlag, «dies ist in Abhängigkeit, wie sich der Abo-Markt entwickelt und auch der Zustand der Maschine sowie der Markt der Maschinenhersteller.»
Oder anders gesagt: Das Ende der gedruckten Zeitung naht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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